Es ist ein Anblick, der für vorsommerliche Landidylle steht wie wohl kaum ein anderer im landwirtschaftlichen Sektor: wogende Gerstenähren im Wind. Doch was wird aus dieser bedeutenden Kultur nach dem Wegfall von Flufenacet? Eine Einschätzung gibt dieser Artikel.
Hitzephasen, unwetterartige Regenfälle, große Blöcke mit viel oder wenig Regen: All das ist Klimawandel. Zu Recht werden diese gravierenden negativen Folgen gesehen. Doch es geht auch anders. Neben Mais profitiert von allen Getreidearten vor allem die Wintergerste vom Klimawandel. In der traditionellen schleswig-holsteinischen Fruchtfolge stand die Gerste meistens als abtragende Frucht nach dem Weizen.
Die Folge: Die Erträge waren zwar in Ordnung, ließen aber doch des Öfteren zu wünschen übrig. Dies hat sich verändert: Seit fünf bis sechs Jahren sind die Flächenerträge der Gerste durchweg höher und vor allem stabiler als beim Winterweizen. Deswegen darf bei einer oberflächlichen Betrachtung nicht allein die Preisdifferenz zum Weizen in den Blick genommen werden.
Worin liegen die Gründe?
Mit Einführung einer neuen Sortengeneration (,Avantasia‘/,Julia‘) hat sich das Ertragspotenzial deutlich erhöht. Diese Voraussetzung ist wichtig, das Potenzial muss jedoch auch gehoben werden. Im Zuge der Fruchtfolgeerweiterungen rutscht die Gerste immer öfter in das Fruchtfolgeglied nach Blattfrüchten. Hier zeigt sich, dass Wintergerste gute Vorfrüchte deutlich besser ausnutzt. Einer der Gründe ist die deutlich höhere N-Aufnahme vor Winter.
Als abtragende Frucht hatte sie häufig mit Stickstoffsperren zu kämpfen, was die Anlage von Ertragsorganen behinderte. Die notwendige und spürbare Wetterresilienz kommt aus dem im Vergleich zum Weizen deutlich umfangreicheren Wurzelwerk. Kombiniert mit einer durchwurzelbaren Krume nach Raps oder Ackerbohne sorgt dies für ein enormes Ertragspotenzial.
Was passiert nach dem Wegfall?
In der Gerste sind die Bekämpfungsmöglichkeiten von Ackerfuchsschwanz im Frühjahr sehr begrenzt. Entsprechend wichtig ist die Herbstbehandlung, und entsprechend groß war der Aufschrei nach der Entscheidung, Flufenacet vom Markt zu nehmen.
In den nun zweijährigen produktionstechnischen Versuchen der Firma Trede & von Pein GmbH, Itzehoe, zeigte sich sehr schnell: Mit dem Wegfall von Flufenacet muss aus ackerbaulichen Gründen der Gerstenanbau eigentlich ansteigen. Dies bestätigt das diesjährige Anbaujahr. Fährt man jetzt durch die Marschregionen, fällt auf, dass viele Gerstenbestände nahezu frei von Ackerfuchsschwanz sind, während Weizenschläge oft verheerend aussehen.
Hier wirkt der Klimawandel einmal positiv. Ein wärmerer Herbst verschiebt das optimale Saatzeitfenster für Gerste nach hinten und ermöglicht damit auch vor Gerste eine Scheinbestellung. Während Gerste nach Mais auf der Geest inzwischen nichts Besonderes ist, sind die Hürden in der Marsch oft größer. Aufgrund des Wetterrisikos sind hier die Bedenken groß. So kommt der Vorteil von gut drainierenden Vorfrüchten wie Ackerbohne oder Raps zum Tragen.
Diese beiden Kulturarten sind häufig deutlich weniger mit Ackerfuchsschwanz belastet und ermöglichen so die zügige Herstellung eines falschen Saatbettes, da wenig bis keine Ausfallsamen zum Auflaufen gebracht werden müssen. Jedoch werden aus tieferen Schichten oft erhebliche Mengen aus dem Bodensamenvorrat zum Auflaufen gebracht. Die Vorbereitung des Saatbettes ist dabei enorm wichtig. Eine Bearbeitung sollte nur bei trockenem Boden erfolgen.
Wichtig ist eine gute, krumentiefe Rückverfestigung, um ein ausreichendes Abdrainen von Niederschlägen zu gewährleisten. Immer wieder stellt man Probleme nach starken Regenereignissen fest. Oft liegt die Ursache in mangelnder Rückverfestigung.
Bei rechtzeitiger Saatbettbereitung nach Blattfrüchten umgeht man das Risiko einer Nichtbestellung, da der Hauptauflauf bis Ende September stattgefunden hat. Wichtig ist hier das Abwarten des Auflaufens nach erfolgter Grundbodenbearbeitung (Pflug oder Mulchsaat), um den maximalen Bekämpfungserfolg zu garantieren. Hier sind mindestens drei, eher vier Wochen einzuplanen.
Die Gerste sollte als Vorfrucht zu Raps stehen. So ergibt sich folgende mögliche Fruchtfolgegestaltung: WG-Raps-WW-Ackerbohne/Hafer. Diese Fruchtfolge ist für das Kernproblem der Marsch optimiert: Ackerfuchsschwanz. Nicht wenige Standorte müssen sich weniger mit der Frage der wirtschaftlichsten Kultur beschäftigen. Vielmehr rückt die Frage in den Mittelpunkt: Was baue ich an, um überhaupt noch Ackerbau zu betreiben?
Gerade bei hoher Ungrasbelastung sind daher zwei Sommerungen in Folge von Vorteil, auch wenn die Vorfrucht Hafer mit ihren hohen Strohmengen und den keimhemmenden Wurzelausscheidungen oft eine besondere Herausforderung für Winterkulturen ist. Ackerbohne und Hafer können auch getauscht werden, um dies zu umgehen. Bei zügiger Jugendentwicklung ist eine spätere Aussaat um die Monatswende zum Oktober sogar von Vorteil. Die Pflanzen bestocken sich nicht übermäßig. Nicht selten findet man bei späteren Saatterminen zwei bis drei kräftig entwickelte Triebe, was durchaus als ideal angesehen werden kann.
Konkurrenzkraft gezielt nutzen
Die zügige Herbstentwicklung, kombiniert mit dem großrahmigeren Wuchs, beschert der Gerste ein extremes Unterdrückungsvermögen. Dies kann jedoch nur genutzt werden, wenn neben einer guten Kulturentwicklung die Aussaat außerhalb der Hauptauflaufwelle des Ackerfuchsschwanzes erfolgt. In Herbizidversuchen im Herbst 2024 zeigte sich das enorme Ungrasunterdrückungsvermögen. Die Wirkungsgrade in den Herbizidversuchen lagen durch die Bank bei deutlich über 90 % – ohne Flufenacet.
Sehr gute Wirkungsgrade wurden mit aclonifenhaltigen Produkten erzielt. Hier zeigt sich bereits nach zwei Jahren, dass Kombinationen aus Aclonifen, Prosulfocarb und DFF die Nase vorn haben. So war in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Kombination aus 0,9 l Chanon + 3 l JuraMax + 0,25 l Bostat eine der besten Varianten. Dabei brachte die Steigerung von 0,5 auf 0,9 l Chanon eine deutliche Wirkungsverbesserung, nicht jedoch die Steigerung von 0,9 auf 1,3 l. Diese Erhöhung ging dann zulasten der Verträglichkeit.
Kritisch wird angeführt, dass dieser Vergleich nicht ganz richtig ist, da auch in der Gerste Ungrasähren zu finden sind. Das ist korrekt. Da diese aber nicht zum Vorschein kommen und sich im Bestand befinden, sind sie deutlich stärker unter Druck. Dies hat zur Folge, dass die Ackerfuchsschwanzpflanzen weniger bestockt sind und die Ähren kleiner ausfallen, sodass das Vermehrungspotenzial eingeschränkt wird. Die Erträge sprechen für die Gerste.
Die zügigere Bestockung im Herbst sorgt für einen schnelleren Bodenschluss und bereits hier für eine hohe Unterdrückungskraft. Zwar sind die Sortenunterschiede der Gerste nicht ganz so groß wie im Weizen, dennoch sind bestandesdichte Sorten von Vorteil. Dies zeigt eindrucksvoll die Auswertung von Sortenversuchen zur Ernte 2024.
Hier sind der Durchschnitt der Sorten sowie die jeweils beste Sorte als Einzelwert dargestellt. Immer wieder angeführt wird die erhöhte Lagergefahr von Gerste. Durch ihre Wüchsigkeit muss hierauf ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Allerdings kommt das gute Unterdrückungsvermögen auch durch die Wuchshöhe zustande. Hier bedarf es weiterer Forschung.
Fazit
Ein immer wieder diskutiertes Aus für den Gerstenanbau ist unbegründet. Gerste hat eine Vielzahl von Vorteilen, die sie zu einer unersetzbaren Kultur macht: Sie wird meist trocken gedroschen. Sie ist eine gute Vorfrucht für Raps und Zwischenfrüchte. Sie ist ertragsstabil. Sie ist konkurrenzstark. Für einen erfolgreichen Gerstenanbau bedarf es eines guten Kalkhaushaltes sowie einwandfrei funktionierender Drainagen. Allein die sinkende Tierhaltung verändert die Absatzströme hin zum Export, was eine Vermarktung nicht leichter macht. Qualitätsstarke Sorten sind also gefragter und wichtiger denn je.



