Die Ausstellung „Grundwasser lebt!“ ist eine vom Senckenberg-Museum für Naturkunde Görlitz konzipierte Wanderausstellung und widmet sich dem verborgenen Lebensraum unter der Erdoberfläche und seiner Bedeutung für Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Klimaanpassung. Bis zum 27. September ist sie im Naturwissenschaftlichen Museum auf dem Museumsberg in Flensburg zu sehen.
Zur Eröffnung füllte sich der Ausstellungsraum zügig. Zahlreiche Gäste aus Stadtgesellschaft, Politik und Fachwelt waren der Einladung gefolgt, unter ihnen Oberbürgermeister Dr. Fabian Geyer (parteilos) sowie Christian Dirschauer vom SSW. Nach den Grußworten lud Prof. Willi Xylander, langjähriger Direktor des Senckenberg-Museums in Görlitz, die Anwesenden zu einem Rundgang durch die Ausstellung ein, erläuterte dabei Zusammenhänge, griff Fragen auf und ordnete Zahlen ein. Zwischenfragen wurden ausführlich beantwortet.
Grundwasser gilt vielfach als reine Ressource. Dass es zugleich ein unverzichtbares und empfindliches Ökosystem darstellt, ist ein Schwerpunkt der Schau. „Wir wollen sensibilisieren, nicht belehren“, sagte Xylander während des Rundgangs. Die Verfügbarkeit von Wasser erscheint im Alltag oft selbstverständlich, Grundwasser ist jedoch endlich und auf Schutz angewiesen. Nur etwa 2,5 % des weltweiten Wassers sind Süßwasser. Ein großer Teil davon ist in Eis gebunden. Was als Grundwasser für die Nutzung durch den Menschen zur Verfügung steht, unterscheidet sich regional stark. Nach Prognosen wird sich der weltweite Wasserverbrauch bis 2050 im Vergleich zum Jahr 2000 mehr als verdoppeln – vor allem durch Bevölkerungswachstum, steigenden Konsum und Bewässerungslandwirtschaft. Bereits heute leben viele Menschen in Regionen mit Wasserstress. Ein Teil des Verbrauchs fließt in südlichen Ländern in Produkte für den Export, etwa in der Bekleidungsindustrie und der Pflanzenproduktion.
Foto: Thore Groth
Der Lebensraum unter der Oberfläche ist dunkel, nährstoffarm, kleinräumig und von konstanten Temperaturen geprägt. Entsprechend spezialisiert sind seine Bewohner. Zu sehen sind unter anderem Grundwasserasseln, Höhlenflohkrebse und weitere wirbellose Tiere, die an diese Bedingungen angepasst sind. Gemeinsam mit Mikroorganismen tragen sie dazu bei, organische Stoffe abzubauen, das Wasser auf natürliche Weise zu reinigen und die Poren für den Wasserfluss offen zu halten. Diese Leistung bleibt meist unsichtbar, ist für die Qualität des Trinkwassers jedoch von zentraler Bedeutung.
Eine virtuelle Unterwasserfahrt, interaktive Stationen sowie ein Escape-Room vermitteln die Inhalte anschaulich und laden dazu ein, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Ein digitales Sammelspiel ermöglicht es insbesondere jüngeren Besuchern, verschiedene Grundwassertiere kennenzulernen und ökologische Zusammenhänge spielerisch zu erfassen.
Das Thema der Ausstellung hat einen unmittelbaren Bezug zum Standort Flensburg: Dessen Grundwasserkörper entstand vor Millionen Jahren durch geologische Prozesse. Im Untergrund prägen Salzstrukturen und Senken das Relief. Dort lagerten sich mächtige Sandschichten ab, deren Poren sich mit Wasser füllten. Heute werden im Stadtgebiet mehrere Grundwasserkörper genutzt, die in unterschiedlichen Tiefen liegen.
Foto: Thore Groth
Schleswig-Holstein bezieht seine öffentliche Wasserversorgung vollständig aus Grundwasser. Gleichzeitig zeigen Messreihen, dass an etwa jeder dritten Messstelle die Pegelstände sinken, insbesondere nach längeren Trockenphasen. Regenreiche Winter können Defizite oft nur teilweise ausgleichen. Langfristig bleibt die Entwicklung eine Herausforderung. Auch innerhalb des Landes gibt es deutliche regionale Unterschiede, abhängig von Geologie, Nutzung und Niederschlagsverteilung.
Museumsleiterin Kerstin Meise verwies auf eigene Erfahrungen mit extremen Wetterlagen: „Wir haben hier direkt vor der Tür erlebt, wie sensibel unser Umgang mit Wasser ist“, sagte sie mit Blick auf die Flutereignisse in Flensburg im Herbst 2023. Neben klimatischen Veränderungen beeinflussen auch Flächennutzung und Versiegelung die Neubildung von Grundwasser. Wo Niederschläge nicht versickern können, fehlen sie im natürlichen Kreislauf. Konzepte wie die verstärkte Regenwasserversickerung vor Ort – häufig unter dem Begriff „Schwammstadt“ diskutiert – gewinnen daher an Bedeutung.
In einem landwirtschaftlich geprägten Bundesland berührt das Thema Grundwasser zwangsläufig auch die Bewirtschaftung. Nitrat- und Pflanzenschutzmitteleinträge sind seit Jahren Gegenstand fachlicher und politischer Diskussionen. Bundesweit überschreiten rund 27 % der Messstellen den geltenden Nitrat-Grenzwert.
Foto: Thore Groth
Zugleich betonte Xylander, dass der Diskurs differenziert geführt werden müsse. Landwirtschaft sichere die Versorgung und stehe gleichzeitig vor steigenden Anforderungen im Umwelt- und Gewässerschutz. Verbesserte Information zu neuen technischen Entwicklungen, Beratung und angepasste Bewirtschaftungssysteme hätten in den vergangenen Jahren bereits Veränderungen angestoßen. „Es gibt viel Wissen und großes Engagement. Und selbst die, die es falsch machen, wissen meist, dass es nicht richtig ist“, sagte er und verwies darauf, dass Fortschritte Zeit und Dialog erforderten. Auch langlebige Industriechemikalien wie per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) rücken zunehmend in den Fokus des Gewässerschutzes. Sie sind mobil, schwer abbaubar und nur mit großem technischen und finanziellen Aufwand zu entfernen. Forschung und Regulierung entwickeln sich hier fortlaufend weiter. Nutzung, wirtschaftliche Interessen und Ressourcenschutz bilden dabei ein dauerhaftes Spannungsfeld – nicht nur in Schleswig-Holstein.
Neben Informationstafeln setzt die Ausstellung auf Beteiligung. Wer sich vertieft mit dem Thema beschäftigen möchte, kann unter Anleitung des Museums in Flensburg im Rahmen eines bürgerwissenschaftlichen Projekts (Citizen-Science) selbst zur Erfassung und Erforschung von Grundwassertieren beitragen.
„Kinder wie Erwachsene lernen besonders gut, wenn sie selbst aktiv werden“, erklärte Meise. Deshalb lege das Museum großen Wert auf Teilhabe und Teilnahme.
Die Ausstellung auf dem Museumsberg macht deutlich, dass Grundwasser mehr ist als eine unsichtbare Reserve. Es ist Lebensraum, Trinkwasserquelle und Grundlage wirtschaftlicher Tätigkeit – auch im Norden. Der verantwortungsvolle Umgang damit bleibt eine gemeinsame Aufgabe von Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.




