Die Unsicherheit über die Zukunft ist bei vielen Menschen derzeit mit Händen zu greifen. Die Häufung von Krisen vor unserer Haustür ist ungewöhnlich hoch. Wie bereitet sich Schleswig-Holstein vor, wenn die Krise mit der Tür ins Haus fällt? Das Bauernblatt hat die CDU-Landtagsabgeordnete Rixa Kleinschmit dazu gefragt. Sie ist im Krisenfall weiteres Mitglied des Notausschusses auf Landesebene.
Frau Kleinschmit, im Katastrophenfall kommt es auf Sie an. Wie sorgt Schleswig-Holstein in Bezug auf die Ernährungssicherheit vor, wie werden Landwirte heute und im Krisenfall eingebunden?
Rixa Kleinschmit: Die Landwirtschaft hat immer gezeigt, dass sie im Krisenfall eine tragende Säule ist. Blicken wir zuletzt auf die Waldbrände sind es die Landwirte, die mit ihren Maschinen und ihrer Arbeitskraft sofort zur Stelle sind. So war es auch bei der Ostseesturmflut oder im Ahrtal. Das ist großartig und verdient unseren größten Dank.
Wir haben bereits im letzten Jahr im Landwirtschaftsministerium eine Stelle zur Koordination derLand- und Ernährungswirtschaft geschaffen. Hier geht es nicht nur um Nahrungsmittel, sondern auch um Schnittstellen und Koordination. Wir dürfen nicht erst im Ernstfall überlegen, wer wofür zuständig ist. Die Ketten müssen vorher stehen.
Wie scharf ist der Blick in Kiel dafür, dass die heimische Agrar- und Ernährungswirtschaft eine kritische Infrastruktur ist?
Sehr scharf. Uns ist sehr bewusst das in Krisenzeiten besonders die Ernährung der Bevölkerung, aber auch die Versorgung mit Strom und Wasser elementar sind. Ich gehe davon aus, dass wir in schweren Lagen im urbanen Raum vor wesentlich höheren Herausforderungen stehen als im ländlichen Raum. Das liegt auch am pragmatischen Umgang und dem Miteinander auf den Dörfern.
Wir haben in Schleswig-Holstein die Kampagne „KommKlar SH“ ins Leben gerufen. Hierbei wird dafür geworben, dass sich jeder Bürger und jede Bürgerin in Schleswig-Holstein mindestens 72 Stunden selbst versorgen kann, damit sich unsere Blaulichtorganisationen auf die konkrete Krise konzentrieren können.
Auf unseren landwirtschaftlichen Betrieben sehe ich aber hier kaum Probleme, im Gegenteil. Ich bin mit den Geschichten aus der Schneekatastrophe 1978/79 aufgewachsen, bei denen meine Großmutter mit ihren Vorräten die nahegelegene Marinestation mitversorgt hat. Dieses Mindset haben wir immer noch auf den Betrieben.
Europa litt im Sommer unter einer Dürre. Wie wirken sich derartige Wetterverhältnisse auf die Agrar- und Sicherheitspolitik aus?
Blicken wir auf die Landwirtschaft müssen wir auch über Klimaanpassung sprechen. Wir haben in den letzten Wochen eine Klimaanpassungsstrategie veröffentlich. Diese beinhaltet auch Punkte zur Landwirtschaft. Hier müssen wir besonders unsere Züchtung in den Blick nehmen.
Wir brauchen Sorten, die mit geänderten Temperaturen, aber auch mit geänderten Niederschlagsmengen und -zeiten klarkommen. Dies ausschließlich mit konventioneller Züchtung zu erreichen, dauert zu lang. Wir brauchen auch die neuen Züchtungsmethoden. Ebenso muss es bei der Entwicklung und Zulassung von Pflanzenschutzmitteln schneller gehen. Wir können nicht Jahre verstreichen lassen, bis wir gegen neue Schadorganismen vorgehen können, während sich diese übers ganze Land ausbreiten.
Hier greifen Sicherheits- und Agrarpolitik ineinander, da ohne eine resiliente Agrarwirtschaft im Krisenfall auch die Sicherheit nicht aufrechtzuerhalten ist.
Der Bauernverband fordert, die Lebensmittelversorgung krisenfest aufzustellen. Wie diskutieren die Kieler Koalitionspartner die konträren Themen Ernährungssicherung und Umwelt- sowie Klimaschutz?
Ich bin nicht der Ansicht, dass es konträre Themen sind. Ich finde es sogar gefährlich, wenn diese Themen gegeneinandergestellt werden, und das ist es auch nicht, was ich auf den Höfen höre. Aber es stimmt, viele Diskussionen drehen sich um theoretische und kleinteilige Problemstellungen.
Das verschreckt und es droht die Gefahr der Verlagerung von Produktion ins Ausland. Damit schwächen wir unsere Ernährungssicherheit und helfen weder Umwelt- noch Klimaschutz. Oft wird ja vergessen, dass in anderen Teilen der Welt zu schlechteren Standards für Mensch, Tier und Natur produziert wird.
Wenn wir über Bevölkerungsschutz sprechen, geht es auch um Logistik. Wo liegen im Ernstfall die Nadelöhre der Lebensmittelversorgung?
Es kommt sehr darauf an, um welchen Krisenfall mit welchem Ausmaß es sich handelt. Es macht einen Unterschied, ob es sich um Wetterextreme oder langanhaltende Stromausfälle handelt. Aus landwirtschaftlicher Sicht ist elementar, wie insbesondere Produkte mit geringer Lagerfähigkeit zur Weiterverarbeitung gelangen.
Für die Versorgung der Bevölkerung wiederum ist die Meldekette in die andere Richtung wichtig: Wo liegen die Produkte und wie kommen sie zu den Menschen? Ich durfte vor einiger Zeit am Einsatzkräfteempfang des Landes zu Ehren der Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich diesen Themen widmen, teilnehmen. Es hat mich sehr berührt und beruhigt zu hören, wie eng die Organisationen vernetzt sind.
Schleswig-Holstein gilt im Nato-Konzept als zentrales Aufmarsch- und Drehkreuzgebiet, um im Bündnisfall Truppen und Material an die Ostflanke zu verlegen. Welche Rolle nimmt dabei die Landwirtschaft ein?
Die Landwirtschaft ist in so einen Fall Teil der nationalen Resilienz und Versorgungssicherheit und muss aufrechterhalten werden. Bei großen Truppenbewegungen muss auch über Lagerungs- und Abstellflächen nachgedacht werden. Aus verständlichen Gründen sind viele dieser Pläne nicht öffentlich und wir können alle nur hoffen, dass sie nicht zum Tragen kommen.
Brauchen wir angesichts veränderter Bedrohungslagen eine Renaissance der dezentralen Bevorratung und Verarbeitung? Und wer soll das bezahlen?
Natürlich muss sowas diskutiert werden. Vor dem Hintergrund knapper Haushaltslagen muss man aber so ehrlich sein und klare Prioritäten setzen: Was ist elementar und was „nice-to-have“? Ich würde es unterstützen, wenn wir im Bereich der Verarbeitung Standorte zum Ausweichen hätten.
Schauen wir von oben auf unser Land, dann haben wir mit dem Nord-Ostsee-Kanal eine Wasserstraße, die nur an ein paar Stellen überquert werden kann. Würde hier etwas geschehen, hätten wir automatisch ein großes Problem für die Produzenten auf der anderen Seite.
Welche Mittel gibt es, um landwirtschaftliche Betriebe krisensicher umzurüsten?
Aktuell machen sich viele Gemeinden und Städte vermehrt auf den Weg, um entsprechendes Gerät anzuschaffen. Oft gab es das Grundverständnis, dass der örtliche Landwirt mit seinen Maschinen schon aushelfen wird und die Feuerwehr ja auch noch da ist.
Kommt es zu größeren Lagen, muss diese sich aber um ihre Kernaufgaben kümmern und die landwirtschaftlichen Betriebe brauchen ihre Maschinen selber. Obwohl es wünschenswert wäre, ist mir aktuell kein entsprechendes Förderprogramm bekannt.
Zum Gesamtbild gehört aber auch, dass bei gewissen Tierhaltungssystemen, z.B. mit automatischer Futter- und Wasserversorgung, bereits heute ein Notstromaggregat vorgeschrieben ist.
Was braucht es und was tut das Land, damit die Wertschöpfungskette im Krisenfall funktioniert?
Nachdem wir uns viele Jahre, mit Ausnahme von Unwettern, sehr sicher fühlen durften, hat das Thema Bevölkerungsschutz in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen. Der nationale Warntag hat uns kürzlich daran erinnert. Schleswig-Holstein hat im Jahr 2025 die Taskfore Zivile Verteidigung gegründet.
Ein Schwerpunkt ist die Versorgungssicherheit, ein anderer die Erfassung der kritischen Infrastruktur. Es kommt auf die Art der Krise an, aber ich würde zwischen der Versorgung der Bevölkerung und der unveränderten Aufrechterhaltung der Wertschöpfungskette unterscheiden. Aus meiner Sicht muss nach der Notwendigkeit der Produkte und Verderblichkeit der Ware priorisiert werden.
Landwirte verfügen über schweres Gerät, Treibstofflager und Ortskenntnis – sie sind eine schlafende Reserve für den Katastrophenschutz. Wie sieht eine Einbindung im Krisenfall praktisch aus?
Ich weiß von dieser stillen Reserve und ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen für diese Pläne es auch wissen. Dass aber viele dieser Pläne nicht öffentlich sind, ist auch verständlich.
Wo besteht auf Landesebene dringender Handlungsbedarf in der Ernährungssicherheit? Wie weckt man das Bewusstsein für Gefahren?
Ich bin froh, dass wir mit dem letzten Haushalt eine Stelle im Landwirtschaftsministerium schaffen konnten, damit insbesondere die Fragen der Verfügbarkeit und der Standorte in einer Hand liegen.
Ich denke aber, dass der größte Handlungsbedarf bei jedem von uns liegt. Und damit meine ich uns alle als Bürgerinnen und Bürger.
So ist die Notfallvorsorge in den letzten Jahren verloren gegangen: Habe ich im Fall eines dreitägigen Stromausfalls alles im Haus? Ich empfehle allen, sich eine entsprechende Liste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe anzusehen. Wenn wir uns in der Krise drei Tage ohne Strom versorgen können, entlasten wir die Helfer enorm.
Was fehlt ihnen in Bezug auf das Thema Ernährungssicherheit? Was wünschen Sie sich von Bürgern, Bauern und Politikern?
Mir fehlt das klare Bekenntnis von Bürgern und Politikern, dass wir ohne unsere Landwirte nichts zu Essen auf dem Teller haben. Im Krisenfall ist das elementar. Wir haben sicherlich alle keine Vorstellungen davon, wie es allein in einer Stadt wie Rendsburg nach drei Tagen ohne Strom aussehen würde. Und von den Bäuerinnen und Bauern wünsche ich mir, dass wir uns weiterhin auf sie verlassen dürfen. sh



