Wird die Nutzungsdauer von Holsteinkühen betrachtet, so treten die Problemzonen der Milchviehhaltung offen zutage. Sie lag 2019 bei zirka 37 Monaten. Die hohen Remontierungsraten mit daraus resultierenden sehr hohen Bestandsergänzungskosten bereiten nicht nur betriebswirtschaftlich große Sorgen, sondern schmälern auch die Selektionsbasis. Das Management muss stärker in Richtung Verbesserung der Herdengesundheit optimiert werden. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Eutergesundheit, da Eutererkrankungen an zweiter Stelle der Abgangsursachen in den Milchviehbetrieben liegen. Die wirtschaftlichen Verluste durch Euterentzündungen für die deutschen Milchbauern betragen zirka 1,4 Mrd. € pro Jahr. Ein wichtiger Indikator für den Eutergesundheitszustand ist der Milchzellgehalt. Bei Gehalten von 200.000 Zellen je Milliliter ist mit einem Milchertragsverlust von zirka 6 % zu rechnen.
Liegt eine Reizung beziehungsweise Erkrankung der Milchdrüse beziehungsweise eine Stresssituation vor, steigt der Zellgehalt der Milch, insbesondere der Anteil der Leukozyten deutlich an. Zu berücksichtigen ist aber, dass es physiologische Schwankungen der Milchzellzahlen geben kann.
Milchzellgehalt als guter Maßstab
So können in der Biestmilchperiode sowie zum Laktationsende erhöhte Zellzahl (ZZ)-Werte vorkommen. Individuelle Schwankungen in der Milchzellzahl eutergesunder Tiere zwischen 20.000 und 300.000 Zellen je Milliliter (Z/ml) können auftreten. Auch das Alter der Tiere und die Milchleistung haben Einfluss. Erfahrungsgemäß ist der Zellgehalt in der Milch ab der vierten Laktation deutlich höher als in der ersten Laktation. Kühe mit hoher Milchleistung haben normalerweise aufgrund des Verdünnungseffektes einen niedrigeren Zellgehalt als Kühe mit geringer Milchleistung. Liegt der Milchzellgehalt der Milchkuhherde im Mittel unter 100.000 Z/ml, ist der Eutergesundheitszustand der Herde in der Regel als sehr gut einzuschätzen.
Die Zellgehalte können durch Haltung, Fütterung, Melkarbeit einschließlich fehlender Stimulation und Blindmelken, Funktionsstörungen der Melkanlage und mangelhaftes Stallklima beeinflusst werden. Aber auch die Genetik kann einen gewissen Einfluss ausüben. Erhöhte Zellgehalte beeinflussen nicht nur die Milchqualität, sondern haben auch Minderleistungen zur Folge. Liegt die Anzahl bei der Einzelkuh über 500.000 Z/ml, kann von einer Mastitis ausgegangen werden. Die Mastitis ist in der Praxis der Milchviehhaltung die am weitesten verbreitete infektiöse Erkrankung. Pro Kuh und Jahr werden betriebswirtschaftliche Verluste von etwa 200 € kalkuliert. Schwere klinische Mastitisfälle kosten die Landwirte bis über 500 € je Kuh und Laktation.
Verbesserungen durch veränderte Haltung
Die Haltungsbedingungen im Stall beziehungsweise die Aufstallungsform gehören zu den umweltbedingten Faktoren, die Einfluss auf den Zellgehalt haben und damit prädisponierend für Euterge- sundheitsstörungen sind. Durch schlechte Haltungsbedingungen kann der Keimdruck im Stall stark ansteigen. Dadurch wird das Abwehrsystem des Euters überlastet. Außerdem erhöhen schlechte Haltungsbedingungen die Gefahr von Euterverletzungen. Aber auch Verletzungen in anderen Körperbereichen können durch die Streuung euterpathogener Keime zu einer Beeinträchtigung der Eutergesundheit führen. Ungünstige Haltungsbedingungen können auch durch die Auslösung von Stress das Abwehrsystem der Kuh schwächen. Bei der Haltung der Milchkühe ist zur Senkung der Zellzahlen und zur Verbesserung der Herdengesundheit Folgendes zu beachten:
• Senken des Infektionsdrucks im Stall durch ausreichend hohe Luftwechselraten. Dadurch werden zugleich eine Erhöhung des Sauerstoffangebotes, eine ausreichende Abfuhr der Luftfeuchte und der Schadgase erreicht.
• Durch Schaffung ausreichend dimensionierter und sauberer Liegeflächen wird das Abliegen der Kühe auf den Laufgängen minimiert. Die Euter werden sauberer gehalten.
• Trittsichere, saubere und ausreichend breite Laufgänge (über 3 m) und Vorwartehöfe (1,5 bis 2 m2 pro Tier) verringern die Verletzungsgefahr durch Ausrutschen beziehungsweise soziale Auseinandersetzungen und Minimierung von Stress.
• Die Stallreinigung und -desinfektion ist zur Senkung der Keimbelastung regelmäßig durchzuführen (zweimal jährlich). Besondere Aufmerksamkeit gilt den euterkranken, trockenstehenden und frisch abkalbenden Kühen.
• trockenstehende und laktierende Kühe nicht in einer Gruppe halten; Milch von euterkranken Kühen nicht an die Nachzucht vertränken
• Vermeiden zu hoher Belegdichten in den Ställen
• Minimieren der Verletzungsgefahr durch Beseitigung schadhafter beziehungsweise scharfkantiger Stallausrüstungen
• regelmäßige Klauenpflege und Scheren der Kühe im Euterbereich
In den Sommermonaten ist im Allgemeinen mit höheren Zellzahlen zu rechnen, besonders durch Temperaturstress, aber auch Fütterungseinflüsse wie erhöhten Mykotoxingehalt in Silagen.
Einflussfaktoren auf die Eutergesundheit
Die Melktechnik und die Melkarbeit einschließlich der Melkhygiene können wesentlichen Einfluss auf die Zellzahl und damit die Eutergesundheit ausüben. Die Auswahl betriebsspezifisch angepasster teilautomatisierter oder vollautomatischer Melktechnik, deren fachgerechte Installation, die ständige Wartung und Pflege der Melkanlage einschließlich der Kontrolle der technischen Parameter sind Grundlage der Erzeugung von Qualitätsmilch. Zu hohes Melkvakuum beziehungsweise Vakuumschwankungen, Störungen der Pulsatortätigkeit und der Stimulationsautomatik, überalterte beziehungsweise nicht an die Zitzen angepasste Zitzengummis, zu später Umschaltzeitpunkt der Nachmelkautomatik beziehungsweise zu später Abschaltzeitpunkt der Abnahmeautomatik können zu erhöhter Zellzahl führen und euterschädigend sowie mastitisprädisponierend wirken. Mindestens einmal im Jahr sollte der Landwirt die Melkanlage durch unabhängige Fachleute überprüfen lassen.
Zusammenhänge geben Aufschluss
Der Einfluss des Menschen auf den Melkvorgang wird angesichts zunehmender Automatisierung der Milchgewinnung oftmals unterschätzt. Zwischen der Qualität der Arbeitsausführung des Melkers, der Milchhergabe und der Eutergesundheit gibt es eine Vielzahl von Zusammenhängen. Voraussetzungen für den optimalen Ablauf des Milchejektionsreflexes und damit einer ungestörten Milchhergabe sowie zur Wahrung der Eutergesundheit sind:
• ruhiger Umgang und tiergerechte Behandlung der Kühe vor und während des Melkens (Stressminimierung)
• Melkreihenfolge: Bildung von Melkgruppen. Eutergesunde Kühe sind immer vor den infektionsverdächtigen und euterkranken Kühen zu melken.
• Durchführen der Routinearbeiten in der Reihenfolge Vormelkprobe (nicht auf den Fußboden melken) – Euterreinigung – Ansetzen
• ausreichendes Anrüsten
• Euterreinigung (trocken) mit Einwegpapiertüchern
• Vermeidung zu langer Wartezeiten für die Kühe zwischen Anrüsten und Ansetzen der Melkzeuge
• Verwendung weicher, hochelastischer Zitzengummis
• Melkzeuge nicht verdreht ansetzen (Dreh- und Hebelkräfte führen zu Blindmelken und Schmerzen bei den Kühen)
• Minimierung von Blindmelkzeiten, Nachgemelken und Lufteinbrüchen
• Zwischendesinfektion der Melkbecher mit DLG-zugelassenen Peressigsäurepräparaten. Benutzung von Latexhandschuhen während des Melkens
• Nachkontrolle des Euters nach Abnahme des Melkzeugs
• Durchführung des Zitzendippens beziehungsweise -sprühens mit desinfizierenden Mitteln zur Vorbeugung gegen Streptokokken
• Vermeiden von schmerzhaften Behandlungen im Melkstand (Stressminimierung), Minimieren von Nebenarbeiten im Melkstand. Diese führen zu Störungen im Melkablauf.
• schnelle Behandlung klinischer Fälle
Praxisbezogene Untersuchungen
Untersuchungen der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft ergaben beim Vergleich von Nass- und Trockenreinigung vor dem Melken einen deutlich höheren Anteil bakteriologisch positiver Tiere sowie einen höheren Anteil euterassoziierter Erreger und somit deutlich höhere Zellzahlen aufgrund der Nassreinigung.
Ungenügendes Anrüsten (Tabelle 1), Wartezeiten für die Kühe zwischen Anrüsten und Ansetzen des Melkzeuges und verdrehtes Ansetzen von Melkzeugen führen zur Verringerung des Milchflusses und der Milchmenge, zum Auftreten von Bimodalitäten (Zweigipfeligkeit) der Milchflusskurve einschließlich Blindmelken. Außerdem kann es zur Erhöhung der Nachgemelksmenge und damit zur Erhöhung der Gesamtdauer je Gemelk sowie zum Anstieg der Zellzahl kommen. Aufgrund der verlängerten Vakuumeinwirkung auf Zitzenkanalöffnung, Zitzenkanal und Innenauskleidung der Zitzenspitze sowie Blindmelken kommt es zu Durchblutungsstörungen und zum Entstehen des „Residualvakuums“, wodurch das Eindringen von Krankheitserregern begünstigt wird. Auch wird das Schließen des Zitzenkanals nach dem Melken verzögert und damit eine Neuinfektion gefördert.
In Praxisuntersuchungen wurden Zusammenhänge zwischen Milchflusskurvenverlauf und Zellzahlwerten ermittelt (Tabelle 2). Dabei konnte festgestellt werden, dass zwar optimale Milchflusskurven bei allen Zellzahlwerten auftraten, häufiger aber in Betrieben mit guter Eutergesundheit.
Analyse weiterer Einflussfaktoren
Mit Zunahme der Melkfrequenz (drei- oder sogar viermaliges Melken) steigen die Anforderungen an ein qualitätsgerechtes, zügiges und euterschonendes Melken. Mehrmaliges Melken erhöht die Maschinenhaftzeit und damit die mechanische Beanspruchung der Zitzen. Verhärtete Zitzenspitzen können die Folge sein. Deshalb ist einerseits auf eine kurze Melkdauer zu achten, da dadurch die Gewebebelastung reduziert wird. Eine kurze Melkdauer ist aber nur zu erreichen, wenn die Tiere stressarm gehalten und gemolken werden. Außerdem müssen Schwermelker vor einer Erhöhung der Melkfrequenz unbedingt aus dem Bestand selektiert werden.
Der Stellenwert des Anrüstens, das heißt die Herstellung der Melkbereitschaft, steigt mit Zunahme der Melkfrequenz. Nicht vollwertig angerüstete Kühe zeigen häufiger Bimodalitäten im Milchfluss, die absolute Länge der Blindmelkzeiten steigt und damit das Risiko von Eutergewebeentzündungen, auch durch die Zunahme der Maschinenhaftzeit. Mit Zunahme der Melkfrequenz gewinnt das Dippen mit desinfizierenden beziehungsweise pflegenden Dippmitteln aufgrund der insgesamt längeren Offenstehzeiten der Strichkanäle nach dem Melken (höheres Risiko des Eindringens von Mastitiserregern) sowie der mechanischen Beanspruchung der Zitzen an Bedeutung.
Schlecht haftende Melkzeuge, bedingt durch feuchte Zitzen bei feuchten Liegeboxen, nach Nassreinigung und unterlassener Abtrocknung der Zitzen sowie durch schwere Sammelstücke, können durch das Einsaugen von Luft und damit verbunden das Schleudern von Milchpartikeln mit Krankheitserregern auf und in die anderen Zitzen zur Beeinträchtigung der Eutergesundheit beitragen.
Zu alte und zu harte Zitzengummis fördern die Infektion und belasten das Zitzengewebe insbesondere im Zitzenspitzenbereich. Die in den vergangenen Jahren aufgrund der Umzüchtung zu beobachtende Verringerung der Länge und des Durchmessers der Zitzen ist aus Sicht der Technikanwendung und des Infektionsrisikos als problematisch anzusehen. Zu kurze und zu dünne Zitzen können zu zunehmenden Lufteinbrüchen und Rückspray beim Melken führen und damit das Infektionsrisiko erhöhen. Eine Auswahl der Zitzengummis nach Größe und Form in Anpassung an die durchschnittlich in der vorhandenen Milchkuhherde vorkommenden Zitzen- und Euterformen ist ratsam.
Das Zitzendippen sofort nach dem Abnehmen des Melkzeugs mit einer dafür zugelassenen Desinfektionsmittellösung ist nicht nur in Mastitisproblembetrieben eine sehr wichtige Maßnahme. Damit wird erreicht, dass die an der Strichkanalmündung und auf der Zitzenkuppe befindlichen Krankheitserreger abgetötet werden. Die Infektionsrate und die Zellzahlen sinken. Gibt es Probleme mit dem Milchzellgehalt im Betrieb, sollten die Kühe nach dem Melken nicht sofort zum Liegen in die Liegebox gelangen, da die Zitzenkanalöffnungen noch nicht genügend geschlossen sind und beim Liegen insbesondere im Stroh Erreger (zum Beispiel Streptococcus uberis) in die Euter gelangen können. Eine gezielte Führung zum Futtertisch mit der Darbietung von Futter sowie die Möglichkeit des Saufens nach dem Melken durch gezielte Anordnung von Trogtränken bringen eine Verzögerung, sodass sich die Zitzenkanalöffnungen in dieser Zeit größtenteils wieder schließen. Die Liegeboxen sollten in Problembetrieben bis zu dreimal am Tag gesäubert werden.
Einen sehr großen Einfluss auf die Eutergesundheit und damit auf den Milchzellgehalt hat außerdem die Fütterung.
Fazit
Das Management der Milchviehhaltung einschließlich des Melkens hat großen Einfluss auf die Zellzahlen in der Milch. Optimale Haltungs- und Fütterungsbedingungen, richtig installierte und kontinuierlich gewartete Melktechnik sowie eine fachgerechte Melkarbeit und Melkhygiene sind grundlegende Voraussetzungen für niedrige Zellzahlen und gute Eutergesundheit. Nur mit fachlich gut qualifizierten und motivierten Arbeitskräften kann Qualitätsmilch erzeugt werden. Eine gut ausgefeilte Arbeitsorganisation, die die betrieblichen Besonderheiten berücksichtigt, gewinnt dabei ständig an Bedeutung.




