Insbesondere bei Kälbern spielen Atemwegserkrankungen eine große Rolle, bei ausgewachsenen Milchkühen treten sie relativ selten auf. Zunehmend kommt es allerdings zu Ausbrüchen von schweren Lungenentzündungen durch den Erreger Mannheimia haemolytica bei Milchkühen, die zu hohen Verlusten führen.
Atemwegserkrankungen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen der Immunreaktion des Tieres, Stressfaktoren und Krankheitserregern. In den allermeisten Fällen wird angenommen, dass die Rindergrippe nicht nur allein durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Grippeerregern ausgelöst wird, sondern viele Faktoren an der Entstehung beteiligt sind. Dabei spielen Management, Physiologie, Umweltfaktoren und natürlich die Erreger eine Rolle. Beispielsweise ergeben sich durch Belüftungsfehler ein Anstieg der Luftfeuchtigkeit und damit eine Erhöhung des Keimdrucks sowie eine Anreicherung von Schadgasen, die die Schleimhäute der Atemwege reizen. Daher werden im Allgemeinen Atemwegserkrankungen bei Rindern als Faktorenkrankheit eingestuft, neben verschiedenen Viren werden hierbei oft die Bakterien Mannheimia haemolytica, Pasteurella multocida, Histophilus somni und Mycoplasma bovis nachgewiesen. Sie werden als allgegenwärtige Bewohner des oberen Atemtrakts angesehen, die allerdings nach stressvollen Ereignissen oder bei viralen Infekten in die Lunge gelangen können. Andererseits wurden diese Erreger auch schon in Lungen gefunden, die keinerlei Grippeanzeichen aufwiesen.
Von diesen Bakterien ist M. haemolytica hinsichtlich Morbidität und Mortalität wahrscheinlich das schädlichste Bakterium, vor allem ist auffällig, dass es nicht nur bei Kälbern und Jungtieren vorkommt, sondern zunehmend eine Rolle bei ausgewachsenen Tieren spielt. Im Allgemeinen treten bei Milchkühen relativ selten Atemwegserkrankungen auf, und wenn doch, werden diese häufig auf eine Schwächung des Immunsystems während der Transitphase zurückgeführt. Da in den letzten zehn Jahren bemerkenswert mehr Ausbrüche durch M. haemolytica bei Milchkühen gemeldet wurden, war es das Ziel einer Fallstudie in den Niederlanden (Jasper het Lam et al., 2025), die Merkmale dieser Ausbrüche und mögliche Risikofaktoren näher zu beschreiben (ermittelt durch eine umfangreiche Umfrage unter betroffenen Landwirten). Es stellt sich die Frage, ob ein gemeinsamer das Immunsystem schwächender Risikofaktor innerhalb kurzer Zeit bei mehreren Kühen eine sekundäre Infektion begünstigt oder ob besonders virulente Stämme dieses Bakteriums eingeschleppt werden und zu einer primären Infektion führen.
Diagnose oft überraschend
In 40 % der Fälle kam die pathologische Diagnose einer M.-haemolytica-Infektion (Fibrinöse Pleuropneumonie/FPP) für die Landwirte und Tierärzte vollkommen überraschend, da die ersten klinischen Symptome sehr unspezifisch für eine Lungenentzündung waren. Es wurde sogar von mehreren Landwirten angegeben, dass sie zunächst an eine akute Fremdkörpererkrankung gedacht hätten (und in einigen Fällen wurden sogar auf diesen Anfangsverdacht hin Operationen durchgeführt). Dies erscheint angesichts der unspezifischen und sich überschneidenden klinischen Symptome beider Erkrankungen nachvollziehbar. Als häufigstes Symptom (von 90 % der Landwirte beobachtet) wurde eine sehr plötzliche Abnahme der Milchproduktion beobachtet, gefolgt von Fieber, Abgeschlagenheit und Atemnot. Nasenausfluss wurde von 52 % der Landwirte und Husten von 20 % berichtet. Aufgrund dieser unspezifischen Symptome kam es sehr wahrscheinlich häufig zu einer Verzögerung der Diagnose (und somit auch erst verspätet zu einer geeigneten Therapie). Dies erklärt das hohe Sterberisiko der FPP-Erstfälle. Sobald die Erkrankung auf einem Betrieb bekannt war, erfolgten Diagnose und Behandlung nachfolgender Fälle sehr zügig, was zu einer deutlich besseren Prognose und oft zu einer vollständigen Ausheilung innerhalb weniger Tage führte.
Die überwiegende Mehrheit der Kühe, die nach ihrem Tod bei der pathologischen Diagnostik mit FPP diagnostiziert wurden, stammte von Betrieben, die über mehrere Tage bis Wochen Probleme mit FPP-Erkrankungsfällen hatten. Die an dieser Studie teilnehmenden Landwirte gaben an, dass die Unvorhersehbarkeit und die hohe Sterblichkeit der oft sehr wertvollen Milchkühe zu Unsicherheit und finanziellen sowie emotionalen Belastungen führten. Daher war die Beteiligung an dieser umfassenden und zeitaufwendigen Umfrage sehr hoch.
Spielt Zukauf eine Rolle?
Im Allgemeinen waren die betroffenen Kühe vor dem Auftreten klinischer Symptome gesund, zeigten keine Auffälligkeiten und eine durchschnittliche Milchleistung. Die überwiegende Mehrheit der FPP-Fälle war bei Kühen in der mittleren bis späten Laktation oder Trockenstehern zu beobachten. Dies ist sehr auffällig, da eine M.-hameolytica-Infektion allgemein als sekundäre bakterielle Infektion gesehen wird, die aufgrund primärer Faktoren wie Virusinfektionen, schlechter Luftqualität oder Kältestress entsteht. Dabei müsste die Tiergruppe, die dem größten Stress ausgesetzt ist, am stärksten betroffen sein. Man würde hier folglich erwarten, dass frisch abgekalbte Kühe mindestens dem gleichen Risiko ausgesetzt sind wie Kühe in der mittleren oder späten Laktationsphase, wenn nicht sogar einem höheren. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass es sich bei den M.-haemolytica-FPP-Fällen um eine durch einen einzigen Erreger verursachte Infektionskrankheit handelt (primäres infektiöses Ausbreitungsmuster). Darüber hinaus könnte der Zukauf von Tieren auch diese Hypothese stützen, dass die Einschleppung eines bestimmten virulenten M.-haemolytica-Stammes die direkte Ursache für FPP-Ausbrüche ist. In der oben genannten Studie begannen 50 % der Ausbrüche innerhalb von 30 Tagen nach dem Zukauf von Kühen aus anderen Herden.
Aus den weiteren Ergebnissen der Studie wird deutlich, dass die teilnehmenden Betriebe zwar eine durchschnittliche Milchleistung pro Kuh aufwiesen, jedoch durch eine überdurchschnittliche Herdengröße und Betriebsintensität (Überbelegung, mehr Zugänge, weniger günstigerer Seuchenstatus) auffallen. Die meisten Ausbrüche begannen in den Wintermonaten und folgten auf eine Periode mit erhöhter Luftfeuchtigkeit, wobei keine regionalen Unterschiede auftraten. Zu den Risikofaktoren gehören laut Studienautoren folglich ungünstige Umweltbedingungen wie Kälte und zu hohe Luftfeuchtigkeit sowie unzureichende Biosicherheitsmaßnahmen und Überbelegung. Aber obwohl M.-haemolytica-Infektionen eine multifaktorielle Erkrankung zu sein scheinen, deuten die Daten eher auf ein primäres Ausbreitungsmuster hin.
Fazit
Bei unspezifischen Symptomen sollte auch bei ausgewachsenen Milchkühen immer an die Möglichkeit gedacht werden, dass es sich um eine Infektion der Atemwege handelt. Denn nur durch eine frühzeitige Diagnose kann in Fällen von FPP eine aussichtsreiche Therapie begonnen werden.




