„Ausschussarbeit ist die Kernarbeit des Bauernverbandes“, betont Klaus-Peter Lucht, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH) und Ausschussvorsitzender des Fachausschusses für Milch, im Interview mit dem Bauernblatt. Lucht und Klaus Peter Dau, Landesvorstandsmitglied im BVSH und Ausschussvorsitzender des Fachausschusses für Vieh und Fleisch (ohne Schweinehaltung) sind sich einig: Es lohnt sich, sich für die Zukunft der Betriebe im Land einzusetzen, und die Fachausschüsse des Bauernverbandes seien der beste Ort dafür.
Wie geht es den Rinder haltenden Betrieben in Schleswig-Holstein?
Klaus-Peter Lucht: Wir hatten in den vergangenen eineinhalb Jahren ganz gute Milchpreise. Das muss man ehrlicherweise sagen. Wir haben im vergangenen Sommer auch eine gute Futtergrundlage eingefahren. Wenn der Milchpreis nun zurückgeht, weil die Produktion gestiegen ist, ist der Druck allerdings sofort wieder da, die Liquidität zu halten. Ich glaube, dass viele Betriebe in den vergangenen eineinhalb Jahren Ersatzinvestitionen getätigt haben. Viele sind also ganz gut aufgestellt. Trotzdem habe ich Sorge, dass der Strukturwandel weitergeht, weil einige sagen werden: Für diesen Milchpreis melke ich nicht mehr. Wir haben die guten eineinhalb Jahre gern mitgenommen, und ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Was sind derzeit die drängendsten Themen bei Ihnen im Ausschuss?
Klaus Peter Dau: In der Rindermast sind es das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz und der Stallumbau. Wer weitermachen will, muss seinen Stall auf Tierwohl umstellen – vielleicht noch nicht heute und morgen, aber es wird auch in der Rinderhaltung kommen. Betriebe werden entweder die alten Ställe so umbauen, dass die Tiere nach draußen kommen, oder eben neue Ställe bauen. Das ist aber aus Baurechts- und Emissionsschutzgründen sehr schwierig. Trotzdem versuchen wir für die nächste Generation eine Zukunft zu gestalten, in der sie weitermachen kann.
Was brauchen die Milchvieh haltenden Betriebe in Schleswig-Holstein von der Politik?
Lucht: Unternehmerische Freiheiten. Ich rede jetzt einmal nicht von QM oder QS, sondern von allem, was obendraufkommt, Kontrollen aus dem Landeslabor zum Beispiel. Das muss vernünftig ablaufen. Freundlicher Umgang und die Unschuldsvermutung müssen ganz oben stehen. Das Zweite sind all die Vorgaben der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik, die freiwillig gestaltet werden sollten. All die Glöz-Standards müssen weg, Flächenstilllegungen müssen weg und auch Fruchtfolgevorgaben müssen weg. In der heutigen Zeit müssen wir Lebensmittel produzieren, vor allem Protein. Und wir brauchen auch Absatzmärkte außerhalb Deutschlands.
Was tun die Landwirtinnen und Landwirte, um sich anzupassen und weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben?
Dau: Die Landwirtinnen und Landwirte, die weitermachen wollen, tun sehr viel, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In den Ställen wird viel umgebaut, in der Futterbergung wird viel gemacht, um gute Qualitäten zu erzeugen. In der Düngung wird viel gemacht, die NIRS-Technik wird schon vielfach angewendet. Vor allem die junge Generation fragt nach den neuesten Techniken, um auch den Dokumentationspflichten nachzukommen und gesetzeskonform die Arbeit zu erledigen.
Lucht: Auch Herdenmanagementprogramme haben sich weiterentwickelt. Systeme wie Smaxtec liefern uns die Gesundheitsdaten der Kühe. Das führt dazu, dass wir besser besamen und Kühe gezielt anschauen und betreuen können. Wir setzen gesextes Sperma ein. Es geht darum, die Effizienz zu steigern. Das kann eine Gewichts- oder Milchleistungszunahme sein, bei gleichzeitig verbesserten Tierhaltungssystemen, in denen die Tiere auch älter werden und damit eine höhere Lebensleistung haben. Melkroboter liefern viele Daten, die man früher gar nicht kannte. Jetzt weiß der Roboter schon zwei Tage bevor das Tier krank ist, dass sich eine Euterentzündung anbahnt.
Was können Sie als Fachausschuss beitragen, um Milchviehhalter zu unterstützen?
Lucht: Wir müssen als Fachausschuss immer versuchen, die Herausforderungen der Betriebe zu diskutieren. Wir entscheiden nicht von Rendsburg aus, sondern machen Basisarbeit und wollen das auch so beibehalten. Die Wünsche, Bitten oder auch Vorstellungen, wie Landwirtschaft sein sollte, müssen dann politisch umgesetzt werden. Das versuchen wir mit unserem Hauptamt, das ordentlich zu Papier bringt, was wir sagen. Ich vertrete zudem den Milchbereich in Berlin, Klaus Peter Dau macht das bei Vieh und Fleisch. Die gesammelten Gedanken versuchen wir dort einzuspeisen, um auch auf Bundes- und EU-Ebene bessere Wettbewerbsbedingungen für unsere Betriebe zu bekommen. Für mich ist Ausschussarbeit die Kernarbeit des Bauernverbandes. Wichtig ist, dass auch jüngere Kollegen dabei sind, die noch einmal andere Ansprüche an Politik haben. Die Diskussion darüber, was der richtige Weg ist, finde ich sehr spannend – und das findet eben im Ausschuss statt. In den Kreisen natürlich auch, aber von dort wird es in die Ausschüsse und auf die Landesebene getragen. Das ist basisdemokratisch.
Was ist Ihre Motivation, sich ehrenamtlich für die Milchviehbetriebe und Rinderhalter in Schleswig-Holstein zu engagieren?
Lucht: Das ist Arbeit für die Zukunft. Wir wollen, dass die Betriebe in die nächste Generation getragen werden können, und wir versuchen, die Rahmenbedingungen dafür zu organisieren. Wir haben unsere Betriebe weiterentwickelt. Unsere Kinder haben übernommen. Es geht uns also nicht um uns, sondern darum, für die Zukunft der Branche zu arbeiten. So habe ich das immer gesehen, und das treibt mich an. Ich freue mich über jeden jungen Landwirt, jede junge Landwirtin, egal wie groß der Betrieb ist, ob mit Direktvermarktung oder anderen Betriebsausrichtungen. Ich bin immer froh, wenn junge Menschen Lust auf Landwirtschaft haben, einfach um diesen Sektor modern zu halten. Landwirtschaft ist ein Innovationstreiber auch gegenüber anderen Sektoren. Und wenn junge Menschen Lust haben zu arbeiten, tun wir alles dafür, damit sie die Möglichkeit haben. Natürlich muss der Betrieb auch etwas mitbringen. Der Standort muss passen, die Größe auch. Aber ich habe auch mit 30 Kühen angefangen. Dann haben wir den „Umweg Heuhotel“ genommen und drei Ferienwohnungen gebaut, und heute machen wir wieder ausschließlich Milchwirtschaft. Ich verstehe mein Amt so: politisch die Rahmenbedingungen dafür zu organisieren, dass es laufen kann.
Dau: Ich sehe das ganz genauso. Ich freue mich, im Bauernverband mitarbeiten zu können für unsere Betriebe in der Rindermast. Es gibt so viele Gesetze und Auflagen, die die Landwirte nicht mehr vollumfänglich verstehen. Wir bringen diese Dinge über unsere Kreisbauernverbände den Landwirten näher. Wir erklären und stehen für Fragen zur Verfügung. Und wir sind über jeden froh, der zu uns kommt und uns fragt. Auch die junge Generation, die weitermachen will, braucht Hilfe bei all den Vorschriften, die es heute gibt. In der Tierhaltung geht es zum Beispiel darum, wie die Ställe konzipiert werden müssen. Wir können dann an die Politik herantreten und sagen, was geht und was nicht geht, was die Landwirtschaft leisten kann und was überhaupt nicht funktioniert. In meiner ganzen Zeit im Bauernverband habe ich erlebt, dass viele in der Politik nicht verstehen, wie wir arbeiten und warum das so sein muss. Das versuche ich der Politik näherzubringen.
Wie funktioniert denn der Bauernverband?
Lucht: Es ist wichtig, auch einmal zu demonstrieren. Damit machen wir auf Themen aufmerksam, die politisch oder gesellschaftlich schieflaufen. Aber mir haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass es nur funktionieren kann, wenn wir ein starkes Hauptamt haben, bestehend aus Agrarwissenschaftlern und Juristen. Dieses Hauptamt müssen wir uns leisten. Das kostet Mitgliedsbeiträge.
Wir sind ein Einheitsverband und wollen das auch bleiben. Auch dieses Ziel treibt mich an. Als wir die Milchquote noch hatten, ist natürlich der Milchbereich sehr fokussiert worden. Zurzeit ist es mehr der Umweltbereich. Wir arbeiten aber an allen Themen sehr intensiv und haben dafür auch die Fachleute. Wir sind selbstfinanziert, leben also nur von unseren Mitgliedsbeiträgen und nichts anderem. Das bedeutet auch, dass wir ausschließlich für unsere Mitglieder arbeiten. Die Kreisgeschäftsstellen sind dabei immer die ersten Anlaufpunkte für die Landwirtinnen und Landwirte. Auch die Präsenz in den Kreisen leisten wir uns, weil wir dort Ansprechpartner brauchen. Das macht uns stark.
Der „Umweg Heuhotel“
Klaus-Peter Lucht, der Verbandschef aus Mörel, Kreis Rendsburg-Eckernförde, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Lucht führt den Familienbetrieb gemeinsam mit seinem ältesten Sohn, der seit 2016 GbR-Partner ist und heute als Betriebsleiter das tägliche Management verantwortet. Der Betrieb entwickelte sich von 70 Kühen (2015) und Schleswig-Holsteins erstem genehmigten Heuhotel, das die Familie 20 Jahre lang erfolgreich führte, wieder zu einem reinen Milchviehbetrieb mit heute 200 Kühen. Als sich der Junior gegen die Touristen und für die Kühe entschied, wurde ein neuer Kuhstall gebaut und ein weiterer Stall in Gnutz gepachtet, in dem die Jungviehaufzucht erfolgt. Zum Team gehören neben der Familie zwei feste Mitarbeitende, ergänzt durch zwei junge Landwirtinnen, die regelmäßig Melkzeiten übernehmen, wenn Lucht selbst als „erster Melker“ nicht da ist. Zudem sei er derjenige, der im Büro sitze und Dokumentationspflichten erfülle. Zurzeit bewirtschaften Vater und Sohn 130 ha, von denen der überwiegende Teil Grünland ist, der Rest Mais. Stroh wird vollständig zugekauft. In einer Außenwirtschaftskooperation mit einem weiteren Landwirt aus dem Dorf können bis auf Häckselarbeiten und die Maisaussaat Feldarbeiten weitgehend eigenmechanisiert ausgeführt werden. „Wir tanken immer zu Hause voll, arbeiten, bis wir fertig sind, und jeder fährt seine eigene Kiste“, ergänzt Lucht.
Im Moor braucht es Breite
Der 64‑jährige Landwirt Klaus Peter Dau aus Tetenhusen, Kreis Schleswig-Flensburg, ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder, von denen der Älteste den Milchviehbetrieb vor zwei Jahren übernommen hat. Die Familie melkt 110 Kühe an zwei Melkrobotern. Neben der Landwirtschaft hat sie ein Lohnunternehmen, das die Söhne gemeinsam führen und das mit drei Häckslern, sieben Güllewagen sowie Drillmaschinen für Mais und Gras ausgestattet ist. Der 145 ha umfassende Betrieb liegt in der Eider-Treene-Sorge-Niederung und bewirtschaftet überwiegend Grünland, darunter auch nasses Moorland, das beweidet und zur Futterbergung genutzt wird. Deshalb hat Dau im Bauernverband auch viel mit der Moorvernässung zu tun. Daneben baut die Familie Mais, Ackergras und etwas Getreide an, um die Fruchtfolgevorschriften zu erfüllen und nicht das gesamte Stroh zukaufen zu müssen. Außerdem versorgen Daus mit einer 1-MW-Hackschnitzel-Heizanlage etwa 180 Häuser in Tetenhusen mit Wärme. „Wir haben nicht mehrere 100 Kühe, wie andere Betriebe, aber eben noch das Lohnunternehmen und die Heizung mit dabei. Damit sind wir breit aufgestellt, und so läuft es aktuell sehr gut“, so Dau, der glücklich über die Betriebsentwicklung ist und neidlos anerkennt, dass es mit den Robotern „vielleicht noch einen kleinen Tick besser läuft“.




