Hitzestress gefährdet die Gesundheit der Rinder, die Milchleistung und die Fruchtbarkeit. Im Rahmen des grenzüberschreitenden Projekts „ResKuh“ am Oberrhein wurden Maßnahmen entwickelt, um gegenzusteuern. Die Erkenntnisse sind auch für Betriebe im Norden interessant.
In der Projektregion am Oberrhein haben sich in den letzten 100 Jahren die Stunden mit mäßigem Hitzestress für Milchkühe vervierfacht, die mit starkem Hitzestress versechsfacht. Hitzespitzen über 40 °C werden in Zukunft regelmäßiger vorkommen. Deswegen muss bereits beim Bau oder der Renovierung von Ställen auf Hitzeschutzmaßnahmen geachtet werden. Der thermoneutrale Bereich einer Kuh liegt zwischen 4 und 16 °C. Außerhalb dessen startet sie Mechanismen, um die Körpertemperatur zu regulieren. Man spricht dann von Hitzestress. Wie groß die Belastung ist, wird anhand des Temperature-Humidity-Index (THI) eingeschätzt. Er bezieht neben der Lufttemperatur auch die relative Luftfeuchtigkeit ein. Die Einteilung ist wie folgt:
• THI von 68 bis 72: leichter Hitzestress
• THI von 73 bis 77: mäßiger Hitzestress
• THI von 78 bis 83: starker Hitzestress
• ab THI 84: extremer Hitzestress
Starker Hitzestress kann bei hoher Luftfeuchtigkeit schon bei moderaten Temperaturen unter 30 °C beginnen. „Bei einem THI von über 80 wird es sehr schwierig, die Tiere zu managen“, berichtete Patrice Dubois, Direktor des Rhone Conseil Elevage, beim Deutsch-Französischen Milchviehtag in Straßburg. Sein Team brachte in den Projektbetrieben Sensoren in den Ställen an, die das Klima überwachen. Aus den Auswertungen wurden Datenblätter für Landwirte mit Empfehlungen zum Hitzeschutz erarbeitet, aus denen hier zitiert wird. Bei einem THI von 80 bekommen die Betriebe eine Warnung. An sehr heißen Tagen wird dieser Wert am Oberrhein schon um 11 Uhr überschritten. Erst gegen 20 Uhr sinkt er wieder unter 80. „Die Tiere müssen mehr als zehn Stunden bei extremen Temperaturen aushalten“, macht Dubois deutlich. Die Leistungseinbrüche von hitzegestressten Kühen sind mit 1 bis 5 kg Milch pro Tag enorm. Hinzu kommen hitzebedingte Probleme beim Kalben, Eutererkrankungen und Nachgeburtsverhalten. Je nach Gebäudebeschaffenheit kann der THI in zwei benachbarten Ställen um bis zu zehn Punkte variieren, so Dubois‘ Erkenntnis. Der Hitzestress hängt neben den Außenbedingungen aber auch von tierbezogenen Faktoren wie der Milchleistung, dem Alter oder dem Trächtigkeitsstadium ab. Da Milchkühe heute mehr leisten als noch vor zehn Jahren, werden die Grenzwerte gerade neu beurteilt. Die Arbeitsgruppe untersuchte auch, wie Kühe auf den Hitzestress reagieren. Bei starkem Stress steigt die Atemfrequenz auf über 100, die Rektaltemperatur auf über 40 °C. Weitere Symptome sind eine erhöhte Herzfrequenz, reduzierte Futteraufnahme und Apathie.
Offene Gebäude
Schon ab einem THI von 65 muss eine Kühlung der Tiere von außen einsetzen. Das entspricht einer Temperatur von 15 °C. Die einfachste Kühlungsmaßnahme ist der natürliche Luftaustausch. Er wird vor allem durch die Platzierung und die Form des Gebäudes beeinflusst. Am günstigsten sind frei stehende, dem Wind ausgesetzte Ställe, die nicht durch angrenzende Bauten, Hecken oder Böschungen verdeckt werden. Eine schmale, lange Bauform erleichtert die Querlüftung. Damit der Luftzug auf Höhe der Tiere vorbeizieht, sollten tiefliegende Öffnungen an der Längsseite angebracht werden. Kälte ist für Kühe ein viel geringeres Problem als Hitze. Diese Einsicht erfordert ein Umdenken und mehr Mut zu offenen Bauweisen. „Unsere Ställe sind dafür ausgelegt, gut mit Kälte umzugehen. Jetzt müssen wir sie umbauen, um Hitze und starke Schwankungen zu handhaben“, betont Dubois. Allerdings bringt die offene Bauweise neue Herausforderungen mit sich: „Wenn man einen Stall öffnet, muss man gegen die direkte Sonneneinstrahlung angehen.“ Sie kann verringert werden, indem man auf den Sonnenseiten keine lichtdurchlässigen Platten einbaut. In bestehenden Gebäuden hilft Beschattungsfarbe auf den Lichtdurchlässen. Auch Rollläden und Sonnenschutznetze bringen Schatten. Auf offenen Sonnenseiten (Süd-, Ost- und Südwestseite) müssen Dachüberstände die Tiere schützen. Der Begriff „Strahlung“ umfasst allerdings nicht nur die Sonnenstrahlung. Auch Dächer oder Wände strahlen Wärme ab. Diese Strahlungswärme lässt sich durch Baumaßnahmen reduzieren. So sollten der Sonne ausgesetzte Seiten möglichst niedrig gemauert sein. Dächer in niedrigen Gebäuden sollten isoliert werden. In alten Stallgebäuden maß das Team von Dubois teilweise 60 °C unter dem Dach. „Zwischen einem gedämmten und einem nicht gedämmten Dach herrscht ein Temperaturunterschied von locker 30 °C“, so Dubois. Helle Dachfarben fördern die Reflexion der Sonnenstrahlung und reduzieren so die gespeicherte Wärme. Der First sollte offen sein – Lichtkuppeln verstärken den Treibhauseffekt.
Reichen diese Maßnahmen nicht aus, braucht es eine mechanische Belüftung. Das ist meist ab einem THI von 80 der Fall. Luftgeschwindigkeiten von 1 bis 3 m/s – auf Tierhöhe – können die Wärmeabgabe unterstützen. Die Einstellung der Ventilatoren müsse ans Gebäude angepasst werden, damit nicht zu viel heiße Luft über die Tiere geblasen wird, so Dubois. Alle Gebäudeteile sollten gleich gut belüftet sein. Besonders am Futtertisch und bei den Liegeboxen sind Ventilatoren wichtig, damit die Tiere genügend Futter aufnehmen und lange genug ruhen. Duschen oder Sprühnebel sind stets die letzte Maßnahme und sollten nur in Kombination mit einer mechanischen Belüftung eingesetzt werden, warnen die Experten. Sie bergen sonst die Gefahr, die Luftfeuchtigkeit und damit den Hitzestress für die Tiere noch zu erhöhen. Wie die Autoren betonen, müssten solche energie- und wasserintensiven Methoden immer wirtschaftlich abgewogen werden. In jedem Stall müsse individuell geschaut werden, welche Maßnahmen Erfolg versprechend seien, so Dubois: „Wenn das Kuhverhalten nicht mit der Standardlösung kompatibel ist, brauchen wir Einzellösungen.“
Kälber vor Hitze schützen
Bei Kälbern wirkt sich Hitzestress besonders dramatisch aus. Leiden ihre Mütter an Hitzestress, haben die Kälber häufig ein geringeres Geburtsgewicht, ein geschwächtes Immunsystem und sind später weniger fruchtbar. Sie geben das auch an zukünftige Generationen weiter. Die Milchleistung leidet so nachhaltig. Eine Untersuchung auf Milchviehbetrieben am Oberrhein und im Elsass ergab, dass im Sommer geborene Färsen in ihrer ersten Laktation durchschnittlich eine niedrigere Milchleistung erzielten als im Winter geborene Kälber. Leidet die Mutter während der Trockenstehzeit Hitzestress, wirkt sich das also negativ auf den Start ins Leben aus. Deswegen müssen der Trockenstehbereich und die Abkalbebox möglichst kühl sein. Ohnehin werde den Trockenstehern noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, bemängelt Dubois.
Gesunde Kälber vertragen hohe Temperaturen zwar etwas besser als Milchkühe. Die thermoneutrale Zone endet bei ihnen Schätzungen zufolge erst ab 26 °C. Allerdings können sie ihre Körpertemperatur schlechter regulieren. Daher sollten sie ab einem THI von 65 bis 69 engmaschiger überwacht werden, so die Autoren. Hitzegestresste Kälber fressen weniger, die Milchdrüsen entwickeln sich unter Umständen schlechter, und auch das Muskelwachstum kann Schaden nehmen. Das kann sich negativ auf Fleischmenge und Fleischqualität auswirken. Die Pubertät tritt unter Umständen später ein, die Fruchtbarkeit ist beeinträchtigt, und die Kälber werden anfälliger für Infektionen. Nicht zuletzt birgt hoher Hitzestress Lebensgefahr. Im Kälberiglu ist die Temperatur höher als die Umgebungstemperatur, was für Kälber schnell gefährlich werden kann. Für die Unterbringung des Kalbs selbst müssen Kälberiglus inklusive Außenbereich im Schatten platziert sein oder überdacht werden. Abdeckfolien können die Situation wenigstens ein bisschen verbessern, wenn eine richtige Beschattung nicht möglich ist. Alle Öffnungen müssen offen sein, ein erhöhtes Aufstellen der Iglus zum Beispiel auf Backsteinen ermöglicht Luftzufuhr von unten. Eine besondere Empfehlung der Experten ist Sandeinstreu – liegen die Kälber darin, können sie die Körperwärme besser ableiten. Auch Fliegen werden so weniger angezogen als mit organischer Einstreu. Um die Kälber nicht zusätzlich zu stressen, sollten Fliegen wirksam bekämpft und Tränkeimer mit Deckeln oder Haarnetzen vor ihnen geschützt werden. Die Kälber müssen jederzeit nach draußen gehen können. Auch der Einsatz von Ventilatoren ist hilfreich, allerdings sollte die Luftgeschwindigkeit bei Kälbern höchstens 2,5 m/s betragen, bei kleinen Kälbern sogar nur 0,4 bis 0,8 m/s.
Ausreichend Frischwasser zur freien Verfügung ist obligatorisch. Bei Hitze bevorzugen Kälber außerdem flüssiges Futter. Der Milchaustauscher sollte in den Sommermonaten höher konzentriert sein oder größere Mengen gefüttert werden. Zusätzliche Elektrolyttränken gleichen Nährstoffverluste durch Schwitzen aus. Gefüttert werden sollte frühmorgens und spätabends, um die Futteraufnahme zu erhöhen. Weil leichte Kohlenhydrate weniger Körperwärme produzieren, sollte besser hochwertiges Heu oder Grassilage gefüttert werden als Stroh.
Weitere Informationen sind den folgenden Datenblättern zu entnehmen.
„Mit baulichen Maßnahmen dem Hitzestress begegnen“:
„Hitzestress erkennen und verhindern: Kälber & Jungvieh schützen“:



