Ein gesundes Euter ist eine wesentliche Voraussetzung für eine wirtschaftliche Milchproduktion. Der Gehalt an somatischen Zellen in der Milch ist ein bewährter Indikator für die Beurteilung der Eutergesundheit, dessen detaillierte Betrachtung sich lohnt. Erhöhte Werte weisen auf eine Abwehrreaktion im Euter hin und sind ein Hinweis auf subklinische oder klinische Mastitiden. Diese Erkrankung ist eine der wesentlichen Ursachen für Einbußen in der Milchmenge und -qualität. Verschiedene wirtschaftliche Betrachtungen von Mastitiden zeigen, dass der größte Kostenblock der Erkrankung die verminderte Milchleistung ist. Doch wie eng hängen Zellzahl und Milchleistung tatsächlich zusammen? Und welche Rolle spielen Herdenleistung, Herdengröße, Laktationszahl oder die Rasse?
Um diese Fragestellungen genauer zu betrachten, wurden die Daten der Milchleistungsprüfung 2025 des Landeskontrollverbands Schleswig-Holstein (LKV) ausgewertet: rund 2,6 Millionen Einzelkontrollen von 351.556 Kühen aus 2.046 Betrieben. Einbezogen wurden Zellzahl, Tagesmilchmenge, Rasse, Laktationsnummer, Laktationsstadium, Herdenleistung und Herdengröße.
Zellzahl und Milchleistung
Über alle untersuchten Rassen hinweg zeigt sich: Mit steigender Zellzahl geht die durchschnittliche Tagesmilchmenge zurück (Abbildung 1). Im einfachen Gesamtmodell war ein fünffach höherer Zellzahlwert – der Schritt von 20.000 auf 100.000 Zellen je 1 ml – mit rund 3 kg weniger Milch je Kuh und Tag verbunden. Rassespezifisch lag der geschätzte Rückgang zwischen 2,7 und 3,0 kg. In den höheren Zellzahlklassen schwanken die Durchschnittswerte stärker und zeigen eine leicht steigende Tendenz. Diese Auffälligkeit lässt sich wahrscheinlich statistisch durch Selektionsentscheidungen auf den Betrieben erklären. Vergleichbare Zusammenhänge wurden auch in internationalen Untersuchungen beobachtet. Auch wenn die Auswertung keinen exakten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang für die einzelne Kuh liefert, muss der negative Einfluss hoher Zellzahlen unbedingt beachtet werden.
Die Altersstruktur prägt die Zellzahlverteilung. In der niedrigsten Klasse bis 50.000 Zellen befinden sich 42,5 % der Ergebnisse von Kühen in der ersten Laktation. Nur 15 % entfallen auf Kühe ab der vierten Laktation. In der höchsten Klasse mit über einer Million Zellen verteilen sich die Fälle dann relativ gleichmäßig mit zirka 20 % auf die ersten drei Laktationen. Die vierte und höhere Laktationen weisen mit 38,6 % die meisten Problemfälle auf (Tabelle 1).
Der Zusammenhang mit der Milchmenge ist nicht in jeder Laktation gleich stark ausgeprägt. Bei Erstlaktierenden fiel er schwächer aus als bei älteren Kühen. Besonders auffällig waren die Ergebnisse von Kühen in der zweiten und dritten Laktation. In der Spätlaktation war ein fünffach höherer Zellzahlwert in diesen Gruppen mit rund 4,0 kg weniger Tagesmilchmenge verbunden. Bei Erstlaktierenden lag der entsprechende Wert bei etwa 2,5 kg (Tabelle 2). Das passt zu Studien, die stärkere Milchverluste bei höheren Paritäten und in späteren Laktationsabschnitten beschreiben. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass Erstlaktierende normalerweise eine geringere Tagesleistung (und Zellzahl) aufweisen. Zusätzlich steigt mit zunehmender Laktationszahl das Risiko, dass bei Kühen bereits Vorerkrankungen im Euterbereich vorliegen, die gegebenenfalls chronisch geworden sind. Die Beobachtung, dass der Milchrückgang in der vierten Laktation nicht weiter zunimmt, könnte auf einen Selektionseffekt zurückzuführen sein, da in der Regel nur robuste Kühe im Bestand verbleiben.
Spätlaktation verdient besondere Aufmerksamkeit
Das Laktationsstadium beeinflusst sowohl das Leistungsniveau als auch die Zellzahl. Ab dem 200. Laktationstag wurde in fast allen Laktationsgruppen der negative Zusammenhang mit hohen Zellzahlen zum Ende der Laktation stärker. Das bedeutet nicht, dass erhöhte Zellzahlen erst spät problematisch werden. Es zeigt vielmehr, dass derselbe Zellzahlwert je nach Zeitpunkt eine andere Bedeutung haben kann.
Für die Praxis empfiehlt es sich daher, Zellzahlauswertungen nicht nur für die gesamte Herde zu betrachten, sondern Frischmelker, Kühe in der Hauptlaktation und Tiere vor dem Trockenstellen getrennt zu beurteilen. So lassen sich Auffälligkeiten früher erkennen und gezielter einordnen. Ebenso wichtig ist der Blick auf die betroffenen Tiere: Steigen die Zellzahlen bei vielen Kühen gleichzeitig an, deutet dies häufig auf ein aktuelles Herdenproblem hin – beispielsweise auf Mängel der Stallhygiene, Liegeboxenpflege oder im Melkablauf. Sind dagegen immer wieder dieselben Kühe betroffen, stehen eher chronische Eutererkrankungen im Vordergrund. Hier sollte geprüft werden, ob bakteriologische Untersuchungen und gezielte Behandlungen sinnvoll sind. Langfristig sollten chronisch kranke Tiere bei dauerhaft ausbleibendem Therapieerfolg die Herde verlassen.
Hohe Zellzahlen sind deshalb nicht nur ein Hinweis auf die Gesundheit einzelner Kühe, sondern auch ein wichtiges Managementinstrument. Wer Veränderungen früh erkennt und deren Ursache eingrenzt, kann Milchverluste vermeiden und die Eutergesundheit des gesamten Bestandes nachhaltig verbessern.
Rasse spielt eine Rolle – aber eine kleinere
Rasseunterschiede im Leistungsniveau und im Zusammenhang mit der Zellzahl sind statistisch nachweisbar, fallen aber gegenüber den Faktoren Laktationsnummer und Laktationsstadium geringer aus. Die Laktationsnummer und das Laktationsstadium haben demnach einen deutlich höheren Einfluss. Rassevergleiche sollten daher nicht ohne Berücksichtigung von Alter, Laktationsstadium und Haltungssystem bewertet werden.
Einfluss der Betriebsstruktur
Auf Betriebsebene zeigte sich ebenfalls kein einfaches Muster. Die Herdenleistung stand deutlicher mit der durchschnittlichen Zellzahl in Verbindung als die Herdengröße. Leistungsstärkere Herden wiesen in vielen Größenklassen tendenziell niedrigere Herdenjahreszellzahlen auf (Abbildung 2). Die Herdengröße allein erklärte dagegen nur einen sehr kleinen Teil der Unterschiede.
Das belegt nicht, dass eine hohe Leistung die Zellzahl senkt. Es spricht eher dafür, dass leistungsstarke Betriebe Tierbeobachtung, Melkroutine und Eutergesundheitsmanagement häufig konsequent organisieren. Eine große Herde ist nicht von vornherein problematischer; entscheidend ist, ob Abläufe und Betreuung mit der Herdengröße mitwachsen.
Konsequenzen für das Herdenmanagement
Die Auswertung bestätigt die Zellzahl als unverzichtbaren Indikator zur Beurteilung der Eutergesundheit sowie zur Überwachung der Herde und der Einzeltiere. Für eine belastbare Einordnung sollte die Zellzahl jedoch immer im Zusammenhang mit weiteren Faktoren wie Laktationsnummer, Laktationsstadium und dem Zellzahlverlauf der letzten Kontrollen betrachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Kühe in der zweiten und dritten Laktation sowie Tiere in der Spätlaktation, weil dort hohe Zellzahlen besonders eng mit einer geringeren Milchmenge verbunden waren. Zwei Herden mit gleichem Zellzahlmittel können zudem aufgrund einer unterschiedlichen Altersstruktur eine andere Ausgangslage haben.
Wertvolle Unterstützung bei der Überwachung und Bewertung der Eutergesundheit bieten die Auswertungen der Milchkontrolle sowie der Eutergesundheitsbericht, der Kennzahlen zu eutergesunden Tieren, Neuerkrankungen, Heilungsraten und chronisch auffälligen Kühen ausweist. Zusammen mit den Einzeltierverläufen werden Handlungsbedarf und betriebliche Schwachstellen früher sichtbar.
Fazit
Mit steigender Zellzahl sinkt die Milchleistung im Mittel deutlich. Wie stark dieser Zusammenhang ausfällt, hängt wesentlich von Laktationsnummer und Laktationsstadium ab. Rasse und Herdengröße tragen zur Einordnung bei, sind aber nicht die entscheidenden Faktoren. Zellzahlen sind deshalb besonders aussagekräftig, wenn nicht nur der Wert selbst, sondern auch die Kuh dahinter betrachtet wird.




