Wie kam der Mensch auf den Hund, das Schwein, das Rind? Die gemeinsame Entwicklungsgeschichte von Mensch und Haustier von der Altsteinzeit bis heute kann in dem neuen Besucherzentrum Domesticaneum im Tierpark Arche Warder auf interaktiven digitalen Terminals nachvollzogen werden. Das geht bis in die Gegenwart, wo Besucher an einem „Nachhaltigkeitssimulator“ Produktionsfaktoren des Landwirts verändern und die Ergebnisse auswerten können. Das Bauernblatt hat die Station zusammen mit einem Landwirt getestet.
Mit Latzhose, Ähre auf dem Hut und Stoppelbart sieht „Bauer Josh“ fast aus wie die Kinderbuchfigur Pettersson. Das spricht gewiss Kinder an und auch, dass sie auf dem Bildschirm die landwirtschaftlichen Maschinen herumfahren lassen können, mal langsam, mal schnell. „Die lachen sich kaputt“, sagt Stefanie Klingel, Pressesprecherin der Arche Warder. Dass Bauer Josh einen Laptop in der Hand hat, entdeckt man erst bei genauerem Hinsehen, und dass hier landwirtschaftliche Produktionsweisen fachkundig simuliert werden, vermittelt sich älteren Schülern und Erwachsenen nur, wenn sie sich länger mit dem Terminal beschäftigen.
Bauer Josh geht zunächst konventionell vor: pflügt, spritzt Herbizid, düngt mit Gülle, sät Mais, setzt Insektizid ein und erntet. Nun kann der Nutzer variieren: den Acker teilweise in Grünland verwandeln oder in eine Blühwiese, auf einzelne Verfahren wie etwa Insektizideinsatz verzichten. Die Resultate erscheinen dann in einem Balkendiagramm: In der Regel verbessen sich durch den Eingriff Wasser- und Bodenqualität und Artenvielfalt, aber er vermindert auch den Ertrag. Andererseits gibt es je nach Verfahren mehr oder weniger EU-Subventionen.
„Wir haben das mit den Fachleuten entwickelt, die auch für uns die Flächenanträge stellen“, sagt Stefanie Klingel. „Manche Besucher verwandeln gleich alles in eine Blumenwiese und wundern sich, dass der Bauer nichts mehr verdient.“
Ein wichtiger Faktor ist der sogenannte Auch-ich-Operator: Der Nutzer klickt an, ob er landwirtschaftliche Produkte möglichst billig kaufen will oder bereit ist, für Tierwohl und Artenschutz einen höheren Preis zu bezahlen. Das wirkt sich dann auch sichtbar auf den Erlös des Bauern aus.
Ende April wurde das Domesticaneum eröffnet. Der Besuch ist im Eintrittspreis der Arche Warder inbegriffen. Man wandert von der Domestizierung des Wolfes zum Hund vor über 300.000 Jahren über die Züchtung von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen der ersten Hirten und Bauern vor 10.000 Jahren. Immer kann man an den Terminals interaktiv Szenen durchspielen, etwa einen Hirsch „erschießen“. Es geht weiter in die Antike und das Mittelalter mit ihrer Vielfalt von Haus- und Nutztierrassen, wie sie nach Möglichkeit in der Arche Warder erhalten werden. Die meisten sind allerdings ausgestorben, „als die Massentierhaltung in den 1950er Jahren begann“, wie es auf einer Tafel heißt.
„Wir möchten erzählen, wie die Haustiere die Kulturgeschichte des Menschen beeinflusst haben und welche Rolle sie dabei über die Jahrtausende spielten“, erklärt Tierparkdirektor Prof. Kai Frölich, der das Konzept maßgeblich entwickelt hat. „In dem letzten Raum soll erklärt werden, wie man die Zukunft der Landwirtschaft gestalten könnte und welche Ansätze es jetzt schon gibt. Die Farm der Zukunft ist natürlich auch der Raum, der sich immer wieder verändern wird, wenn neue Ideen auftauchen.“
Timm Rohwer, konventioneller Landwirt aus Warder und Vorsitzender des Bezirksbauernverbandes Nortorf, hat diese „Farm der Zukunft“ getestet. „Man hat sich viel Mühe gegeben und viele Aspekte reingebracht“, ist sein Fazit. „Ich finde es gut, dass es mit fachlicher Expertise erstellt wurde. Es macht die Komplexität des Themas sichtbar, und vor allem wird der Ertrag des Bauern und die Bedeutung von Subventionen deutlich gemacht.“
Man muss jedoch Zeit und Interesse investieren, bis man am Terminal zu solchen Ergebnissen kommt, und auch bei diesem Test klappte nicht alles auf Anhieb. „Ich war am Anfang skeptisch, ob hier nicht eine allzu simple Darstellung zugunsten biologischer Landwirtschaft vermittelt wird“, räumt Rohwer ein. „Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt.“ Möglicherweise speiste sich die anfängliche Skepsis aus der recht klischeehaften Darstellung des Bauern Josh – sicher ein Hingucker für Kinder, aber nicht der moderne Landwirt, wie er in diesem Programm eigentlich zugrunde liegen soll.




