Am Wochenende begehen wir das wichtigste Fest der Christenheit: Ostern. Wir feiern die Auferstehung Jesu und den Sieg des Lebens über den Tod. Christiana Lasch-Pittkowski, frühere Schleswiger Dompastorin, lädt aus diesem Anlass ein, einen neuen Blick auf ein altbekanntes Kunstwerk zu wagen. Stellt doch der über 500 Jahre alte Brüggemann-Altar die Passion Christi, ohne die es Ostern nie gegeben hätte, eindrücklich dar. Überraschend: Auch mutige Frauen spielen dort eine bedeutende Rolle.
Foto: Silke Bromm-Krieger
An diesem Nachmittag sind nur wenige Besucher in den Schleswiger St. Petri-Dom gekommen. Eine andächtige Stille begrüßt den Gast. Die perfekte Gelegenheit, an einem herausragenden Kunstwerk der frühen Neuzeit ungestört innezuhalten: dem Brüggemann-Altar. Ursprünglich für die Kirche des Klosters in Bordesholm geschaffen, deshalb auch als Bordesholmer Altar bezeichnet, hat er hier seit 1666 seinen Platz. Wie oft Christiana Lasch-Pittkowski in den 15 Jahren ihrer Tätigkeit als Dompastorin wohl leise staunend vor ihm gestanden hat? Dass sie von ihm begeistert und fasziniert ist und noch immer neue, spannende Facetten an ihm entdeckt, verrät sie im Bauernblatt-Gespräch. Wir nehmen in einer Stuhlreihe vor dem Altar Platz und lassen unseren Blick eine Weile auf ihm ruhen, konzentrieren uns still nur auf das, was wir sehen. In diesem Moment fallen zarte Lichtstrahlen durch die bunten Domfenster in den Chorraum. Sie werfen kleine Schattenflecke auf die 392 individuell geschnitzten Figuren und filigranen Architekturdetails des Retabels. „Manchmal ist der Schattenwurf so, dass ich einige Figuren und Details nicht erkenne, ein anderes Mal sind sie wieder da“, beobachtete die Theologin. Jahrelang habe sie beispielsweise nicht gesehen, dass Judas, der Jesus verraten hatte und sich daraufhin das Leben nahm, in einer Szene im Hintergrund an einem Baum hängend dargestellt sei. „Erst eine Domführerin machte mich später zufällig darauf aufmerksam.“
Einzigartiges Kunstwerk
Der vom Bildhauer und Bildschnitzer Hans Brüggemann zwischen 1514 und 1521 geschaffene Altar wurde teilweise inspiriert von Holzschnitten Albrecht Dürers. Er hat eine Höhe von mehr als 12,60 m und eine Breite von 7 m und zählt zu den einzigartigen Kunstwerken des Landes. Unter anderen zeigt er in zwölf Einzelszenen und zwei zentralen Hauptszenen die Passion Christi, angefangen links außen mit dem Verrat Christi durch den Judaskuss bis rechts unten zur Auferstehung und der Geschichte vom ungläubigen Thomas. In der Mitte sind auf zwei Flächen die Kreuztragung und die Kreuzigung dargestellt. Diese 14 Szenen sollen nun im Fokus der Betrachtung stehen. Die Pastorin beginnt, die Leidens- und Sterbegeschichte Jesu zu erzählen. Er kam auf einem Esel nach Jerusalem, um mit seinen Jüngern das jüdische Passahfest zu feiern. Viele Menschen und Anhänger freuten sich, dass er da war, doch führende jüdische Kreise wollten ihn tot sehen, wobei ihre Motive vielschichtig waren. So warf man ihm Gotteslästerung vor.
In die betreffende Szene steigt Hans Brüggemann mit dem Judaskuss und der Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane ein. „Er hat die Geschichte nicht wortgetreu aus der Bibel nacherzählt, sondern frei eine eigene Bildsprache und Visualisierung für das Geschehene gefunden“, informiert die Pastorin. Seine filigrane und detailreiche Schnitzarbeit öffne eindrucksvoll Szene um Szene den Zugang des Betrachters zum Mitleiden und Miterleben der Passion Jesu.
In den ersten sechs Szenen, die auf der linken Altarseite untereinander in zwei Dreiergruppen angeordnet sind, steht Jesus nach seiner Festnahme gefesselt vor dem Hohepriester Kaiphas, der in Jerusalem der höchste jüdische Repräsentant unter römischer Aufsicht war. Jesus wird verhört, anschließend mit 49 Schlägen gegeißelt und durch das Aufsetzen einer Dornenkrone verspottet. Schließlich präsentiert ihn der römische Statthalter Pontius Pilatus dem Volk, das will, dass er gekreuzigt wird. Pilatus wendet ein, dass Jesus nichts getan habe, kann sich aber der aufgebrachten Menschenmenge nicht erwehren. Symbolisch wäscht Pontius Pilatus seine Hände daraufhin in Unschuld, während Jesus zur Kreuzigung abgeführt wird. „Bei diesen Szenen, die Darstellungen von Gewalt enthalten, fällt auf, dass keine Frauen zugegen sind“, bemerkt die Pastorin. Im Mittelpunkt stehe die Verhöhnung von Jesu durch die anwesenden Männer. „Das ändert sich jedoch, wenn wir im Mittelschrein unten auf die Kreuztragung und darüber auf die Kreuzigung schauen“, so Lasch-Pittkowski.
Mutiges Zeichen
Unter der Last des Kreuzes, das Jesu am Karfreitag zu seinem Hinrichtungsplatz auf dem Berg Golgatha tragen muss, stürzt er zu Boden. Die heilige Veronika tritt herbei und reicht ihm ein Schweißtuch, mit dem er sich das Gesicht abwischen kann. Sie setzt damit ein mutiges Zeichen der Mitmenschlichkeit und Verehrung. Sie nutzt einen kurzen Augenblick, um ihm eine kleine Wohltat zu spenden. „Das, was sie tat, war für Veronika nicht ungefährlich. Immerhin war Jesus ein vermeintlicher Schwerverbrecher auf seinem Weg zur Hinrichtung“, gibt die Pastorin zu bedenken. Bewaffnete Soldaten waren in unmittelbarer Nähe. Dennoch solidarisierte sie sich unerschrocken mit Jesu und stellte ihr eigenes Ansehen und mögliche Konsequenzen ihres Handelns hinter die Menschlichkeit. „Die Heilige Schrift offenbart uns nichts über diese Frau. In der Bibel kommt sie nicht vor“, betont sie. Historisch sei diese Begebenheit nicht gesichert. Im Hintergrund der Szenerie treten zugleich Maria, die Mutter Jesu, und ihre Begleiter aus einem Tor heraus.
Foto: Silke Bromm-Krieger
In der Kreuzigungsszene hängt Jesus mit zwei weiteren Verurteilten sterbend am Kreuz, umgeben von Engeln, die sein Blut in Kelchen auffangen. Daneben bricht Maria in den Armen eines Jüngers zusammen. Der Blick fällt ebenfalls auf Maria Magdalena. Sie gehört zum Kreis der Frauen, die Jesus folgen und ihn unterstützen. Mit langen, lockigen Haaren und einem kunstvoll gestalteten Gewand kniet sie vor ihm, hebt flehend ihre Hände zum Gebet empor. Auch sie bringt sich dadurch in Gefahr. Rechts von ihr kommen zwei Reiter mit Pferden bedrohlich nah, doch sie harrt unbeirrt am Kreuz aus. Wir schauen nun zur rechten Altarseite und ihren sechs Szenen. Nachdem Jesus tot vom Kreuz geholt wurde, sieht man, wie Maria ihren Sohn im Schoß hält. Schmerz und Trauer sind ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hält die Augen geschlossen und beweint den Sohn.
Berührende Szene
Foto: Silke Bromm-Krieger
Erstaunlich, wie es Brüggemann bei seinen Figuren stets gelingt, menschliche Gefühle wie Leid mit der entsprechenden Mimik und Gestik lebendig, wirklichkeitsnah und dazu räumlich dreidimensional darzustellen. Diese eine Maria-Szene berührt die Pastorin besonders. Bei Beerdigungen habe sie ebenfalls schmerzliche Situationen erlebt, in denen eine Mutter ihr Kind betrauern musste. „Es ist gut, dass Maria in dieser Lage nicht allein ist, sondern mitfühlende Menschen um sich hat, auch wenn sie ihren Schmerz nicht mindern können.“ Nach dieser Szene folgen die Grablegung Jesu, eine Darstellung von Christus in der Vorhölle und die Szene der Auferstehung am Ostersonntag. Während seine Bewacher schlafen, steht Jesus zwischen ihnen. Er hält einen Kreuzstab in der Hand, welcher als Zeichen des Triumphes gedeutet werden kann. Hinten in der Szenerie, kaum wahrnehmbar, stehen drei Frauen, die als Erste sein leeres Grab entdeckt hatten. Brüggemann symbolisiert das Grab durch einen Sarg. In der letzten Szene sehen wir die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern und dem ungläubigen Thomas, der seine Finger in ein Wundmal Jesu legt, um sich zu überzeugen, dass er tatsächlich auferstanden ist. „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“, meint Jesus daraufhin, was als Zuspruch an alle späteren Gläubigen verstanden werden kann.
Christiana Lasch-Pittkwoski ist davon überzeugt, dass die 14 Szenen auch heute noch aktuell sind. „Das ist ein starkes Zeichen. Jesus ist nicht im Tod geblieben, Gott hat ihn auferweckt. Er steht vor dem Sarg als Sieger. Wie Jesus gelebt hat, was er getan und wie er die Menschen ermutigt und befreit hat, das geht weiter. Bis heute“, unterstreicht sie. Leid und Schmerz, Gewalt und Trauer seien so dominant in unserer Welt, gerade jetzt wieder. „Aber Ostern sagt: Die Liebe, die Menschenfreundlichkeit und das Gute tragen den Sieg davon. Das gibt immer wieder neue Hoffnung“, resümiert sie.
Literatur
Oliver Auge und andere (Herausgeber): „Der Bordesholmer Altar des Hans Brüggemann“, Imhof Verlag, 49,95 €
ISBN: 9 78-3-73 19 13-13-9
Mit 336 Seiten und 234 Abbildungen ist dieser 2023 erschienene Band zur interdisziplinären Tagung zum 500-jährigen Bestehen des Altarretabels eine Fundgrube an Wissen und Forschungsergebnissen.




