Der Name Thormählen ist unter Reitern und Züchtern der Holsteiner Pferde ein fester Begriff, denn von diesem Gestüt stammen Reitpferde, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften erfolgreich abgeschnitten haben. Harm Thormählen gehört zu den erfolgreichsten Springpferdezüchtern Deutschlands. Gemeinsam mit einer Fachjournalistin hat der 80-Jährige jetzt seine Erinnerungen als Reiter, Züchter und Pferdehändler zu Papier gebracht.
Bereits seit 1973 ist Harm Thormählen das Gesicht der Springpferdezucht in der Kollmarer Marsch, Kreis Steinburg. Zusammen mit seinem Vater Rheder Thormählen hat er über Jahrzehnte die Weiterentwicklung des Holsteiner Pferdes durch Blutlinien geprägt, die auf dem familieneigenen Hof entstanden sind.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Hof Thormählen (Altdeutsch: „zur Mühle“) bereits 1561. Er gehört damit zu den ältesten noch bewirtschafteten Familienhöfen in Kollmar. Die Familie kam aus den Niederlanden, um mit ihren Erfahrungen im Wasserbau beim Deichbau und bei der Urbarmachung der Marsch zu helfen. Der Hof liegt nur 3 km von der Elbe entfernt mitten im historischen Zentrum der Holsteiner Zucht.
Das Hofgebäude wurde 1920 durch einen großen Brand fast vollständig zerstört und 1921 neu aufgebaut. Über dem Haupttor der Stallungen wurde der noch heute gut sichtbare Spruch angebracht: „Wer auf Gott vertraut, der hat gut gebaut!“
Harm Thormählen wurde hier 1945 geboren und ist mit den Pferden groß geworden: „Als ich 14 Jahre alt war, ritten wir alle 14 Tage sechs Pferde zum Bahnhof nach Siethwende, von wo sie mit dem Zug nach Süddeutschland, in die Schweiz oder nach Italien gebracht wurden.“ Aber erst als Weltklassereiter wie Alwin Schockemöhle, Fritz Thiedemann, Hans Günter Winkler oder Hartwig Steenken auf den Hof kamen, wurde ihm bewusst: „Mein Vater Rheder Thormählen war einer der besten internationalen Pferdehändler.“
Anfänge im Springsattel
Waren die Pferde in der schweren Elbmarsch stets als kräftige Arbeitspferde für die Feldbestellung erforderlich gewesen, so setzten sich in den 1950er bis 1970er Jahren die Traktoren durch. Viele Pferde wurden in dieser Zeit zum Schlachter gebracht, aber Rheder Thormählen begann mit der Zucht von Sportpferden. Aus den Stämmen von Retina (Stamm 104a), Vase (Stamm 173) und Fein Cera (Stamm 3615) sowie mit dem Stempelhengst Capitol (Stamm 173) sind international erfolgreiche Springpferde gezogen worden.
Für Harm Thormählen begann das Leben mit den Pferden als Springreiter. In der Zeit von 1960 bis 2004 nahm er erfolgreich an mehr als 400 Turnieren teil. Mit Gera (Stamm 3615) ritt er 1964 im Nationenpreis in den Niederlanden. Und er lernte dabei, dass es in der Springpferdezucht nicht nur auf gute Hengste ankommt, sondern noch mehr auf die Stuten.
Nach dem Besuch der Mittelschule in Glückstadt besuchte Harm Thormählen zunächst die Landwirtschaftsschule in Elmshorn und absolvierte danach eine landwirtschaftliche Ausbildung mit einem Fremdjahr. Dann war er auf dem elterlichen Hof eingebunden und absolvierte noch ein Praktikum bei Alwin Schockemöhle.
Neben dem Reiten wurde die Pferdezucht immer mehr zu seiner Leidenschaft. Durch die Zusammenarbeit mit seinem Vater entwickelte sich seine züchterische Kompetenz. „Mein Vater war vor und nach dem Weltkrieg selbst im Springsattel bis zur internationalen Klasse erfolgreich und hatte eine große Leidenschaft für Springpferde. Früh erkannte er, dass die Zucht von Wirtschaftspferden keine Zukunft mehr hatte“, blickt Harm Thormählen zurück.
Spezialisierung auf Pferde
1973 übernahm er dann den Betrieb seines Vaters. Der Hof war damals noch ein klassischer Bauernhof mit Viehhaltung und Getreide, aber Harm Thormählen spezialisierte sich schrittweise auf die reine Pferdezucht. Seit 1980 teilt er seine Leidenschaft mit seiner Frau Ingela, die als Apothekerin in Halstenbek tätig war.
Die meisten der etwa 25 jährlich geborenen Fohlen werden heute auf dem Betrieb selbst großgezogen und zu Springpferden ausgebildet. Der Verkauf erfolgt dann im Alter ab fünf Jahren. Schnell erkannte Harm Thormählen während seiner Selbstständigkeit, dass die wirtschaftliche Lage des Pferdezuchtbetriebes kein Selbstläufer ist: „Von zehn geborenen Fohlen entsprechen vielleicht ein oder zwei den Vorstellungen des Züchters. Diese wenigen erfolgreichen Züchtungen müssen dann so gut verkauft werden, dass sie die vielen mittelmäßigen mitfinanzieren.“
Der Betrieb wurde 2021 von Philipp Baumgart übernommen. Er ist Ingela Thormählens Neffe und hat noch einen Pferdezuchtbetrieb im niedersächsischen Verden an der Aller. Baumgart möchte, dass einmal eine seiner vier Töchter den Betrieb in Kollmar übernimmt. Deshalb plant er bereits, einige Gebäudeteile zu modernisieren oder zu erneuern. Dabei will er behutsam vorgehen und das Hauptgebäude erhalten, denn „die Ausstrahlung des geschichtsträchtigen Hofes soll weiter bestehen bleiben“.
Erinnerung in Buchform
Harm Thormählen hat nun im Alter von 80 Jahren seine Lebensstationen und Erinnerungen in einem Buch dokumentiert: „2002 war Capitol der weltweit beste Hengst und Fein Cera war erfolgreich bei den Weltreiterspielen. Im Rückblick auf diese großen Erfolge wollte ich meine Erinnerungen daran in Buchform festhalten.“ Bereits 2005 hatte der Fernsehsender Arte das Leben auf dem Pferdehof mit der Dokumentation „Das Gestüt“ aufgezeichnet. Daraus entstand eine 15-teilige Serie in deutscher und französischer Sprache, die noch heute als Ausbildungsmittel für die Pferdezucht genutzt wird.
Die Fachjournalistin Adriana van Tilburg, die selbst ein Pferd von ihm gekauft hatte, interviewte den Züchter über drei Jahre hinweg immer wieder. Aus dieser Zusammenarbeit entstand das Buch „Harm Thormählen: Ein Leben für die Springpferdezucht“. Es ist im Asmussen Verlag aus Gelting erschienen und im Buchhandel erhältlich. Es erzählt auf 160 Seiten die Geschichte des Hofes und Harm Thormählens Entwicklung vom erfolgreichen Reiter zum weltweit agierenden Pferdehändler und Züchter zusammen mit seiner Frau Ingela.
Die besondere Note entsteht durch die Darstellung der Begegnungen mit Züchtern und Käufern auf dem Hof. So entwickelten sich oft Freundschaften oder ein wertschätzendes Verhältnis zu den Kunden, darunter Prominente wie Prinzessin Haya von Jordanien, EU-Präsidentin Ursula von der Leyen (CDU), Schauspielerin Claudia Rieschel oder der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust.




