Die Tympanie ist eine häufige und potenziell lebensbedrohliche Verdauungsstörung bei Kälbern. Sie entsteht durch eine übermäßige Gasansammlung im Pansen beziehungsweise Vormagen, die nicht ausreichend abgeführt werden kann. Besonders in den ersten Lebenswochen sind Kälber anfällig, da ihr Verdauungssystem noch nicht vollständig entwickelt ist. Die Ursachen sind vielfältig und lassen sich in physiologische, fütterungs- sowie managementbedingte Faktoren einteilen.
Typisches Anzeichen der Tympanie ist die sichtbare Aufblähung der linken Bauchseite, die zu Unruhe, erschwerter Atmung bis hin zur Maulatmung führt und schließlich intensives Blöken durch Schmerz und Atemnot bedingt.
Der Krankheitsverlauf zeichnet sich zu Beginn durch eine erhöhte Pansentätigkeit mit gesteigerter Gasbildung aus. Pansen und Netzmagen werden durch die Gas-ansammlung deutlich überdehnt und komprimieren so Lunge und Blutgefäße. Infolgedessen ist der Sauerstoffaustausch ungenügend. Der Körper übersäuert, und die Herzleistung ist eingeschränkt. Werden keine oder zu späte Maßnahmen getroffen, kann die Krankheit durch Atemlähmung und Kreislaufversagen zum Tod führen.
Neben der Pansentympanie kann in seltenen Fällen auch eine Labmagentympanie beobachtet werden. Diese äußert sich durch rechtsseitiges Aufblähen und geht weder mit freien Gasansammlungen noch stabilem Schaum im Pansen einher. Bei gleichen Symptomen kann es sich, je nach zugrunde liegender Ursache, um verschiedene Formen der Tympanie handeln. Eine sichere Unterscheidung ermöglicht eine zielführende Behandlung und Eingrenzung von ursächlichen Faktoren.
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Formen der Tympanie:
Primäre (schaumige) Tympanie
Diese entsteht meist durch die Aufnahme von leicht fermentierbaren Futtermitteln wie jungem, eiweißreichem Grünfutter, etwa Klee und Luzerne, oder durch eine zu hohe Aufnahme von Kraftfutter. Während der Fermentation bildet sich stabiler Schaum im Pansen, der das Gas bindet und so ein Entweichen verhindert.
Sekundäre Tympanie
Die sogenannte freie Gas-ansammlung wird durch mechanische oder funktionale Störungen wie Schlundverstopfung, Infektionen oder Lähmungen der Pansenmotorik verursacht.
Physiologische Ursachen
Der Pansen junger Kälber ist noch nicht so weit entwickelt, dass er vollständig funktionsfähig ist. Dadurch kann entstehendes Gas schlechter ausgeleitet werden. Gleichzeitig sorgt der sogenannte Schlundrinnenreflex dafür, dass Milch direkt in den Labmagen gelangt. Funktioniert dieser nicht richtig, gelangt Milch in den Pansen und verursacht dort Gärprozesse, die typischerweise Gas produzieren. Milch im Pansen führt zur Bildung von Milchsäure, einer Absenkung des pH-Wertes unter 6,0 und Reizungen der Pansenschleimhaut. Die Folge ist chronisches Kümmern.
Kälber wirken lustlos, magern ab, zeigen stumpfes Fell und knirschen mit den Zähnen. Beim Abhören ist zudem ein plätscherndes Geräusch im Pansen zu vernehmen. Solche sogenannten Pansentrinker entwickeln eine chronische Pansentympanie. Das Drenchen trinkunwilliger Kälber hinterlässt immer Milchrückstände im Pansen, die zu Fehlgärungen führen. Soweit möglich sollte deshalb auf das Drenchen verzichtet werden.
Es ist bekannt, dass die Anfälligkeit für Pansenblähungen tierindividuell ist. Es wird unterschieden zwischen schwach und hoch blähungsempfänglichen Tieren. Diese Eigenschaft ist erblich. Hoch blähungsempfängliche Tiere zeichnen sich unter anderem durch ihre geringe Fresslust aus. Hinzu kommen eine kürzere Verweilzeit des Futters im Verdauungstrakt bei hoher Passagerate und eine schlechte Kauintensität mit geringer Speichelbildung. Zudem sammelt sich bei hoch anfälligen Tieren oftmals mehr Flüssigkeit beziehungsweise mehr Inhalt im Pansen. Schließlich weisen diese Tiere oftmals eine veränderte Pansenmotorik auf.
Infektionen und Erkrankungen
Der Vagusnerv steuert die Bewegungen von Pansen, Netzmagen und Blättermagen. Er sorgt für den Transport des Futters und das Rülpsen, um Gase aus dem Pansen zu befördern. Eine Entzündung oder Verletzung des Nervs, beispielsweise durch Fremdkörper im Netzmagen, Pansenazidose oder Entzündungen in der Bauchhöhle, führen zu einer verminderten oder gestörten Motorik. Durch den Ausfall der gesunden Pansenmotorik kann produziertes Gas nicht ausgeleitet werden, und chronische Pansentympanien entstehen.
Infektionen des Magen-Darm-Traktes können in seltenen Fällen durch den Übertritt der Erreger durch die Darmwand den Vagusnerv schädigen und die Entstehung einer Tympanie fördern. Atemwegserkrankungen können zudem zu Entzündungen des Kehlkopfes führen, die durch begleitende Schmerzen eine Abgabe der Gase verhindern.
Sonderfall Labmagentympanie
Das Aufblähen des Labmagens kommt eher selten vor. Eine rechtsseitig betonte Gasansammlung könnte ein erster Hinweis für einen aufgeblähten Labmagen sein. Trotz bisher noch nicht abschließend geklärter Ursache sind einzelne Faktoren bekannt, die eine solche Labmagentympanie begünstigen. Das Vorkommen von Gas produzierenden Fäulniserregern, zum Beispiel Clostridium perfringens Typ A, kann hier eine Tympanie verursachen.
Ein weiterer Risikofaktor ist ein zu hoher Gehalt an leicht fermentierbaren Kohlenhydraten. Im Tränkemanagement ist zudem auf die richtige Dosierung von Milchaustauschern zu achten. Wird die Dosierung zu hoch gewählt, entstehen im Mischprozess unweigerlich Klumpen. Zu niedrige Dosierungen (unter 80 mg MAT/l) bedingen eine unvollständige Gerinnung im Labmagen. Für die Ad-libitum-Tränke dürfen daher nur Milchaustauscher eingesetzt werden, die sich sicher nicht entmischen.
Tritt trotz umsichtigen Managements eine Labmagentympanie auf, sollte der Tierarzt zurate gezogen werden. Da der Labmagen nicht über den Schlund zu erreichen ist, bleiben Versuche, das Gas über eine Schlundsonde abzulassen, erfolglos. Wenn kein Schaum an der Spitze der Schlundsonde sichtbar ist, ist eine Labmagentympanie wahrscheinlich.
Fütterungsbedingte Ursachen
Ein Großteil der behandlungswürdigen Tympanien bei Kälbern hängt direkt mit der Fütterung und deren Management zusammen. Wenn Milch zu schnell, zu kalt oder in zu großen Mengen aufgenommen wird, kann sie in den Pansen gelangen statt direkt in den Labmagen. Dort kommt es zu Fehlgärungen, die Gas produzieren. Wird Kraftfutter in zu großen Mengen oder in ungeeigneter Zusammensetzung angeboten, kann dies zu einer instabilen Pansenflora führen.
Schnell fermentierbare Kohlenhydrate begünstigen zudem die Gasbildung. Neben Menge und Zusammensetzung ist vor allem die einwandfreie Qualität zu gewährleisten und regelmäßig zu prüfen. Schimmel oder anderweitiger Verderb provozieren Fehlgärungen und erhöhen das Risiko einer Tympanie erheblich. Angefrorenes beziehungsweise zu kurz gehäckseltes Futter verliert seine Strukturwirksamkeit und sorgt bei gleichzeitig erhöhter Abbaubarkeit der organischen Substanz für vermehrte Gasbildung.
Managementbedingte Ursachen
Neben der Fütterung spielt auch das Haltungsmanagement eine entscheidende Rolle. Unregelmäßige Fütterungszeiten führen zu Stress und Verdauungsstörungen, wodurch die Gasbildung begünstigt wird. Schlechte Hygiene, insbesondere unsaubere Tränkeeimer oder Nuckel können Krankheitserreger übertragen, die das Gleichgewicht der Darmflora stören. Stressfaktoren wie Transport, Umstallung oder Rangkämpfe schwächen das Immunsystem und können indirekt Verdauungsprobleme verursachen.
Behandlung im Akutfall
Ein Pansenstich- oder Schraubtrokar kann bei wiederholtem Aufblähen vom Tierarzt eingesetzt werden. Foto: Hauke Seydler
Die Behandlung richtet sich nach Ursache und Schweregrad. Die Entgasung des Pansens durch eine Schlundsonde ist die erste Maßnahme bei Verdacht auf eine freie Gasansammlung. Über die Sonde kann das Gas direkt entweichen. Sollte dies nicht möglich sein, kann das Gas als Notfallmaßnahme über eine Kanüle direkt aus dem Pansen abgelassen werden.
Kommt es zu wiederholtem Aufblähen, kann der Tierarzt einen Trokar einsetzen. Bei schaumiger Tympanie werden Substanzen verabreicht, die den Schaum im Pansen zerstören, zum Beispiel Pflanzenöle, Paraffinöl oder spezielle tierärztliche Präparate auf Silikonölbasis oder Poloxalene als Antizymotika. Eine medikamentöse Therapie sollte eine Förderung der Pansenmotorik und die Behandlung möglicher Grunderkrankungen, zum Beispiel Infektionen, abdecken.
Fazit
Die Tympanie bei Kälbern ist ein akuter Notfall, der schnelles Handeln erfordert. Eine korrekte Diagnose und sofortige Entlastung des Pansens sind entscheidend für das Überleben des Tieres. Die Ursachen sind vielfältig und als Faktorenerkrankung nicht immer klar abgrenzbar. Eine sorgfältige Fütterung, gute Hygiene und stressarme Haltung sind entscheidend, um das Risiko zu minimieren.



