In Schleswig-Holstein gibt es rund 240 Museen. Darunter befinden sich auch Heimatmuseen, die nur durch ehrenamtliches Engagement am Leben erhalten werden wie das Seebadmuseum Travemünde. Ehrenamtliche bringen hier den Besuchern die Geschichte des Seebads näher. Dank verschiedener Hörstationen, Filme, Exponate und Installationen können Interessierte hautnah in das alte Travemünde mit all seinen Facetten eintauchen.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Über das historische Travemünde kursieren spannende Geschichten. So sorgte der Schriftsteller Franz Kafka im Juli 1914 für einen Skandal, als er es wagte, barfuß am Strand spazieren zu gehen. Literaturnobelpreisträger Thomas Mann bezeichnete Travemünde als sein Ferien- und Kindheitsparadies, in dem er die glücklichsten Tage seines Lebens verbrachte. Er empfing dort Eindrücke, die ihn und sein Werk nachhaltig prägten. Unerwähnt soll ebenfalls nicht bleiben, dass mit der französischen Besatzung 1806 bis 1813 das Glücksspiel nach Travemünde kam. Im mondänen Nightclub La Belle Époque des Spielcasinos, dem „Monte Carlo des Nordens“, waren in den 1950er und 1960er Jahren Promis wie Sophia Loren und Marlene Dietrich oder Mitglieder der High Society wie Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis zu Gast.
Doch gibt es über den Ort weit mehr zu entdecken, und genau dafür bietet sich ein Besuch im Seebadmuseum an. Gegenüber der St. Lorenz-Kirche, nur wenige Schritte vom Hafen entfernt, liegt es in der Torstraße. Dort, wo sich der Charakter des alten Travemündes mit fein herausgeputzten Häuserreihen wohl am längsten erhalten hat, lädt es in der Hausnummer 1 zur Besichtigung ein. Im Gesellschaftshaus – dem Veranstaltungs- und Gemeindezentrum des 1913 eingemeindeten östlichen Stadtteils von Lübeck – pflegt und bewahrt es im Erdgeschoss auf 185 m² die Heimat- und Erinnerungskultur.
Ehrenamtlich geführt
An einem Junitag ist das Bauernblatt zu einem Rundgang mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des 2003 gegründeten gemeinnützigen Travemünder Heimatvereins, Niels Hartwig, verabredet. „Seit 2007 betreibt unser Verein das privat initiierte Seebadmuseum ehrenamtlich ohne öffentliche Fördermittel. Wir sind rund 200 Mitglieder mit 26 Ehrenamtlichen, die sich aktiv in die Vereinsarbeit einbringen“, erklärt der 65-Jährige. Dadurch sei es möglich, Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 17 Uhr, sicherzustellen. Nur im Januar und Februar mache das Museum Winterpause.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Wir betreten den Eingangsbereich, in dem die diesjährige Sonderausstellung untergebracht ist. Sie hat den traditionsreichen, vor einiger Zeit aufgegebenen Schlossereihandwerksbetrieb Lüders zum Thema. Direkt gegenüber dem Museum in der Torstraße 6 hatte er seinen Sitz. „Lüders zählt zu den ältesten Travemünder Betrieben. Im Mittelalter hatte er sogar die hochangesehene Funktion einer Waffenschmiede inne“, taucht Hartwig in die Firmengeschichte ein.
Weiter geht’s in den nächsten Raum, der sich inhaltlich um den Beginn des Badelebens und die 1802 errichtete erste Seebadeanstalt Travemündes dreht.
Doch wie passt dort das Porträt eines freundlich lächelnden Herren mit prächtigem Schnauzbart hinein, das über einem Durchgang an der Wand hängt? Niels Hartwig verrät, dass es sich dabei um ein Bild des Vaters des Seebadmuseums handle, Siegfried Austel. Er war Initiator und langjähriger Vorsitzender des Travemünder Heimatvereins. Der selbstständige Friseur und Barbier sammelte bereits zehn Jahre vor Eröffnung des Museums Exponate, stets das Ziel vor Augen, dass es ihm einmal gelingen werde, ein solches ins Leben zu rufen.
Durch seinen tatkräftigen Einsatz und das Engagement zahlreicher Unterstützer ging das Herzensprojekt tatsächlich in Erfüllung. Im November 2022 legte das Travemünder Urgestein sein Lebenswerk in jüngere Hände. Mittlerweile ist der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins, Bürgerpreisträger und Träger der Ehrennadel des Landes 90 Jahre alt und nimmt noch immer Anteil an „seinem“ Museum.
Baden ist gesund
Aber zurück zur Historie des Badelebens: Die Zeit der Seebäder startete um 1751 in England. Maßgeblichen Einfluss auf die britische Badekultur hatte der Mediziner Richard Russell (1687-1759). Er gründete das erste Seebad Europas in Brighton. Deutsche Ärzte übernahmen seine Ideen. Sie stellten im ausgehenden 18. Jahrhundert die gesundheitsfördernde Wirkung des Meeres heraus. Auf Anregung seines Leibarztes Professor Samuel Gottlieb Vogel ließ der Herzog von Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Franz I., 1793 Bade- und Kuranlagen in Bad Doberan/Heiligendamm errichten. Es machte fortan als erstes deutsches Seebad von sich reden. 1797 gründete das Hannoveraner Herrscherhaus das Nordseebad Norderney. An dritter Stelle folgte 1802 Travemünde mit der ersten bürgerlichen Gründung einer Seebadeanstalt.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Mit der Entwicklung der Seebäder wurde bald eine eigene Bademode aus der Taufe gehoben. Anfangs badete man vor fremden Blicken geschützt unter den Markisen von Badekarren in sittsamer Bekleidung, bis in den freizügigeren 1920er Jahren der Badeanzug in Mode kam. In den 1930er Jahren stellte allerdings der „Zwickelerlass“ sicher, dass die Badekleidung keine unzüchtigen Einblicke gewährte. Ab 1949 hielt schließlich der Bikini Einzug. Die immer zahlreicher werdenden Badegäste in Travemünde veränderten die Struktur des Ortes. Hotels und Gasthöfe entstanden, Straßen wurden ausgebaut, Geschäfte des gehobenen Bedarfs eröffnet, Handwerker und Händler von Luxusartikeln siedelten sich an, Dienstleistungen gewannen an Bedeutung. Der Tourismus nahm Fahrt auf. Das Angebot an Musik- und Sportveranstaltungen sowie Freizeitaktivitäten wuchs. Gleichfalls fanden Angebote zur Gesundheitsförderung wie Massagen und medizinische Bäder reges Interesse.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Im nächsten Museumsraum steht im vorderen Teil ein anderes Thema im Fokus: die Fischerei. „Fischfang und Schifffahrt waren über Jahrhunderte die Haupterwerbsquelle der Travemünder. Ein kaiserliches Privileg von 1188 bestätigte bereits das Fischereirecht auf der Trave und Ostsee“, so Hartwig. Für 1568 findet sich die erste Erwähnung, dass fünf gewerbliche Fischer hier lebten und in der Ostsee fischten. Seit den 1960er Jahren verlor die gewerbliche Fischerei aber an Bedeutung.
Im hinteren Teil sieht man Exponate und Fotos der Fortbewegungsmittel, mit denen in vergangenen Jahrhunderten Touristen und Sommerfrischler nach Travemünde kamen. Ob mit Pferd, Kutsche, Segelschiff oder Dampfschiff, ab 1882 mit der Bahn, ab 1914 per Flugzeug, später auch mit Bus und Automobil, sie dokumentieren eindrucksvoll, wie bedeutend das Seebad als internationales Ferienziel einmal war. In den 1950er und 1960er Jahren reisten rund 30 bis 40 % der Besucher aus dem Ausland an. Heute sind es noch etwa 5 %.
Faszinierende Facetten
Weitere Exponate und Infotafeln der Schau widmen sich den unterschiedlichsten Themen, zum Beispiel dem Schriftsteller Thomas Mann oder den Flüchtlingen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg. Infos über die ansässigen Werften, archäologische Artefakte, Sturmfluten und Großbrände gibt es ebenso. Außerdem werden der Lübeck-Travemünder Reitclub von 1883, die Travemünder Liedertafel von 1843 und die Maschinenfabrik und Schiffswerft von Alfred Hagelstein namens Hatra vorgestellt, die 1973 ihre Tore schloss. „Baumaschinen von Hatra waren legendär, sie sind bis heute im Einsatz“, sagt Hartwig und weist auf das ausgestellte Modell eines Radladers hin, mit dem die Maschine bei der Kundschaft vorgestellt wurde.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Ein paar Meter weiter wird auf das Casino eingegangen. Ein originaler Roulette-Kessel zeugt von seiner bewegten Vergangenheit. Daneben gibt es Wissenswertes über den früheren innerdeutschen Grenzverlauf auf dem Travemünder Priwall, einer Halbinsel zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg.
Am Ende spricht Hartwig über die Travemünder Woche: „Sie ist nach der Kieler Woche das zweitgrößte Segelsportereignis der Welt und hat sich aus kleinen Anfängen um 1890 zu einem alljährlichen Highlight entwickelt.“ Zum Abschied erwähnt er, dass das Seebadmuseum bei der langen Nacht der Museen am 29. August dabei sein wird. „Im nächsten Jahr feiern wir dann unser 20. Jubiläum“, kündigt er an. Weitere Informationen unter
www.heimatverein-travemuende.de




