Häufig sind in ländlichen, strukturschwächeren Regionen Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für werdende Mütter und junge Familien dünner gesät oder schwerer erreichbar als in der Stadt. Deshalb gibt es im Kreis Rendsburg-Eckernförde im Rahmen der „Frühen Hilfen“ ein besonderes Angebot. Hier fahren Sylvia Gerdes und Sonja Pieper mit dem Baby-Mobil direkt dorthin, wo sie gebraucht werden.
Säuglingspuppe Mariechen liegt friedlich in ihrer Babyschale. Die Kleine ist ein unverzichtbares Utensil, wenn sich die Mitarbeiterinnen auf den Weg zu jungen Eltern machen. Können sie mit Mariechen doch wunderbar den „Fliegergriff“ oder eine Bauchmassage gegen kindliche Blähungen und Dreimonatskoliken zeigen.
Seit Ende 2021 ist das engagierte Team mit dem Baby-Mobil der Diakonie Rendsburg-Eckernförde im Auftrag des Kreises Rendsburg-Eckernförde von Damp bis Hohenwestedt und von Hanerau-Hademarschen bis Kronshagen unterwegs. „Wir unterstützen Frauen in der Schwangerschaft sowie Mütter und Väter in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder“, informiert Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Sylvia Gerdes. Ihre Kollegin Sonja Pieper, Sozialpädagogin und Traumapädagogin, ergänzt: „Wir geben Antworten auf Fragen rund ums Elternsein, zur kindlichen Entwicklung und Ernährung, zum Umgang mit Behörden und dem Stellen von Anträgen. Unser Angebot ist freiwillig, unbürokratisch, vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym.“
Den beiden ist es wichtig, Familien so früh wie möglich zu erreichen. Deshalb sind sie unermüdlich im Einsatz, um das Baby-Mobil noch bekannter zu machen. Möglichst viele auf dem Land sollen von seinem Angebot profitieren.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Die zwei erfahrenen Frauen wissen: Eine Familie zu gründen und den Alltag als Familie zu meistern, kann eine große Herausforderung sein. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Der kleine Erdenbürger schreit unentwegt, die Nachtruhe ist passé und der Haushalt bleibt liegen.
Die frischgebackenen Mütter und Väter spüren hautnah: Ein Kind kostet viel Kraft. Es ist daher normal, dass neben all dem Glück auch Fragen sowie kleine und große Sorgen im Raum stehen. „Mit diesen möchten wir Eltern nicht alleinlassen. Wir kommen, schenken ihnen ein offenes Ohr und sind für sie da“, stellen sie heraus. In manchen Fällen reiche es schon, den Eltern etwas mehr Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und mehr Sicherheit in ihrer Elternrolle zu geben. „Wir beobachten, dass Eltern sich teilweise durch Soziale Medien verunsichert fühlen. Diese zeigen oft ein verfälschtes Bild einer perfekten, immer glücklichen Familie, das es so in Wirklichkeit gar nicht geben kann. Dadurch fällt es Eltern im Umgang mit ihren Kindern manchmal schwerer, auf ihr eigenes Bauchgefühl zu vertrauen. Hier wollen wir die Familien in ihrer Beziehungs- und Erziehungskompetenz stärken“, erläutert Sylvia Gerdes. Außerdem sind die Mitarbeiterinnen bei schwierigen Ereignissen wie einer stillen Geburt, einem plötzlichen Kindstod oder bei einer nachgeburtlichen Depression für die Betroffenen da. Sie hören zu und vermitteln bei Bedarf an weitergehende Hilfen.
Daneben kommt das Baby-Mobil auf Anfrage ebenso in Arztpraxen, Kindertagesstätten, ländliche Familienzentren oder Beratungsstellen. Gleichfalls schauen Gerdes und Pieper regelmäßig in Eltern-Kind-Gruppen vorbei, um über das Gesamtpaket der „Frühen Hilfen“ zu informieren und Ansprechpartnerinnen für die Teilnehmenden zu sein. „Dabei ist uns keine Frage zu klein“, versichern sie. Eltern, die in ihrem Dorf keine Baby- oder Krabbelgruppe haben und eine aufbauen wollen, erhalten auf Wunsch Unterstützung von ihnen.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Das sympathische Duo ist in der Region bestens vernetzt. „Wir haben einen guten Überblick und können an entsprechende lokale Netzwerkpartner weiterleiten.“ Außerdem ist es bei örtlichen Infoabenden für werdende Eltern und Eltern präsent und gibt mit Hebammen oder der Schwangerenberatung nützliche Inputs zu verschiedenen Themen. Die Veranstaltungen werden vorher auch auf Instagram gepostet. Danach gefragt, welche Dinge den Eltern hauptsächlich auf der Seele brennen, müssen sie nicht lange überlegen. „Unzählige Fragen erreichen uns rund um den Schlaf des Kindes und zu Möglichkeiten der Entlastung im Familienalltag. Darüber hinaus liegen die Themen Trennung, Scheidung und Finanzen obenauf“, berichten sie. Eltern von heute wirkten häufig belastet. Gerade Mütter müssten einen Spagat zwischen Kinderversorgung und -erziehung, Haushalt und Berufstätigkeit meistern.
Ein hoher finanzieller Druck, die schnelle Rückkehr ins Berufsleben, Sorge um gute Betreuungsmöglichkeiten und fehlende Unterstützung durch das soziale Umfeld könnten für Druck in jungen Familien sorgen. In diesem Zusammenhang weist Sylvia Gerdes auf das Projekt „wellcome“ der Familienbildungsstätte der Diakonie im Kreis Rendsburg-Eckernförde hin, das auch an anderen Orten im Land angeboten wird. Familien, die sich für die erste Zeit nach der Geburt praktische Hilfen wünschen, erhalten diese durch Ehrenamtliche.
Wellcome hilft dort, wo Angehörige oder Freunde nicht zur Verfügung stehen. Ehrenamtliche unterstützen im ersten Lebensjahr zwei- bis dreimal in der Woche bei der Betreuung des Neugeborenen, bei der Geschwisterbetreuung oder erledigen kleine Einkäufe und Arbeiten im Haushalt. Außerdem sind sie vertrauensvolle Zuhörer bei Schwierigkeiten und Problemen. Ziel dieser Unterstützung ist es, dass das Eltern-Kind-Verhältnis nicht schon zu Beginn durch allzu viele Überforderungssituationen getrübt wird. Mehr Infos gibt es unter
www.wellcome-online.de Übrigens: Zurzeit werden im Kreis Rendsburg-Eckernförde weitere freiwillige Mitarbeitende für dieses Projekt gesucht.
Mit dem Baby-Mobil Fachkräfte anzusprechen, die beruflich mit werdenden Eltern und/oder Familien mit Kindern von null bis drei Jahren in Kontakt sind, ist ebenfalls ein Ziel. Sehen diese bei den begleiteten Familien einen Unterstützungsbedarf, können sie das Mobil einmalig oder regelmäßig anfordern.
Mit Empathie, Wertschätzung und Fachkompetenz sind Sylvia Gerdes und Sonja Pieper für „ihre“ Familien da. „Wenn mir nach einer Beratung eine junge Mutter später zurückmeldet, dass sie, seitdem ich da war, im Familienalltag viel entspannter sei, freut mich das. Es ist schön, wenn ich ihr durch unser Gespräch einen Weg weisen konnte“, sagt Gerdes. Ihre Kollegin freut sich besonders, wenn sie in Babygruppen zu Gast ist und sieht, wie „die kleinen Würmer“ neugierig in die Welt schauen und bei Spiel und Spaß Kontakt untereinander aufnehmen. „Diese Momente mit den Eltern zu teilen, macht mich froh.“
Zum Ende des Treffens geht es an diesem eiskalten Nachmittag für ein Foto nach draußen zum Baby-Mobil. Mariechen wird behutsam aus der Babyschale gehoben und bekommt noch schnell eine kuschelige Wollmütze aufs Köpfchen. „Wer Fragen hat oder Unterstützung braucht, kann sich jederzeit per Telefon, Kurznachrichtendienst Signal, SMS oder E-Mail bei uns melden“, ermuntern die Fachfrauen abschließend. Silke Bromm-Krieger
Kontakt
Sylvia Gerdes ist für den Süden des Kreises zuständig und unter Tel.: 0 162-3 93 31 02 zu erreichen oder per E-Mail an:
s.gerdes@diakonie-rd-eck.de
Sonja Pieper ist für den Norden des Kreises zuständig und unter Tel.: 0 173-5 48 90 32 zu erreichen oder per E-Mail an:
s.pieper@diakonie-rd-eck.de
Webseite: www.diakonie-rd-eck.de
www.instagram.com/diakonie_rendsburg_eckernforde
www.facebook.com/ DiakonieRDECK
Frühe Hilfen
Das Baby-Mobil im Kreis Rendsburg-Eckernförde ist ein Teil der „Frühen Hilfen“ in Schleswig-Holstein. Auch in anderen Städten, Kreisen und Kommunen gibt es „Frühe Hilfen“. Landesweit werden mit diesem Angebot Eltern ab der Schwangerschaft und Familien mit Kindern bis zu einem Alter von drei Jahren unterstützt. Ziel ist es, jedem Kind eine gesunde Entwicklung und ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen. Die vielfältigen Angebote sind niedrigschwellig, freiwillig, kostenlos und ohne Antrag zu erhalten. Mehr Infos und lokale Kontaktadressen gibt es unter www.elternsein.info




