Bäume vermehren sich über ihre Samen. Diese können sehr klein sein, wie der Samen einer Fichte, oder sehr groß und von einer Frucht umgeben, wie bei einer Eichel. Sind die Samen ausgereift, werden sie rund um den Baum verteilt. Jede Baumart besitzt ihre eigene Strategie zur Samenvermehrung. Sehr leichte Samen werden beispielsweise vom Wind davongetragen, andere fallen direkt zu Boden. Der Wind trägt den Samen des Bergahorns mit seiner propellerartigen Frucht über 100 m weit. Die Eichel hingegen fällt plump vom Baum herunter. Sie ist darauf angewiesen, dass Tiere, beispielsweise der Eichelhäher oder das Eichhörnchen, sie irgendwo als Vorrat verstecken und im Winter vergessen.
Am Boden angelangt, beginnen die Samen im Frühling zu keimen. In diesem Stadium nennt man den Baum Keimling. Auf diesem Weg verjüngt sich der Wald ganz natürlich und ohne menschlichen Einfluss.
Je Hektar können auf diese Weise jedes Jahr Hunderttausende kleiner Bäumchen sprießen. Es entwickelt sich ein Konkurrenzkampf um die natürlichen Ressourcen Wasser, Licht und Nährstoffe. Das Ziel besteht darin, sich möglichst schnell in Richtung Sonne zu entwickeln und das Nachbarbäumchen zu überwachsen. Dadurch ergibt sich für den Einzelbaum ein Vorteil, und es entsteht eine natürliche Selektion.
Vorteile von Naturverjüngung
Wie bereits beschrieben, schafft die Natur es, Hunderttausende kleiner Bäume je Hektar zu pflanzen, der Mensch hingegen nur 2.500 bis 10.000 je Hektar. Denn Bäume zu pflanzen, kostet vor allem Zeit und Geld. Das sind gleich zwei Vorteile der Naturverjüngung. Die Verjüngung bietet mit einer so hohen Zahl von jungen Bäumen eine gute Basis für eine natürliche Auslese. Durch den unausweichlichen Konkurrenzkampf ist es wahrscheinlicher, dass sich der Baum durchsetzt, der am besten an den jeweiligen Standort angepasst ist und am schnellsten wächst. Der zweite Vorteil ist die Ersparnis von Kosten. Jeder künstlich gepflanzte Baum kostet Geld. Die Kosten variieren dabei zwischen 1 und 5 €, in Abhängigkeit von der Baumart, Größe und dem Arbeitsaufwand. Die Natur macht ihren Job hingegen völlig kostenlos.
Betrachtet man den Wald mit Blick auf den Klimawandel, dann haben die Bäume, die gut an den Standort angepasst sind und den einen oder anderen trockenen Sommer und starken Sturm überstanden haben, die besten Überlebenschancen. Genau diese werden auch nur ihre Samen weitergeben können. Die Chance, dass die Nachkommen ebenfalls besser gegen den Klimawandel gewappnet sind, ist demnach höher.
Weiter werden die Bäumchen in den Baumschulen gut gedüngt und verschult. So nennt man die Entnahme aus dem Boden und das Umpflanzen. Spätestens wenn die Bäume aber in den Wald gebracht werden, müssen sie aus dem Boden. Dabei werden die Wurzeln geschädigt und der Baum geschwächt. Im Wald können die Bäume, die aus natürlicher Verjüngung entstanden sind, ihre Wurzeln ungestört von Beginn an entwickeln. Außerdem gibt es im Wald keinen künstlichen Dünger. Baumschulpflanzen können dagegen einen Pflanzschock erfahren. Das heißt, dass der Unterschied zwischen Baumschulerde und Waldboden so groß ist, dass die Bäumchen kränkeln oder gar sterben. Gut gedüngte Pflanzen schmecken auch lecker und werden vom Wild häufiger verbissen.
Für Baumschulpflanzen erntet man die Samen von sogenannten Mutterbäumen mit besonderer Qualität, häufig mit besonderem Augenmerk auf die Qualität des Stammes, der für gutes Holz sorgt. Diese Samen werden immer und immer wieder genutzt. Damit werden aber auch immer nur die gleichen Gene verbreitet. Im Wald verjüngt sich hingegen jeder Baum, der dort steht. Der Genpool bleibt also deutlich differenzierter und verarmt nicht.
Nachteile der Naturverjüngung
In Deutschland ist in den vergangenen Jahren eine Fläche so groß wie das Saarland durch Borkenkäfer, Dürre und Stürme entwaldet worden. Nun heißt es aufzuforsten. Försterinnen und Förster, Forstwirtinnen und Forstwirte, zahlreiche Projekte und fleißige Bürgerinnen und Bürger pflanzen die Bäume für den Wald von morgen. Aber wieso machen sie das, wenn die Natur doch so einen guten Job macht? Klar würde auf diesen sogenannten Freiflächen auch wieder Wald entstehen. Da aber kaum Mutterbäume auf den Flächen stehen, würde die Birke die Fläche besiedeln. Ihre Samen sind leicht, fliegen weit und keimen zudem auf fast jedem Boden. Die Birke wächst zwar schnell, ihr Holz ist in seiner Verwendung jedoch sehr eingeschränkt. Beispielsweise lässt sich das Holz der Birke nicht für den Bau von Dachstühlen nutzen, und im Außenbereich beginnt es schnell zu verrotten. Ziel ist es allerdings, auf dem Großteil der Waldfläche Deutschlands einen Wald zu schaffen, der den nachhaltigen Rohstoff Holz erzeugt.
Es sollen also andere Baumarten wachsen, deren Holz man besser nutzen kann. Die Fichte, die meist auf den entwaldeten Flächen stand und noch dort wächst, würde sich natürlich verjüngen. Die gleiche Baumart am gleichen Ort zu haben, die zuvor wegen der Folgen des Klimawandels eingegangen ist, ist jedoch nicht zielführend. Es müssen also noch andere Baumarten investiv gepflanzt werden. Dazu nutzt man Jungpflanzen aus den Baumschulen.
Die Wälder in Schleswig-Holstein
In Schleswig-Holstein sind mit einem Waldanteil von 11 % im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ wenig Wälder zu finden. Die kleinen, aber feinen Wälder sind jedoch häufig bunt gemischt mit verschiedenen Laub- und Nadelholzarten und darüber hinaus ökologisch sehr wertvoll. Gerade im Privatwald handelt es sich häufig um kleine Waldflächen in Insellagen, umgeben von landwirtschaftlichen Nutzflächen. Wenn in diesen klein parzellierten Wäldern die Bäume ein bestimmtes Alter und eine bestimmte Dimension erreicht haben, stellt sich aus forstwirtschaftlicher Sicht die Frage nach der nächsten Waldgeneration. Hier spielen nun verschiedene Überlegungen eine Rolle. Aus welchen Baumarten besteht der Ausgangsbestand? Möchte man diese Baumarten auch in der nächsten Waldgeneration im Bestand vorfinden? Wie ist die örtliche Schalenwildsituation? Wie ist die standörtliche Prognose in Bezug auf die zukünftigen klimatischen Veränderungen?
Kommt der Bewirtschaftende zu dem Schluss, dass die Altbäume geeignet wären für die nächste Waldgeneration, muss die technische Umsetzung geprüft werden. Hierbei lässt sich häufig feststellen, dass bei Entnahme der Altbäume zwar genügend Licht für eine mögliche Naturverjüngung an den Boden kommt, diese jedoch durch anhaltenden Schalenwildverbiss nicht aufläuft und der Waldboden schnell verkrautet. Auch findet eine Entmischung durch Wildverbiss statt, sodass Keimlinge verschiedener Baumarten auf einige wenige Arten reduziert werden. Das Schalenwildmanagement liegt jedoch häufig nicht in der Hand der Kleinstprivatwaldbesitzenden, sodass an der Stelle den hohen Wilddichten nicht entgegengewirkt werden kann.
Um dem Verlust und der Entmischung entgegenzuwirken, kann man die Flächen einzäunen und zusätzlich mit einem Kratzverfahren mittels eines Baggers den Oberboden freilegen. So ist der Boden empfänglich für Naturverjüngung und kann unter Umständen auch im Jahr nach der Maßnahme noch neue Keimlinge aufnehmen. Bei fehlender Naturverjüngung oder fehlenden gewünschten Baumarten können die gezäunten und gekratzten Areale im Anschluss immer noch investiv durch Pflanzung ergänzt werden.
Derzeit werden im ganzen Bundesland durch die Bezirksförster der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein solche Gatter für Naturverjüngung auf verschiedenen Böden und in unterschiedlichen Ausgangssituationen angelegt. Neben dem positiven Effekt der geringen Investition in Zeiten von knappen Mitteln bietet dieses Verfahren noch einen weiteren Vorteil. Die Natur zeigt uns, welche Baumarten ohne Wildeinfluss auf natürliche Weise nachwachsen. Interessierten Waldbesitzern wird empfohlen, mit offenen Augen durch ihren Wald zu gehen und sich beraten zu lassen.




