Auf einem Jungpferdegipfel der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) wurden Änderungen der Prüfungen für drei- und vierjährige Pferde und Ponys bei den Bundeschampionaten beschlossen. Ziel der Anpassungen soll es sein, junge Pferde noch altersgerechter und schonender auf ihre sportliche Laufbahn vorzubereiten. Doch es gibt auch Kritik.
An den Prüfungen für drei- und vierjährige Pferde und Ponys bei den Bundeschampionaten wurden diverse Änderungen vorgenommen. So sollen die Dreijährigen künftig nur noch eine Prüfung absolvieren, statt wie bisher zwei. „Ich finde es sehr schade, dass sie den Dreijährigen das Finale nehmen. Gerade die ganz jungen Pferde brauchen eine Eingewöhnungszeit. Da ist manchmal eine erste Prüfung hilfreich. Und für das Finale qualifizieren sich nur die Besten“, stellt Mareike Peckholz diese Entscheidung infrage. Die Bereiterin nimmt seit mehr als 20 Jahren an den Bundeschampionaten teil, meist mit mehreren Pferden oder Ponys. „Für uns aus Schleswig-Holstein ist es sehr viel Aufwand, nach Warendorf zu fahren. Wir sind fünf bis sechs Stunden unterwegs. Für nur eine Prüfung lohnen sich weder der Aufwand noch die Kosten“, macht sie klar.
Auch dass die bisherige Gebäudebeurteilung an der Hand entfällt und die Pferde nicht mehr abgesattelt vorgestellt werden, findet Peckholz nicht sinnvoll. Gerade bei den drei- und vierjährigen Hengsten sei dieser Teil der Prüfung wichtig, um das Gebäude beurteilen zu können, vor allem für das zuchtinteressierte Publikum. Später gehe es darum, wie sie sich ausbilden ließen, doch in jungen Jahren entschieden Züchter nach anderen Kriterien. Hinzu komme, dass die Pferde in ihren Qualifikationen auch immer eine Gebäudebeurteilung hätten. Warum also nicht im wichtigsten Finale?
Für die Dreijährigen gibt es stattdessen nun eine Note für den Gesamteindruck inklusive Körperqualität. Die Merkmale Trab, Galopp und Schritt bleiben erhalten und auch das Merkmal Rittigkeit, allerdings mit besonderem Fokus auf der altersgemäßen Erfüllung der Kriterien der Skala der Ausbildung. Insgesamt werden von den Richtern also fünf Noten vergeben, künftig in Zehntelnoten statt wie bisher in Schritten von 0,5 Punkten.
Einstallen am Vortag
Die Prüfungsaufgabe für die Dreijährigen aus dem vergangenen Jahr bleibt bestehen, da sich die verkürzte Aufgabe ohne Trittverlängerung im Trab bewährt hat. Das findet auch Peckholz grundsätzlich gut, allerdings sei es „Augenwischerei“, denn in den Qualifikationen und bei den Landeschampionaten müssten die Dreijährigen die Lektion „Tritte verlängern“ beherrschen. Also müsse sie es auch ausbilden, sofern es nicht überall wegfalle.
Damit die Pferde ausreichend Zeit zur Eingewöhnung auf dem Gelände haben, ist nun das Einstallen am Tag vor der Prüfung verpflichtend. Das soll auch die Chancengleichheit sichern. Für die Jüngsten wird es am Vortag der Prüfung ein Training auf dem Prüfungsplatz geben.
Im vergangenen Jahr waren die Prüfungen der Ponyhengste auf Mittwoch vorverlegt worden. Peckholz, die für das Gestüt Steendiek von Peter Böge in Schönhorst, Kreis Rendsburg-Eckernförde, arbeitet, war also am Dienstag angereist. „Wir mussten dann nach sechs Stunden Fahrt den Ponys am Abend noch das Viereck zeigen. Am nächsten Morgen begann die Prüfung um acht Uhr“, berichtet sie und fügt hinzu: „Das war bitter und nicht pferdegerecht.“ Ob die neue Regelung solche Zeitabläufe verhindert, wird sich zeigen müssen.
Bei den Vierjährigen besteht die Qualifikation für das Finale weiterhin aus einer Reitpferdeprüfung. Geritten wird die bisherige Aufgabe. Die Bewertung erfolgt analog zu den Dreijährigen, somit entfällt auch die Gebäudebeurteilung an der Hand. Im Finale wird erstmals eine Dressurpferdeprüfung der Klasse A geritten.
„Unser Ziel ist es, die Anforderungen an ein Reitpferd verstärkt in den Fokus zu stellen“, erklärt Dr. Klaus Miesner, Geschäftsführer Zucht der FN. „Es geht um die Losgelassenheit, den Takt, die Anlehnung und die Durchlässigkeit des jungen Pferdes, aber auch um die Bewegungsqualität. All dies können die Richter in einer einzeln gerittenen Dressurpferdeprüfung sehr gut beurteilen. Der Fremdreitertest entfällt ganz, auch um die Verweildauer der jungen Pferde und Ponys auf dem Prüfungsplatz zu reduzieren.“
Als Ausbilderin von jungen Pferden fühlt sich Mareike Peckholz von der neuen Regelung unter Druck gesetzt. „In dem Hexenkessel allein eine Dressurpferdeprüfung der Klasse A zu reiten, erfordert Übung“, sagt sie im Hinblick auf das Finale und die Zuschauerränge. Dies würde im Zweifel bedeuten, mit dem jungen Pferd vorher öfter auf Turniere zu fahren. Erschwerend käme hinzu, dass in Schleswig-Holstein die meisten Dressurpferdeprüfungen der Klasse A zu zweit geritten würden, im Finale in Warendorf nun aber plötzlich allein. „Das finde ich auch nicht pferdegerechter.“
Umbau auf dem Gelände
Die Aufgabe sei im Übrigen sehr anspruchsvoll: Schlangenlinien mit Aussitzen, Zügel aus der Hand kauen im Trab und Galopp. Schwierig sei das vor allem mit spät entwickelten Pferden. „Wenn ich erst im Frühjahr anfange, sie auszubilden, kann ich es bis zum Herbst nicht auf dieses Niveau schaffen“, erklärt die Bereiterin. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sie früher mit der Ausbildung beginnen muss.
Sie habe auch Stimmen gehört, die eine A-Dressurpferdeprüfung als Finale positiv einschätzten. Allerdings findet sie, dass dann die Reitpferdeprüfung weggelassen werden sollte und nur Pferde nach Warendorf kommen sollten, die mindestens eine Platzierung in Klasse A haben.
Die zwischen Vorbereitungs- und Prüfungsplatz positionierte Stehtribüne soll künftig entfernt werden. So soll den jungen Pferden der Sichtkontakt zu Artgenossen ermöglicht werden. „Das kann ich nicht pauschal beurteilen“, sagt Peckholz. Sie hatte im vergangenen Jahr einmal Pech, weil eine Siegerehrung verschoben wurde und zeitgleich zur Prüfung eines ihrer jungen Pferde stattfand. „Der Hengst war schon sehr angefasst davon. Wäre die Tribüne nicht da gewesen, wäre er wohl noch abgelenkter gewesen“, berichtet sie.
Mit den Änderungen möchte die FN den Prüfungsablauf für die jungen Pferde und Ponys so optimal wie möglich gestalten. Miesner verspricht: „Wir werden daher sehr genau evaluieren, ob unsere beschlossenen Maßnahmen die Effekte haben, die wir uns wünschen.“ Wo weiterer Anpassungsbedarf gesehen wird, sollen konsequent weitere Schritte folgen. Der Anspruch bleibt, die Bundeschampionate kontinuierlich so weiterzuentwickeln, dass sie junge Pferde bestmöglich und verantwortungsvoll auf ihre sportliche Zukunft vorbereiten.
Seit Langem gelten die Bundeschampionate als fachlich fundiertes und bewährtes Schaufenster für Zucht und Ausbildung. Die jetzt beschlossenen Anpassungen wurden laut FN von Vertreterinnen und Vertretern aus Zucht, Ausbildung, Sport, Veterinärwesen und Richterschaft entschieden. Mareike Peckholz fragt sich, ob auch Reiter von Jungpferden dazu angehört wurden. Sie würde sich freuen, wenn die Jungpferdeprüfungen in ganz Deutschland überdacht werden würden. So dürfen beispielsweise in Dänemark dreijährige Pferde gar nicht auf Turnieren laufen. In Deutschland gebe es zwar eine Beschränkung für Dreijährige, aber Vierjährige könnten unbegrenzt in Prüfungen starten.
Nicht alle sind überzeugt
Der Pferdesportverband Schleswig-Holstein (PSH) und auch einige Zuchtverbände wurden in die Entscheidung nicht einbezogen. Zum Teil sind auch sie nicht überzeugt.
„Wir haben beschlossen, unsere Prüfungsausschreibung für das Trakehner-Bundesturnier so beizubehalten“, verdeutlicht Neel-Heinrich Schoof, Zuchtleiter und Geschäftsführer des Trakehner Verbandes. Er hält die Exterieurbeurteilung der Dreijährigen sowie den Fremdreitertest bei den Vierjährigen für wichtig, um ein junges Reitpferd beurteilen zu können: „Das ist gute fachliche Praxis!“ Der Fremdreitertest sei ein wertvoller Informationsgewinn und werde auch bei Hengst- beziehungsweise Stutenleistungsprüfungen gefordert.
Schoof hält auch nichts davon, in Warendorf nur eine Prüfung für die Dreijährigen anzubieten. Er geht sogar noch weiter und kritisiert die Startbeschränkungen für dreijährige Pferde insgesamt. Denn bei maximal fünf Prüfungen könne man höchstens ein- oder zweimal mit dem jungen Pferd aufs Turnier fahren, bevor es zu den Bundes- oder Landeschampionaten gehe. „Die Remonten müssen auch etwas sehen und Erfahrungen sammeln. Das vereinfacht auch spätere Sporteinsätze und reduziert Stress und Aufregung, gerade wenn es dann zu größeren Turnieren geht. Ich bin ein großer Fan davon, das Pferd der individuellen Entwicklung entsprechend einzusetzen. Dies muss der Gradmesser sein. Natürlich kann das auch bedeuten, dass man drei- und vierjährig aufgrund der körperlichen Entwicklung gar nicht oder nur wenig startet. Aber starre Vorgaben, die nicht das Einzeltier betrachten, sind nicht der fachlich richtige Ansatzpunkt“, erklärt Schoof, der selbst aus einer Züchterfamilie stammt.
Dabei ist Schoof nicht per se gegen Neuerungen, aber er hinterfragt sie doch kritisch: „Offensichtlich möchte man hier ein Signal setzen. Grundsätzlich ist jedoch zu hinterfragen, ob wichtige Beurteilungskriterien eines Reitpferdes wie die Exterieurkorrektheit und die Rittigkeit, die auch für züchterische Entscheidungen von großer Bedeutung sind, einfach in den Hintergrund rücken dürfen.“
Schoof war nicht an dem Gipfel beteiligt, wurde aber von Dr. Norbert Camp, dem ersten Vorsitzenden des Trakehner Verbandes und Vorstandsmitglied im FN-Beirat Zucht, zeitnah über die Ergebnisse informiert. Nicht kommuniziert wurden die Änderungen hingegen mit dem PSH. „Als Veranstalter der Landeschampionate müssen wir uns nun überlegen, ob wir die Änderungen übernehmen oder ob wir unsere Ausschreibung so lassen“, erklärt Matthias Karstens, Geschäftsführer des PSH, vorsichtig.
Weiterer Klärungsbedarf
Dr. Elisabeth Jensen, Zuchtleiterin des Pferdestammbuchs Schleswig-Holstein/Hamburg, wird deutlicher: „Ich finde es nicht glücklich, dass die Anforderungen an die Dreijährigen reduziert werden und die Vierjährigen im Gegensatz dazu eine deutlich anspruchsvollere Leistung erbringen müssen.“ Auch sie sieht ein Problem darin, dass die Finalqualifikation für die vierjährigen Ponys nun in einer Reitpferdeprüfung erfolgt und im Finale eine Dressurpferdeprüfung der Klasse A gefordert ist.
Zu dem Thema wurde sie ebenfalls nicht angehört. „Wir haben am Freitag eine Mail ohne weitere Informationen bekommen und sollten uns am Montag dazu äußern, ob die Prüfung zu zweit oder allein geritten werden soll“, berichtet sie über das Prozedere. So sei keine Zeit geblieben, sich mit dem Vorstand oder den Reitern zu beraten. Sie selbst sei eher für zwei Pferde in der Bahn gewesen. „Wir halten diese Änderungen nicht für gut und haben uns dagegen ausgesprochen“, erklärt sie und fügt hinzu: „Ich denke nicht, dass wir an den Ponychampionaten hier im Land etwas ändern sollten.“
Auch der Holsteiner Verband war nicht direkt an der Entscheidungsfindung beim Jungpferdegipfel beteiligt. Über den Vorsitzenden des Bereichs Zucht, Carsten Grill, wurden gemeinschaftliche Anregungen und Bedenken der deutschen Pferdezucht an die Führung der FN herangetragen. In einem Statement des Holsteiner Verbandes heißt es, dass die Verbände eine Abschaffung der Prüfungen für Dreijährige verhindern wollen. Die Hauptsorge sei, dass dies direkte Konsequenzen für Stuten- und Hengstleistungsprüfungen oder die grundsätzliche Präsentation eines dreijährigen Pferdes unter dem Reiter haben könnte.
Stephan Haarhoff, Zuchtleiter des Holsteiner Verbandes, sagt dazu: „Aus züchterischer Sicht ist es sinnvoll, rechtzeitig Hinweise zu Reiteigenschaften der Pferde zu bekommen. Ist dies dreijährig nicht mehr möglich, könnten wichtige Informationen für ein ganzes Jahr verloren gehen. Grundsätzlich berühren die Prüfungen für Dreijährige in Warendorf den Holsteiner Verband weniger als andere Zuchtverbände, da nur wenige Pferde aus unserem Zuchtgebiet in Reitpferdeprüfungen an den Start gehen. Der Großteil der Holsteiner Sportpferde ist im Spring- beziehungsweise Vielseitigkeitssport zu Hause.“
Es gibt also viel zu besprechen in den nächsten Treffen des Arbeitskreises, die von der FN angekündigt wurden. Dort sollen auch weitere Prüfungsformate für Jungpferde sowie generell die Ausbildung junger Pferde vom Anreiten bis zum ersten Einsatz im Turniersport diskutiert werden.




