Heide Riedel aus Schönberg im Kreis Plön war über viele Jahre eine gern gesehene Ausstellerin rund ums Ei. Ob bei den traditionellen Ostereiermärkten im Tönninger Packhaus, Heikendorfer Künstlermuseum oder Eutiner Ostholstein-Museum, ihre Kreationen präsentierte sie mit Herzblut und Freude einem interessierten Publikum. Doch nun soll es gut sein. Die 88-Jährige zeigt für das Bauernblatt ein letztes Mal ihre kunstvoll mit Draht ummantelten Werke.
Mit der Teilnahme am diesjährigen Ostereiermarkt im Heikendorfer Künstlermuseum setzte Heide Riedel einen Schlusspunkt. Als wohl älteste Mitwirkende verkündete sie das Ende. Nun solle es gut sein, entschied die hochbetagte Seniorin. „Alle Rohlinge, die ich noch in meinem Fundus hatte, sind jetzt aufgebraucht“, erzählt sie.
Foto: Silke Bromm-Krieger
In ihrem Apartment hat die Künstlerin in Pappschächtelchen noch eine hübsch verzierte Eierauswahl bruchsicher verwahrt, zur Erinnerung in zwei Alben Fotos ihrer schönsten Werke versammelt. Ob ihr das Abschiednehmen von der lieb gewonnenen Beschäftigung schwerfalle? Riedel hält kurz inne, überlegt und sagt voller Überzeugung: „Nein.“ Über die Zeit habe sie leise schleichend gemerkt, dass ihre Augen nicht mehr so wollten und es für ihre Hände zunehmend anstrengender wurde, mit dem störrischen, unflexiblen Material Draht umzugehen. „Jetzt will ich mich nur noch meinen Handarbeiten widmen. Ich bin begeisterte Quilterin und gestalte gern Patchworkdecken. Da habe ich es mit angenehm weichen Stoffen zu tun“, meint sie. Dass Riedel eine künstlerische und kreative Ader hat, kommt nicht von ungefähr.
So war ihr Urgroßvater Hofjuwelier des dänischen Königs, ihre Tante Käte Lassen (1880-1956) eine bedeutende Malerin und Glaskünstlerin. Sie selbst absolvierte von 1969 bis 1975 an der Fachhochschule und Werkkunstschule Schwäbisch Gmünd eine Ausbildung zur Gestaltenden Goldschmiedin und legte anschließend die Meisterprüfung ab. Von 2006 bis 2007 qualifizierte sie sich in einer Fortbildung zur Restauratorin im Gold- und Silberschmiedehandwerk. Im Berufsleben war sie selbstständige Goldschmiedemeisterin und nahm parallel regelmäßig an ausgewählten Kunsthandwerkermärkten wie dem Goldschmiedemarkt auf Antik Hof Bissee teil. Um ihr Angebot zu erweitern, fing sie irgendwann an, Eier aus dünnen Drahtgeflechten in Kupfer und Silber zu gestalten. Der Zuspruch der Kundschaft zu den zarten Kreationen blieb hinter den Erwartungen, und Riedel überlegte, wie sie ihre Eierkunst weiterentwickeln könnte. Eine Begegnung mit Dr. Klaus-Dieter Hahn (†), dem damaligen Leiter des Ostholstein-Museums, brachte für sie überraschende Impulse und Erkenntnisse. Der Heimatforscher, der selbst verzierte Ostereier sammelte und den Ostereiermarkt im Ostholstein-Museum ins Leben rief, machte sie mit der Tradition der slowakischen Drahtostereier-Herstellung bekannt. Er gab ihr auch entsprechende Literatur mit auf den Weg. Besondere Aufmerksamkeit fand ein Katalog mit dem Titel „Gebogen und gebunden“ des Považské múzeum in Žilina. Es ist das einzige Museum in der Slowakei, das sich intensiv mit der Erforschung und Dokumentation der Drahtbinderei und mit dem Aufbau einer Datenbank internationalen Maßstabs zu diesem Thema befasst.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Riedel las in der Publikation, dass das Umflechten der Eier mit Drahtnetzen in der Slowakei auf eine lange Tradition zurückgeht und dort vermutlich schon im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einem typischen, einheimischen Handwerk wurde. Die Drahtbinderei entstand als zusätzliche Einnahmequelle der männlichen Bevölkerung in Zeiten von Missernten. Die umflochtenen Eier waren dabei nur ein Produkt der vielfältigen Drahtbinderei-Erzeugnisse. Die luftigen Konstruktionen wurden ausschließlich in feinster Handarbeit hergestellt.
Nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die politische Ordnung in Europa veränderte, begann dort der Niedergang der Drahtbinderei, nach dem Zweiten Weltkrieg war sie in ihrer ursprünglichen Form verschwunden. Erst ab 1989 keimten ein neues Interesse und eine neue Bewertung der traditionellen Kultur auf, die in der Slowakei zu einer Wiederbelebung des Handwerks führten.
Autodidaktisch erlernt
Nach der Fachlektüre und dem Anschauen unzähliger Fotos fuchste sich die Künstlerin mit Elan ins unbekannte Metier hinein. „Es müssen zu Ostern ja nicht immer nur bemalte Eier sein“, dachte sie sich. Autodidaktisch erlernte sie verschiedene Drahtbinde- und Umflechtungstechniken, was sich zunächst als recht mühsam herausstellte. Doch sie ließ nicht locker, wusste, dass Übung die Meisterin macht, und experimentierte mit farbig lackiertem Kupferdraht sowie Gold- und Silberdraht.
„Für die Drahtbindetechnik benötigt man für jedes Ei einen etwa 6 bis 7 m langen Draht, den man in vielen kleinen Schlingen um das Ei legt. Nach einigen Versuchen lernte ich je nach Häufigkeit und Dichte der Schlingen, immer wieder neue Muster zu entwerfen und zu verwirklichen“, blickt sie zurück. Beim Gestalten habe sich zudem herausgestellt, dass das Hühnerei von seiner Größe und Form her am besten dafür geeignet sei.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Im Jahr 2012 nahm sie mit ihren Eiern im Drahtgewand erstmals am Friedrichstädter Ostereiermarkt teil. Die Premiere verlief erfolgreich, sodass sie in der Folge am Ball blieb. Sie beobachtete auch, dass sie mit ihrer Art der Gestaltung auf den Märkten die Einzige war. „Meist fing ich im Herbst mit dem Drahtbinden an, sodass ich dann für die Märkte im Frühjahr genügend Exponate zusammenhatte“, berichtet sie. Die filigrane Arbeit sei manches Mal eine Herausforderung gewesen. „So nebenbei kann man das Drahtbinden nicht betreiben. Es erfordert viel Zeit, eine leichte Hand, eine hohe Konzentration, jede Menge Fingerspitzengefühl, Geschick und Geduld. Stundenlang am Stück kann man sich nicht damit beschäftigen. Es braucht zwischendurch Pausen“, weiß sie aus Erfahrung.
Blütenartige Schlaufen
Damit man sich das alles besser vorstellen kann, will sie spontan die Kunst des Drahtbindens anschaulich an einem Ei demonstrieren. Doch ein dafür benötigter Rohling ist, wie bereits eingangs erwähnt, in ihrem Haushalt nicht mehr vorhanden. Die Künstlerin behilft sich kurzerhand mit einem rohen Hühnerei aus der Küche. Verschärfte Bedingungen! Wenn das gute Stück versehentlich kaputtgehen sollte, gibt’s Rührei. Doch davon lässt sie sich nicht beirren. Sie schneidet beherzt ein langes Stück Draht von der Rolle ab und beginnt, daraus einen kleinen Ring zu formen, um den sie mit flinker Hand fünf blütenartige Schlaufen fädelt. Die erste Runde um den Ring ist so geschafft. An ihr legt sie die nächsten Runden an, bis das Gebilde eine Ausweitung von etwa 1 bis 2 cm erreicht hat.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Jetzt kommt das Ei ins Spiel, denn das Geflecht muss nun vorsichtig ans Oval angepasst werden. Weiter gestaltet sie Schlaufe um Schlaufe, während sie das noch flexible und wackelig auf dem Ei liegende Drahtgeflecht gleichzeitig gut festhalten muss, bis sie zur Mitte des Eis gelangt. In diesem Stadium zieht sich der Draht selbst fest und schmiegt sich an die Form des Eis an. „Zu Beginn sind mir im Werkprozess etliche Eier kaputtgegangen. Das war schade, weil ein begonnenes Drahtgebilde nicht automatisch auf ein anderes Ei passt. Da war dann die vorherige Mühe wertlos.“ Für bestimmte Muster zeichnete sich Riedel eigene Kreuzstichvorlagen, wie sie bei textilen Techniken zur Herstellung von Spitzen und Häkelmustern verwendet werden. Akribisch arbeitete sie nach dieser Anleitung, zählte Kästchen für Kästchen genau ab.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Was sie an der Drahtkunst so fasziniert und geliebt habe? „Das Spannende war, dass man anfangs nie wusste, wie das tatsächliche Endergebnis aussehen würde. Das komplette Muster ergab sich erst zum Schluss, wenn ich in der letzten Runde des Umflechtens angekommen war“, antwortet die Rentnerin. Auch mit den eigenen Händen unwiederbringliche Unikate geschaffen zu haben, die andere Menschen erfreuten, habe sie froh gemacht. Ein seltenes altes Handwerk lebendig zu halten, ebenso. Als wir uns an der Haustür voneinander verabschieden, kommt bei Heide Riedel vielleicht doch noch ein kleines bisschen Wehmut auf. „Dann ist das jetzt wohl das Ende der Karriere“, sagt sie, während ein verhaltenes Lächeln um ihre Mundwinkel huscht.




