Das Bundeskabinett hat in der vergangenen Woche die Novelle des EEG 2027 sowie das Netzanschlusspaket beschlossen. Der Bundesverband WindEnergie (BWE) warnt vor den Risiken für die Zukunft des Energiesystems und des Wirtschaftsstandorts.
Trotz breiter Vorschläge und Positionen aus der Praxis habe es seit den Leaks im Februar und dem Referentenentwurf kaum Änderungen der Gesetzentwürfe gegeben. Noch nie zuvor habe laut BWE die Bundesregierung den Sachverstand der Praxis so ignoriert wie mit dieser EEG-Novelle und dem Netzanschlusspaket. Der Verband teile den Anspruch, die Systemeffizienz zu steigern und die Systemkosten zu senken. Dies werde mit diesen Gesetzen jedoch nicht gelingen.
Der im Koalitionsvertrag angekündigte verlässliche Rahmen für den Ausbau Erneuerbarer Energien werde mit den geplanten Regelungen nicht geschaffen. Der BWE fordert deshalb im parlamentarischen Verfahren deutliche Nachbesserungen. Er kritisiert zudem, dass die breite Kritik zum Netzanschlusspaket ausgeblendet worden sei und das Gesetz nun wie ein Blockadeinstrument wirke.
Entwürfe stehen Koalitionsvertrag entgegen
„Deutschland braucht mehr Erneuerbaren Strom. Was wir stattdessen bekommen, sind weniger Ausbauperspektiven“, kritisiert BWE-Präsidentin Bärbel Heidebroek. Der Koalitionsvertrag bekennt sich zu einem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien als Grundlage für Wachstum, Versorgungssicherheit und bezahlbare Energie. „Die aktuellen Entwürfe für EEG und Netzpaket werden diesem Anspruch nicht gerecht. Sie gefährden die Zukunft unseres Energiesystems, den Wirtschaftsstandort Deutschland und unsere Klimaziele gleichermaßen“, erklärt Heidebroek.
Der BWE appelliert an Bundestag und Bundesrat, die Gesetzentwürfe im parlamentarischen Verfahren grundlegend nachzubessern. Es gelte, die Direktbelieferung für den industriellen Mittelstand aufzunehmen, Power-Purchase-Agreements (PPA) zu ermöglichen und die verbindliche Überbauung von Netzverknüpfungspunkten zu gewährleisten. Eine europarechtlich mögliche Ausgestaltung der Contracts for Difference (CfD) mit Marktwertkorridor und Wechselmöglichkeit zwischen CfD und PPA seien zur Umsetzung der Rechenzentrumsstrategie und der Chemieagenda der Bundesregierung nötig. Zusätzliche Bürokratie in Form komplexer Pachtenbegrenzung oder Zusatzregelungen bei der Kommunalabgabe widerspreche dem Anspruch der Bundesregierung, die Wirtschaft von Bürokratie zu entlasten. Massive Risiken entstünden durch das Netzanschlusspaket. Der Redispatch-Vorbehalt stelle ein klares Verhinderungsinstrument dar, sei europarechtlich unzulässig und werde zu Klagen führen. In Kombination mit der überstürzten Einführung einer bundesweiten Wirkleistungsbegrenzung werde dies zum Bumerang für Investitionen, so der BWE.
Die Bundesregierung begründet ihre Pläne damit, dass sie die Systemkosten senken und Energie bezahlbarer machen wolle. Tatsächlich bewirkten die vorgesehenen Eingriffe jedoch das Gegenteil: Sie gefährdeten laut BWE Investitionen in den kostengünstigen Ausbau Erneuerbarer Energien, hielten Abhängigkeiten von fossilen Importen aufrecht und trieben somit die Gesamtkosten des Energiesystems in die Höhe. Impulse für die Digitalisierung und den schnelleren Netzausbau fehlten ebenfalls. Freiheiten für einen marktlichen Ausbau seien nicht zu finden. Vorschläge des BWE und anderer, wie die Systemkosten gesenkt und Versorgungssicherheit und Investitionssicherheit gestärkt werden könnten, seien ignoriert worden. „Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie legt hier Gesetze vor, die das im Klimaschutzprogramm vereinbarte zusätzliche Ausschreibungsvolumen ins Leere laufen lassen. Was nun im Kabinett beschlossen wurde, ist ein Vertrauensbruch”, resümiert Heidebroek.
Auf Kritik folgt weitere Verschlechterung
Auch aus Sicht des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) stellt der Kabinettsbeschluss eine Verschlechterung gegenüber den schon kritisch bewerteten Referentenentwürfen dar. Die fachliche Expertise der Branche sei in einem sehr kurzen, intensiven Beteiligungsprozess zunächst angefordert, dann aber augenscheinlich ignoriert worden, so der BEE. Der Bundestag sei jetzt gefragt, deutliche Nachbesserungen vorzunehmen, um Arbeitsplätze und Wertschöpfung nicht zu gefährden.
BEE: Ausbauziele nicht mehr zu erreichen
Ursula Heinen-Esser, BEE-Präsidentin: „Die Erneuerbaren sichern Wertschöpfung vor Ort, mehr als 430.000 Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette, Investitionen von deutlich über 30 Mrd. € und wirken dämpfend auf die Energiepreise. Mit den beschlossenen Gesetzen in ihrer jetzigen Form sind nicht nur die Ausbauziele nicht mehr zu erreichen, sie laufen auch den erklärten Zielen des Koalitionsvertrages zuwider. Die Branche plädiert seit Jahren für ein zeitgemäßes, flexibles Energiesystem, das neue Geschäftsmodelle ebenso ermöglicht wie ein stärker marktorientiertes Wirtschaften. All das wird mit den nun vorliegenden Beschlüssen nicht erreicht.”
Aus Sicht des Fachverbands Biogas besteht ebenfalls Anpassungsbedarf: „Dieser Kabinettsentwurf setzt sichere, heimische Bioenergieleistung im Gigawattbereich aufs Spiel und bedeutet das Ende für zahlreiche Biogasanlagen. Dabei könnten allein durch die Flexibilisierung des Anlagenbestands bis 2030 12 GW gesicherte, flexible und Erneuerbare Leistung bereitgestellt werden. Dafür brauchen wir ein deutlich größeres Ausschreibungsvolumen, die Anhebung des Flexzuschlags und eine Verlängerung des Vergütungszeitraums”, so Horst Seide.
Auch die Solarenergie sieht ihre Interessen in besonderem Maße berührt. Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft, erklärt: „Wenn der Bundestag im Herbst nicht grundlegend nachbessert, drohen Umsatzeinbrüche in Milliardenhöhe, der Verlust Zehntausender Solarjobs und eine deutlich längere Abhängigkeit unserer Volkswirtschaft von immer teurer werdenden Energieimporten.“




