Alexander Ramm aus Laboe im Kreis Plön ist Ehemann, Papa, Autor und Mensch mit Sehbehinderung. Seit vielen Jahren setzt er sich für Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit ein. Nun hat er das autobiografische Kinderbuch „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“ geschrieben. Es handelt von Mut, Freundschaft und dem Leben mit einer Sehbehinderung.
Als im vergangenen Jahr die ersten 200 druckfrischen Exemplare des Buches zu Hause eintrafen, war das ein ganz besonderer Moment, auch für Sohn Mats Fiete. Er war mächtig stolz auf seinen Papa und bat ihn als Erster um ein Exemplar samt Autogramm. „Danach stellte er im Kinderzimmer das Buch so aufs Regal, dass jeder das Titelbild sehen kann“, schmunzelt der 44-Jährige. In seinem Kinderbuch verarbeitet der gebürtige Niedersachse eigene Kindheitserfahrungen, webt in die Geschichten aber auch Hilfsmittel ein, die Kinder mit einer Beeinträchtigung des Sehens heute nutzen können. „Damals gab es etliche noch nicht. Ich musste vieles ohne Unterstützung bewältigen“, blickt der verrentete Informationskaufmann zurück.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Vor uns liegt sein kunterbuntes Kinderbuch für Leser ab vier Jahren. Ein Hardcover mit hochwertiger Fadenbindung im DIN-A4-Format, die 28 Seiten aus reißfestem, dickem Papier. Die liebevoll gezeichneten Illustrationen in Aquarell stammen von Kunstmalerin Alexandra Eicks. Auf dem Einband ist der kleine Theo mit einem blauen Ranzen zu sehen, wie er fröhlich mit dem Blindenstock zur Schule geht. Weil es dem Autor wichtig ist, dass alle kleinen und großen Menschen auf ihre eigene Art die Geschichten des unerschrockenen Entdeckers erleben können, hat er sie durch barrierefreie Angebote ergänzt. Im Buch findet sich ein QR-Code, über den ein Hörbuch aufrufbar ist. Außerdem sind Theos Abenteuer in drei Versionen der Blindenschrift Braille verfügbar, in Anfänger-Braille, Vollschrift und Kurzschrift. Ein Video in Gebärdensprache befindet sich in der Produktion. Demnächst wird es gleichfalls eine plattdeutsche Fassung geben.
Im Buch, dessen erste Auflage er in Eigenregie mit Unterstützung von Spenden herausbrachte, geht es um den Jungen Theo, der mutig, neugierig und voller Ideen ist. „Doch Theo sieht die Welt anders als andere Kinder, denn er ist sehbehindert. Das hält ihn aber nicht davon ab, aufregende Abenteuer zu erleben. Mit seinem treuen Zauberstab, wie er seinen Blindenstock nennt, erkundet er neue Wege, meistert Herausforderungen und zeigt, dass wahre Stärke aus Freundschaft und Zusammenhalt kommt“, stellt Ramm den Inhalt seines Werkes vor. Die Leser könnten Theo und seine Freunde beispielsweise in einer magischen Nacht unter dem Sternenhimmel, beim Kicken oder in der Schule begleiten.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Zu Beginn in der Geschichte „Theo und das Schlüsselloch“ erklärt Theo seinen Spielkameraden, dass er die Welt ein wenig anders sieht. „Es ist, als würde ich durch ein kleines Schlüsselloch gucken. Ich kann nur das sehen, was direkt vor mir ist. Alles andere ist unsichtbar.“ Auch Ramm ergeht es so. Er wuchs mit seinen Eltern und zwei Brüdern in der niedersächsischen Gemeinde Salzhausen auf. Schon früh erhielt er die Diagnose Retinitis pigmentosa. „Das ist eine zunehmende Degeneration der Augennetzhaut, die zu einer Gesichtsfeldeinschränkung, einem Tunnelblick, einer Nachtblindheit und reduzierter Kontrastwahrnehmung führt“, informiert er. Auf dem linken Auge sehe er 10 %, auf dem rechten nur hell und dunkel. Dabei ändere diese Erkrankung nicht nur das Sehen, sondern auch die Orientierung, Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag. Damit die Leser sich das anschaulich vorstellen können, ist dem Buch eine spezielle Pappbrille beigelegt, die sein Sehen simuliert.
In Kindheit und früher Jugend war Ramm ein begeisterter und erfolgreicher Fußballer, bis er die lieb gewonnene Freizeitbeschäftigung aufgrund einer stärker werdenden Beeinträchtigung des Sehens aufgeben musste. Im Buch greift er das Thema in der Geschichte „Theo und der Fußball mit Freunden“ auf. Hier erfahren die Leser, dass es mit dem Schlüssellochblick gar nicht einfach ist, den Ball im Spiel nicht aus den Augen zu verlieren. Deshalb haben Theos Freunde die geniale Idee, einen Ball zu holen, der bei jeder Bewegung rasselt und klingelt, damit er weiter mitkicken kann.
In die autobiografischen Geschichten hat Ramm aus Freude, Spaß und Schalk kleine „Geheimnisse“ eingebaut, die den Lesern verborgen bleiben. „Der beste Freund von Theo heißt Mats. Ich habe ihm den Namen meines Sohnes gegeben“, verrät er. Auch weitere „Easter-Eggs“, wie er sie augenzwinkernd nennt, hat er in den Text einfließen lassen. „So gibt es eine Illustration von Theo mit seinen Eltern, die immer für ihn da sind. Sie sehen tatsächlich wie meine Eltern aus“, berichtet er lächelnd. Daneben sei das Geburtsdatum seines Sohnes in einem Bild versteckt.
Nach den Geschichten über Theo, die zeigen, dass jeder Teil eines Abenteuers sein kann, egal welche Hindernisse zu überwinden sind, schließt sich im Buch ein Sachteil an. Hier beantwortet der Autor kindgerecht Fragen wie: Was bedeutet es, sehbehindert oder blind zu sein? Zudem gibt es Informationen zum Blindenstock und Tipps für inklusive Spiele.
Nach der Buchveröffentlichung 2025 war Ramm sehr auf die Resonanz gespannt. Für ihn war es toll zu erleben, dass die Rückmeldungen der Leserschaft durchweg positiv und wertschätzend ausfielen. Schnell war die Erstauflage vergriffen. „Nachdem Kinderbuchverlage mein Manuskript zuvor abgelehnt hatten, war ich einen Moment doch unsicher, ob ich es wirklich wagen sollte, es auf eigene Faust herauszugeben“, gesteht er. Zum Glück ließ er sich nicht beirren, hatte für den geplanten Nachdruck seines Herzensprojekts sogar bald Größeres im Sinn. Wie wär’s, wenn er deutlich machte, dass das Buch mehr als eine Geschichte, nämlich Teil einer Bewegung sei? Kurzerhand gründete er im vergangenen Jahr mit sechs Mitstreitern den gemeinnützigen Verein InkluFusion.
Foto: privat
Die offene Community ohne Mitgliedsbeitrag finanziert sich ausschließlich über Spenden und setzt sich bundesweit für gelebte Inklusion, Aufklärung und gegenseitiges Verständnis ein. „Wir glauben, jeder Mensch hat das Recht gesehen und verstanden zu werden, mit allen Stärken, Eigenheiten und Besonderheiten. Mit Projekten wie ‚Theo und der Zauberstab‘ möchten wir Kindern und Erwachsenen Mut machen, Barrieren zu erkennen und gemeinsam abzubauen“, bringt er es auf den Punkt. So wurde die zweite Auflage über den Verein realisiert. Der Verkaufserlös kommt seiner ehrenamtlichen Arbeit im vollen Umfang zugute. Seit Herausgabe des Buches ist Ramm auf Lesetour. Er besucht Kindergärten, Grundschulen und war beim bundesweiten Vorlesetag dabei, um sich für Vielfalt in der Gesellschaft starkzumachen. Er will dafür schon die Kleinsten mit ins Boot holen, sie für gelebte Inklusion und Barrierefreiheit sensibilisieren. „Oft machen wir die Erfahrung, dass die Hürden für Menschen mit Behinderung nicht nur auf der Straße, sondern in den Köpfen der Mitmenschen entstehen“, gibt er zu bedenken.
Für die Zukunft kann er sich vorstellen, dass Theos Geschichten weitergehen, dass sein Protagonist älter wird und weitere, spannende Abenteuer erlebt. „Über die schreiben wir dann aber gemeinsam, Papa“, hat sein Sohn sich schon gewünscht.
Wenn man Alexander Ramm im Gespräch erlebt, springen der innere Funke, der ihn antreibt, seine Leidenschaft und sein Herzblut für die gute Sache sofort über. Wie er als Brückenbauer, Macher, Kämpfer und engagierter Mensch anpackt, sich einsetzt und Vorurteile abbaut, ist vorbildhaft. Noch viel mehr könnte über ihn und sein bewegtes Leben erzählt werden, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Also sei an dieser Stelle auf Facebook verwiesen, wo er unter „Mehr als Blind“ regelmäßig postet. Bei Instagram ist er unter
@inklufusion_verein zu finden. „Auch mit meinen Einschränkungen bin ich ein aktiver und lebensfroher Mensch“, bekräftigt er zum Abschied.
Literatur
Alexander Ramm (Text), Alexandra Eicks (Illustrationen): „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“, 15 €, kann per E-Mail bestellt werden unter post@inklufusion.de, weitere Informationen finden sich auch unter
www.inklufusion.de




