Start Blog Seite 4

Vorstellung der Kammer-Versuchsstandorte – Kastorf

0

Die Versuchsstation Kastorf wurde im Jahr 2008 ­gegründet. Durch die Angliederung des Pflanzenschutzdienstes des Amtes für ländliche Räume an die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein wurde für das südöstliche Dienstgebiet (HL, OD, RZ, SE) ein geeigneter Versuchsstandort gesucht und in Kastorf gefunden. Der Standort im Kreis Herzogtum Lauenburg zeichnet sich durch homogene Böden sowie eine gute Teilflächenstruktur aus. Die vorherrschende Bodenart ist sandiger Lehm (sL). Im Laufe der Jahre hat sich die Station Kastorf zu einer festen Größe im Feldversuchswesen der Landwirtschaftskammer entwickelt und etabliert.

Die Versuche, die an der Station durchgeführt werden, sind auf den Praxisflächen der hiesigen Landwirte angelegt. Dies ermöglicht eine flexible Anlageform der Versuche. Durch die Rotation innerhalb der Fruchtfolge werden negative Vorjahreseffekte (zum Beispiel Düngerparzellen oder Trennwege) vermieden. Insbesondere für die Fragestellungen im Bereich der Krankheiten werden in den Kulturen Weizen und Gerste je zwei bis drei anfällige Sorten mit praxisüblicher Technik von den Landwirten in der üblichen Fahrgassenweite für die Station ausgedrillt. In diesen Sortenstreifen werden im Frühjahr die Pflanzenschutzversuche für Fungizide und Wachstumsregler angelegt. Für spezielle Versuchsfragen wie die Ungras- und Unkrautbekämpfung, die Bekämpfung von Schadinsekten (Schwerpunkt Raps) und für Herbizidversuche im Mais nutzt die Versuchsstation gezielt Praxisflächen in der näheren Umgebung.

Aussaat 2025: Sommergetreide, Heck- (li.) und Frontansicht der Aussaattechnik von Staphyt

2.500 Versuchsparzellen

Auf der Versuchsstation Kastorf werden zirka 2.500 Versuchsparzellen in den Kulturen Weizen, Raps, Gerste, Sommergetreide, Ackerbohne, Roggen und Mais bearbeitet. Im Unterschied zu anderen Versuchsstationen der Landwirtschaftskammer ist die technische Ausstattung der Station begrenzt. Daher wird die Station in den Bereichen Aussaat und Ernte von der Firma Staphyt unterstützt, die direkt vor Ort ansässig ist. Die Bodenbearbeitung sowie sämtliche Begleitmaßnahmen im Bereich Düngung und Pflanzenschutz werden von den jeweiligen Landwirten übernommen, sofern die Versuchsfrage es zulässt. Für den Fall, dass dies nicht möglich ist, stehen der Station seit 2021 ein Schlepper und eine Anbauspritze zur Verfügung, um die Pflanzenschutzbegleitmaßnahmen durchzuführen. In der Ernte kann auf ein älteres Mähdreschermodell, einen Claas Dominator 38S, zurückgegriffen werden. Er wird zur Beerntung der Ränder der Kerndruschparzellen im Getreide genutzt.

Versuchsfragen rund um den Rapserdfloh

Pflanzenbauliche Fragestellungen betreffen die Landessortenversuche in Winterweizen, Winterraps (zuzüglich der Wertprüfung), Wintergerste, Sommergetreide und Ackerbohne. Produktionstechnische Versuche sind die Saatzeitversuche im sowie die Exaktversuche zur Düngung im Winterweizen. Im Pflanzenschutz werden Versuche zur biologischen Wirksamkeit und zur Kulturverträglichkeit von Pflanzenschutzmitteln gegenüber Pilzkrankheiten (Mittelvergleiche) durchgeführt. Diese Mittelvergleiche bilden die Grundlage für Strategieversuche, die die unterschiedlichen Krankheitsanfälligkeiten verschiedener Winterweizen- und Wintergerstensorten berücksichtigen. Eine weitere wichtige Komponente im Versuchsprogramm sind die Wachstumsreglerversuche. Als Hauptschwerpunkt haben sich die vergangenen Jahre die Versuchsfragen rund um den Rapserdfloh herauskristallisiert. Da die Versuche in der Durchführung sehr aufwendig sind, ist der Versuchsumfang insgesamt limitiert.

Der Drusch der Kernparzellen des Winterweizenversuchs erfolgte zur Ernte 2023 mit einem Drescher von Staphyt.
Im Jahr 2024 war der Parzellenmähdrescher von Staphyt auch in den Gerstenversuchen unterwegs.

Unser Team in Kastorf

Im Dezember 2017 übernahm Sebastian Schwarz die Leitung der Versuchsstation und kümmert sich schwerpunktmäßig um Koordination, Anlage und Durchführung der Versuche. Unterstützt wird er durch Birte Gladenbeck-Bober, die seit dem Jahr 2010 die Station begleitet. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt in den Bonituren der Pflanzenschutzversuche sowie der Diagnostik von Schaderregern. Für das Anbaujahr 2026 übernahm sie auch die Bonituren der pflanzenbaulichen Versuche. Als Sachbearbeiterin im Pflanzenschutz ist Lilli Stooß auf dem Standort für die Beratung und die Pflanzenschutzversuche zuständig. Als Referentin im Pflanzenschutz für die Region Südost ist Manja Landschreiber für die Station verantwortlich.

Wiederherstellungsplan auf dem Prüfstand

Der Bauernverband Schleswig-Holstein (BVSH) hat sich gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband (DBV) und den übrigen Landesbauernverbänden intensiv an der Online-Konsultation des Bundesumweltministeriums zum Nationalen Wiederherstellungsplan beteiligt. Bis Mitte des Jahres konnten Verbände, Behörden und Bürger ihre Stellungnahmen zum mehr als 1.100 Seiten starken Planentwurf einreichen. Ziel des Plans ist die nationale Umsetzung der europäischen Wiederherstellungsverordnung.

Der BVSH unterstützt ausdrücklich das Ziel, Artenvielfalt zu erhalten und Natur zu fördern. Gleichzeitig macht der Verband deutlich, dass Naturschutz in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft nur gemeinsam mit den Landbewirtschaftern gelingen kann. Die Stellungnahme fordert deshalb einen klaren Kurswechsel: weg von zusätzlichen ordnungsrechtlichen Vorgaben und hin zu freiwilligen, kooperativen Maßnahmen mit einer verlässlichen Finanzierung.

Aus Sicht des Berufsstandes verfolgt die Wiederherstellungsverordnung einen zu stark rückwärtsgewandten Ansatz. Historische Zustände von Lebensräumen ließen sich unter den Bedingungen des Klimawandels vielfach weder sinnvoll noch dauerhaft wiederherstellen. Stattdessen müsse Naturschutz an den heutigen Gegebenheiten ansetzen und die landwirtschaftliche Nutzung als Teil der Lösung begreifen.

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die fehlende Planungssicherheit. Nach Auffassung des Berufsstandes dürfen neue Wiederherstellungsmaßnahmen ausschließlich auf freiwilliger Basis erfolgen. Eigentumsrechte und Bewirtschaftungsfreiheit müssten gewahrt bleiben. Die Erfahrungen aus der Umsetzung der FFH-Richtlinie hätten gezeigt, dass aus zunächst freiwilligen Ansätzen häufig schrittweise verbindliche Auflagen entstanden seien. Ein solcher Vertrauensverlust dürfe sich nicht wiederholen.

Besonders kritisch bewertet der Verband die bislang unzureichende Finanzierung. Der Wiederherstellungsplan enthalte zahlreiche Maßnahmen und umfangreiche Flächenkulissen, lasse aber offen, wie diese langfristig finanziert werden sollen. Es werden deshalb zusätzliche Mittel außerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie ein verbindlicher finanzieller Ausgleich für alle Leistungen der Landbewirtschafter gefordert. Nach Berechnungen des DBV wären allein für kooperative Biodiversitätsmaßnahmen auf 5 bis 10 % der Landwirtschaftsfläche jährlich 1 bis 2 Mrd. € erforderlich.

Ein weiterer Schwerpunkt der Stellungnahme ist die Forderung nach einer vollständigen Bestandsaufnahme bereits vorhandener Naturschutzflächen. Schutzgebiete, Kompensationsflächen und bereits umgesetzte Naturschutzmaßnahmen müssten vollständig auf die Wiederherstellungsziele angerechnet werden. Vorrang solle die qualitative Aufwertung bestehender Naturschutzflächen haben, bevor weitere landwirtschaftliche Produktionsflächen in Anspruch genommen werden.

Auch zu den einzelnen Maßnahmen des Wiederherstellungsplans wird ausführlich Stellung genommen. So wird bei den geplanten Maßnahmen für FFH-Mähwiesen darauf hingewiesen, dass diese wertvollen Lebensräume erst durch jahrzehntelange landwirtschaftliche Nutzung entstanden seien und nur durch eine wirtschaftlich tragfähige Bewirtschaftung dauerhaft erhalten werden könnten. Zusätzliche Nutzungseinschränkungen würden insbesondere Vieh haltende Betriebe treffen und die ohnehin angespannte Flächenkonkurrenz weiter verschärfen. Gefordert werden daher Bestandsschutz, rechtssichere Kartierungen, attraktive Anreize statt reiner Entschädigungen sowie eine frühzeitige Beteiligung der betroffenen Landwirte.

Kritisch bewertet der Verband außerdem die vorgesehenen Programme zum Insektenschutz und zur Förderung von Bestäubern. Der Schutz der Artenvielfalt werde ausdrücklich unterstützt. Allerdings dürften bestehende freiwillige Agrarumweltmaßnahmen nicht durch immer neue ordnungsrechtliche Vorgaben verdrängt werden. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass der Rückgang von Insekten zahlreiche Ursachen habe und nicht allein der Landwirtschaft zugerechnet werden könne.

Ein weiterer Hauptaspekt der Stellungnahme betrifft den Moorschutz. Die Landwirtschaft erkennt die große Bedeutung intakter Moore für den Klimaschutz ausdrücklich an. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die geplanten Wiedervernässungsmaßnahmen erhebliche Auswirkungen auf landwirtschaftliche Betriebe, ländliche Räume, Bewirtschafter und Eigentümer haben können. Gerade in Schleswig-Holstein befinden sich viele landwirtschaftlich genutzte Flächen auf organischen Böden und bilden die wirtschaftliche Grundlage zahlreicher Familienbetriebe. Eine großflächige Wiedervernässung darf deshalb nicht gegen die Eigentümer und Bewirtschafter erfolgen. Der Verband fordert, dass Moorschutzmaßnahmen ausschließlich auf freiwilliger Basis umgesetzt werden, mit einer langfristig gesicherten Finanzierung verbunden sind und den Betrieben wirtschaftlich tragfähige Perspektiven eröffnen. Dazu gehören insbesondere ein vollständiger Ausgleich von Ertrags- und Vermögensverlusten sowie die Förderung alternativer Nutzungsformen, soweit diese im Einzelfall praktikabel sind. Klimaschutz auf Moorstandorten kann nur erfolgreich sein, wenn ökologische Ziele und landwirtschaftliche Nutzung in Einklang gebracht werden.

Genau darin sieht der BVSH den entscheidenden Erfolgsfaktor für die gesamte Umsetzung der Wiederherstellungsverordnung: Die Ziele des Natur- und Artenschutzes können nur gemeinsam mit den Betrieben erreicht werden – nicht gegen sie. Voraussetzung dafür sind Praxistauglichkeit, Planungssicherheit, Freiwilligkeit sowie eine langfristig verlässliche und auskömmliche Finanzierung. Nur wenn die Land- und Forstwirtschaft als Partner verstanden wird und nicht als Adressat immer neuer Auflagen, kann die notwendige Akzeptanz für die Wiederherstellungsmaßnahmen entstehen. Der BVSH wird den weiteren Prozess deshalb auch in den kommenden Monaten kritisch begleiten und sich weiterhin für eine praxistaugliche Ausgestaltung des Nationalen Wiederherstellungsplans einsetzen.


Wie können Betriebe ihre Betroffenheit prüfen?

Landwirte, die wissen möchten, ob ihre Flächen bereits heute naturschutzfachlich erfasst sind oder künftig von Maßnahmen des Nationalen Wiederherstellungsplans betroffen sein könnten (siehe gegenüberliegende Seite), sollten zunächst die verfügbaren Geodaten nutzen. Hilfreich sind insbesondere die Biotopkartierung Schleswig-Holstein, die Themenkarten Naturschutz sowie die Karten zu Schutzgebieten, FFH-Lebensraumtypen und weiteren naturschutzfachlichen Kulissen. Diese ermöglichen eine erste Einschätzung, ersetzen jedoch keine fachliche oder rechtliche Bewertung. Da viele der Flächendarstellungen lediglich fachliche Grundlagen sind und sich daraus nicht automatisch konkrete Verpflichtungen ergeben, empfiehlt sich bei Unklarheiten eine individuelle Prüfung. Mitglieder des Bauernverbandes Schleswig-Holstein können sich hierzu jederzeit an ihre zuständige Kreisgeschäftsstelle wenden. Dort erhalten sie Unterstützung bei der Einordnung der Kartierungen und der Bewertung einer möglichen Betroffenheit ihres Betriebes.

Als erste Orientierung dienen folgende Kartenportale:

– Biotopkartierung Schleswig-Holstein: https://bvsh.me/biotopkartierung

– gesetzlich geschützte Biotope: https://bvsh.me/biotope

– Schutzgebiete: https://bvsh.me/schutzgebiete

– geplante/geeignete Naturschutzgebiete: https://bvsh.me/geplantensg

– Moor- und Anmoorböden-Kulisse: https://bvsh.me/moorkulisse

– Dauergrünlanderhaltungsgesetz: https://bvsh.me/dglg

Kränze und Kronen binden

0

„Hier würde ich noch eine rosa Blüte einbauen“, rät Sabine Kahl. „Versuch das mal.“ Smilla (8) sucht sich aus dem gefüllten Korb eine passende Blume und knüpft sie geschickt an ihren Blütenkranz.

An beiden Enden werden zum Schluss zwei Ösen mit Schleifenband geknotet, damit man den Kranz am Hinterkopf befestigen kann. „Ich genieße es zu sehen, wie viel Spaß die Kinder beim Binden haben und wie stolz sie sind, wenn ihre Werke gelingen“, ergänzt sie. Sabine Kahl begleitet das Binden der Blütenhaarkränze, hat das Material besorgt und erklärt den Kindern, wie sie die Blüten am besten festhalten, um den Draht fest genug wickeln zu können. Smilla ist hoch konzentriert und möchte ihren Haarkranz aus bunten Sommerblumen am liebsten sofort aufsetzen.

An diesem Nachmittag werden im historischen Haus aus Großharrie nicht nur Haarkränze gebunden. Auch Girlanden, eine Richtkrone und ein Bogen werden angefertigt, denn unter dem Motto „Kränze und Kronen binden“ hatte der Arbeitskreis LandFrauenarchiv zum Erinnerungsnachmittag ins Freilichtmuseum Molfsee eingeladen. Thematisch orientieren sich diese Nachmittage übrigens immer an der aktuellen Ausstellung – in diesem Jahr „State of Nature“ von Rebecca Louise Law.

Martina Greve erinnert sich an ihre Schulzeit in Kollmar, an das Kindergrün (traditionelles Schulfest) mit vielen Spielen, Kaffeetrinken, Tanz und vor allem an die Umzüge durch das ganze Dorf. „Zwei Kinder haben den Bogen gehalten und eines ging in der Mitte“, erinnert sie sich. Die Bögen waren meist aus Buchsbaum gebunden und mit Astern oder Frauenmantel geschmückt. Dass beim Erinnerungsnachmittag auf diese Traditionen geblickt wird, gefällt ihr. „An Tagen wie diesen wird hier Geschichte lebendig“, erzählt sie. „Man kann spüren, wie die Menschen in diesen Häusern lebten. Das finde ich sehr interessant.“

Frauke Kühl bindet eine Hochzeitsgirlande, eine Tradition, die auch heute noch sehr lebendig ist. „Die Nachbarschaft trifft sich, das Wissen wird weitergegeben. Darüber freue ich mich“, erzählt die LandFrau des Ortsvereins Albersdorf-Österdörfer. Gleich nebenan werden aus Butterbrotpapiertüten im Handumdrehen – im wahrsten Sinne des Wortes – kleine Rosen angefertigt. „In die Mitte wird noch eine bunte Perle platziert, und fertig ist die Deko“, erklärt Dorothee Kühl aus Wacken.

Der Erinnerungsnachmittag steht fest im Terminplan der Frauen, die sich im Arbeitskreis LandFrauenarchiv engagieren. „Heute haben wir ganz unterschiedliche Bindetechniken gezeigt“, fasst Sylke Messer-Radtke, Vizepräsidentin des LandFrauenVerbandes Schleswig-Holstein, zusammen. „Ich freue mich sehr, dass unsere Aktion besonders bei den Kindern so großen Anklang gefunden hat. Sie haben eigenständig gewickelt, sich ausprobiert, und die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen.“

Der Erinnerungsnachmittag findet einmal im Jahr in Kooperation mit dem Freilichtmuseum Molfsee statt. Dort ist auch das LandFrauenarchiv untergebracht – eine gemeinsame Einrichtung von LandFrauenverband Schleswig-Holstein und Freilichtmuseum Molfsee. Ziel der Zusammenarbeit ist der Aufbau einer umfassenden Sammlung zur Geschichte aller Frauen im ländlichen Raum Schleswig-Holsteins.

INFO

LandFrauenarchiv
Freilichtmuseum Molfsee
Hamburger Landstraße 97
24113 Molfsee

Marktkommentar

0

Der Rohöl-Weltmarktpreis ist zum Ende der vorigen Woche noch weiter abgestürzt und sogar unter die Marke von 70 US-$/bbl gefallen. Damit ist das Niveau von Ende Februar und somit das Niveau vor dem Iran-Krieg wieder erreicht. Der Ölpreis ist in der zweiten Hälfte der vorigen Woche weitergesunken, obwohl sich die Lage in der Straße von Hormus zum Wochenende hin wieder anspannte. Daran lässt sich deutlich erkennen, dass der Markt das ewige Hin und Her zwischen geöffneter und geschlossener Straße von Hormus inzwischen eingepreist und damit entsprechende Risikoprämien wieder ausgepreist hat. Auch muss berücksichtigt werden, dass die USA nach wie vor Ölreserven freigegeben haben, die zusammen mit der deutlich gestiegenen Ölförderung in den USA erheblich zu einer Entspannung der Angebotssituation beitragen. Was die zukünftige Ölpreisentwicklung angeht, ist der Markt zweigeteilt. Die eine Seite rechnet mit einer Ölschwemme, sobald die Straße von Hormus wieder uneingeschränkt passierbar wird, und einer Wiederherstellung der komfortablen Versorgungslage in den nächsten Monaten. Die andere Seite rechnet aufgrund des Nachholbedarfs der Industriestaaten sowie der hohen Nachfrage aus China und Indien mit einem schnellen Wiederanstieg der Kurse und erst weit im Jahr 2027 mit einer Entspannung der Marktlage. Aktuell scheint das erste Szenario wahrscheinlicher, trotz der Zerstörung einiger Ölförderanlagen in der Golfregion.

Warum bleibt Diesel so teuer?

Nun mag der eine oder andere Marktbeobachter feststellen, dass die Dieselpreise an der Tankstelle zwar auch gefallen sind, aber das Niveau vor dem Iran-Krieg noch lange nicht wieder erreicht ist (den steuerlichen Anstieg durch das Auslaufen des befristeten Tankrabatts seit dem 1. Juli einmal außen vor gelassen). Der Grund dafür liegt in den knappen Raffineriekapazitäten. Durch den Iran-Krieg wurden viele Raffinerieanlagen entlang des Persischen Golfs zerstört. Ihr Wiederaufbau kann noch Monate bis Jahre dauern. Und auch der Treibstoffmangel in Russland ist auf die Zerstörung von Raffinerien durch ukrainische Angriffe zurückzuführen. Somit sind die weltweiten Raffineriekapazitäten aktuell deutlich eingeschränkt, und der Bedarf kann nicht gedeckt werden. Zusätzlich führt diese Marktlage dazu, dass die Betreiber von Raffinerieanlagen aktuell sehr gute Margen am Markt durchsetzen können. Da sinkende Dieselpreise immer deutlich verzögerter beim Endverbraucher ankommen als steigende Preise, könnte der Dieselpreis in den nächsten Wochen durch den niedrigen Rohölpreis noch etwas sinken. Voraussetzung ist aber, dass der Rohölpreis nicht wieder steigt. Dieselpreise wie vor dem Iran-Krieg sind vorerst aber nicht in Sicht.

Einfluss auf die Agrarmärkte

Die fallenden Rohölkurse haben die Rapskurse zwar deutlich unter Druck gesetzt, das Ausmaß hielt sich aber in Grenzen, da die Trockenheit in Europa und die möglichen Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño auf die australische Rapsernte dem entgegenwirken. Auch wer die Hoffnung hat, dass die Treibstoffknappheit in Russland Auswirkungen auf die dortige Weizenernte hat, muss enttäuscht werden. Die Landwirtschaft ist ausreichend bevorratet. Der Rohölpreis hat aktuell also wenig Potenzial, die Kurse positiv oder negativ zu beeinflussen.

Vom Schüleraustausch zum Abschlussprojekt

Seit vielen Jahren findet das Continuous Forestry Education Mobility Project zwischen dem Naturbruksgymnasium Svenljunga in Schweden und der Lehranstalt für Forstwirtschaft in Bad Segeberg in Deutschland statt. Das Projekt wird durch das Förderprogramm Erasmus+ der Europäischen Union unterstützt. Im Rahmen dieses Programms erfolgt jährlich ein Austausch von Auszubildenden im Bereich Forstwirtschaft.

Durch seine Teilnahme am Austauschprogramm im Jahr 2025 kam der schwedische Schüler Gabriel Johansson auf die Idee, seine Abschlussarbeit in Deutschland in einem Forstbetrieb durchzuführen. Dabei wurde er vom Forstbetrieb Wittek aus Arpsdorf unterstützt.

Gabriel Johansson verbrachte im April und Mai insgesamt drei Wochen in Deutschland. Während dieser Zeit lernte er verschiedene Arbeitsbereiche der modernen Forstwirtschaft kennen. Dazu gehörten die Fällung größerer Einzelbäume, Arbeiten in der Baumpflege mit einer Hubarbeitsbühne sowie die eigenständige Planung und Durchführung eines forstlichen Projekts.

Projekt: Erschließung einer Fläche

Sein Abschlussprojekt fand Anfang Juni auf einer etwa 2,5 ha großen Privatwaldfläche statt, die bislang nicht erschlossen war und direkt an eine Bahnstrecke grenzt. Ziele des Projekts waren die Erschließung dieser Fläche sowie die Freistellung des Bahnbereichs.

Er übernahm die eigenständige Planung und Organisation der Arbeiten. Im Verlauf des Projekts wurden die erforderlichen Rücke­gassen angelegt und die notwendigen Baumfällarbeiten vorbereitet beziehungsweise durchgeführt. Besonders anspruchsvolle Bäume wurden für eine sichere Fällung unter Einsatz einer Seilwinde ausgewählt. Während der gesamten Projektphase arbeitete Gabriel eng mit den Forstwirten des Forstbetriebs Wittek zusammen, die ihn fachlich unterstützten.

Engagement der Ausbildungsbetriebe wichtig

Ein besonderer Dank gilt dem Forstbetrieb Wittek, der Gabriel während seines Aufenthalts in Deutschland begleitet und unterstützt hat. Betriebe, die bereit sind, jungen Menschen praktische Erfahrungen zu vermitteln und sie bei ihrer fachlichen und persönlichen Entwicklung zu fördern, leisten einen wichtigen Beitrag zur Zukunft der Forstwirtschaft. Gerade internationale Projekte wie dieses leben vom Engagement der Ausbildungsbetriebe, die ihr Wissen weitergeben und jungen Fachkräften die Möglichkeit bieten, neue Erfahrungen zu sammeln. Der Forstbetrieb Wittek hat durch seine Unterstützung wesentlich zum Erfolg von Gabriels Aufenthalt und Abschlussprojekt beigetragen und damit die Bedeutung einer praxisnahen und zukunftsorientierten Ausbildung eindrucksvoll unterstrichen.

Fazit

Die erfolgreiche Durchführung des Abschlussprojekts verdeutlicht den hohen Wert des langjährigen Austauschs zwischen dem Naturbruksgymnasium Svenljunga in Schweden und der Lehranstalt für Forstwirtschaft in Bad Segeberg. Solche internationalen Kooperationen fördern nicht nur die fachliche Ausbildung, sondern stärken auch den interkulturellen Austausch und die persönliche Entwicklung der teilnehmenden Auszubildenden.

So flauschig – und doch kein Streichelzoo

0

Auch in Norddeutschland erfreuen sich Lamas und Alpakas wachsender Beliebtheit. Als Hobbytiere, für Wanderungen oder in der tiergestützten Arbeit gelten die aus Südamerika stammenden Neuweltkamele als ruhig und unkompliziert. Dass die Haltung jedoch deutlich anspruchsvoller ist als ihr flauschiges Erscheinungsbild vermuten lässt, zeigte ein Grundlagenseminar des Netzwerks Fokus Tierwohl Anfang Juni in Mannhagen im Kreis Herzogtum Lauenburg.

Den theoretischen Teil übernahm Tierarzt Sönke Allrich von der Tierarztpraxis Nordvet in Ratzeburg, der auf Kameliden und Wiederkäuer spezialisiert ist. Für den Praxisteil öffnete Silke Christensen von Lamasté ihre Tore und demonstrierte den Umgang mit den Tieren direkt in der Herde. Beide Referenten arbeiten seit Jahren eng zusammen und haben bereits zahlreiche Seminare und Fortbildungen rund um die Haltung und den Umgang mit Neuweltkamelen durchgeführt. Entsprechend profitierten die Teilnehmenden von der Kombination aus tiermedizinischem Fachwissen und langjähriger praktischer Erfahrung.

Die Referenten Silke Christensen (li.) und Sönke Allrich (auf dem rechten Foto r.) mit der Gruppe

Herkunft und Zucht

Lamas und Alpakas werden bereits seit rund 6.000 bis 7.000 Jahren domestiziert. Alpakas stammen vom Vikunja (Vicugna vicugna) und Lamas vom Guanako (Lama guanicoe) ab. Die Wildformen leben bis heute in Südamerika und können sich weiterhin mit ihren domestizierten Verwandten kreuzen. Dadurch können auch ursprüngliche Verhaltensweisen wieder stärker hervortreten.

Während Lamas ursprünglich als Lasttiere gezüchtet wurden und deshalb meist größer und kräftiger gebaut sind, lag der Zuchtfokus bei Alpakas auf der Wollproduktion. Entsprechend feiner fällt ihr Vlies aus. Bei Alpakas unterscheiden sich zudem verschiedene Vliestypen hinsichtlich Faserqualität und Nutzbarkeit. Die beiden weltweit verbreiteten Alpakatypen sind Huacaya und Suri.

Sozialverhalten

Ein Schwerpunkt des Seminars lag auf dem Sozialverhalten der Tiere. Anders als viele Besucher erwarten, gehören intensive Körperkontakte weder untereinander noch gegenüber Menschen zu ihrem natürlichen Verhalten. Werden diese natürlichen Distanzbedürfnisse missachtet, entsteht Stress. Die Folgen können gravierend sein. Nach Angaben der Referenten zählen Magengeschwüre zu den schwerwiegendsten Folgen chronischer Belastung und können bei Neuweltkamelen auch tödlich enden.

Auch deshalb warnten die Fachleute vor vermeintlich tierfreundlichen Angeboten wie „Fohlen streicheln“. In der Fachsprache werden Jungtiere der Neuweltkamele als „Cria“ bezeichnet. Sie sollten zunächst ausreichend Gelegenheit erhalten, sich innerhalb der Herde zu sozialisieren. Erst nach dem zwölften Lebensmonat sollte das Cria intensiver gehändelt werden (zum Beispiel Halftertraining), um Fehlprägungen und Störungen im Rahmen des Sozialisierungsprozesses zu vermeiden. Für die Nutzung zu Aktivitäten mit Menschenkontakt ist ein Mindestalter von 18 Monaten vorzusehen.

Die Kontrolle der Zehen zählt zu den regelmäßigen Aufgaben.

Risiko Fehlprägung

Besondere Aufmerksamkeit widmete das Seminar der Aufzucht von Fohlen. Werden Jungtiere zu eng an Menschen gebunden oder wachsen ohne ausreichenden Kontakt zu erwachsenen Artgenossen auf, drohen Fehlprägungen. Im Erwachsenenalter können insbesondere Hengste problematisches Verhalten entwickeln. Dazu gehören fehlende Distanz zum Menschen, aggressives Verhalten oder gezieltes Anspucken. Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist Spucken gegenüber Menschen bei gut sozialisierten Tieren nicht normal. Innerhalb der Herde dient es hauptsächlich der Konfliktlösung.

Haltung in der Herde

Lamas und Alpakas sind Herdentiere und sollten mindestens zu dritt gehalten werden. Größere Gruppen sind vorteilhaft, da einzelne Tiere innerhalb kleiner Gruppen leichter gestresst werden können. Besonders sorgfältig sollten Halter die Frage nach der Nachzucht bedenken. Hengste entwickeln bereits im jungen Alter Deckverhalten. Eine Kastration wird in der Regel jedoch erst ab etwa zwei Jahren empfohlen, wenn die körperliche Entwicklung weitgehend abgeschlossen ist. Wer tragende Stuten kauft, sollte deshalb bereits vorab überlegen, wie insbesondere männliche Nachkommen später gehalten oder vermittelt werden können.

Gesundheitsvorsorge

Da Neuweltkamele Fluchttiere sind, zeigen sie Schmerzen oft erst sehr spät. Die dichte Wolle erschwert zusätzlich die Beurteilung ihres Gesundheitszustandes. Ein festliegendes Tier gilt daher immer als Notfall.

Zur regelmäßigen Gesundheitskontrolle empfahlen die Referenten:

Kontrolle der Augenschleimhäute zur Früherkennung von Blutarmut unter anderem durch Parasiten,

regelmäßige Beurteilung des Ernährungszustands über den Body-Condition-Score,

Kontrolle der Zahnlänge,

Kotuntersuchungen auf Parasiten mehrmals im Jahr,

regelmäßige Blutuntersuchungen zur Kontrolle der Nährstoffversorgung.

Besonders wichtig sei außerdem die Biosicherheit. Krankheiten anderer Tierarten können auch für Neuweltkamele gefährlich werden. Genannt wurden unter anderem die Bovine Virusdiarrhoe (BVD) der Rinder oder Herpesviren der Pferde. Zudem können sie auch Zoonosen wie Räude und Hautpilze auf den Menschen übertragen.

An warmen Tagen freuen die Tiere sich über Badestellen.

Fortpflanzung

In ihrer südamerikanischen Heimat zeigen Neuweltkamele eine saisonale Fortpflanzung. Unter mitteleuropäischen Bedingungen können sie dagegen ganzjährig Nachwuchs bekommen. Dennoch empfehlen Fachleute Geburten in den wärmeren, sonnenreichen Monaten. Anders als viele andere Säugetiere lecken die Muttertiere ihre Fohlen nicht trocken. Die Fohlen trocknen überwiegend durch Sonne und Umgebungstemperatur. Geburten finden normalerweise tagsüber statt. Werden Fohlen erst am Abend oder in der Nacht geboren, kann dies ein Hinweis auf eine Schwergeburt sein. Die Tragezeit beträgt etwa 11,5 Monate, kann jedoch bis zu 400 Tage andauern. Schwankungen treten je nach Tier, Witterung und Fütterung auf. Fohlen sollten zudem nicht vor einem Alter von neun Monaten abgesetzt werden.

Haltung und Ausrüstung

Auch bei Ausrüstung und Haltung gibt es Besonderheiten. Handelsübliche Pferdehalfter sind ungeeignet, da bei Neuweltkamelen der knöcherne Nasenbereich deutlich kürzer ist und schnell in weichen Knorpel übergeht. Falsch sitzende Halfter können Druckschäden verursachen und die Atmung beeinträchtigen.

Einmal jährlich müssen die Tiere geschoren werden, da sie keinen natürlichen Fellwechsel mehr besitzen und das Vlies kontinuierlich weiterwächst. Die Füße unterscheiden sich ebenfalls deutlich von denen anderer Nutztiere. Sie besitzen eine weiche Sohlenpolsterung mit Zehen und ähneln damit eher dem menschlichen Fuß als einer Klaue. Heiße Asphaltflächen oder scharfkantige Steine können daher schnell zu Problemen führen. Je nach Untergrund kann zudem eine regelmäßige Nagelpflege erforderlich werden.

Einsatz bei Wanderungen

Im Praxisteil erläuterte Silke Christensen den Umgang mit ihren 25 Lamas und drei Alpakas. Die Tiere kommen unter anderem in Sachkundeschulungen, Seminaren und tiergestützten Angeboten zum Einsatz. Besonders auf Wanderungen werde häufig missverstanden, wie die Tiere kommunizieren. Ein locker durchhängender Führstrick sei ein Zeichen dafür, dass das Tier freiwillig mitlaufe. Gerate der Strick dauerhaft in Spannung, werde das Tier meist gegen seinen Willen bewegt. Auch ein Hinlegen während einer Wanderung sollte nicht als „Sturheit“ interpretiert werden. Vielmehr handele es sich oft um ein deutliches Signal, dass das betreffende Tier für diese Situation nicht geeignet sei oder eine Pause benötige.

Ein praktischer Tipp für Anbieter: Eine Kiste mit frisch geschorener Wolle könne Teilnehmern bereits vor dem ersten Tierkontakt die Möglichkeit geben, ihren Wunsch nach Berührung auszuleben. Dadurch werde unnötiger Stress für die Tiere reduziert.

Kein Wolfsschutz

Ein weiterer Irrtum betrifft den Einsatz als Herdenschutztiere. Lamas gelten nicht als Wolfsschutz. Sie flüchten ebenso wie andere Weidetiere vor großen Beutegreifern. Gegenüber Hunden können sie jedoch ausgesprochen wehrhaft reagieren. Mit kräftigen Tritten, scharfen Zehen und ihren Zähnen sind sie durchaus in der Lage, angreifende Hunde schwer zu verletzen oder sogar zu töten.

Rechtliche Vorgaben

Bei Arzneimittelanwendungen gelten Lamas und Alpakas als Lebensmittel liefernde Tiere und unterliegen deshalb den entsprechenden Vorschriften für die Arzneimittelanwendung und deren Dokumentation. Die Tiere müssen zudem gekennzeichnet werden, meist mittels eines Mikrochips.

Für den Zukauf empfahlen die Referenten unter anderem die Klärung des Trächtigkeitsstatus, eine Quarantäne für Neuzugänge sowie die Überprüfung von Kennzeichnung, Gesundheitsstatus und tierärztlicher Betreuung.

Weitere Informationen erhalten Interessierte bei der Nationalen Fachstelle für Neuweltkamele an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Empfehlenswert ist zudem der Beitritt zu einem Fachverband oder Züchterverein, wie dem NWK-Verein, um dauerhaft auf ein Netzwerk erfahrener Ansprechpartner zurückgreifen zu können.

Die Veranstaltung konnte aufgrund der Förderung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat kostenfrei angeboten werden.

Fazit

Das Seminar machte deutlich, dass Lamas und Alpakas weit mehr sind als flauschige Sympathieträger. Ihre Haltung erfordert fundierte Kenntnisse über Verhalten, Gesundheit, Fortpflanzung und Management. Wer die Tiere anschaffen möchte, sollte sich frühzeitig mit den besonderen Anforderungen auseinandersetzen und den Austausch mit erfahrenen Haltern suchen.

Spannende Geschichten mit Lokalkolorit

In Schleswig-Holstein gibt es rund 240 Museen. Darunter befinden sich auch Heimatmuseen, die nur durch ehrenamtliches Engagement am Leben erhalten werden wie das Seebadmuseum Travemünde. Ehrenamtliche bringen hier den Besuchern die Geschichte des Seebads näher. Dank verschiedener Hörstationen, Filme, Exponate und Installationen können Interessierte hautnah in das alte Travemünde mit all seinen Facetten eintauchen.

Das Casino Travemünde blickt auf eine wechselvolle Historie zurück.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Über das historische Travemünde kursieren spannende Geschichten. So sorgte der Schriftsteller Franz Kafka im Juli 1914 für einen Skandal, als er es wagte, barfuß am Strand spazieren zu gehen. Literaturnobelpreisträger Thomas Mann bezeichnete Travemünde als sein Ferien- und Kindheitsparadies, in dem er die glücklichsten Tage seines Lebens verbrachte. Er empfing dort Eindrücke, die ihn und sein Werk nachhaltig prägten. Unerwähnt soll ebenfalls nicht bleiben, dass mit der französischen Besatzung 1806 bis 1813 das Glücksspiel nach Travemünde kam. Im mondänen Nightclub La Belle Époque des Spielcasinos, dem „Monte Carlo des Nordens“, waren in den 1950er und 1960er Jahren Promis wie Sophia Loren und Marlene Dietrich oder Mitglieder der High Society wie Reeder und Milliardär Aristoteles Onassis zu Gast.

Doch gibt es über den Ort weit mehr zu entdecken, und genau dafür bietet sich ein Besuch im Seebadmuseum an. Gegenüber der St. Lorenz-Kirche, nur wenige Schritte vom Hafen entfernt, liegt es in der Torstraße. Dort, wo sich der Charakter des alten Travemündes mit fein herausgeputzten Häuserreihen wohl am längsten erhalten hat, lädt es in der Hausnummer 1 zur Besichtigung ein. Im Gesellschaftshaus – dem Veranstaltungs- und Gemeindezentrum des 1913 eingemeindeten östlichen Stadtteils von Lübeck – pflegt und bewahrt es im Erdgeschoss auf 185 m² die Heimat- und Erinnerungskultur.

Ehrenamtlich geführt

An einem Junitag ist das Bauernblatt zu einem Rundgang mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des 2003 gegründeten gemeinnützigen Travemünder Heimatvereins, Niels Hartwig, verabredet. „Seit 2007 betreibt unser Verein das privat initiierte Seebadmuseum ehrenamtlich ohne öffentliche Fördermittel. Wir sind rund 200 Mitglieder mit 26 Ehrenamtlichen, die sich aktiv in die Vereinsarbeit einbringen“, erklärt der 65-Jährige. Dadurch sei es möglich, Öffnungszeiten von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 17 Uhr, sicherzustellen. Nur im Januar und Februar mache das Museum Winterpause.

Ein Bild vom Gründer Siegfried Austel hängt im Seebadmuseum.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Wir betreten den Eingangsbereich, in dem die diesjährige Sonderausstellung untergebracht ist. Sie hat den traditionsreichen, vor einiger Zeit aufgegebenen Schlossereihandwerksbetrieb Lüders zum Thema. Direkt gegenüber dem Museum in der Torstraße 6 hatte er seinen Sitz. „Lüders zählt zu den ältesten Travemünder Betrieben. Im Mittelalter hatte er sogar die hochangesehene Funktion einer Waffenschmiede inne“, taucht Hartwig in die Firmengeschichte ein.

Weiter geht’s in den nächsten Raum, der sich inhaltlich um den Beginn des Badelebens und die 1802 errichtete erste Seebadeanstalt Travemündes dreht.

Doch wie passt dort das Porträt eines freundlich lächelnden Herren mit prächtigem Schnauzbart hinein, das über einem Durchgang an der Wand hängt? Niels Hartwig verrät, dass es sich dabei um ein Bild des Vaters des Seebadmuseums handle, Siegfried Austel. Er war Initiator und langjähriger Vorsitzender des Travemünder Heimatvereins. Der selbstständige Friseur und Barbier sammelte bereits zehn Jahre vor Eröffnung des Museums Exponate, stets das Ziel vor Augen, dass es ihm einmal gelingen werde, ein solches ins Leben zu rufen.

Durch seinen tatkräftigen Einsatz und das Engagement zahlreicher Unterstützer ging das Herzensprojekt tatsächlich in Erfüllung. Im November 2022 legte das Travemünder Urgestein sein Lebenswerk in jüngere Hände. Mittlerweile ist der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins, Bürgerpreisträger und Träger der Ehrennadel des Landes 90 Jahre alt und nimmt noch immer Anteil an „seinem“ Museum.

Baden ist gesund

Aber zurück zur Historie des Badelebens: Die Zeit der Seebäder startete um 1751 in England. Maßgeblichen Einfluss auf die britische Badekultur hatte der Mediziner Richard Russell (1687-1759). Er gründete das erste Seebad Europas in Brighton. Deutsche Ärzte übernahmen seine Ideen. Sie stellten im ausgehenden 18. Jahrhundert die gesundheitsfördernde Wirkung des Meeres heraus. Auf Anregung seines Leibarztes Professor Samuel Gottlieb Vogel ließ der Herzog von Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Franz I., 1793 Bade- und Kuranlagen in Bad Doberan/Heiligendamm errichten. Es machte fortan als erstes deutsches Seebad von sich reden. 1797 gründete das Hannoveraner Herrscherhaus das Nordseebad Norderney. An dritter Stelle folgte 1802 Travemünde mit der ersten bürgerlichen Gründung einer Seebadeanstalt.

Niels Hartwig freut sich, dass das Museum originale Bademode ab 1900 zeigen kann. Seine Mitstreiter und er entwickeln das Museumskonzept stetig weiter.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Mit der Entwicklung der Seebäder wurde bald eine eigene Bademode aus der Taufe gehoben. Anfangs badete man vor fremden Blicken geschützt unter den Markisen von Badekarren in sittsamer Bekleidung, bis in den freizügigeren 1920er Jahren der Badeanzug in Mode kam. In den 1930er Jahren stellte allerdings der „Zwickelerlass“ sicher, dass die Badekleidung keine unzüchtigen Einblicke gewährte. Ab 1949 hielt schließlich der Bikini Einzug. Die immer zahlreicher werdenden Badegäste in Travemünde veränderten die Struktur des Ortes. Hotels und Gasthöfe entstanden, Straßen wurden ausgebaut, Geschäfte des gehobenen Bedarfs eröffnet, Handwerker und Händler von Luxusartikeln siedelten sich an, Dienstleistungen gewannen an Bedeutung. Der Tourismus nahm Fahrt auf. Das Angebot an Musik- und Sportveranstaltungen sowie Freizeitaktivitäten wuchs. Gleichfalls fanden Angebote zur Gesundheitsförderung wie Massagen und medizinische Bäder reges Interesse.

Die Fischerei war damals eine der wichtigsten Erwerbsquellen der Travemünder.
Foto: Silke Bromm-Krieger

Im nächsten Museumsraum steht im vorderen Teil ein anderes Thema im Fokus: die Fischerei. „Fischfang und Schifffahrt waren über Jahrhunderte die Haupterwerbsquelle der Travemünder. Ein kaiserliches Privileg von 1188 bestätigte bereits das Fischereirecht auf der Trave und Ostsee“, so Hartwig. Für 1568 findet sich die erste Erwähnung, dass fünf gewerbliche Fischer hier lebten und in der Ostsee fischten. Seit den 1960er Jahren verlor die gewerbliche Fischerei aber an Bedeutung.

Im hinteren Teil sieht man Exponate und Fotos der Fortbewegungsmittel, mit denen in vergangenen Jahrhunderten Touristen und Sommerfrischler nach Travemünde kamen. Ob mit Pferd, Kutsche, Segelschiff oder Dampfschiff, ab 1882 mit der Bahn, ab 1914 per Flugzeug, später auch mit Bus und Automobil, sie dokumentieren eindrucksvoll, wie bedeutend das Seebad als internationales Ferienziel einmal war. In den 1950er und 1960er Jahren reisten rund 30 bis 40 % der Besucher aus dem Ausland an. Heute sind es noch etwa 5 %.

Faszinierende Facetten

Weitere Exponate und Infotafeln der Schau widmen sich den unterschiedlichsten Themen, zum Beispiel dem Schriftsteller Thomas Mann oder den Flüchtlingen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg. Infos über die ansässigen Werften, archäologische Artefakte, Sturmfluten und Großbrände gibt es ebenso. Außerdem werden der Lübeck-Travemünder Reitclub von 1883, die Travemünder Liedertafel von 1843 und die Maschinenfabrik und Schiffswerft von Alfred Hagelstein namens Hatra vorgestellt, die 1973 ihre Tore schloss. „Baumaschinen von Hatra waren legendär, sie sind bis heute im Einsatz“, sagt Hartwig und weist auf das ausgestellte Modell eines Radladers hin, mit dem die Maschine bei der Kundschaft vorgestellt wurde.

Ein originaler Roulette-Kessel, zwischen 1800 -1820, Dauerleihgabe des St. Annen-Museums, Lübeck
Foto: Silke Bromm-Krieger

Ein paar Meter weiter wird auf das Casino eingegangen. Ein originaler Roulette-Kessel zeugt von seiner bewegten Vergangenheit. Daneben gibt es Wissenswertes über den früheren innerdeutschen Grenzverlauf auf dem Travemünder Priwall, einer Halbinsel zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg.

Am Ende spricht Hartwig über die Travemünder Woche: „Sie ist nach der Kieler Woche das zweitgrößte Segelsportereignis der Welt und hat sich aus kleinen Anfängen um 1890 zu einem alljährlichen Highlight entwickelt.“ Zum Abschied erwähnt er, dass das Seebadmuseum bei der langen Nacht der Museen am 29. August dabei sein wird. „Im nächsten Jahr feiern wir dann unser 20. Jubiläum“, kündigt er an. Weitere Informationen unter
www.heimatverein-travemuende.de

Eisverkauf am Strand, um 1950
Foto/Repro: Silke Bromm-Krieger
Badegast im Strandkorb, ohne Jahresangabe
Foto/Repro: Silke Bromm-Krieger
Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) verbrachte in Kindheit und Jugend glückliche Sommerferien in Travemünde.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Um 1910 saß der Impressionist Ulrich Hübner (1872-1932) am Ufer der Trave und schuf diese Ansicht von Travemünde.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Die 1919 gegründete Maschinenfabrik und Schiffswerft von Alfred Hagelstein hieß Hatra und wurde 1973 geschlossen.
Foto: Silke Bromm-Krieger
Am historischen Segelevent nahm damals sogar Kaiser Wilhelm II. aktiv teil. Zur 136. Travemünder Woche 2025 kamen 540.000 Besucher.
Foto: Silke Bromm-Krieger


Der Riese stolpert, aber er fällt nicht

Wer die Zukunftsfähigkeit des deutschen Schweinemarktes verstehen will, darf den Taktgeber für den EU-Schweinemarkt nicht aus dem Blick verlieren: Spanien. Auf der Mitgliederversammlung der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) berichtete Dr. Pedro Gonzalez Añover, Berater bei AG Porcine, über Entwicklungen im südlichen EU-Mitgliedstaat.

Der europäische Schweinemarkt wird von zwei Ländern dominiert: Spanien hält einen Marktanteil von 24 %, dicht gefolgt von Deutschland mit 20 %. Damit endeten die Gemeinsamkeiten, berichtet Dr. Pedro Gonzalez im bayerischen Herrieden. Denn die strukturellen Kennzahlen der Länder trieben seit Jahren auseinander. Sei der deutsche Sauenbestand auf 1,4 Millionen Tiere abgeschmolzen, so melde Spanien mit der geografischen Konzentration im Nordosten und im südlichen Murcia einen Sauenbestand von 2,6 Millionen Tieren. Ziehe man davon 300.000 Ibérico-Sauen ab, verblieben immer noch 2,3 Millionen „weiße“ Sauen. Mit einem Gesamtviehbestand von rund 33,6 Millionen Schweinen komme Spanien auf einen Selbstversorgungsgrad mit Schweinefleisch von 200 %.

Große Bedeutung

Die Fleischbranche habe eine große Bedeutung für die Volkswirtschaft der Iberischen Halbinsel, berichtete der Berater: Sie erwirtschafte 25 Mrd. € Umsatz und sichere über 415.000 Arbeitsplätze; allein der Exportwert mache 2,7 Mrd. € aus. Interessant: Während in Deutschlands Schlachtbranche die beiden größten Unternehmen auf einen Marktanteil von 50 % kommen, braucht es in Spanien die fünf wichtigsten Betriebe, um 45 % Marktanteil zu erreichen.

Bis 1995 Importeur

Spanien trat 1986 der EU bei und war bis zur Tilgung der Klassischen Schweinepest im Jahr 1995 Nettoimporteur. Der Aufstieg zum europäischen Exportmeister beruhe laut Gonzalez auf der vertikalen Integration. 70 % der Schweinefleischerzeugung seien integriert. Es dominierten große, meist in Familienbesitz befindliche Agrarkonzerne. Diese „Integratoren“ kontrollierten die Wertschöpfungskette von Mischfutterwerken über die Genetik und Ferkelproduktion bis hin zum Schlachthof und teilweise den Lebensmitteleinzelhandel.

Geheimnis der Integration

Das Geheimnis des rasanten Wachstums liege in einer risikominimierenden Aufteilung der Investitionslast zwischen Konzernen und Landwirten. Anhand einer Bespielrechnung von 100.000 voll integrierten Sauen erklärte er das System: Der Integrator investiere 158 Mio. € für die Tiere, die Genetik, die Futtermittelproduktion, Medikamente, die Logistik sowie in das Management und die Fachberatung. 500 kooperierende Landwirte trügen mit 875 Mio. € den größeren Anteil. Sie finanzierten und bauten die Ställe. Durch diese Aufteilung bleibe der Fremdkapitalbedarf für die Integratoren verhältnismäßig schlank. Sie profitierten von Skaleneffekten und könnten ihr Kapital in Schlachthöfe, Markenbildung und den globalen Vertrieb investieren.

Vorteil der Absicherung

Dem Landwirt bietet das Modell eine wirtschaftliche Absicherung. Er trägt kein Marktrisiko, muss sich nicht um schwankende Preise oder den Vertrieb sorgen. Er konzentriert sich auf das Herdenmanagement und die Tierhaltung. Der Landwirt verantwortet die Arbeitskräfte vor Ort, die Energie- und Heizkosten sowie die ordnungsgemäße „Gülleentsorgung“, wie Gonzalez es formulierte.

Aus der Praxis berichtete er von zwei Vertragsarten zwischen Landwirt und Integrator, die in der Regel auf fünf Jahre geschlossen werden und sich danach automatisch jährlich verlängern: Im traditionellen System besitze der Sauenintegrator die Tiere, liefere das Futter, die Medikamente sowie das Sperma und organisiere den Transport. Dem Landwirt würden 16 bis 17 € je abgesetztem Ferkel gezahlt; dieser Wert sei allerdings kürzlich nach oben angepasst worden.

In der Mast belege der Integrator den Stall alle fünf Monate neu, liefere Futter und Medikamente, organisiere die Impfungen und den Transport. Der Landwirt erhalte ein festes Entgelt von rund 16 € pro schlachtreifem Schwein mit 115 kg Lebendgewicht. Im Flatdeck werde mit rund 27 € pro Platz und Jahr kalkuliert.

45 € je Mastplatz

Im neuen System zahlten die Integratoren eine feste Pauschale von 45 € pro Mastplatz und Jahr, unabhängig von der Zahl der Durchgänge. Dieses System habe in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Professionalisierung und zu einer erleichterten Hofnachfolge geführt.

Lange Zeit habe die spanische Exportmaschine funktioniert. Als Russland im Jahr 2014 ein Importverbot für europäisches Schweinefleisch verhängt habe, habe Spanien neue Kanäle in Asien geöffnet. Ab 2018 habe das Land vom Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in China profitiert. Inzwischen sei der chinesische Markt übersättigt. Die chinesischen Schlachtschweinepreise bewegten sich auf europäischem Niveau. Wer heute Mengen bewegen wolle, müsse den Blick nach Mexiko, auf den derzeit größten Importeur, richten, der allerdings vor allem aus den USA bedient werde.

2021: PRRS-Katastrophe

Neben der globalen Abkühlung kämpfe Spanien mit zwei Krisen im eigenen Land. Der erste Schlag habe die Erzeugung 2021 mit dem Auftreten des hochpathogenen PRRS-Virusstammes Rosalia getroffen. Die Mortalität sei gestiegen, die Leistung eingebrochen: Im Schnitt seien zwei bis drei Ferkel weniger pro Sau und Jahr abgesetzt worden.

Insgesamt fehlten durch die PRRS-Krise zehn Millionen schlachtreife Schweine, was zu einer Unterauslastung der Schlachthöfe geführt habe. Um die Kapazitäten zu sichern, hätten die Integratoren massiv Ferkel aus den Niederlanden und Mastschweine aus Frankreich importiert. Die Produktionskosten seien durch die Folgen von Rosalia um 11 ct/kg gestiegen.

2025: ASP-Einbruch

Ein weiterer Schlag sei im November 2025 erfolgt: der Ausbruch der ASP im Wildschweinebestand im Herzen der Produktion, der Region Katalonien. Die letzten positiven Befunde stammten laut Gonzalez vom 18. Juni dieses Jahres. Glück im Unglück: Es sei kein Schlachthof betroffen. Zwar habe Spanien Regionalisierungsabkommen mit Drittländern abgeschlossen. Aber Japan, wohin Spanien einst 300.000 t Schweinefleisch exportiert habe, habe seine Importe trotzdem auf ein Fünftel der Menge reduziert. Auch auf den Philippinen seien die Absätze eingebrochen. Zwar versuche die Branche, neue Märkte wie Vietnam zu erschließen, doch das könne die Verluste nicht kompensieren.

Keine Wildschweinbejagung

Hinzu komme ein Politikum bei der Seuchenbekämpfung: Während das konservativ regierte Aragonien rigoros durchgreife, werde im links-grün regierten Katalonien eine Bejagung von Wildschweinen politisch blockiert, weshalb die Lage im Wildbestand nicht unter Kontrolle sei.

Die Folgen träfen dem Spanier zufolge auch deutsche Schweinehalter. Vor dem ASP-Ausbruch habe das spanische Lebendgewicht (LG) bei 1,35 €/kg notiert, Spanien fast durchgehend bessere Erzeugerpreise als Deutschland erlebt. Nach dem ASP-Ausbruch seien die Lebendpreise auf 1 €/kg LG gefallen.

Im ersten Halbjahr seien die Integratoren mit einem Minus von 34 ct/kg tief in die Verlustzone gerutscht. Fleisch, das nicht mehr nach Asien abfließe, verbleibe im europäischen Binnenmarkt. Gonzalez schätzte, dass 25 % mehr spanisches Schweinefleisch in der EU drängten. Spanien habe in den vergangenen Monaten massiv Marktanteile in Osteuropa gewonnen.

Weitere Konzentration

Über die Zukunftsaussichten herrscht laut Gonzalez große Ungewissheit. Während mittelgroße Integratoren in Spanien bei einem Andauern der Krise vor dem Ruin stünden, würden große Konzerne von den beteiligten Banken hindurchgetragen. Spanien stehe vor einer weiteren Marktkonzentration. Hoffnung auf eine Erholung der Preise machte Gonzalez erst für 2027.

Währenddessen stellten sich die spanischen Großkonzerne darauf ein, die deutschen Kriterien für Tierwohl der Haltungsform 2 zu bedienen, um in die deutschen Lieferketten einzudringen. Auch laufen in Spanien Versuche zum freien Abferkeln, orientiert an der deutschen Gesetzgebung. Nach höheren Haltungsstufen sieht Gonzalez dagegen keinerlei Bestrebungen.

Wachstum gedeckelt

Immerhin: Ein weiteres Wachstum sei auch in Spanien durch strenge Umweltauflagen gedeckelt. Ställe, die heute noch gebaut würden, basierten auf Genehmigungsanträgen, die vor sechs Jahren eingereicht worden seien.

Als Schwäche bezeichnete Gonzales die Abhängigkeit vom Finanzsektor. Die Schulden seien höher als in Deutschland, angesichts steigender Zinsen verschlechtere sich damit die Lage. Auch sei die Unternehmensnachfolge bei großen Integratoren schwierig, oft setze man auf einen professionellen Vorstand außerhalb der Familie. sh

Dr Pedro Gonzalez Anover, AGPorcine, Foto: sh

Trumps Frist wird wohl eingehalten

0

Das Europaparlament hat dem rechtlichen Rahmen für die künftigen Handelsbeziehungen zwischen der EU und den USA zugestimmt. Mit einer Mehrheit von deutlich über zwei Dritteln votierten die Abgeordneten vergangene Woche für die politische Übereinkunft zwischen den Co-Gesetzgebern und der EU-Kommission. Jetzt muss noch der Rat sein Einverständnis geben.

Die von US-Präsident Donald Trump gesetzte Frist, das auch als Turnberry-Deal bezeichnete Abkommen spätestens bis zum 4. Juli zu ratifizieren, dürfte damit erreichbar sein. Mitte Mai hatte er damit gedroht, den Deal andernfalls platzen zu lassen.

Die Grundlage für Dialog

Das Rahmenabkommen soll als Grundlage für den weiteren Dialog mit den USA dienen. Ein Ziel: Neue Zollspiralen sollen verhindert und bestehende Zölle reduziert werden. Bei gemeinsamen Herausforderungen soll enger zusammengearbeitet werden. Aus verschiedenen Brüsseler Kreisen ist allerdings zu hören, dass auf einem anderen Blatt steht, ob sich US-Präsident Donald Trump an die Absprachen halten wird.

Konkret geht es um zwei Gesetze. Eine Verordnung ist wesentlich umfangreicher. Sie wird daher als Hauptverordnung betitelt. Diese soll die verbleibenden Zölle auf US-Industriegüter beseitigen und den amerikanischen Herstellern und Erzeugern einen bevorzugten Marktzugang gewähren. Profitieren sollen nicht als sensibel bewertete Agrarprodukte sowie bestimmte Meeresfrüchte. Der zweite Gesetzestext konzentriert sich auf die Verlängerung der Zollaussetzung für US-Hummerimporte. Eingeschlossen sind verarbeitete Hummer.

In der Hauptverordnung werden sogenannte Sonnenscheinklauseln eingeführt. Das bedeutet, dass der zentrale Rechtsakt über Einfuhren von Industrie- und Agrarprodukten am 31. Dezember 2029 ausläuft. Vor diesem Datum wird die Europäische Kommission eine umfassende Bewertung der Auswirkungen des Abkommens sowie der Veränderungen der Handelsmuster mit Drittländern vornehmen. Die Geltungsdauer der Verordnung kann auf Vorschlag der Kommission verlängert werden.

Schutzmechanismus

Darüber hinaus verständigten sich die Gesetzgeber auf einen Schutzmechanismus für den Fall, dass die den USA gewährten Zollpräferenzen zu einem Anstieg der Einfuhren führen und der heimischen Wirtschaft, einschließlich des Agrarsektors, ernsthaften Schaden zuzufügen drohen. Die Kommission kann zudem von sich aus oder auf der Grundlage von Informationen eines oder mehrerer Mitgliedstaaten oder des Europäischen Parlaments eine Untersuchung einleiten.

Darüber hinaus wird die Brüsseler Behörde dem Parlament und dem Rat vierteljährlich über Veränderungen des Handelsvolumens und -wertes im Rahmen des Abkommens berichten. age

Nein des Schweizer Nationalrates

EFTA-Mercosur-Abkommen

Mit einem klaren Nein hat der Schweizer Nationalrat gegen das Abkommen der EFTA-Staaten mit den Mercosur-Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gestimmt. Strittig waren bis zuletzt die Themen Umwelt und Menschenrechte. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass sich die Mitglieder der großen Parlamentskammer bezüglich ausreichender und verbindlicher Ausgleichsmaßnahmen für die Landwirtschaft nicht einig wurden. Versucht wurde, per Antrag einen auf acht Jahre befristeten Kreditrahmen für die Bauernbetriebe in Höhe von 955 Mio. € für die Jahre 2028 bis 2035 durchzusetzen, allerdings vergeblich.

Der Bauernverband schlug als Alternative vor, die Mittel für die Strukturverbesserungen aufzustocken. Die Kasse des dafür wichtigen „Fond de Roulement“ sei fast leer. Dieser gebe zinslose, aber zurückzuzahlende Darlehen. Dieses Geld sollte vor allem dazu dienen, dass sich die Schweizer Landwirtschaftsbetriebe weiterentwickeln und die künftigen Herausforderungen besser meistern können. Die Ausgleichsmaßnahmen sind schon seit Langem ein wesentlicher Knackpunkt des Abkommens. Laut Bauernverband (SBV) führt das Mercosur-Abkommen zu zusätzlichen Importen aus Ländern mit völlig anderen Produktionsbedingungen. Das erhöhe den Druck auf die entsprechenden heimischen Märkte.

Nach dem Scheitern im Nationalrat liegt es dem SBV zufolge nun bei der kleinen Parlamentskammer, dem Ständerat, eine mehrheitstaugliche Lösung zu finden und verbindliche Abfederungsmaßnahmen zu definieren, damit das Abkommen in Kraft treten kann. Klar sei allerdings: ohne verbindliche Entschädigung werde der landwirtschaftliche Berufsstand das Abkommen wohl nicht unterstützen können.

Die EFTA‑Länder Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein hatten sich am 2. Juli 2025 auf das Vertragswerk geeinigt; es wurde am 16. September 2025 unterzeichnet. Allerdings ist es noch nicht in Kraft, weil nicht nur die Ratifizierung in der Schweiz aussteht, sondern auch in den übrigen EFTA-Ländern. Wie üblich muss jeder beteiligte Staat das Abkommen einzeln annehmen. age

Brücke zwischen Schule und Landwirtschaft

0

Der Landjugendverband (LJV) Schleswig-Holstein begleitet die Bildungsoffensive Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz (BiLEV) bereits seit ihrer Entstehung. Vertreter des Landesvorstandes und des Agrarausschusses brachten sich gemeinsam mit weiteren Akteuren aus Landwirtschaft, Bildung und Politik in die Entwicklung des Projektes ein. Die Bildungsoffensive verfolgt Ziele, die eng mit den Anliegen des LJV verbunden sind: junge Menschen für Landwirtschaft, Ernährung und den ländlichen Raum zu sensibilisieren und zu begeistern.

Beim BiLEV-Mitmachtag Anfang Juni auf dem Milchviehbetrieb von Annika und Christoph Jacobsen in Osterrönfeld machte sich Bundesjugendreferent Thore Groth erneut ein Bild davon, wie die Bildungsangebote in der Praxis funktionieren. Rund 60 Lehrkräfte aus ganz Schleswig-Holstein waren der Einladung gefolgt.

Nach der Begrüßung durch Ina Abel vom Landwirtschaftsministerium durchliefen die Teilnehmenden sechs Praxisstationen entlang der Wertschöpfungsketten „Vom Korn zum Brot“ und „Von der Milch zum Käse“. Die Angebote wurden von verschiedenen Betrieben und Partnern aus dem BiLEV-Netzwerk gestaltet und zeigten, wie sich Themen aus Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz fächerübergreifend in den Unterricht integrieren lassen.

Für Dr. Vera Plähn von der Europa-Universität Flensburg ist ein solcher Tag weit mehr als ein Hofbesuch. „Das ist kein Ausflug, das ist Unterricht“, machte sie deutlich. Die Angebote seien eng an die Lehrpläne angebunden und würden bewusst vor- und nachbereitet. Gleichzeitig sollen die teilnehmenden Lehrkräfte ihre Erfahrungen in die Schulen tragen und dort als Multiplikatoren wirken.

Gastgeber Christoph Jacobsen stellte für die Veranstaltung seinen Milchviehbetrieb mit rund 180 Kühen zur Verfügung und führte die Teilnehmenden in der Mittagspause über den Hof. Aus seiner Sicht leisten solche Besuche einen wichtigen Beitrag dazu, Landwirtschaft transparent zu machen und das Verständnis für die tägliche Arbeit auf den Betrieben zu stärken. Gerade Kinder und Jugendliche aus städtischen Regionen hätten häufig nur bruchstückhafte Vorstellungen von Landwirtschaft. Umso wichtiger seien direkte Einblicke in die Praxis.

Weitere Betriebe im Land gesucht

Für den LJV Schleswig-Holstein passt die BiLEV hervorragend zu den eigenen Zielen: Landwirtschaft sichtbar machen, Verständnis fördern und junge Menschen für den ländlichen Raum begeistern. Gleichzeitig möchte der Verband insbesondere junge Landwirtinnen und Landwirte für eine Beteiligung an der Bildungsoffensive gewinnen. Als junge Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter können sie Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe vermitteln, wie moderne Landwirtschaft heute funktioniert und welche Perspektiven der ländliche Raum bietet.

Der BiLEV-Katalog umfasst 204 Bildungsangebote von 133 Betrieben in ganz Schleswig-Holstein. Foto: Thore Groth
Für Landwirt Christoph Jacobsen dienen die Besuche dazu, Landwirtschaft transparent zu machen. Foto: Thore Groth
Ziel der BiLEV ist es unter anderem, das Verständnis für die Landwirtschaft zu fördern. Foto: Thore Groth


Der aktuelle BiLEV-Katalog umfasst inzwischen 204 Bildungsangebote von 133 Betrieben in ganz Schleswig-Holstein. Entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette können sich weitere Höfe und agrarische Unternehmen als außerschulische Lernorte einbringen. Für jede durchgeführte Veranstaltung erhalten die beteiligten Betriebe eine Aufwandsentschädigung von 400 €. Die Angebote werden gemeinsam mit der Europa-Universität Flensburg entwickelt und begleitet. Zudem werden interessierte Betriebe durch Qualifizierungsangebote auf ihre Rolle als außerschulischer Lernort vorbereitet. Niemand muss also als fertige „Lehrkraft“ starten; gefragt sind vor allem die Erfahrungen und Einblicke aus der Praxis.

Realistische Einblickein die Landwirtschaft

Die Angebote sind eng an die Lehrpläne angebunden und zeigen, dass Landwirtschaft weit mehr Anknüpfungspunkte bietet als nur für den Biologieunterricht. Auch Mathematik, Wirtschaft, Politik, Geografie oder Ernährungsbildung lassen sich unmittelbar mit den Themen verbinden. Noch wichtiger als die finanzielle Unterstützung sei jedoch die Möglichkeit, jungen Menschen einen realistischen Einblick in die moderne Landwirtschaft zu geben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Über den Agrarausschuss und die zahlreichen Kontakte in die landwirtschaftliche Praxis möchte der LJV auch künftig als Multiplikator wirken und interessierte Betriebe mit den Verantwortlichen der BiLEV vernetzen. Denn wer Verständnis für Landwirtschaft schaffen möchte, muss Landwirtschaft erlebbar machen – am besten direkt dort, wo Lebensmittel entstehen.