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Angrillen 2026, neue Trends

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Aktuell ist immer wieder von erhofften und wichtigen Impulsen durch die Grillsaison für einen besseren Schweinefleischabsatz die Rede. Im „Grillkompass 2025“ wurde ermittelt, was genau wann und wo auf dem Grillrost landet. Schweinefleisch (Nackensteaks und Bratwurst) liegt mit 57 % knapp an erster Stelle der beliebtesten Grillprodukte, doch Geflügel ist mit 56 % praktisch gleichauf und insbesondere bei jüngeren Konsumenten mit 70 % die klare Nummer eins. Das klassische Grillgut von Schwein und Rind wird durch Fisch, Gemüse, Grillkäse und eine wachsende Vielfalt vegetarischer und veganer Alternativen ergänzt, was für mehr Vielfalt auf dem Rost sorgt.

Grillen als ganzjähriger Genuss

Grillen ist längst mehr als nur ein saisonaler Sommerspaß, rund 90 % der Befragten geben an, zumindest gelegentlich zu grillen, gut jeder Fünfte sogar sehr oft. Für die Mehrheit liegt die Grillsaison immer noch in den Sommermonaten Mai bis September. Doch immerhin 14 % der Befragten grillen das ganze Jahr über, unabhängig von Wetter, Jahreszeit oder Temperatur. Rund ein Fünftel grillt einmal pro Woche, ein weiteres Drittel mehrmals im Monat – ein klares Signal für die Stabilität des Marktes. Grillen entwickelt sich so immer mehr von einer saisonalen Aktivität zu einem ganzjährigen Genuss. Regional zeigt sich ein klares Bild: Im Norden Deutschlands glühen die Grills besonders häufig: 92 % der Norddeutschen geben an, mindestens gelegentlich zu grillen.

Bratwurst ist Spitzenreiter

Pro Jahr und Kopf werden in Deutschland knapp 3 kg Bratwurst konsumiert, deutlich mehr als die Hälfte, knapp 100.000 t, wird auf dem Grill zubereitet. Die Bratwurst ist damit immer noch Spitzenreiter und mit etwa 870 Mio. € Umsatz Rückgrat des Grillgeschäfts. Zugleich deutet die anhaltend stabile beziehungsweise leicht ansteigende Nachfrage darauf hin, dass Verbraucher selbst in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ungern auf kleine Alltagsgenüsse wie das Grillen und das damit verbundene gemeinsame Lagerfeuererlebnis verzichten. Für den Handel eröffnen sich durch neue Varianten, Verpackungsgrößen oder saisonale Artikel zusätzliche Chancen.

Für die große Mehrheit der Verbraucher ist der Geschmack das Wichtigste am Grillgut. Auch die artgerechte Haltungsform soll für knapp drei Viertel der Käufer wichtig sein. Gut die Hälfte der Befragten hält den Preis beim Grillen für wichtig oder sehr wichtig, doch wird nicht am Genuss gespart, sondern es wird bewusster ausgewählt. Grillwürste werden auch in Bundesligastadien verkauft. Hier verhindert beispielsweise beim HSV die Kombination aus hohem Preis (5 € pro Stadionwurst) und maximal mittlerer Qualität höhere Absätze.

Handel: Ausbau des Grillgeschäfts

Im Handel hat sich die Grillsaison von einem kurzfristigen Sommergeschäft zu einem strategischen Sortimentsfeld entwickelt. Vor allem bei über 30-jährigen Kunden wird eine stärkere Ausrichtung auf Qualität und Haltungsformen beobachtet: „Eher weniger, dafür aber hochwertiger.“ Auch Saisonartikel wie eine hausgemachte Rostbratwurst tragen zum Geschäft durch Wiederholungskäufe bei. Gutes Grillwetter ist immer noch wichtig, besonders für Spontankäufe. Es bleibt, dass das Grillen im Handel immer mehr ganzjährig gedacht wird, mit allerdings saisonalen Spitzen.

Warum Zahlen allein kein Moor vernässen

Mit der Palu-Förderrichtlinie setzt die Bundesregierung ein wichtiges Signal: Moorbodenschutz soll nicht gegen, sondern mit der Landwirtschaft gelingen. Der freiwillige Ansatz, kombiniert mit einer breiten und stufenweisen Förderstruktur, ist ausdrücklich zu begrüßen. Von der Beratung über Planung und Umsetzung bis zur Bewirtschaftung entsteht erstmals ein durchgängiges Instrumentarium. Vieles davon greift langjährige Forderungen des Berufsstandes auf – insbesondere die Erkenntnis, dass Klimaschutz nur dann funktioniert, wenn er sich auch betriebswirtschaftlich trägt.

Die Landwirtschaft befindet sich dabei in einer besonderen Rolle: Sie ist zugleich betroffen, mitverantwortlich und Teil der Lösung. Genau deshalb ist der gewählte Ansatz richtig, auf Freiwilligkeit und Kooperation zu setzen, statt Ordnungsrecht zu verschärfen. Moorschutz ist kein Einzelbetriebsprojekt, sondern ein komplexer Prozess, der ganze Regionen umfasst. Er funktioniert nur im Zusammenspiel mit Wasser- und Bodenverbänden sowie benachbarten Flächeneigentümern.

Positiv hervorzuheben ist auch die Idee der Leuchtturmprojekte. Sie können wichtige Impulse liefern und zeigen, was technisch und organisatorisch möglich ist. Gleichzeitig muss klar sein: Solche Projekte stehen unter besonderen Rahmenbedingungen. Ihre Daten müssen ergebnisoffen ausgewertet und mit Blick auf die Praxis vorsichtig eingeordnet werden. Was im Modell funktioniert, ist nicht automatisch flächendeckend übertragbar. Gut beraten ist, wer die betroffenen Akteure über ihre Verbände auf EU-, Bundes- und Landesebene (zum Beispiel im Beirat zur Niederungsstrategie) rechtzeitig und effektiv in die Erarbeitung von Förder- und Projektgrundlagen einbezieht.

Die politischen Zielmarken, die für die Palu-Richtlinie gelten, sind ambitioniert. Der Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz empfiehlt, bis 2045 rund 80 % der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen – etwa 1 Mio. ha – wiederzuvernässen. Dafür wären jährlich rund 50.000 ha umzustellen. Ob dieses Flächenziel tatsächlich erreicht wird, erscheint zumindest fraglich. Vor allem aber greift die Debatte zu kurz: Entscheidend ist nicht, ob eine Zielzahl erfüllt wird, sondern wie der Weg dorthin gestaltet wird.

Hier zeigt die Erfahrung, dass Programme ohne tragfähige Einbindung der Landwirtschaft an ihre Grenzen stoßen. Das Beispiel des Programms Biologischer Klimaschutz in Schleswig-Holstein mit angestrebten 715.000 t CO2-Einsparung pro Jahr verdeutlicht, wie groß die Lücke zwischen politischem Anspruch und praktischer Umsetzung sein kann. Ohne einen funktionierenden kooperativen Ansatz bleibt man weit hinter den eigenen Zielen zurück.

Der Schlüssel liegt daher in regionalen Lösungen: Niederungsbeiräte, abgestimmtes Wassermanagement und funktionierende Flächentauschmodelle sind zentrale Bausteine. Nur so lassen sich Zielkonflikte auflösen und großflächige Maßnahmen umsetzen, ohne einzelne Betriebe wirtschaftlich zu überfordern. Das Projekt „UMZOG“ im Oldenburger Graben zeigt, wie man sich gemeinsam auf den Weg machen kann, um ihn erfolgreich beschreiten zu können. Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten über die Nutzungsperspektiven. Paludikulturen werden politisch als Zukunftsmodell dargestellt, sind aber in der Praxis bislang oft noch keine tragfähige wirtschaftliche Alternative. Hohe Kosten, fehlende Märkte und unklare Vermarktungswege bremsen die Entwicklung. Hier braucht es Zeit, Forschung und vor allem verlässliche Rahmenbedingungen.

Umso wichtiger ist es, dass die Entwicklung solcher Wertschöpfungsketten gemeinsam mit der landwirtschaftlichen Praxis vorangetrieben wird und die Erfahrungen aus bestehenden Kooperationen und Netzwerken konsequent gebündelt werden. Diesen Ansatz wählt das Verbundprojekt „PaludiAllianz“, in das unter anderem der Bauernverband Schleswig-Holstein und der Deutsche Bauernverband die fachliche landwirtschaftliche Expertise einfließen lassen – und auch einmal für die notwendige Bodenhaftung sorgen.

Ein zentraler Punkt ist zudem die Frage des Erhalts der Wertschöpfung in den Moorregionen, in Schleswig-Holstein besonders in der Eider-Treene-Sorge-Region. Für viele Betriebe, insbesondere in der Milchviehhaltung, ist entscheidend, dass Wiedervernässung so gestaltet wird, dass eine Nutzung weiterhin möglich bleibt. Es geht darum, Wasserstände zu finden, die sowohl Emissionsminderungen ermöglichen als auch eine wirtschaftlich tragfähige Bewirtschaftung sichern. Offene Fragen zu Futterqualität, Befahrbarkeit oder Tiergesundheit zeigen, dass hier noch erheblicher Klärungsbedarf besteht.

Nicht zuletzt ist Moorschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn landwirtschaftliche Nutzung eingeschränkt oder verändert wird, muss das dauerhaft und verlässlich kompensiert werden. Zugleich erfordert der Umbau erhebliche Investitionen in die wasserwirtschaftliche Infrastruktur nebst Neuverteilung der Kosten.

Die Palu-Richtlinie ist in der Gesamtschau ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Sie zeigt, dass Politik bereit ist, den Wandel nicht nur einzufordern, sondern auch zu begleiten und finanziell auszustatten. Entscheidend wird jedoch sein, die Programme konsequent an der Praxis auszurichten, wissenschaftlich zu begleiten und gemeinsam mit den Betrieben weiterzuentwickeln.

Denn eines bleibt klar: Erfolgreicher Moorschutz entsteht nicht durch Zielzahlen oder Modellprojekte allein – sondern durch tragfähige Lösungen vor Ort, die von den Betrieben mitgetragen werden.

Dr. Lennart Schmitt Foto: privat

Milliardenprogramm zur Moorwiedervernässung

Für die Wiedervernässung von Mooren stellt die Bundesregierung bis Ende 2029 insgesamt 1,75 Mrd. € bereit. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) stellte am Freitag voriger Woche ein neues Förderprogramm vor, das Land- und Forstwirtschaft dabei unterstützen soll, auf eine nasse Bewirtschaftung umzustellen. Nach Schneiders Angaben sollen bis zum Ende des Jahrzehnts bis zu 90.000 ha trockengelegte Moorflächen wiedervernässt werden. Die Fläche intakter Moore in Deutschland, derzeit rund 100.000 ha, könnte damit nahezu verdoppelt werden.

Wie der Bundesumweltminister bei der Vorstellung des Programms erklärte, seien Moore in Deutschland über Jahrhunderte hinweg entwässert worden. Nun leite man im Sinne des Klima- und Artenschutzes eine „echte Trendwende“ ein. Naturschutzverbände begrüßten die neue Förderrichtlinie in einer ersten Reaktion. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sprach von einer „riesigen Chance“ für die Land- und Forstwirtschaft. „Moorböden wiederzuvernässen ist Klimaschutz als Geschäftsmodell“, sagte Rainer. Vorangegangen war bereits eine Genehmigung des Programms durch die EU-Kommission.

Schneider setzt auf Freiwilligkeit

Wie Schneider betonte, setze das Programm auf Freiwilligkeit. Ziel sei es zudem nicht, Flächen stillzulegen, sondern neue Formen der nassen Bewirtschaftung für Land- und Forstwirte zu entwickeln. Dazu zählen Paludikulturen, etwa der Anbau von Schilf und Röhricht zur Biomassegewinnung oder die Haltung von Wasserbüffeln.

Dass Moore nur mit Einverständnis der wirtschaftlich Betroffenen renaturiert werden dürfen, ist auch Position des Deutschen Bauerverbandes (DBV). „Eine Wiedervernässung von Mooren kann nur dann erfolgreich sein, wenn dies freiwillig und im Einvernehmen mit den Landwirten und Grund­eigentümern erfolgt und die Betriebe über den anvisierten Förderzeitraum bis 2030 hinaus wirtschaftliche Perspektiven mit marktbasierten Ansätzen für die dauerhafte Nutzung der Flächen erhalten“, kommentierte DBV-Generalsekretärin Stefanie Sabet die neue Förderrichtlinie.

Vier vorgesehene Fördermodule

Nach Angaben des Bundesumweltministeriums (BMUKN) sind in dem Programm vier Fördermodule vorgesehen. Sie decken die Wiedervernässung und Bewirtschaftung von Flächen ab einer Größe von 5 ha ab, von der Beratung bis zur praktischen Umsetzung. Antragsteller, berechtigt sind unter anderem Landeigentümer und -bewirtschafter sowie Wasser- und Bodenverbände, können sich bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank um Förderungen bewerben (siehe weiter unten).

Starten soll das Förderprogramm laut BMUKN zudem mit einigen großflächigen modellhaften Vorhaben ab mindestens 5.000 ha Moorbodenfläche.


Beantragen der Förderung erst nach Förderaufruf durch die Rentenbank möglich

Mit der Palu-Förderrichtlinie wird ein umfassendes Förderangebot für die dauerhafte und weitgehende Wiedervernässung von Moorböden geschaffen. Ziel ist es, Moorböden wieder als natürliche Kohlenstoffsenken zu etablieren und Treibhausgasemissionen deutlich zu reduzieren. Die Maßnahmen zur Wiedervernässung erfolgen freiwillig und bie-ten land- und forstwirtschaftlichen Betrieben neue Perspektiven durch eine angepasste nasse Bewirtschaftung, unter anderem über Paludikulturen. Der Deutsche Bauernverband hatte sich intensiv in die Erarbeitung der von der EU-Kommission genehmigten Förderrichtlinie eingebracht.

Für die Förderrichtlinie werden 1,75 Mrd. € bis 2030 zur Verfügung gestellt, auch darüber hinaus soll die Förderung aus dem Klima- und Transformationsfonds finanziert werden. Eine Beantragung der Förderung ist erst nach einem Förderaufruf durch die Landwirtschaftliche Rentenbank möglich.

Zielgruppe und Förderansatz

Die Förderung richtet sich an alle Akteure, die für eine erfolgreiche Wiedervernässung zusammenarbeiten:

– Eigentümer und Bewirtschafter von Moorbodenflächen

– Wasser- und Bodenverbände

– Gebietskörperschaften und deren Einrichtungen

– gewerbliche Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette von Paludikulturen

Gefördert werden sowohl Einzelflächen ab 5 ha als auch großflächige Projekte zur Entwicklung ganzer Moorregionen.

Förderinhalte (Module)

Gefördert werden insbesondere Kosten für vorbereitende Beratungsdienste, technische Investitionen, Ausgleichszahlungen für wirtschaftliche Schäden infolge der Wiedervernässung und Beihilfen für die Schaffung von Paludikulturen. Wer sich innerhalb eines Jahres für den Zuschuss entscheidet, kann einen Bonus von 20 % erhalten.

Die Förderrichtlinie Palu umfasst vier zentrale Module:

1. Beratung zur Wiedervernässung und Nutzung

a) Zuschuss: 100 %

b) Mindestgröße: ab 5 ha

2. Planung und technische Umsetzung der Wiedervernässung

a) Zuschuss: 100 %

b) für Eigentümer, Verbände und Gebietskörperschaften

c) Mindestgröße: ab 5 ha

3. Kompensation von Wert- und Ertragsverlusten

a) Zuschusshöhe nach Kompensationsrechner

b) Mindestgröße: ab 50 m² je Flurstück

4. Umstellung auf angepasste Bewirtschaftung/Paludikultur

a) Zuschuss: 80 % beziehungsweise 70 % (je nach Vernässungsstufe)

b) für Bewirtschafter, Unternehmen, Lohnunternehmen und Maschinenringe

Leuchtturmregionen

Für große, zusammenhängende Moorgebiete besteht die Möglichkeit einer Förderung als Leuchtturmregion. Hier werden auch die Bundesländer mit eingebunden.

modulübergreifende Förderung ab 5.000 ha

Umsetzung verschiedener Maßnahmen parallel

maximale Laufzeit: 13 Jahre

Abwicklung der Förderung

Die Förderung der Leuchtturmregionen soll voraussichtlich im Mai mit der Einreichung von Skizzen als Erstes starten.

Zu jedem Modul wird es seitens der Landwirtschaftlichen Rentenbank Förderaufrufe geben, für die Module 1 und 2 werden Interessenbekundungen durchgeführt, während das Modul 3 in einem offenen Verfahren abgewickelt werden soll. Als Startziel gibt die Rentenbank dieses Jahr an, es sind aber noch keine festen Zeitpunkte definiert.

Der Deutsche Bauernverband plant zusammen mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank ein Online-Seminar für Flächeneigentümer und Flächenbewirtschafter, voraussichtlich wird es am 6. Mai stattfinden.

Informationen zur Förderrichtlinie Palu sind auf der Internetseite der Landwirtschaftlichen Rentenbank unter dem Reiter „Zuschussprogramme – BMUKN: Moorwiedervernässung“ verfügbar.

Eine erfolgreiche Bekämpfung ist schwierig

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Im Frühjahr 2025 kam es zu einem außergewöhnlich starken Auftreten des Kohlschotenrüsslers, größere Schäden blieben jedoch aus. ­Kohlschotenrüssler und Kohlschotenmücke treten nicht jedes Jahr in großem Umfang auf, da sonst bestehende Bekämpfungslücken ­stärker sichtbar würden. Besonders für den Zuflug der Kohlschoten­mücke ist die Witterung der ­entscheidende Faktor.

Kohlschotenrüssler und Kohlschotenmücke waren lange Zeit unzertrennlich, jedenfalls ist das so in älteren Veröffentlichungen nachzulesen. Tatsächlich können beide Arten jedoch unabhängig voneinander auftreten. Zwar erleichtern die Eiablage-Löcher des Kohlschotenrüsslers in den Schoten die Eiablage der Mücke, aber das schafft sie, solange das Schotengewebe noch weich ist, auch ganz gut allein. Jahre mit stärkerem Auftreten der Mücke und damit verbundenen Schotenschäden ohne das Zutun des Rüsslers zeigen dies.

Biologie und Schadwirkung

Der Kohlschotenrüssler legt pro Schote ein Ei ab, und seine Larve frisst nur drei bis fünf Samenkörner, sodass das Schadpotenzial erst bei stärkerem Befall relevant wird. Der Kohlschotenrüssler fällt durch seine Größe in einem blühenden Raps durchaus optisch ins Auge, aber die genaue Zahl der Käfer lässt sich nur schwer feststellen, da sie sich bei Bewegungen im Bestand sehr schnell fallen lassen.

Die Pyrethroid-Resistenz der Kohlschotenrüssler ist mittlerweile weit verbreitet. Dabei macht es keinen Unterschied, ob Typ-I- (Mavrik Vita/Evure) oder Typ-II-Pyrethroide (zum Beispiel Karate Zeon) verwendet werden. Historisch gesehen ist dies leicht erklärbar. Ein zeitlich frühes Auftreten des Kohlschotenrüsslers bedeutet zwangsläufig auch einen unfreiwilligen Pyrethroid-Einfluss aufgrund der bis dato durchgeführten Stängelrüssler- beziehungsweise Rapsglanzkäferbehandlungen. Mit zunehmender Anwendungshäufigkeit steigen Selektionsdruck und damit auch Resistenzgefahr. Zusätzlich war in der Vergangenheit die Blütenbehandlung eine kombinierte Maßnahme aus Fungizid und Insektizid, begünstigt durch praktische Packlösungen.

Die Kohlschotenmücke in der typischen Ansitzhaltung zur Eiablage
An dieser Pflanze sind einzelne Schoten von der Kohlschotenmücke betroffen.
Aufhellungen an der Schote deuten auf Larven der Kohlschotenmücke hin. Diese saugen an der Innenwand der Schote, Körner werden kaum ausgebildet.

Nach mehreren Jahren mit durchaus stärkerem Auftreten der Kohlschotenmücke war in den letzten Jahren, mit Ausnahme einzelner Schläge im südlichen Dienstgebiet Schleswig-Holsteins, ein etwas geringerer Zuflug zu beobachten. Nur ganz selten wurde im Nachhinein von größeren Schäden und nachfolgenden Ertragseinbußen berichtet. Die Kohlschotenmücke kann ein oder zwei Jahre auf ehemaligen Befallsflächen im Boden als Kokon überdauern. Für den Schlupf benötigt sie feuchten Boden und fliegt erst bei warmem, windstillem Wetter in die Rapsbestände ein. Je näher der aktuelle Raps an solchen Überdauerungsflächen liegt, umso größer ist die Gefahr. Die Zuflugsbedingungen sind vorhersagbar, welche tatsächliche Befallstärke daraus resultiert, aber nicht. Der Zuflug kann auch nur einige Stunden andauern, dafür aber in mehreren Wellen (Generationen) erfolgen. Die Schlagränder sind am stärksten betroffen, da die Mücke nur selten weit in die Fläche vordringt. Das Schadpotenzial der Mücke ist deutlich höher als beim Rüssler, da pro Schote mehrere Eier abgelegt werden können. Die sich im Inneren entwickelnden Larven saugen an der Innenwand der Schote und der Körner, was häufig zum Totalausfall der gesamten Schote führt.

Bedeutung der Nützlinge

Nützliche Insekten tragen zur Bekämpfung von Rapsschädlingen bei. Bodenräuber, wie räuberische Laufkäfer, Kurzflügler und Spinnen, ernähren sich von zur Verpuppung abwandernden Larven. In der Blüte sind Schlupfwespen-Arten (Tersilochus ssp., Phradis ssp.) aktiv, die die Larven des Rapsglanzkäfers besiedeln und dort ihrerseits ihre Eier ablegen. Hier haben Insektizidspritzungen direkten Einfluss auf die Population der Schlupfwespen. Mavrik Vita/Evure würde diese Schlupfwespen teilweise schonen, andere Pyrethroide aber nicht.

Bienenschutz ist oberstes Gebot – blühender Raps, Honigbienen und Imkerei prägen die Landschaft Schleswig-Holsteins.

Bekämpfungsstrategie

Eine zuverlässige Bekämpfung beider Schädlinge ist nicht mehr möglich. Die zugelassenen Pyrethroide wirken auf Kohlschotenrüssler aufgrund der Pyrethroid-Resistenz (kdr) nur noch sehr eingeschränkt. Eine genaue Vorhersage, auf welchen Flächen mit welcher Intensität die Pyrethroid-Resistenz auftritt, ist nicht möglich. Gegen die Kohlschotenmücke sind die Pyrethroide zwar theoretisch voll wirksam, allerdings stellt sich die Frage nach dem praktischen Erfolg der Kontaktmittel. Es drängt sich zum einen die Frage auf, inwieweit die Kohlschotenmücke möglichst viel Wirkstoff aufnehmen kann. Zum anderen sind die mehreren Zuflugswellen problematisch. Da die Mücke nur bei warmem, windstillem Wetter fliegt, kann der Zuflug auch phasenweise über nur wenige Stunden erfolgen. Dann ist eine optimale Terminierung der Behandlung unmöglich. Versuchsergebnisse aus vergangenen Jahren haben den Pyrethroiden nur geringe Wirkungsgrade beschieden. Zusätzlich hat ein Pyrethroid-Einsatz negative Auswirkungen auf die die Rapsglanzkäfer parasitierenden Schlupfwespen. Eine gewisse Ausnahme bietet Mavrik Vita/Evure (Pyrethroid Typ I), das einige Schlupfwespen-Arten schont.

So gesehen besteht bei starkem Zuflug zur Schadensbegrenzung die einzige vertretbare Möglichkeit im Einsatz von Mavrik Vita/Evure als Randbehandlung zum Hauptzuflug der Mücke.

Pyrethroid-Typ-II-Produkte (Karate Zeon und Co.) werden nicht empfohlen. Aufgrund der NT-Auflage ergibt es besonders in kleinräumigen Strukturen keinerlei Sinn, da 5 m Abstand zu Wäldern und Saumstrukturen, die breiter sind als 3 m, eingehalten werden müssen. Andere Produkte haben keine Zulassung. Mospilan SG/Danjiri als Neonicotinoid darf nur gegen Rapsglanzkäfer bis zum Stadium 59 eingesetzt werden.

Im Zeitraum der Blüte findet auch die Begattung der Rapsglanzkäfer statt. Schlupfwespen parasitieren die Larven
der Rapsglanzkäfer und nehmen so auf natürliche Weise Einfluss auf die Population der Tiere – vorausgesetzt, sie
werden nicht durch Pyrethroide in Mitleidenschaft gezogen.

Fazit

Das Schadpotenzial der Kohlschotenmücke ist stark abhängig von den jährlichen Bedingungen – Lage der Fläche und Witterung. Kleinräumige Strukturen, aktuelle Rapsschläge in der Nähe zu Flächen mit Vorjahresbefall sowie günstige Schlupf- und Zuflugsbedingungen sind dafür ausschlaggebend. Da die Mücke erst in die Bestände einfliegen muss und dabei keine weiten Strecken zurücklegt, sind klein strukturierte Schläge besonders stark gefährdet. Bei großen, windoffenen Flächen beschränkt sich die Gefährdung auf die Randbereiche. Mit Wegfall von Wirkstoffen und weiterer Zunahme von Resistenzen treten Bekämpfungslücken zutage. Tritt der selten gewordene Fall ein, dass Rüssler und Mücke in bekämpfungswürdigem Umfang zum Zeitpunkt der Blüte auftreten, ist der Bienenschutz dringend zu berücksichtigen.

Folgen der Blauzungenkrankheit weiter spürbar

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Die Blauzungenkrankheit (BT) hat im Herbst 2024 zahlreiche Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein stark belastet – und ihre Folgen sind bis heute spürbar. Auswertungen des Landeskontrollverbandes (LKV) sowie Daten einer größeren Tierarztpraxis im nördlichen Schleswig-Holstein geben auf Basis der Milchleistungsprüfung und praxisnaher Beobachtungen Einblicke in die Auswirkungen auf Tiergesundheit, Leistung und Arbeitswirtschaft. Der Zusammenhang mit der Blauzungeninfektion wurde dabei überwiegend aus dem zeitlichen Auftreten abgeleitet.

In der öffentlichen Diskussion wird häufig pauschal von „der“ Blauzungenkrankheit gesprochen. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren verschiedene Serotypen aufgetreten:

BTV-8 wurde bereits 2007/2008 in Deutschland nachgewiesen und zeigte damals teils deutliche klinische Symptome. In Schleswig-Holstein verlief die Erkrankung vergleichsweise mild.

BTV-3 wurde Ende 2023 zunächst in den Niederlanden festgestellt und breitete sich 2024 rasch über Nordrhein-Westfalen in ganz Deutschland aus. Bei Rindern verläuft die Erkrankung meist weniger dramatisch als bei Schafen, dennoch treten typische Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit und Atemwegserkrankungen auf.

BTV-12 wurde 2024 in den Niederlanden nachgewiesen, bislang jedoch ohne weitere Verbreitung.

Nach der dynamischen Ausbreitung von BTV-3 im Jahr 2024 mit teils schweren Verläufen und erheblichen Tierverlusten hat sich die Situation im Jahr 2025 durch natürliche Durchseuchung und umfangreiche Impfmaßnahmen deutlich entspannt. Im aktuellen Gnitzenjahr 2025/2026 (bis Ende April 2026) werden weiterhin einzelne Ausbrüche registriert, jedoch auf deutlich niedrigerem Niveau.

In Schleswig-Holstein wurden 2024 insgesamt 2.212 Fälle beim Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) gemeldet, im Jahr 2025 hingegen nur noch 245. Auffällig ist die stärkere Betroffenheit der nördlichen Kreise (Abbildung 1). Trotz rückläufiger Fallzahlen wirken die Folgen der starken Ausbreitung im Jahr 2024 bis heute nach und betreffen nahezu alle Produktionsbereiche.

Milchleistung stark gesunken

Mit dem Auftreten der ersten Seuchennachweise Anfang August 2024 kam es zu einem deutlichen Einbruch der Milchleistung. Nach zuvor sehr guten Leistungen von durchschnittlich rund 31 kg Milch pro Kuh und Prüftag (Mai bis Juli) sank die Leistung im August unter 30 kg und im September auf etwa 29 kg.

Im Durchschnitt aller Kühe in der Milchleistungsprüfung ergibt sich ein Rückgang von rund 2 kg Milch je Kuh und Tag (Abbildung 2). In besonders stark betroffenen Regionen lag der Rückgang sogar bei über 2,5 kg. Die Inhaltsstoffe Fett und Eiweiß folgten weiterhin dem üblichen saisonalen Verlauf.

Im Prüfjahr 2025 stabilisierte sich die Milchleistung wieder, da ein erneuter Einbruch im Spätsommer ausblieb.

Eutergesundheit weitgehend stabil

Die Auswirkungen auf die Eutergesundheit waren weniger eindeutig. Die Zellzahlen stiegen wie saisonal üblich in den Sommermonaten an. Im Jahr 2024 zog sich dieser Anstieg bis in den September, während in anderen Jahren bereits wieder ein Rückgang zu verzeichnen ist. Die Auswertung der in der Tierarztpraxis eingesetzten Eutermedikamente zeigte keinen klaren Anstieg im Zusammenhang mit der Blauzungenkrankheit. Die Entwicklung war stark betriebsspezifisch. Dennoch ist bekannt, dass Infektionen als Stressfaktor indirekt negative Effekte auf die Eutergesundheit haben können.

Mehr Erkrankungen und Klauenprobleme

In der tierärztlichen Praxis zeigte sich im Spätsommer 2024 ein deutlich erhöhtes Krankheitsaufkommen, was sich unter anderem in einem gestiegenen Medikamenteneinsatz widerspiegelte. Am Beispiel der eingesetzten Schmerzmittel (Abbildung 3) wird im Zeitraum des Ausbruchs eine teils bis zur Verdopplung reichende Steigerung deutlich. Neben Allgemeinsymptomen traten vermehrt Atemwegserkrankungen auf. Gerade in der Phase nach den ersten klinischen Anzeichen kam es zu einer Häufung behandlungsbedürftiger Tiere.

Erfahrungsberichte von Tierärzten und staatlich geprüften Klauenpflegern zeigen, dass die Klauengesundheit besonders stark betroffen war. Beobachtet wurden vermehrt diffuse Sohlenblutungen sowie ein gehäuftes Auftreten von Dermatitis interdigitalis und Mortellaro (DD). Auf einigen Betrieben entwickelten sich routinemäßige Klauenpflege-Termine zeitweise zu reinen Behandlungseinsätzen.

Fruchtbarkeit deutlich beeinträchtigt

Die Blauzungeninfektion wirkte sich deutlich auf die Fruchtbarkeit aus. Beobachtet wurden schwächere Brunstsymptome, reduzierte Konzeptionsraten sowie frühembryonale Verluste und Aborte. Als Ursachen gelten:

Fieber (Störung der Follikelreifung)

Gefäßschäden (Beeinträchtigung der uterinen Durchblutung)

hormonelle Dysregulation durch Entzündungsprozesse und Stress

Die Folgen zeigen sich in verlängerten Zwischenkalbezeiten und einer verzögerten Reproduktion. Besonders deutlich wurde dies in einer geringeren Zahl an Kal­bungen in der ersten Jahreshälfte 2025, insbesondere zwischen April und Juni (Abbildung 4). Die durchschnittliche Zwischenkalbezeit lag 2025 über dem Vorjahresniveau. Dabei ist jedoch auch ein Managementeffekt zu berücksichtigen, da der Trend zu längeren Zwischenkalbezeiten im Zuge verlängerter freiwilliger Wartezeiten bereits länger besteht.

Auch bundesweit lassen sich Effekte erkennen: Laut Bundesverband Rind und Schwein (BRS) blieb der übliche Rückgang der Kuhzahlen zum Stichtag 30. September nahezu aus (−0,3 % gegenüber −3,3 % im Vorjahr). Gleichzeitig sank die durchschnittlich geprüfte Kuhzahl um 2,5 %. Dies deutet darauf hin, dass viele Milchviehhalter den Abgang einzelner Kühe erst zeitversetzt durch frisch abgekalbte Färsen ausgleichen konnten, da diese offenbar nicht in dem Zeitraum abgekalbt haben, der für einen unmittelbaren Bestandsausgleich erforderlich gewesen wäre.

Bei Kälbern wurden nach der Akutphase vereinzelt Frühgeburten sowie lebensschwache Tiere beobachtet. In Einzelfällen traten schwere Missbildungen wie Blindheit oder das teilweise Fehlen des Großhirns auf.

Arbeitsbelastung steigt

Ein deutlicher Anstieg der direkten Tierverluste ließ sich in den Auswertungen nicht feststellen. Allerdings nahmen die Abgangsgründe Unfruchtbarkeit, Klauenerkrankungen und sonstige Ursachen im Vergleich zum Vorjahr zu. Neben direkten Tierverlusten belastete vor allem der zusätzliche Arbeitsaufwand die Betriebe. Die Betreuungszeit pro Tier stieg deutlich, ebenso die Medikamenten- und Materialkosten.

Ausblick 2026: Impfung zentral

Mit Blick auf das Jahr 2026 stellt sich für viele Betriebe erneut die Frage nach der Impfstrategie. Die fachliche Empfehlung ist klar: Impfung, insbesondere gegen BTV-3. Empfohlen wird, alle Tiere mit geplanter Besamung einzubeziehen sowie bereits geimpfte Tiere konsequent nachzuimpfen.

Zudem weist das Friedrich-Loeffler-Institut auf einen neuen genetisch differenzierten BTV-8-Stamm (BTV-8 FRA2023) hin, der sich bereits von Südfrankreich über mehrere Länder bis nach Süddeutschland ausgebreitet hat. Eine weitere Ausbreitung nach Norden im Verlauf des Jahres 2026 ist wahrscheinlich, Zeitpunkt und Ausmaß sind jedoch derzeit nicht abschätzbar. Eine Gefährdung der Wiederkäuerpopulation kann nicht ausgeschlossen werden.

Fazit

Die Blauzungeninfektionen im Herbst 2024 hatten auch in Schleswig-Holstein erhebliche Auswirkungen. Während die akuten Krankheitsverläufe bei Rindern häufig moderat erschienen, waren die indirekten Folgen deutlich:

spürbare Leistungseinbußen

Fruchtbarkeitsstörungen

zunehmende Klauenerkrankungen

erheblicher Mehraufwand in der Bestandsbetreuung

Die Erfahrungen zeigen, dass die Blauzungenkrankheit weit über das akute Krankheitsgeschehen hinausgeht und erhebliche betriebswirtschaftliche Konsequenzen haben kann. Eine konsequente Impfstrategie und eine enge tierärztliche Begleitung bleiben daher zentrale Bausteine für ein stabiles Herdenmanagement.

Der Ertrag als zentraler Parameter

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Stickstoffeinträge in das Grundwasser sowie Phosphoreinträge in Fließ- und Oberflächengewässer aus der Landwirtschaft stellen in Schleswig-Holstein ein anhaltendes Problem dar und verdeutlichen den fortbestehenden Handlungsbedarf. Bei der Grünlandbewirtschaftung von Milchviehbetrieben gibt es oftmals Potenziale zur Steigerung der Nährstoffeffizienz. Ein entscheidender Faktor hierfür ist die Kenntnis über die tatsächlich realisierten Erträge.

Für eine bedarfsangepasste Nährstoffzufuhr und die Ermittlung realistischer Flächenbilanzen ist die exakte Bezifferung der Nährstoffabfuhr von der Fläche erforderlich. Diese als Ernteertrag bezeichnete Menge resultiert aus dem Bruttoertrag der Fläche abzüglich der Feldverluste. In der Beratung der norddeutschen Landwirtschaftskammern werden zur Schätzung der Grünlanderträge zumeist Verfahren wie das Vermessen von Einlagerungsmengen, Handschnittmethoden oder Rückrechnungen über die Futteraufnahme herangezogen. Diese Methoden bieten zwar Richtwerte, sind jedoch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Von den Versuchsstationen der Kammern liegen diverse Ertragsdaten aus Exaktversuchen vor, die jedoch unter idealisierten Bedingungen entstehen, da praxisübliche Einflüsse wie etwa Bodenverdichtung durch Überfahrten oder höhere Futterverluste ausbleiben. Ernteertragsdaten aus der Praxis auf Schlagebene sind hingegen bislang nur in sehr geringem Umfang verfügbar.

Ist auf dem Betrieb oder in der Nachbarschaft eine Biogasanlage, findet sich häufig eine Fuhrwerkswaage. Hier muss das Gespann halten, damit das Gewicht erfasst werden kann. Teilweise werden die Einzelgewichte automatisch gespeichert, alternativ können die Daten mithilfe einer großen Anzeige auch direkt von der fahrenden Person notiert werden.
Wenn für die Ertragserhebung keine Fuhrwerkswaage genutzt werden konnte, wurden die Erntemengen mit einer mobilen Achslastwaage erfasst. Diese lässt sich leicht in den Ernteablauf integrieren und einfach während der Überfahrt verwenden. Dabei ist es wichtig, dass die Geschwindigkeit langsam und gleichmäßig gehalten wird. 

Erfassung von Praxiserträgen im Grünland

Daher war es Ziel einer fünfjährigen Untersuchung, die Ernteerträge auf intensiv genutzten Grünlandschlägen in Norddeutschland systematisch zu erfassen. Im Rahmen der Projekte der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) „Nährstoffmanagement im Grünland“ und „Flächenkonzepte Grünland“ (www.eip-agrar-sh.de) wurden sechs intensiv wirtschaftende Milchviehbetriebe anhand ihrer räumlichen Lage ausgewählt, um für die relevanten Naturräume im Land annähernd repräsentative Ertragsdaten zu ermitteln. 

Die Untersuchungen wurden von 2016 bis 2020 auf jeweils zwei Dauergrünlandflächen je Milchviehbetrieb durchgeführt. Die Standortdaten sowie die Ergebnisse sind in der Tabelle dargestellt.

Die Niederschläge liegen im Durchschnitt der Standorte im langjährigen Mittel (1991 bis 2020) bei 854,0 mm (DWD, 2026). In den fünf Untersuchungsjahren betrug der Mittelwert 842,2 mm, wobei eine sehr hohe jährliche Variabilität festgestellt wurde (zum Beispiel 2018: Wilstermarsch 539,1 mm; 2017: Bredstedt-Husumer Geest 1.144,7 mm). Die Lufttemperatur lag im langjährigen Mittel (1991 bis 2020) zwischen 8,9 und 9,4 °C und war in den Untersuchungsjahren mit durchschnittlich 9,9 °C leicht erhöht (DWD, 2026).

Die untersuchten Flächen wurden vorwiegend für reine Schnittnutzung und in einem Fall als Mähweide genutzt. Die durchschnittliche Schlaggröße belief sich auf 3,25 ha und schwankte zwischen 1,92 und 7,00 ha. Die Flächen wurden im Jahr zwei- bis fünfmal genutzt. Das Mittel lag bei 3,67 Nutzungen. Insgesamt wurden auf den zwölf Schlägen 209 Einzelertragswerte erfasst.

Auf allen Flächen wurde jedes Jahr unmittelbar vor dem ersten Schnitt eine Ertragsanteilschätzung nach Klapp und Stählin (Vogtländer und Voss, 1979) durchgeführt. Die Erträge wurden per Fuhrwerkswaage oder mobiler Achslastwaage erfasst. Dabei wurde das Leergewicht der Fahrzeuge mehrfach bestimmt und gemittelt, um eine möglichst präzise Erhebung der Erntemasse zu gewährleisten.

Für die Ermittlung der Futterqualität wurden für jeden Schlag und Schnitt während des Ernteprozesses beim Abladen vier Teilproben des Häckselgutes für eine Mischprobe gezogen. Die Analyse wurde an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Kiel per NIRS und die Energieberechnung nach Formeln der GfE (1998) durchgeführt. Darüber hinaus wurde die Trockensubstanz zur Ermittlung des Trockenmasseertrages bestimmt.

Grünland ist nicht gleich Grünland

Die vorliegenden Untersuchungen zeigen, dass die beteiligten Betriebe im Durchschnitt sehr hohe Trockenmasse-Ernteerträge und Energiedichten vom Grünlandland realisieren konnten. Allerdings wird auch deutlich, dass es große Schwankungen zwischen den erzielten Trockenmasseerträgen gibt. Innerhalb der Dreischnittnutzungen schwanken die Erträge zwischen den Flächen und Jahren von 75 dt TM/ha bis 135 dt TM/ha. Bei den Vierschnittnutzungen liegen sie zwischen 79 dt TM/ha und 147 dt TM/ha, und für die Fünfschnittnutzungen rangieren die Trockenmasseerträge zwischen 92 dt TM/ha und 171 dt TM/ha. Diese Spannweiten verdeutlichen, dass pauschale Schätzwerte für unterschiedliche Standorte nicht ausreichend belastbar sind.

Die Höhen der Rohprotein- und Phosphorgehalte im Erntegut weisen teilweise darauf hin, dass die Nährstoffzufuhr und die tatsächlich realisierte Nährstoffabfuhr nicht immer übereinstimmen. Daraus lassen sich potenzielle Nährstoffverluste ableiten. Weitere Möglichkeiten zur Ertragserfassung mittels Feldhäcksler und Abfahrwagen sowie die Relevanz der Kenntnis des realisierten Ertrages für den adäquaten Einsatz von Siliermitteln wurden bereits im Bauernblatt 15/2026 erläutert.

Fazit

Die enge Zusammenarbeit zwischen angewandter Forschung, Beratung und Praxis im Rahmen der Projekte verdeutlicht, dass eine Sensibilisierung für den Parameter Trockenmasseertrag und eine realistische Beurteilung der betriebseigenen Grünlanderträge dringend nötig sind. Nur dann ist es möglich, eine wirklich bedarfsgerechte Düngung durchzuführen, die tatsächlichen Nährstoffabfuhren von der Fläche zu ermitteln und Stickstoff- und Phosphorverluste zu reduzieren.

Zeitreise in 130 Fotos

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In 45 Jahren Pressefotografie kommen so einige Bilder und noch mehr Erlebnisse zusammen. So um die eine Million Fotos, schätzt der Hamburger Pressefotograf Andreas Laible. Zusammen mit seinen Kollegen Jürgen Joost und Ronald Sawatzki hat er das Kunststück vollbracht, aus diesen 45 Jahren Pressefotografie 130 Bilder für die Ausstellung in der Hauptverwaltung der Itzehoer Versicherungen in Itzehoe auszuwählen. Eindrucksvolle Porträts von Künstlern und Politikern, Stadtansichten Hamburgs, politische und geschichtliche Ereignisse, Konzerte, Theateraufführungen, Demos, jüdisches und muslimisches Alltagsleben, festgehalten mit der Kamera. Und allesamt erzählen sie eine Geschichte.

Andreas Laible (li.) und Ronald Sawatzki vor von ihnen fotografierten Porträts.
Foto: Iris Jaeger

Erstflug des Airbus A380 über Hamburg: Pressefotograf Andreas Laible sitzt in einem Hubschrauber, der bereits seit einer halben Stunde über dem Hamburger Hafen „steht“ und auf die Ankunft des Flugzeuges wartet. Der Hubschrauber-Pilot steht im ständigen Kontakt mit dem Tower, unsicher, ob seine Position geeignet ist oder sich die Luftverwirbelungen durch die Rotoren negativ auf den Airbus-Flug auswirken könnten. Plötzlich zieht das Flugzeug vorbei, Laible schafft es, im richtigen Moment den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Es entsteht eine einzigartige Aufnahme des A380 über dem Hafen.

Pressefotograf Jürgen Joost hat einen Termin mit Leonard Cohen im Hotel. Doch der kanadische Sänger und Schriftsteller liegt mit einer Erkältung im Bett und kann nicht kommen. Joost fragt nach, ob es nicht möglich wäre, ihn am Bett zu treffen. Es gelingt. Cohen setzt sich die Mütze auf und lässt sich im Bett sitzend fotografieren. Bei der HSV-Meisterfeier 1979 im Hamburger Volksparkstadion durchbrechen Fans den Zaun der Westkurve, es herrscht ein einziges Chaos. Es gibt zahlreiche Verletzte, Helfer kümmern sich um die zum Teil bewusstlosen Anhänger des Vereins. Joost wird mit seiner Kamera Zeitzeuge dieser Eskalation. Eines der Schwarz-Weiß-Fotos schafft es auf den Titel des Magazins „Stern“, allerdings koloriert und per Fotomontage nachbearbeitet, um es aggressiver wirken zu lassen.

Boris Füting setzt mit seiner akkuraten Hängung die Bilder perfekt in Szene. 
Foto: Iris Jaeger

Es sind diese und unzählige weitere Geschichten, die die drei renommierten Hamburger Fotografen bei ihrer Arbeit erlebten und die hinter den gezeigten Fotografien stecken. „Es ist wie eine Zeitreise durch die vergangenen Jahrzehnte“, fasst Ronald Sawatzki die Ausstellung zusammen. Bereits bei einer vorangegangenen Ausstellung habe man erlebt, wie beeindruckt die Besuchenden jedes Mal waren und beim Betrachten der Fotos in Erinnerungen schwelgten. „Geld damit zu verdienen ist das eine. Aber uns ist es wichtig, diesen Nachlass der vergangenen 45 Jahre allen zugänglich zu machen, denn wie in allen Bereichen der Kunst haben Menschen ein Anrecht darauf, das hier zu sehen“, so Sawatzki. Und so erzählen die Fotos von bewegenden Ereignissen, leisen Momenten und großen gesellschaftlichen Umbrüchen.

Sie zeigen Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben auch einmal in unerwarteten Momenten: zum Beispiel einen meist hanseatisch steif wirkenden Helmut Schmidt, herzhaft lachend mit seiner Frau Loki, einen verschmitzt lächelnden Olaf Scholz. Ein Wiedersehen gibt es mit Jan Fedder, Harald Junke oder Götz George. Udo Lindenberg wird zu seinem 80. Geburtstag eine Hommage gewidmet, in großformatigen Porträts sind internationale Stars wie Clint Eastwood, Morgan Freeman oder John Malkowich zu sehen. Erinnert wird an Ereignisse wie den G20-Gipfel in Hamurg, den bereits genannten Airbus-Erstflug oder die besagte Meisterfeier des HSV. Ergänzt wird der Bilderreigen durch Konzertfotos von beispielsweise Bruce Springsteen, Carlos Santana, Tokio Hotel oder Peter Maffay. Wer sich auf diese fotografische Reise begeben will, kann das während der regulären Öffnungszeiten der Itzehoer Versicherungen montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr tun. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist ab dem 24. April bis Februar 2027 zu sehen.

Jürgen Joost, Andreas Laible und Ronald Sawatzki zeigen an die 130 Pressefotos in den Räumen der Itzehoer Versicherungen in Itzehoe.
Foto: Romanus Fuhrmann

Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Andreas Laible
Foto: Jürgen Joost
Foto: Jürgen Joost
Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki

Foto: Ronald Sawatzki
Foto: Iris Jaeger


Theo entdeckt seine Welt mit Herz und Zauberstab

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Alexander Ramm aus Laboe im Kreis Plön ist Ehemann, Papa, Autor und Mensch mit Sehbehinderung. Seit vielen Jahren setzt er sich für Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit ein. Nun hat er das autobiografische Kinderbuch „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“ geschrieben. Es handelt von Mut, Freundschaft und dem Leben mit einer Sehbehinderung.

Als im vergangenen Jahr die ersten 200 druckfrischen Exemplare des Buches zu Hause eintrafen, war das ein ganz besonderer Moment, auch für Sohn Mats Fiete. Er war mächtig stolz auf seinen Papa und bat ihn als Erster um ein Exemplar samt Autogramm. „Danach stellte er im Kinderzimmer das Buch so aufs Regal, dass jeder das Titelbild sehen kann“, schmunzelt der 44-Jährige. In seinem Kinderbuch verarbeitet der gebürtige Niedersachse eigene Kindheitserfahrungen, webt in die Geschichten aber auch Hilfsmittel ein, die Kinder mit einer Beeinträchtigung des Sehens heute nutzen können. „Damals gab es etliche noch nicht. Ich musste vieles ohne Unterstützung bewältigen“, blickt der verrentete Informationskaufmann zurück.

Alexander Ramm orientiert sich mit einem Blindenstock, der ihm hilft, abtastend den Weg zu finden und Hindernisse zu erkennen, bevor er sie erreicht.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Vor uns liegt sein kunterbuntes Kinderbuch für Leser ab vier Jahren. Ein Hardcover mit hochwertiger Fadenbindung im DIN-A4-Format, die 28 Seiten aus reißfestem, dickem Papier. Die liebevoll gezeichneten Illustrationen in Aquarell stammen von Kunstmalerin Alexandra Eicks. Auf dem Einband ist der kleine Theo mit einem blauen Ranzen zu sehen, wie er fröhlich mit dem Blindenstock zur Schule geht. Weil es dem Autor wichtig ist, dass alle kleinen und großen Menschen auf ihre eigene Art die Geschichten des unerschrockenen Entdeckers erleben können, hat er sie durch barrierefreie Angebote ergänzt. Im Buch findet sich ein QR-Code, über den ein Hörbuch aufrufbar ist. Außerdem sind Theos Abenteuer in drei Versionen der Blindenschrift Braille verfügbar, in Anfänger-Braille, Vollschrift und Kurzschrift. Ein Video in Gebärdensprache befindet sich in der Produktion. Demnächst wird es gleichfalls eine plattdeutsche Fassung geben.

Im Buch, dessen erste Auflage er in Eigenregie mit Unterstützung von Spenden herausbrachte, geht es um den Jungen Theo, der mutig, neugierig und voller Ideen ist. „Doch Theo sieht die Welt anders als andere Kinder, denn er ist sehbehindert. Das hält ihn aber nicht davon ab, aufregende Abenteuer zu erleben. Mit seinem treuen Zauberstab, wie er seinen Blindenstock nennt, erkundet er neue Wege, meistert Herausforderungen und zeigt, dass wahre Stärke aus Freundschaft und Zusammenhalt kommt“, stellt Ramm den Inhalt seines Werkes vor. Die Leser könnten Theo und seine Freunde beispielsweise in einer magischen Nacht unter dem Sternenhimmel, beim Kicken oder in der Schule begleiten.

In seinem Buch erzählt der Autor über eigene Kindheitserfahrungen.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Zu Beginn in der Geschichte „Theo und das Schlüsselloch“ erklärt Theo seinen Spielkameraden, dass er die Welt ein wenig anders sieht. „Es ist, als würde ich durch ein kleines Schlüsselloch gucken. Ich kann nur das sehen, was direkt vor mir ist. Alles andere ist unsichtbar.“ Auch Ramm ergeht es so. Er wuchs mit seinen Eltern und zwei Brüdern in der niedersächsischen Gemeinde Salzhausen auf. Schon früh erhielt er die Diagnose Retinitis pigmentosa. „Das ist eine zunehmende Degeneration der Augennetzhaut, die zu einer Gesichtsfeldeinschränkung, einem Tunnelblick, einer Nachtblindheit und reduzierter Kontrastwahrnehmung führt“, informiert er. Auf dem linken Auge sehe er 10 %, auf dem rechten nur hell und dunkel. Dabei ändere diese Erkrankung nicht nur das Sehen, sondern auch die Orientierung, Sicherheit und Selbstständigkeit im Alltag. Damit die Leser sich das anschaulich vorstellen können, ist dem Buch eine spezielle Pappbrille beigelegt, die sein Sehen simuliert.

In Kindheit und früher Jugend war Ramm ein begeisterter und erfolgreicher Fußballer, bis er die lieb gewonnene Freizeitbeschäftigung aufgrund einer stärker werdenden Beeinträchtigung des Sehens aufgeben musste. Im Buch greift er das Thema in der Geschichte „Theo und der Fußball mit Freunden“ auf. Hier erfahren die Leser, dass es mit dem Schlüssellochblick gar nicht einfach ist, den Ball im Spiel nicht aus den Augen zu verlieren. Deshalb haben Theos Freunde die geniale Idee, einen Ball zu holen, der bei jeder Bewegung rasselt und klingelt, damit er weiter mitkicken kann.

In die autobiografischen Geschichten hat Ramm aus Freude, Spaß und Schalk kleine „Geheimnisse“ eingebaut, die den Lesern verborgen bleiben. „Der beste Freund von Theo heißt Mats. Ich habe ihm den Namen meines Sohnes gegeben“, verrät er. Auch weitere „Easter-Eggs“, wie er sie augenzwinkernd nennt, hat er in den Text einfließen lassen. „So gibt es eine Illustration von Theo mit seinen Eltern, die immer für ihn da sind. Sie sehen tatsächlich wie meine Eltern aus“, berichtet er lächelnd. Daneben sei das Geburtsdatum seines Sohnes in einem Bild versteckt.

Nach den Geschichten über Theo, die zeigen, dass jeder Teil eines Abenteuers sein kann, egal welche Hindernisse zu überwinden sind, schließt sich im Buch ein Sachteil an. Hier beantwortet der Autor kindgerecht Fragen wie: Was bedeutet es, sehbehindert oder blind zu sein? Zudem gibt es Informationen zum Blindenstock und Tipps für inklusive Spiele.

Nach der Buchveröffentlichung 2025 war Ramm sehr auf die Resonanz gespannt. Für ihn war es toll zu erleben, dass die Rückmeldungen der Leserschaft durchweg positiv und wertschätzend ausfielen. Schnell war die Erstauflage vergriffen. „Nachdem Kinderbuchverlage mein Manuskript zuvor abgelehnt hatten, war ich einen Moment doch unsicher, ob ich es wirklich wagen sollte, es auf eigene Faust herauszugeben“, gesteht er. Zum Glück ließ er sich nicht beirren, hatte für den geplanten Nachdruck seines Herzensprojekts sogar bald Größeres im Sinn. Wie wär’s, wenn er deutlich machte, dass das Buch mehr als eine Geschichte, nämlich Teil einer Bewegung sei? Kurzerhand gründete er im vergangenen Jahr mit sechs Mitstreitern den gemeinnützigen Verein InkluFusion.

Alexander Ramm mit Ehefrau Jasmin, die 2004 späterblindete, und Sohn Mats Fiete, der alles sehen kann
Foto: privat

Die offene Community ohne Mitgliedsbeitrag finanziert sich ausschließlich über Spenden und setzt sich bundesweit für gelebte Inklusion, Aufklärung und gegenseitiges Verständnis ein. „Wir glauben, jeder Mensch hat das Recht gesehen und verstanden zu werden, mit allen Stärken, Eigenheiten und Besonderheiten. Mit Projekten wie ‚Theo und der Zauberstab‘ möchten wir Kindern und Erwachsenen Mut machen, Barrieren zu erkennen und gemeinsam abzubauen“, bringt er es auf den Punkt. So wurde die zweite Auflage über den Verein realisiert. Der Verkaufserlös kommt seiner ehrenamtlichen Arbeit im vollen Umfang zugute. Seit Herausgabe des Buches ist Ramm auf Lesetour. Er besucht Kindergärten, Grundschulen und war beim bundesweiten Vorlesetag dabei, um sich für Vielfalt in der Gesellschaft starkzumachen. Er will dafür schon die Kleinsten mit ins Boot holen, sie für gelebte Inklusion und Barrierefreiheit sensibilisieren. „Oft machen wir die Erfahrung, dass die Hürden für Menschen mit Behinderung nicht nur auf der Straße, sondern in den Köpfen der Mitmenschen entstehen“, gibt er zu bedenken.

Für die Zukunft kann er sich vorstellen, dass Theos Geschichten weitergehen, dass sein Protagonist älter wird und weitere, spannende Abenteuer erlebt. „Über die schreiben wir dann aber gemeinsam, Papa“, hat sein Sohn sich schon gewünscht.

Wenn man Alexander Ramm im Gespräch erlebt, springen der innere Funke, der ihn antreibt, seine Leidenschaft und sein Herzblut für die gute Sache sofort über. Wie er als Brückenbauer, Macher, Kämpfer und engagierter Mensch anpackt, sich einsetzt und Vorurteile abbaut, ist vorbildhaft. Noch viel mehr könnte über ihn und sein bewegtes Leben erzählt werden, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Also sei an dieser Stelle auf Facebook verwiesen, wo er unter „Mehr als Blind“ regelmäßig postet. Bei Instagram ist er unter ­
@inklufusion_verein zu finden. „Auch mit meinen Einschränkungen bin ich ein aktiver und lebensfroher Mensch“, bekräftigt er zum Abschied.

Literatur

Alexander Ramm (Text), Alexandra Eicks (Illustrationen): „Theo und der Zauberstab – Geschichten eines unerschrockenen Entdeckers“, 15 €, kann per ­E-Mail bestellt werden unter post@in​klufusion.de, weitere Informationen finden sich auch unter
www.inklufusion.de

Die Qual mit Wolf und Wal

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Gleich zwei tierische Ereignisse im Norden boten zwischen Iran- und Ukraine-Krieg, dem Gezerre um die Straße von Hormus, explodierenden Energiepreisen und politischen Rändern im Aufschwung jüngst Anlass zum Staunen: Ein Wal war vor Timmendorfer Strand und später der Insel Poel gestrandet, und in Hamburg ist eine Frau durch einen seit Wochen im Stadtgebiet umherstreunenden Wolf verletzt worden.

Vor allem am gestrandeten Buckelwal kam man in Internet, Zeitung und Fernsehen nur schwer vorbei. Von einem „Drama an der Ostseeküste“ war da die Rede, Livestreams und -ticker sowie eine Berichterstattung, die ihresgleichen suchte, versorgten die Menschen mit Neuigkeiten rund um den zu allem Überfluss auf den Namen „Timmy“ getauften Wal. Ganz grün über den praktikablen Umgang mit „Timmy“ waren sich die Beteiligten vor Ort dabei jedoch selbst nicht. Viel ist gestritten und debattiert worden, wie mit dem Säugetier richtig umzugehen sei. Vor allem der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann polarisierte. Schnell wurden nach dem zunächst berechtigten Aktionismus Stimmen laut, das durch menschliche Einflüsse gezeichnete Tier in Ruhe sterben zu lassen.

Nicht weniger kurios war da der Fall des Wolfes, der in Hamburg eine Frau verletzte. Das Jungtier, das zuvor mehrfach in der Hansestadt gesichtet worden war, hatte sich in ein Altonaer Einkaufszentrum verirrt. Beim Versuch einer Passantin, das immer wieder gegen eine Glasscheibe laufende Tier aus der Einkaufsmeile herauszugeleiten, ist diese im Gesicht verletzt worden –  wie genau, ist bis heute nicht ganz klar. Die Fürsprecher des Wolfes sprachen schnell von Glassplittern, die die Frau beim Sturz im Gesicht verletzt hätten. Der Wolf selbst hingegen konnte es – natürlich – nicht gewesen sein. Das später aus der Binnenalster gezogene Tier wurde nach Aufenthalt in einer Wildtier- und Artenschutzstation am südlichen Stadtrand, an der Grenze zu Niedersachsen, mit einem Sender ausgestattet wieder ausgewildert. Warum dieser Wolf nicht entnommen, sondern wieder in die Freiheit entlassen wurde, ruft nicht nur beim jagdpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, Hauke Göttsch, Unverständnis hervor.

Eifrig ist für beide Tiere demonstriert worden, und Wal und Wolf zogen eine Aufmerksamkeit auf sich, von der andere – weniger populäre – Arten nur träumen können. Mit beiden wirbt es sich aber offenbar am besten, auch für hehre Ziele im Naturschutz. Ein „Like“ bei Instagram genügt, um sich für diese Individuen einzusetzen und zu zeigen, dass man zu den Guten gehört. Abseits des Smartphones kochten die Emotionen rund und um den Wal jedoch auch ganz handfest weiter hoch, es wurden etwa Polizeiabsperrungen durchbrochen und Strafanzeigen gegen Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus (SPD) gestellt. Gabriele Richter, Bürgermeisterin der Insel Poel, sprach von Morddrohungen einzelner Kritiker, die „den zuständigen Stellen ein vorsätzliches, kriminelles Handeln zum Nachteil des Wales“ vorwarfen, nachdem man sich entschieden hatte, weitere Maßnahmen zur Rettung des Schwergewichtes einzustellen. Man muss sich schon die Augen reiben, wenn Einzelne das wildtierische Leben offenbar über das menschliche stellen. Am Mittwoch voriger Woche gab es dann schließlich grünes Licht für einen weiteren Rettungsversuch, diesmal durch eine private Initiative. Das Wildtier wird zur Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Erwartungen.

Ob Isegrims Auftritt im Einkaufszentrum manch naturverbundenen Hanseaten zum Nachdenken bewegt hat? Zwischen Altbaustuck und Dielenboden wird dieses Ereignis, ähnlich wie das Schicksal des Wals „Timmy“, zwischen den Sorgen des Alltags schnell wieder ins Vergessen geraten – ebenso wie die Begeisterung für Wal und Wolf. Die wolfskritischen Stimmen dürften dabei einmal mehr als provinziell und übertrieben abgetan werden. So uneingeschränkt famos, wie viele die Rückkehr des Wolfes gern feiern, ist sie offensichtlich eben doch nicht. Schäfer, Landwirte und Bewohner des ländlichen Raumes wissen darum schon lange. Oft genug sind ihre Bedenken belächelt worden.

Lob von Bauern und Jägern

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat die Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdrecht, die nach dem Bundestag kürzlich auch der Bundesrat abgesegnet hat, als „gute Entscheidung für die Weidetierhaltung“ begrüßt. Auch vom Deutschen Jagdverband (DJV) und vom Deutschen Landkreistag kam Zustimmung. Der Förderverein der deutschen Schafhaltung zeigte sich hingegen enttäuscht, und Umweltschutzorganisationen lehnten die Neuregelung komplett ab.

Nach Einschätzung von DBV-Generalsekretärin Stefanie Sabet erhalte die Weidetierhaltung „erstmals einen praktikablen und bundesweiten Rahmen zur Regulierung des Wolfsbestandes“. Die vom Berufsstand seit Langem geforderte Gesetzesänderung sei ein Meilenstein in der Wolfspolitik und mache den Weg frei für ein realistisches Wolfsmanagement. „Jetzt brauchen wir eine schnelle Umsetzung in den Ländern, eine sofortige Anwendung der Schadwolfentnahme und eine unverzügliche Aufstellung von Managementplänen“, so Sabet. Zudem müssten die Länder die Weidegebiete abgrenzen, die nicht verhältnismäßig zäunbar seien und damit frei von Wölfen gehalten werden müssten.

Für die Aufstellung der Managementpläne fordert der DBV eine bundesweite Mindestentnahmequote von 40 % des jährlichen Nachwuchses, um eine generelle Regulierung zu ermöglichen. Besonders betroffene Bundesländer mit hohem Wolfsbestand sollten darüber hinausgehende Entnahmequoten festlegen.

Der Förderverein der deutschen Schafhaltung räumte ein, dass die Politik zwar einen Schritt in die richtige Richtung getan habe. Sie agiere aber zu zögernd. Zentrale Hürden bleiben aus Vereinssicht bestehen. Insbesondere die weiterhin engen rechtlichen Vorgaben, die Abhängigkeit von komplizierten Managementplänen und die unklare Definition des günstigen Erhaltungszustands verhinderten eine wirksame und schnelle Entlastung der Weidetierhaltung.

Monitoring verbessern

Der DJV wertete die Entscheidung als ein „Signal für verantwortungsvolle Wildtierpolitik und funktionierende Weidetierhaltung in Deutschland“. Auch wissensbasierte Vorschläge der Jägerschaft hätten zu einem guten Bundesjagdgesetz geführt. DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke sieht die künftigen Aufgaben der Jäger nicht nur in der Bejagung, sondern auch in der Information.

Der Deutsche Landkreistag sieht in der Aufnahme des Wolfes ins Jagdgesetz einen wichtigen Schritt zu mehr Rechtsklarheit und zu einem sachgerechteren Umgang mit dem Wolf. Jetzt gebe es einen Rechtsrahmen, der auch den berechtigten Interessen der ländlichen Räume gerecht werde. Wo Koexistenzprobleme zunähmen, müsse differenziert und ohne lange Verwaltungsverfahren gehandelt werden können. Für ein wirksames Wolfsmanagement brauche es darüber hinaus eine belastbare und valide Datengrundlage. Notwendig sei ein deutlich besseres Monitoring des Erhaltungszustands.

Vorwurf der Symbolpolitik

Der Deutsche Tierschutzbund konstatierte hingegen einen „schwarzen Tag für den Tier- und Artenschutz“. Die Eröffnung der Jagd auf den Wolf sei ein Symbol für eine tief populistische Kampagnenpolitik, die Lobbyinteressen über Wissenschaft, EU-Recht und im Grundgesetz verankerte Werte stelle. Durch eine pauschale Bejagung könnten Weidetierrisse aber nicht verhindert werden. Daher sei der Herdenschutz dringend weiterzufördern. Auch der World Wide Fund für Natur und der Naturschutzbund Deutschland sind davon überzeugt, dass die pauschale Jagd auf Wölfe das Ergebnis reiner Symbolpolitik sei und keine Sicherheit für Weidetiere schaffe.


„Der Wolf ist in der Großstadt angekommen“ – Kritik an Auswilderung im Süden Hamburgs

Hauke Göttsch, jagdpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Schleswig-Holstein, erklärte zum Wolfsangriff in Hamburg und der erfolgten Auswilderung: „Der Wolf ist mittlerweile in der Großstadt angekommen. Der Angriff auf eine Passantin mitten in der Hamburger Innenstadt hat gezeigt, dass der Wolf ein Kulturfolger ist und demzufolge auch vor urbanen und dicht besiedelten Gebieten nicht haltmacht. Das aggressiv-bissige Verhalten des Wolfes, das zu erheblichen Verletzungen geführt hat, zeigt, dass es sich beim Hamburger Wolf um einen Problemwolf handelt. Deshalb ist die Reaktion des Senats falsch und verantwortungslos.“ Die „übereilte Auswilderung“ in ein der Öffentlichkeit anfänglich unbekanntes Gebiet verschiebe das Problem in andere Bundesländer und gefährde dort die Sicherheit der Bevölkerung, so Göttsch.

Die mit Steuergeld finanzierte Überwachung des Wolfes löse das Problem nicht, da Wölfe mobil seien. Bereits jetzt gebe es eine nachgewiesene erhebliche Überpopulation in Deutschland. Allein in Sachsen-Anhalt betrage die offiziell bestätigte Wolfsdichte 16 Tiere auf 1.000 km²: „Das zeigt die Dimension des Problems. Wir sollten uns an bewährten Modellen wie in Schweden und Frankreich orientieren. Dort gilt eine Obergrenze von durchschnittlich maximal einem Wolf pro 1.000 km². Damit wird sowohl dem Schutz von Nutztieren, Menschen und Natur Rechnung getragen als auch die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht“, bekräftigte Göttsch.

Mit der Änderung des Bundesjagdgesetzes habe die CDU-geführte Bundesregierung dem Problem durch Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht Rechnung getragen. Problemwölfe könnten darüber hinaus schon länger entnommen werden. Umso unverständlicher sei, warum der Hamburger Problemwolf ausgewildert und nicht entnommen wurde. Durch diese Entscheidung werde mit der Sicherheit und dem Leben der Bevölkerung in Stadt und Land unnötig gespielt.