Eine der neuesten Hamburger Gartenattraktionen ist eine begrünte Bunkeraufstockung am Heiligengeistfeld in St. Pauli, die nicht nur als Informations- und Erinnerungsstätte dient, sondern auch mit Hotel, Veranstaltungsmöglichkeiten, einem Musikclub, neuen Sportstätten sowie Restaurants und Cafés aufwartet. Der in 58 m Höhe gelegene öffentliche Dachgarten bietet viel urbanes Grün und einen grandiosen Ausblick. Das landschaftsarchitektonische Projekt ist ein gutes Beispiel für die Anpassung an den Klimawandel in Metropolen.
Schon aus der Ferne erweckt der Grüne Bunker auf dem Heiligengeistfeld die Aufmerksamkeit. Der alte Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurde durch mehrere pyramidenförmig aufgesetzte Stockwerke erhöht und rundherum begrünt. Auch an den Fassaden klettert das Grün zaghaft, aber beständig weiter nach oben. Für die Besucher der neuen Grünanlage gibt es einen sogenannten Bergpfad, einen bepflanzten, 560 m langen und bis zu 6 m breiten Treppenweg, der sich außen um den Bunker erstreckt und als Aufstiegsmöglichkeit dient. Der Bergpfad, der Dachgarten und zugehörige Einrichtungen sind kostenlos zu besichtigen. Allerdings ist die Zahl der Besucher limitiert, die an den Zugangsgittern erfasst und kontrolliert werden. Maximal 900 Personen dürfen die Anlage gleichzeitig besichtigen. Seit der Eröffnung sind etwa 4.000 Menschen täglich auf dem Bergpfad und dem Dachgarten unterwegs. Zwei neue Außenfahrstühle an der Ostseite des Gebäudes ermöglichen auch den direkten Zugang zum Hochgarten. Schon der Aufstieg ist mit seinen Aussichtsmöglichkeiten auf die Stadt und dem Blick auf die begrünten Außenfassaden der oberen Stockwerke ein besonderes Erlebnis, das im Erreichen des auf dem Oberplateau gelegenen, 1.400 m² großen Dachgartens seinen Höhepunkt findet. Wird man zunächst den Blick über das Gelände des Hamburger Doms und die Stadion- und Sportanlagen des FC St. Pauli am Millerntor schweifen lassen, so blickt man später fast über die gesamte Stadt.
Gebaut wurde der Flakbunker IV in St. Pauli im Jahr 1942 und gehörte zusammen mit dem Bunker VI in Wilhelmsburg zu den größten Bunkern der Stadt. Der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld war mit seiner Grundfläche von 75 x 75 m und einer Höhe von 38 m einer der größten jemals erbauten Hochbunker. Mit den installierten Flakgeschützen diente er einerseits der Flugabwehr, andererseits dem Schutz der Bevölkerung. In dem für 18.000 Schutzsuchende konzipierten Bunker fanden während der starken Bombardierungen Hamburgs 1943 teilweise bis zu 25.000 Menschen Schutz bei Luftangriffen. Gebaut wurde der Bunker in nur 300 Tagen auch durch den Einsatz vieler Zwangs- und Fremdarbeiter.
Nach dem Krieg wurde eine geplante Sprengung des Bunkers wegen der Massivität des Baus mit bis zu 3,8 m dicken Betonwänden nicht realisiert, vor allem um umliegende Gebäude nicht zu gefährden. Zudem fanden in den ersten Nachkriegsjahren viele ausgebombte Hamburger in den improvisiert ausgebauten Wohnungen im Bunker ein Dach über dem Kopf. In späteren Zeiten zogen verschiedene Unternehmen aus den Bereichen Kunst, Kultur und Medien in den Bunker ein, was dafür sorgte, dass der mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Komplex heute auch als „Medienbunker“ bekannt ist.
Infotafeln zur Geschichte und zur militärischen Bedeutung säumen den Bergpfad an vielen Stellen und behandeln Themen wie die im Krieg provisorisch zugemauerten Fensternischen, die eher für eine geplante Nachkriegsnutzung vorgesehen waren, den Luftschutz der Bevölkerung, den Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen beim Bau, als Flakhelfer eingesetzte Schüler, Reste der Munitionskammern, des Ersatzleitstandes und noch vorhandene Kriechgänge.
Von 2019 bis 2024 wurde der Bunker mit fünf Stockwerken um etwa 20 m aufgestockt und im Juli 2024 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ebenfalls 2024 eröffnet wurde das Hotel Reverb by Hard Rock mit dem Hauptrestaurant „Sala“, der Bar „Karo&Paul“ und dem Café & Bar „Constant Grind“. In der nach einem Widerstandskämpfer benannten Georg-Elser-Halle mit Platz für etwa 2.200 Menschen finden neben Schulsport auch Veranstaltungen und Konzerte statt. Noch geplant ist ein Erinnerungs- und Informationszentrum, das den ehemaligen Schutzbau als Mahnmal würdigen und für die Öffentlichkeit erfahrbar machen soll. Hierum kümmert sich die gemeinnützige Nachbarschaftsinitiative Hildegarden, die bereits diverse Infotafeln entlang des Aufstiegs postiert hat und auch das Urban Gardening fördert. Das geschieht beispielsweise mit Hochbeeten, Kräuterspiralen oder Wildblumenarealen auf einigen Plateaus. Zudem soll eine Gedenkstätte für die Opfer des NS-Regimes entstehen. Das Garten- und Grünanlagen-Erlebnis beginnt bereits auf den ersten Metern des Bergpfades mit zahlreichen Stahlkübeln und Beeten, in denen sich Blütenpflanzen wie Astern, Storchschnabel, Knöterich, Salbei, Stockrosen sowie zahlreiche Gräser finden. Auch erste Gehölze wie Felsenbirne, Feldahorn, Mahonie, Kiefern und Stechhülse (Ilex) säumen den Weg. Efeu rankt an den Wänden hoch, so wie auch im späteren Verlauf weitere Kletterpflanzen wie Wilder Wein, Clematis, Kletter-Hortensie (Hydrangea), Trompeten-Geißblatt (Lonicera brownii) und die Ramblerrose ‚Bobbie James‘. Die in einer Höhe von 35 bis 58 m durchgeführten Begrünungsmaßnahmen, die von der Hamburger Baumschule Lorenz von Ehren durchgeführt wurden, umfassen 7.600 m² begrünte Dachbereiche und 1.700 m² grüne Fassaden. Die 4.700 Bäume, Sträucher, Hecken- und Kletterpflanzen und mehr als 16.000 Stauden mussten per Kran auf die entsprechende Höhe gehoben werden, wobei einige der mehrere Jahre alten Bäume bereits erhebliche Wurzelballen und ein paar Meter Wuchshöhe aufwiesen. Der Anteil immergrüner Pflanzen ist sehr hoch, und es wurden wegen der extremen Bedingungen in so großer Höhe vor allem nordeuropäische und alpine Gehölze ausgewählt, die besonders widerstandsfähig gegen Frost, Trockenheit und Wind sind. Diese Pflanzen wachsen überwiegend in einem speziell entwickelten Substrat unter anderem mit Vulkansteinen, die sehr leicht, aber gut wasseraufnehmend sind.
Die automatische Bewässerung erfolgt aus einem Speicher mit Regenwasser oder aus dem öffentlichen Wassernetz, bevorzugt unterirdisch per Tröpfchenbewässerung. Gegen die Windbelastung werden die Gehölze mit Spanngurten abgesichert und an besonders windexponierten Stellen sowie in höheren Bereichen auch mit Stahlseilen stabilisiert. So finden sich neben Ahornarten wie Spitz-, Feld- und Zoeschener Ahorn immergrüne Wald- und Berg-Kiefern und sogar Raritäten wie der Eisenholzbaum.
Apfelbäume wie die Sorten ‚Finkenwerder Herbstprinz‘, ‚Holsteiner Cox‘, ‚Cox Orange Renette‘, ‚Weißer Winterglockenapfel‘ sind hier anzutreffen. Vielfach verwendete Sträucher sind Prager Schneeball, Europäischer Wacholder, Portugiesischer Kirschlorbeer, Wintergrüne Ölweide, Ilex und Purpur-Weide. Heckenbereiche sind oftmals gebildet aus Feuerdorn, Mahonie oder Wintergrünem Liguster. Besonders gut machen sich auch die überhängenden Gehölze: Heckenkirsche, Kriechmispel, Hängender Sommerflieder, Winterjasmin, Blauraute und Krummholz-Kiefer. Der Grüne Bunker zeigt eine Möglichkeit für die Klimaanpassung und Lösungsansätze für die ökologischen Probleme in Großstädten auf. Hitzeperioden, Starkregen, Trockenheit und Luftverschmutzung betreffen Städte und Ballungsräume in besonderer Weise. Die Erhitzung der Städte wird zu einem zunehmenden Problem für Anwohner. Der Grüne Bunker liefert hier einige mögliche Ansätze zur Verbesserung der Situation. Das Projekt wird von der Technischen Universität (TU) Berlin wissenschaftlich begleitet. Zahlreiche Klima-, Wetter- und Mikroklimadaten am Gebäude und im Stadtteil werden langfristig ermittelt und ausgewertet.
Der Wissenschaftler Marco Schmidt von der TU Berlin ist überzeugt: „Der Bunker St. Pauli wird ein Vorbild und wissenschaftliches Demonstrationsobjekt für die Klimaanpassung in Großstädten weltweit.“ Für das Projekt erhielt der Grüne Bunker bereits 2024 einen der drei ersten Europäischen Gartenpreise des Europäischen Gartennetzwerkes (EGHN) in der Kategorie „Klimaanpassungen in Parks und Gärten“.
Weitere Auszeichnungen für das Projekt sind inzwischen hinzugekommen, so eine bedeutende Auszeichnung der Immobilienbranche mit dem MIPIM-Award 2025 in der Kategorie Best Conversion (beste Umwandlung) auf der weltweit größten Immobilienmesse in Cannes. Im „Time Magazine“ wurde das Hotel Reverb unter die „World’s Greatest Places 2024“ aufgenommen, und die „New York Times“ hat den Hamburger Bunker in ihre prestigeträchtige Liste der „52 Places to Travel 2025“ aufgenommen, womit der Grüne Bunker im Herzen der Hansestadt nun zu den weltweit empfehlenswerten Reisezielen gehört. Damit ist er die einzige empfohlene Destination in Deutschland und eine der wenigen in Europa.



