Laut dem Verein AdipositasHilfe Deutschland haben knapp 25 % aller Deutschen Adipositas. Dabei ist Adipositas keine Frage von Schuld oder Disziplin, sondern eine chronische, behandlungsbedürftige Erkrankung, die von unzähligen Faktoren beeinflusst wird. Für Betroffene können Selbsthilfegruppen eine hilfreiche Unterstützung im Alltag sein. Das Bauernblatt hat mit den Leiterinnen der Kieler Adipositas-Selbsthilfegruppe, Jessica Marquardt und Lena Pieper, darüber gesprochen.
Allen Mut hatte sie an diesem Sommertag zusammengenommen, sich mit ihrem starken Übergewicht in Badebekleidung an den Strand gelegt. Doch plötzlich näherte sich ein Vater mit zwei Kindern und meinte: „Was muss hier die fette Sau am Strand sein?“ Lena Pieper fühlte sich getroffen. Doch sie konterte schlagfertig: „Ich kann abnehmen, aber können Sie intelligenter werden?“ Das saß. Strandbesucher neben ihr klatschten anerkennend. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen, ob groß oder klein“, gibt die 42-Jährige zu bedenken.
Ungefragte Bewertungen, übergriffige Verurteilungen und verletzende Kommentare aufgrund ihres Gewichts gehören für sie zum Alltag. Auch Jessica Marquardt hat man schon hinterhergerufen: „Die deutschen Panzer rollen wieder.“
An diesem Freitagnachmittag sitzen die Gruppenleiterinnen auf der Terrasse eines Stadtteil-Cafés. Sie wollen darüber reden, wie wertvoll und stärkend es ist, sich einer Adipositas-Selbsthilfegruppe anzuschließen. Mit ihren Lebensgeschichten und eigenen Diskriminierungserfahrungen wollen sie anderen Betroffenen Mut machen, über die Krankheit aufklären, gegen Stigmatisierung kämpfen und sich für mehr Toleranz und Verständnis einsetzen. „In den Köpfen vieler Menschen gibt es das Vorurteil, dass die Fetten sich nur zu wenig bewegen und zu viel Süßkram und Fast Food essen. Wenn sie einfach weniger essen würden, könnten sie schon abnehmen. Aber Adipositas ist eine chronische Erkrankung“, weiß Marquardt. Dass von Übergewicht Betroffene allein für ihr Gewicht verantwortlich und nur zu faul zum Abnehmen oder zu willensschwach seien, sind weit verbreitete falsche Annahmen, die sich hartnäckig halten. Jedes Übergewicht hat seine eigene Geschichte. Es gibt viele Faktoren, die es verursachen und begünstigen. Niemand sollte deshalb einen Betroffenen bewerten oder verurteilen. „Wir wollen als Mensch gesehen werden und nicht als Dicke“, wünschen sich die Gruppenleiterinnen.
Symbolfoto: World Obesity Federation
Bei den Hauptursachen für Adipositas greifen sowohl genetische, biologische, familiäre, psychosoziale, umwelt- und verhaltensbedingte als auch gesellschaftliche Risikofaktoren ineinander. „Darum gibt es gegen Übergewicht kein Patentrezept. Viele von uns haben bereits eine lange Leidensgeschichte mit verschiedenen Diäten hinter sich. Adipositas ist therapierbar, aber nicht heilbar“, betonen die beiden. Ein sehr hohes Körpergewicht sei nur teilweise und oft nicht nachhaltig rein willentlich zu beeinflussen.
Als Adipositas bezeichnet man das krankhafte Übergewicht eines Menschen. Als adipös gilt, wer einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 hat. Der BMI ist der Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat (kg/m2). Es gibt verschiedene Stufen der Adipositas. Bei einem BMI zwischen 30 und 34,9 spricht man von Grad eins, bei einem BMI von 35 bis 39,9 von Grad zwei, ab einem BMI von 40 von Grad drei. Je höher der Grad, desto höher ist die Gefahr von Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz- und Kreislauferkrankungen, Gelenkbeschwerden oder Schlafapnoe. Adipositas begünstigt zudem etliche Krebserkrankungen bei ihrer Entstehung. Dabei ist der Body-Mass-Index eine Richtschnur, aber nicht allein ausschlaggebend, denn er sagt nichts über die Fettverteilung im Körper aus.
„Ein erhöhtes Gesundheitsrisiko ist besonders das Viszeralfett im Bauchbereich“, informiert Marquardt. Die Landwirtstochter erzählt, dass sie schon als Kind übergewichtig gewesen sei. Im zarten Alter von sieben Jahren wurde sie zur ersten Abnehmkur geschickt. „Dort habe ich gut abgenommen, aber als ich wieder zu Hause war, fehlte die familiäre Unterstützung. So nahm ich wieder zu.“ In der Schule wurde sie wegen des Übergewichts von den Klassenkameraden gehänselt. Essen wurde zum Trost und Schutzschild.
Symbolfoto: World Obesity Federation
Auch im späteren Berufsleben hatte sie es nicht leicht, erkrankte irgendwann psychisch. Zunächst erlernte sie den Beruf der Köchin, wurde Schwesternhelferin, bis sie schließlich mit einer Ausbildung zur Altenpflegerin in ihren Traumjob startete. „Von meinen Vorgesetzten wurde ich leider oft nur auf das Aussehen reduziert. Die fachliche Qualifikation kam erst an zweiter Stelle“, blickt die 45-Jährige zurück.
Im Jahr 2010 hatte sie einen Arbeitsunfall, der zur Berufsunfähigkeit führte. Daraufhin machte sie eine Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen und arbeitete eine Zeit lang in diesem Bereich. Ihr Gewicht stellte sie zunehmend vor manche Herausforderung. „2011 hatte ich bei einer Körpergröße von 1,80 m mein Höchstgewicht von 238 kg erreicht. Arthrose in den Knien und der Hüfte belasteten mich.“ Eine Magen-OP und drei Jahre danach ein Magen-Bypass folgten. „Aber es wurde ja nur mein Magen operiert, nicht mein Kopf. Ich musste erst einmal mental damit klarkommen. Es fühlte sich für mich an, als ob ein falsch programmierter Chip in meinem Kopf steckte“, erklärt sie. Im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) machte der behandelnde Chirurg sie auf die Kieler Adipositas-Selbsthilfegruppe aufmerksam, die Mitglied in der AdipositasHilfe Deutschland ist. Marquardt trat 2012 bei. Seit 2016 leitet die Mutter einer neunjährigen Tochter die Gruppe, aktuell im Tandem mit Lena Pieper.
Auch ihre Geschichte berührt. Sie startete ins Leben mit einem zunächst nicht erkannten Sauerstoffmangel unter der Geburt. Daraus resultierten eine Entwicklungsverzögerung und weitere gesundheitliche Einschränkungen. Diese sorgten dafür, dass sie in einigen Dingen nicht so weit wie die anderen Kinder gleichen Alters war und zu erledigende Aufgaben langsamer anging. Hänseleien der Mitschüler waren an der Tagesordnung. „Essen wurde zu meinem Schutzpanzer“, sagt sie. Sie erlernte den Beruf der Krankenschwester und wurde auch dort damit konfrontiert, dass sie zu langsam sei, obwohl sie ihre Arbeit zuverlässig erledigte. Eine psychische Erkrankung kam hinzu, und sie versuchte, die Situation mit Essen zu kompensieren. Schließlich erreichte sie ihr Höchstgewicht von 134 kg und bekam eine Magen-OP. Seit zehn Jahren ist sie engagiertes Mitglied in der Selbsthilfegruppe.
Foto: Silke Bromm-Krieger
„Bei WhatsApp haben wir knapp 20 Mitglieder im Alter zwischen 18 und 70 Jahren. Zu unseren Treffen jeden zweiten und vierten Mittwoch im Monat im ‚Kieler Fenster‘ kommen meist fünf bis sieben Personen“, berichtet sie. In Adipositas-Selbsthilfegruppen, die vielerorts kostenfrei angeboten werden, seien Betroffene willkommen, die sich mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe austauschen wollten. Auch alle, die bereits eine Gewichtsreduzierung geschafft hätten, gehörten dazu. Angehörige seien ebenfalls eingeladen, weil sie ein wichtiger Faktor auf dem Weg der Gewichtsabnahme seien. „Keiner muss bei den Treffen etwas sagen, aber jeder darf so viel über sich erzählen, wie er mag. Wir bieten einen geschützten Rahmen, in dem jeder seine Geschichte und Erfahrungen in offener und wertschätzender Umgebung darlegen kann. Das, was in der Gruppe besprochen wird, ist vertraulich. Es bleibt in der Gruppe“, versichert sie.
Symbolfoto: World Obesity Federation
Bei Schwierigkeiten, Problemen und in Frustrationsphasen sei immer eine Person da, die weiterhelfen und motivieren könne. Man sei nicht allein mit der Erkrankung, das baue auf. Zusätzlich gebe es Vorträge von Experten, Events und Themenabende. „Wir sprechen über Ernährung, Bewegung, Behandlungsansätze, Therapien und operative Methoden. Außerdem geben wir Infos über professionelle Hilfsangebote und Anlaufstellen weiter“, zählt Marquardt auf. Was die Gruppe jedoch nicht biete, seien eine medizinische Betreuung, Diätprogramme, eine psychologische Beratung oder fertige Lösungsansätze.
Zum Abschied möchten Jessica Marquardt und Lena Pieper Betroffene ermutigen, sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe zu holen. „Gemeinsam sind wir stärker als allein“, wissen sie aus eigener Erfahrung.
Info
Mehr Auskünfte gibt es unter www.adipositas-shg-kiel.de, www.adipositas-selbsthilfe.de
Eine Liste örtlicher Selbsthilfegruppen gibt es beim Adipositas Verband Deutschland unter
www.adipositasverband.de




