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Hochkarätiger Sport und züchterische Brillanz

In Elmshorn gab es ein fünftägiges Traumprogramm für alle Züchter, Reiter, Besitzer und Liebhaber von Holsteiner Pferden. Bei den Holsteiner Pferdetagen war für jeden etwas dabei: Youngsters und Altbewährte in Dressur- und Springprüfungen, eine Fohlenauktion, ein Freispringcup für dreijährige Stuten und die Verbandsstutenschau.

Schon am Donnerstag wurden in Elmshorn die ersten Landes­champions gekürt. Den Auftakt machten die Dressurpferde. Dabei konnte Familie Ellerbrock aus Kayhude, Kreis Segeberg, einen Doppelerfolg feiern: Nicht nur bei den Fünfjährigen, sondern auch bei den Sechsjährigen ritt Sonja Marie Ellerbrock die Pferde aus der Familienzucht zum Titel. Im Klassement der Fünfjährigen war es die Holsteiner Dressursiegerstute des Jahres 2020, Kaviera von Zack-Aljano, die sich mit einer 7,8 den Sieg sicherte. Die Silbermedaille (7,5) ging an Kesse Franzi von Franziskus-Aljano. Im Sattel der Stute von Züchter (Z.) Thomas Horns aus Bredenbekshorst, Kreis Segeberg, saß Sabrina Sievertsen-Nissen. Platz drei ging an Vasall von Voltaire-Cascari (Z.: Kersten Kühl, Seester), den Johanna Tabea Henze vorstellte (7,4).

Aus derselben Zuchtstätte wie Kaviera und ebenfalls aus einer Aljano-Mutter geht die frisch gekürte Holsteiner Landeschampionesse der Sechsjährigen hervor, Lissara von Lissaro van de Helle. 7,8 lautete das Gesamtergebnis. Damit wiederholte Lissara ihren Triumph aus dem vergangenen Jahr, als sie bereits mit der Siegerschärpe im Landeschampionat dekoriert wurde. Nur knapp dahinter rangierte Christina Ellendt im Sattel der Oldenburgerin Bella Rouge H von Bordeaux-Don Primero (7,7). Der Hannoveraner Duke of Ellington von Dante Weltino-Alabaster (7,4) kam unter Janet Maas auf den dritten Platz.

Am Freitag waren die Jüngsten dran: Bei der Auktion im Hybridformat wurden 26 Holsteiner Fohlen versteigert. „Das Konzept, die Auktion auf den Freitagnachmittag zu verlegen, ist wie erhofft aufgegangen. Nicht nur zahlreiche Zuschauer, sondern auch viele Kunden sind nach Elmshorn gekommen“, resümierte Geschäftsführer Roland Metz zufrieden.

Die Preisspitze sicherten sich Käufer aus Argentinien für 15.500 €. Dabei handelt es sich um eine Crack-Corrado-Tochter (Z.: Joachim Jürgens, Bollbrügge), die nicht umsonst auf den Namen Countess getauft wurde. Denn auch Mylene Nagels gleichnamiges Erfolgspferd Countess geht aus dieser Mutterlinie hervor.

Ein Titel für Caillan

Am Sonnabend wurden die ersten Champions im Parcours gekürt. Mit einer überragenden Wertnote von 9,2 gewann die Uriko-Newton-Tochter United b (Z.: Wolfgang Heller, Nordrhein-Westfalen) das Landeschampionat der Vierjährigen, eine Springpferdeprüfung der Klasse A*. Im Sattel saß Birgit Gärtner-Döller, die mit der Stute bereits in der Einlaufprüfung eine 8,3 erreicht hatte. Rang zwei ging an den gekörten Stakkadetto von Stakkato Gold-Acodetto I (Z.: Kersten Lutzke, Pronstorf) und Claudia Wähling mit der Wertnote 9,0. Dritter wurde der Wallach Doolittle RL von Diarado-Carthago (8,6). Im Sattel saß sein Züchter und Besitzer, Rasmus Lüneburg aus Hetlingen, Kreis Pinneberg.

Die siebenjährigen Springpferde waren in einer Springprüfung der Klasse S* am Start. Der Wallach Caillan von Casall-Carry (Z.: Gerd Ohlsen, Föhr) war mit Antonia Brinkop bereits im vergangenen Jahr Zweiter im Landeschampionat der sechsjährigen Springpferde geworden und sprang nun unter seinem neuen Reiter Rolf-Göran Bengtsson bei den Siebenjährigen zum Titel. Auf die Silberposition kamen Antonia Brinkop und Historia R von Crunch-Calato (Z.: Züchtergemeinschaft Redderberg, Ahrensbök). Bronze sicherte sich Ciselle von Cascadello I-Quidam de Revel (Z.: Reimer Detlef Hennings, Bendorf), pilotiert von Linn Hamann.

Mit Topsport im Rahmenprogramm punkteten die Holsteiner Pferdetage auch über die Landes­championate hinaus. Aus dem S**-Springen mit Stechen ging der für den Grönwohldhof von Manfred von Allwörden reitende Diarmuid Howley als Sieger hervor. Er hatte die Clarimo-Concerto II-Tochter Be Aperle VA aus der Zucht seines Arbeitgebers gesattelt und flog pfeilschnell durch den Stechparcours.

Spannung im Stechen

Einen Tag später zeigte sich der Ire immer noch gut in Form. Mit den Wertnoten 9,0 und 9,2 in den beiden Umläufen der finalen Springpferdeprüfung Klasse M stellte Howley den Fuchshengst Valenzano (Z.: Kai Wullweber, Todesfelde) als deutlichen Sieger heraus. Der Sohn des Vagabond de la Pomme-Christian überzeugte die Richter: „Genau solche Runden möchten wir sehen“, lobte die Jury. Die Silbermedaille im Championat ging ebenfalls an Diarmuid Howley mit einem Pferd vom Grönwohldhof, Kreis Stormarn: Quintino LMK von Quintago-Clearway (Z.: Loenie Kock, Hamburg) sprang auf Rang zwei. Dritter wurde das ehemalige Holsteiner Auktionspferd Davis von Diarado-Casall (Z.: Timm Peters, Bargenstedt, Kreis Dithmarschen) mit Thibaut Huyvaert im Sattel, der für Rolf-Göran Bengtsson reitet.

Tiepolo von Toulon-Cassini I und Hannes Ahlmann flogen zum Sieg im Klassement der sechsjährigen Springpferde. Foto: Janne Bugtrup

Die sechsjährigen Springpferde zeigten in der Finalprüfung, einer Spezialspringpferdeprüfung der Klasse M** mit Stechen, schon einmal, welche Qualitäten sie für die schwierigeren Aufgaben vorzuweisen haben. Nachdem sie im Umlauf eine Wertnote erhielten, folgte ein Stechen um Sieg und Platzierungen. Als Führender ging der Hengst Duplexx ins Stechen. Seine große Fangemeinde war nicht zu überhören, als der Holsteiner Hengst von Diarado eine 9,0 im ersten Umlauf bekam. Umso größer war dann die Enttäuschung, als er mit Michael Grimm vier Fehler in Kauf nehmen musste. Fehlerfrei und pfeilschnell waren hingegen Tiepolo von Toulon-Cassini I (Z.: Jürgen Böge, Bunsoh) und Hannes Ahlmann. Der Holsteiner Hengst hatte unter seinem jungen Reiter schon im ersten Umlauf mit einer 8,6 auf sich aufmerksam gemacht. Nun bewies das Paar, dass es nicht nur schön, sondern auch schnell kann.

Platz zwei ging an Iowa von Barcley-Cassilano (Z.: Hans-Adolf Witthöft, Preetz) und Jesse Luther. Die Stute wurde im ersten Umlauf mit einer 8,3 bewertet. Joachim Jürgens aus Bollbrügge, Kreis Ostholstein, ist Züchter der Holsteiner Stute Carlesta von Casall-Corrado I. Sie wurde unter Sven Gero Hünicke an dritter Stelle platziert.

Junge Stuten im Fokus

Im Freispringchampionat für dreijährige Holsteiner Stuten wurde My Dream von Del ’Arko d’Henvet-Carnute (Z.: Bernhard Hobe, Kollmar) mit der Siegerschärpe ausgezeichnet. Sie erhielt für ihre Vorstellung die Wertnote 9,2. Nur knapp dahinter rangierte mit einer 9,0 Minett (Z.: Niko Detlef, Fehmarn). Die Stute ist ebenfalls eine Tochter des ursprünglich französischen Vererbers und hat eine Mutter von Connor.

Melypsa von Barcley-Armand xx aus der Zucht von Sönke Eggers trägt fortan den Titel Holsteiner Siegerstute 2022. Foto: Janne Bugtrup

Auch am Sonntag waren die dreijährigen Stuten gefragt: 35 Vertreterinnen des Jahrgangs 2019 traten zur Verbandsstutenschau an. Elf von ihnen gelang der Sprung in den Endring. Als Siegerin verließ die bereits leistungsgeprüfte Melypsa von Barcley-Armand xx-Calypso I-Ladalco aus dem berühmten Holsteiner Stamm 223B den Herbert-Blöcker-Platz. Züchterisch verantwortlich für die typvolle Dunkelbraune ist Sönke Eggers aus Struvenhütten, Kreis Segeberg. „Wir haben hier heute ein Pferd mit einem ganz wachen Auge und viel Aufsatz gesehen“, lobte Zuchtleiter Stephan Haarhoff.

Zur Reservesiegerin kürte die Kommission Mia von Clarksville-­Stanfour-Canterburry-Quinar. Zur Welt gekommen ist sie bei Ernst Otto Christiansen in Struckum, Kreis Nordfriesland, der Mia auch ausstellte. Als „wahrhaftes Ausnahmepferd mit exquisiten Grundgangarten“ bezeichnete Haarhoff die Stute, die einst den dritten Platz beim Landesfohlenchampionat in Bad Segeberg belegte. Auch die Reservesiegerin ist bereits leistungsgeprüft und fiel beim Stutentest mit einem sehr guten Ergebnis auf.

Im Dressurring wurde ebenfalls die beste Stute herausgestellt, nämlich My Romanciera von Fürst Romancier-Aljano. Sie schloss ihre Leistungsprüfung mit der Wertnote 8,98 ab und wurde zudem Siegerstute im Körbezirk Segeberg. Der Spitze des Dressurrings attestierte Stephan Haarhoff „ganz besondere Qualitäten“. Die typvolle Rappstute stammt wie die Landeschampionessen in der Dressur aus der Zucht von Sonja und Nina Ellerbrock. Damit machte die Züchterfamilie ihr Wochenende komplett: „Viermal angetreten und viermal gewonnen“, freute sich Sonja Ellerbrock. Denn auch der Sieg von Christina Ellendt und Rob­by Brown in der Qualifikation für das Bundes­championat der vierjährigen Holsteiner Reitpferde ging auf das Konto der Schwestern: Der Rock Forever I-Aljetto-Sohn stammt ebenfalls aus ihrer Zucht.

Als „ganz auffällig“ bezeichnete Haarhoff darüber hinaus die Reservesiegerin der Dressurstuten, Mariendal’s Pari-Al von Almoretto-Loran-Astaire DK-Raimondo (Z.: Karen Kappel, Dänemark). Auch sie wurde mit der Staatsprämie ausgezeichnet. pm

Hoch hinaus

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Mehrjährige Kletterpflanzen bereichern den Garten mit vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten. Sie geben der Pergola ein schattiges Dach, schmücken stimmungsvoll Fassaden und warten mit schönen Blüten oder gar süßen Früchten auf.

Clematis erobern auch gerne Rosenbögen. Foto: Karin Stern

Unter den blühenden Kletterpflanzen ist die Clematis eine Art Multitalent. Die blühfreudigen Wildarten gelten als besonders robust und langlebig. Die Blütezeit hängt von der jeweiligen Art ab. Clematis alpina blüht von Mai bis Juni, Clematis montana von Juni bis Juli und Clematis vitalba schließt den Blütenreigen von Juli bis September ab. Die Wildarten erreichen spielend eine Höhe von 5 bis 8 m und brauchen keinen regelmäßigen Schnitt. Die Blüten sind kleiner als die der modernen Hybridzüchtungen. Diese wachsen etwa 2 bis 3 m hoch. Sie zeigen zweimal im Jahr ihre Blüten, einmal von Mai bis Juni und dann wieder von August bis September, den richtigen Schnitt vorausgesetzt. Der erste Rückschnitt erfolgt vor dem Austrieb auf etwa 1 m Höhe. Wer nach der ersten Blüte alle Fruchtstände mitsamt dem darunterliegenden Blattpaar entfernt, kann sich bald darauf über den zweiten Flor freuen. Clematis begrünen Zäune sowie Pergolen und klettern hoch hinauf in Baumkronen. Die großblumigen Hybriden passen toll an Sichtschutzwände, Rosenbögen oder Obelisken im Staudenbeet, gerne auch gemeinsam mit Kletterrosen. Kompaktere Sorten wie ‚Königskind‘, ‚Nelly Moser‘ oder ‚Ville de Lyon‘ eignen sich für den Kübel.

Die Kletterhortensie (Hydrangea petiolaris) erklimmt Wände und Mauern bis in eine Höhe von 6 m. Von Juni bis Juli zeigt sie ihre schirmförmigen, weißen Blütenrispen. Kletterhortensien wachsen zunächst recht langsam. Mit einer ersten Blüte ist fünf Jahre nach der Pflanzung zu rechnen. Der frostharte Kletterer fühlt sich im kühlen Schatten am wohlsten. Sofern die Wände nicht zu glatt sind, finden die Haftwurzeln ausreichend Halt, ähnlich wie bei Efeu und Wildem Wein. Tipp: Beim späteren Entfernen bleiben deutlich sichtbare Spuren an der Hauswand zurück, Putz und Anstrich können Schaden nehmen. Daher Selbstklimmer wohlüberlegt für Fassaden verwenden. Das Problem kann durch eine Rankhilfe entschärft werden.

Nur weibliche Pflanzen schmücken sich mit den attraktiven Hopfenzapfen. Foto: Karin Stern

Hopfen (Humulus lupulus) zählt im Gegensatz zu den meisten mehrjährigen Kletterpflanzen nicht zu den Gehölzen, sondern ist eine Staude. Jeden Winter sterben die langen Triebe ab. Sie werden kurz vor dem Neuaustrieb im Frühjahr zurückgeschnitten. Die Sorte ‚Hallertauer Tradition‘ bringt zierende und duftende Zäpfchen in der Zeit von August bis Oktober hervor. Sie sind leicht zu pflücken und zu trocknen. Das Wachstum lässt sich über den Schnitt steuern. Bleiben nur wenige Triebe stehen, schlingen sie sich in 8 bis 12 m Höhe hinauf. Dürfen alle Triebe wachsen, bliebt die Pflanze kompakter und breitwüchsiger bei einer Höhe von 3 bis 5 m. Tipp: Da nur die weiblichen Pflanzen Zapfen tragen, kauft man besser vegetativ vermehrte Exemplare. Das vermeidet Fehlkäufe. Auch die Echte Weinrebe verbindet Schönes mit Nützlichem. Für den Erfolg ist die Wahl der richtigen Sorte entscheidend. Sie sollte sich auch für Regionen außerhalb des Weinbauklimas eignen und nicht anfällig für Pilzkrankheiten sein. Rebschulen beraten entsprechend.

Als echte Himmelsstürmer können Trompetenblume (Campsis radicans), Blauregen (Wisteria) und der Schling­knöterich (Fallopia baldschuanica) bezeichnet werden. Die Trompetenblume gilt als etwas frostempfindlich, obwohl sie durchaus ausreichend winterhart ist. Sie gedeiht jedoch in kühleren Regionen weniger üppig. Da der schnellwüchsige Klimmer in Windeseile ganze Fassaden erobert, kann dies durchaus im Interesse des Gärtners liegen. Die Trompetenblume erhält einen vollsonnigen, warmen und windgeschützten Platz. Hier zeigen sich die auffälligen orangefarbenen, glockenförmigen Blüten von Juli bis September. Auch der Blauregen mag einen geschützten, sonnigen Standort mit durchlässigem, nährstoffreichem Boden. Auf ärmeren Böden fällt der Blütenflor schwächer aus. Schwerer oder zu kalkhaltiger Boden führt zu Blattaufhellungen, den sogenannten Chlorosen. Als Schlingpflanze braucht der Blauregen ein stabiles Gerüst. Dünne Spaliere oder Drähte sind ungeeignet. Sie können einwachsen oder das Gewicht auf Dauer nicht tragen. Wichtig ist zudem ein ausreichender Abstand von Regenfallrohen, um Beschädigungen zu vermeiden. Tipp: ‚Amethyst Falls‘ (Wisteria frutescens) wächst weniger stark als Wisteria floribunda sowie Wisteria sinensis und trägt bereits ein bis zwei Jahre nach der Pflanzung die ersten Blüten. Wer eine Wand oder Pergola schnell begrünen möchte, trifft mit dem Schlingknöterich eine gute Wahl. Er übertrumpft in Sachen Wuchskraft Trompetenblume und Blauregen, indem er in wenigen Jahren bis zu 15 m Höhe erreicht. Nur der häufige Griff zur Schere bändigt die reich blühende Pflanze. Ohnehin sollte man bei den starkwüchsigen Arten die Stabilität der Rankhilfen unbedingt beachten. Die langen, belaubten Triebe bieten Wind eine große Angriffsfläche, die nicht zu unterschätzen ist.

Absetzen ist ein kritischer Zeitpunkt

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Klauen-und Fundamentprobleme rechtzeitig zu erkennen und zu vermeiden, ist ein wichtiger Baustein im Tierschutz. Schmerzen und Leistungsdepressionen als Folge sind vermeidbar, wenn geeignete Maßnahmen gegen die einzelnen Ursachen ergriffen werden. Daher hat das Netzwerk Fokus Tierwohl dazu kürzlich ein Onlineseminar angeboten. Im Folgenden die wichtigsten Erkenntnisse.

In dem Onlineseminar „Klauengesundheit bei Schweinen“ referierte Mirjam Lechner. Sie ist Mitarbeiterin bei der unabhängigen Erzeugergemeinschaft Hohenlohe-Franken und Projektleiterin der Schweine-Signal-App Fit for Pigs. In ihrem Vortrag wurden unterschiedliche Klauenerkrankungen in verschiedenen Altersstufen und Haltungsformen gezeigt.

Im zweiten Teil des Seminars erläuterte Prof. Christoph Mülling von der Universität Leipzig Ursachen und Entstehung von Klauen­erkrankungen beim Schwein und Möglichkeiten, wie man Erkenntnisse zu den Ursachen von Klauen­erkrankungen zur erfolgreichen Verbesserung der Klauengesundheit nutzen kann. „Schweine sind Beutetiere und können Schmerzen gut verstecken, darum sollte man immer genau und ganzheitlich hinschauen.“

Anhand von Video- und Bildmaterialien erläuterte Mirjam Lechner den Beginn der Klauenproblematik bereits in der Abferkelbucht. Sie betonte dabei, dass die Klauenbefunde sowohl im Outdoorbereich als auch auf konventionellen Spalten gleichermaßen festzustellen sind und die genetische Komponente bei der Betrachtung der Klauengesundheit stets berücksichtigt werden sollte. Bereits bei wenige Tage alten Ferkeln können Verfärbungen im Ballenbereich auftreten, die auf eine Entzündung hinweisen können.

Ein besonders kritischer Zeitpunkt sei das Absetzen, so Lechner. Mit zunehmendem Alter zeigen die Tiere mehr Symptome. Dabei sind sie nicht immer zwangsläufig lahm, sondern klappen beispielsweise ihren Hintern ab und es fällt auf, dass das Schwein sich „zwischen den Schultern fallen lässt und eine Art Rinne entsteht“. Ebenso kann beobachtet werden, dass die Tiere ungern aufstehen. Ein Tippeln oder Abknien beim Koten und auch das Anziehen der Beine können ein Hinweis auf Lahmheit sein.

Dabei sagte Lechner aber auch, dass die Ursache der Lahmheit nicht immer die Klaue sein müsse. Vor allem in der Endphase der Mast konnten vermehrt Knorpelfehlbildungen in den Gelenken festgestellt werden.

Fütterung einbeziehen in Ursachenforschung

Wenn Klauenprobleme häufig auftreten, sollte bereits bei den Muttersauen und Saugferkeln die Fütterung genauer betrachtet werden.

So sollten Mykotoxinschäden durch eingehende Kontrolle des Futtergetreides auf Mutterkorn ausgeschlossen werden. Toxinbinder können helfen, die Belastung der Tiere zu reduzieren.

Ebenso sollten die Gehalte an Getreide im Futter beachtet werden. Lechner empfiehlt, nicht mehr als 15 bis 20 % Weizen im Ferkelaufzuchtfutter I und II und in der Vormast nicht mehr als 30 % Weizen mit mindestens 5 % Rohfaser einzusetzen. Ebenso sei auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin E und Selen zu achten, um den oxidativen Stress zu minimieren.

Bei der Fütterung der Jungsauen, so Lechner, ist darauf zu achten, dass das Wachstum der Tiere nicht zu schnell sein darf. So muss ausgeschlossen werden, dass Knochen und Klauen zu früh mit einem zu hohen Gewicht belastet werden.

Um ausreichend Hornsubstanz, das Protein Keratin, bilden zu können, müssen die Tiere ausreichende Mengen der Aminosäure Methionin über das Futter aufnehmen, da dieses nicht selbst im Körper aufgebaut werden kann. Auch die Umstellung der Fütterung und das Wechseln der Haltungssysteme und auch des Wasserangebots können in die Ursachenforschung bei Klauenproblematiken mit einbezogen werden.

Das Schwein ist ein Weichbodenläufer

Prof. Christoph Mülling erläuterte im zweiten Vortrag die Ursachen und die Entstehung von Klauenerkrankungen. Das Bewusstsein um die ursprüngliche Beschaffenheit der Klaue ist dabei unerlässlich.

Die Anatomie der Schweineklaue ist sehr gut für das Laufen auf weichem, variablem Untergrund geeignet. Die langen Afterklauen mit ihrem vollständigen Zehenskelett dienen ursprünglich als Unterstützung auf weichem Boden. Beim Laufen auf harten, nicht nachgebenden Böden verstärkt sich der Druck auf die Hauptklauen und stimuliert die Hornproduktion. Diese vermehrte Hornproduktion könne, so Mülling, zur Asymmetrie und Hornwucherung führen, welche weiterführend durch vermehrten Druck eine nachhaltige Schädigung der Horn bildenden Zellen und Blutkapillaren zur Folge haben können. Schwachpunkte der Klaue bilden insbesondere der Übergang von harten Sohlen in das sehr weiche, elastische Ballenhorn und die Weiße Linie. Veränderungen und Schädigungen der Weißen Linie verursachen bei Sauen mit höherer Wahrscheinlichkeit Lahmheiten als andere Klauenerkrankungen.

Grundsätzlich werden die Ursachen von Klauenerkrankungen und die daraus resultierenden Schädigungen der Klauen in drei Kategorien unterteilt.

Gangbild erheben und dokumentieren

Die Klauenbeschaffenheit der Tiere sollte im eigenen Betrieb mindestens halbjährig zum Sommer- und Winterhalbjahr erhoben und ausgewertet werden. Dabei geht es primär um das Erkennen der Lahmheit, also von Störungen des Gangbildes. Werden diese nicht erkannt, können Schmerzen nicht rechtzeitig behandelt werden und somit zu erhöhten Behandlungskosten, Arbeitsaufwand, verringerter Fruchtbarkeit und vermehrten Abgängen führen.

Einer von vielen Indikatoren für Klauenprobleme sind überlange Klauen und Afterklauen. Bei einer gesunden Klaue beträgt der Winkel zwischen Vorderwand und Hauptklaue 50 bis 60° und die Afterklaue berührt beim Stand auf festem Untergrund nicht den Boden.

Ein weiterer Indikator für Klauenveränderungen sind zum Beispiel sichtbare blutige Abschürfungen des Wandhorns, deutlich sichtbare Hornspalten und lange oder tiefe Risse entlang des Übergangs zwischen Ballen- und Sohlenhorn. Sind bei der regelmäßigen Bestandskontrolle diese oder andere Indikatoren festzustellen, sollte die Bodengestaltung im Liegebereich (zu hart oder nicht sauber) und im Aktivitätsbereich (rutschig und verschmutzt) überprüft und optimiert werden.

Weniger ist oft mehr!

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Über die Bedeutung der Bodenstruktur mit Blick auf zukünftige Ackerbaustrategien wird zunehmend diskutiert. Hierbei stehen besonders Anpassungsmaßnahmen an die zu erwartenden klimatischen Veränderungen im Mittelpunkt der Betrachtungen. Es ist mittlerweile klar, dass die landwirtschaftlich genutzten Böden zukünftig gleichzeitig in der Lage sein müssen, bei Starkregenereignissen große Wassermengen in kurzer Zeit aufzunehmen und in Trockenperioden Wasser sowie die darin gelösten Nährstoffe pflanzenverfügbar zu speichern. Um dieser Herausforderung begegnen zu können, sind Veränderungen beziehungsweise Anpassungen der Bodenbearbeitungsverfahren erforderlich.

Die optimale Bodenstruktur ist standortspezifisch in Abhängigkeit von den Bodeneigenschaften (unter anderem Bodenart, Bodentyp, Grund- oder Stauwassereinfluss) zu definieren.

Wie sieht eine optimale Bodenstruktur aus?

Im Mittelpunkt der Überlegungen sollte hierbei die Funktionalität des Porensystems, das sämtliche physikalischen, chemischen und biologischen Eigenschaften beeinflusst, stehen. Eine ausgewogene Porengrößenverteilung, die sowohl Wasserspeicherung als auch eine ausreichende Sauerstoffversorgung gewährleistet, ist ebenso bedeutsam, wie eine kontinuierliche Verbindung der Poren zwischen Ober- und Unterboden. Mit einer hohen Funktionalität sind aber nicht nur die Speicherung und der Austausch von Wasser-, Gas- und Nährstoffvorräten verbunden, sondern auch die Zugänglichkeit der Speicherorte. Nur wenn sämtliche Bodenkompartimente unter Einbeziehung des Unterbodens zugänglich sind, kann eine optimale Ressourceneffizienz erreicht werden.

Ausgeprägte Phasen der Bodenruhe notwendig

Um diesen Zustand optimaler Bodenstruktur zu erreichen, sollte folgender Grundsatz berücksichtigt werden: Bodenbearbeitungsstrategien müssen bodeninterne Strukturierungsprozesse (unter anderem Quellung/Schrumpfung, biologische Aktivität) anregen, erhalten und stärken. Da jeder Eingriff in den Boden durch Bodenbearbeitungswerk­zeuge diese Prozesse teilweise unterbricht oder gar rückgängig macht, sollten künftige Bodenbewirtschaftungsstrategien ausgeprägte Phasen der Bodenruhe umfassen.

Dies erfolgt einerseits durch Anpassungen der Fruchtfolge wie Sommerungen, Zwischenfrüchte, überjährige Nutzung von Kleegrasbeständen und andererseits durch reduzierte Bodenbearbeitungsintensitäten. In diesem Zusammenhang sind besonders pfluglose Bodenbearbeitungssysteme zu nennen. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Anwendung pflugloser Bodenbearbeitung die Entwicklung eines funktionalen Porensystems fördert. Abbildung 1 zeigt die Auswirkungen über 25-jähriger kontinuierlicher Anwendung pflugloser Bodenbearbeitung: Der Anteil luftführender Poren (Grobporen) besonders in 30 cm Bodentiefe wird deutlich gefördert und gleichzeitig die gesättigte Wasserleitfähigkeit verbessert. Weiterführende Untersuchungen haben gezeigt, dass damit auch die Durchwurzelung und biologische Aktivität wie beispielsweise Regenwurmtätigkeit und mikrobielle Umsetzungsprozesse bis in tiefe Bodenschichten erhöht werden konnten. Neben der verbesserten Funktionalität und Aktivität der Bodenstruktur werden durch pfluglose Bearbeitungssysteme zudem die Bodenstabilitätseigenschaften positiv beeinflusst.

Nicht schneiden, fräsen oder kreiseln

Nicht jedes Bearbeitungsgerät ist im Rahmen pflugloser Systeme gleichermaßen für alle Standorte geeignet. In Abhängigkeit von der Art des mechanischen Eingriffs und den Bodeneigenschaften kommt es zu unterschiedlich funktionalen beziehungsweise stabilen Struktur­einheiten. Bedeutsam hierbei ist, dass besonders von schneidenden oder rotierenden Werkzeugen erzeugte Struktureinheiten instabile Oberflächen aufweisen. Deshalb sind besonders auf schwereren Standorten Werkzeuge beziehungsweise Gerätekombinationen, die den Boden partiell anheben und damit oft „natürliche Bruchstellen“ induzieren, besser geeignet. Es ist zu bedenken, dass mit jedem Bodenbearbeitungsgang die Stabilität der erzeugten Bruchstücke sinkt und damit die Gefahr von Verschlämmung oder Bodenverdichtung steigt.

Pfluglose Systeme ohne Glyphosat?

Unter Praktikerinnen wird die Diskussion hinsichtlich einer erfolgreichen Realisierung reduzierter beziehungsweise pflugloser Bodenbearbeitungssysteme oft direkt mit der gleichzeitigen Anwendung von Totalherbiziden, wie Glyphosat, verknüpft. Unter der Annahme, dass bestehende Anbausysteme ohne weitere Anpassungsmaßnahmen zukünftig auf die Anwendung von Totalherbiziden verzichten müssen, sind diese Aussage und dieser Zusammenhang sicherlich richtig. Wenn aber gleichzeitig mit dem Verzicht auf die Anwendung von Totalherbiziden unter anderem die Fruchtfolge, Düngung und Bodenbearbeitung angepasst werden, dann können auch pfluglose Anbausysteme zukünftig erfolgreich etabliert werden. Zahlreiche Beispiele in der Praxis auf den unterschiedlichsten Standorten belegen diese Tatsache. Allerdings gibt es keine „Patentrezepte“, die einfach „nachgekocht“ werden können, sondern jede Betriebsleiterin und jeder Betriebsleiter muss sich intensiv mit dem Standort, dem bisherigen Anbausystem und der jeweiligen Ausgangssituation auseinandersetzen, um pfluglose Bearbeitungssysteme ohne den Einsatz von beispielsweise Glyphosat realisieren zu können.

Fazit

Die Intensität der Bodenbearbeitungssysteme muss zukünftig kritisch überdacht werden. Anforderungen der Bodenfruchtbarkeit und die Herausforderungen des Klimawandels erfordern zunehmend extensivere Anbausysteme. Dies betrifft einerseits die Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, aber andererseits auch die Wirkung von Bodenbearbeitungssystemen. Resiliente (widerstands- und kompensationsfähige) Landnutzungssysteme erfordern eine hohe Funktionalität der Bodenstruktur. Diese lässt sich in vielen Fällen nur durch die langfristige Anwendung von pfluglosen Bearbeitungsverfahren oder -systemen mit ausgeprägten Perioden der Bodenruhe realisieren.

Nutzung der Wälder ist der beste Klimaschutz

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Die globalen Treibhausgas­emissionen steigen weiter. Auch Deutschland hätte ohne seinen Wirtschaftswald 2021 rund 100 Mio. t mehr an Treibhausgasen emittiert. Diese 12%ige Verbesserung der nationalen Treibhausgasbilanz Deutschlands können nur Wälder leisten, die nachhaltig genutzt werden, denn ohne Waldbewirtschaftung tendiert ihr Aufnahmevermögen für Kohlenstoff gegen null.

Deshalb können wir ohne Waldbewirtschaftung die Ziele des Pariser Abkommens nicht erreichen. Ein internationales Forscherteam um Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena kommt jetzt zum Ergebnis, dass die Nutzung von Holz bei nachhaltiger Forstwirtschaft CO2-neutral ist. Eine Nichtnutzung der Wälder dagegen könne zu deutlich höheren CO2-Emissionen als bisher führen.

Bei der Photosynthese nehmen Bäume Kohlendioxid aus der Luft auf und bauen den Kohlenstoff in ihre Biomasse ein. Sowohl Bäume als auch Böden veratmen einen Teil dieser Biomasse und setzen dabei CO2 wieder frei. Bei nachhaltiger Bewirtschaftung erfolgen Pflege und Ernte an einem bestimmten Waldort nur einmal alle fünf bis zehn Jahre. Die Fläche, die jedes Jahr von Pflege oder Holzernte betroffen ist, beträgt also nur etwa 10 % der Betriebsfläche und bewegt sich mosaikartig dynamisch über diese hinweg.

In der erwähnten Studie wurde mithilfe der sogenannten Eddy-Kovarianz-Methode untersucht, ob Pflege und Ernte Auswirkungen auf die Atmung des Waldökosystems haben. Dabei wurden Mess­türme im Wald errichtet, mit denen sich die Konzentration von Gasen in der Luft über dem Wald messen lässt.

Immer nur den Zuwachs abschöpfen

Die Eiche, Hoffnungsträgerin in Zeiten des Klimawandels

Die Holzernte hat danach keinen Einfluss auf die Ökosystematmung im Vergleich zu unbewirtschafteten Wäldern. Die verbleibenden Bäume können durch verbesserten Lichtgenuss und höheres Wasserangebot die bei der Holzernte entnommene Biomasse vollständig und kurzfristig kompensieren, sodass auf Ebene des Forstbetriebes keine zeitliche Lücke zwischen Holzernte und Wiedereinbindung des CO2 in die Waldbiomasse entsteht.

Wird einer Waldlandschaft Holz entzogen, bleibt das also ohne Folgen für den Gasaustausch, auch weil das entnommene Holz zum großen Teil nicht atmendes Kernholz ist. Voraussetzung dafür ist, dass der Holzvorrat auf konstanter Höhe bleibt und höchstens der Zuwachs abgeschöpft wird. Auch Stürme oder Dürreperioden dürfen nicht zu einer Vorratsabsenkung führen, es wird in diesem Fall weniger eingeschlagen.

Die Messergebnisse bedeuten nichts anderes, als dass die Nutzung des Holzes CO2-neutral erfolgt. Fossile Emissionen, zum Beispiel durch Holzerntemaschinen oder Holztransport, sind ziemlich gering und werden im Energiesektor verbucht.

Alternativ könnte man auf Holznutzung verzichten und den Wald sich selbst überlassen. Dadurch würden der Holzvorrat und damit die Menge an Kohlenstoff zunächst zwar noch etwas steigen, allerdings mit zunehmendem Alter immer langsamer. Deutschland hat mit 358 m3/ha bereits jetzt die größten Holzvorräte in der EU, sodass eine weitere Steigerung unrealistisch ist. Außerdem sind wegen der mit dem Alter zunehmenden Wahrscheinlichkeit von Störungen sehr alte und vorratsreiche Wälder selbst in unberührten Waldlandschaften selten, denn die Sterblichkeit der Bäume nimmt mit dem Alter zu, in den durch das Absterben entstehenden Lücken wachsen junge Bäume nach. So entsteht eine Art Gleichgewicht, bei dem sich sterbende und nachwachsende Biomasse die Waage halten. Der Holzvorrat steigt deshalb auch nicht weiter. Diese Wälder bewahren zwar zunächst den gespeicherten Kohlenstoff, können aber keinen weiteren Kohlenstoff mehr einlagern.

Wald sich nicht selbst überlassen

Wenn Wälder durch Trockenheit zusammenbrechen, geben sie große Mengen CO2 an die Atmosphäre ab.

Hinzu kommt – die Jahre 2018 bis 2020 haben dies gezeigt –, dass Wälder zunehmend unter Wassermangel und Hitze leiden, Bäume absterben und die Holzvorräte dadurch abnehmen. Überlässt man Wälder sich selbst, sind durch den klimawandelbedingten Stress mittelfristig massive Absterbeprozesse zu erwarten. Solche Wälder reichern auch Totholz in großen Mengen an, und die wachsende Brennstofflast erhöht das Risiko von Waldbränden. Dabei wird das zuvor gebundene CO2 wieder frei. Der Schwund an Kohlenstoff könnte so groß sein, dass die Vorräte unter das heutige Niveau fallen. Dieses CO2 würde die Atmosphäre belasten, weil es nicht mehr in vollem Umfang durch nachwachsenden Wald gebunden werden könnte.

Wälder sich selbst zu überlassen, um darin mehr Kohlenstoff zu speichern, ist also weder verantwortungsvoll noch nachhaltig. Da Emissionen aus fossilen Brennstoffen den größten Teil aller Kohlenstoffemissionen ausmachen, muss die aktive Reduzierung dieser Emissionen Vorrang haben vor Mechanismen, die die Emissionen fossiler Brennstoffe kompensieren, wie zum Beispiel die Speicherung von Kohlenstoff in der lebenden oder toten Waldbiomasse. Trotzdem hat die EU ihre Politik in Richtung Speicherung zulasten der Holznutzung verlagert, und auch in Deutschland werden Forderungen immer lauter, noch größere Waldflächen aus der Nutzung zu nehmen.

Wälder speichern Kohlenstoff auch im Boden in Form von Humus und toten Wurzeln. Die im Waldboden gespeicherte Menge ist in Deutschland größer als die in der oberirdischen Biomasse. Nachhaltige Forstwirtschaft schont die Humusvorräte – das zeigt die jüngste Bodenzustandserhebung –, denn trotz Bewirtschaftung nimmt der Bodenkohlenstoff zu. Nicht bewirtschaftete Wälder reichern Kohlenstoff im Boden nicht schneller an als bewirtschaftete Wälder, regelmäßige Waldpflege fördert dagegen den Aufbau stabiler Humusvorräte und ermöglicht durch den höheren Lichteinfall eine vielfältigere Bodenvegetation, die der Artenvielfalt im gesamten Waldökosystem zugutekommt.

Jedoch sollte wenigstens das Nichtderbholz, also dünne Stämme und Äste unter 7 cm Durchmesser, im Wald bleiben, um den Boden vor Humusverlusten durch Besonnung und Bodenerosion zu schützen. Dieser Schlagabraum setzt bei der Verrottung außerdem wichtige Nährelemente frei, die die nachfolgende Baumgeneration zum Wachsen benötigt. Auch Bodenbearbeitung muss unterbleiben, weil dadurch verstärkt CO2 freigesetzt wird.

Holzprodukte sind CO2-Speicher

Hackschnitzel aus Waldrestholz haben als CO2-neutraler Brennstoff ein hohes CO2-Vermeidungspotenzial.

Bei der Holzernte, wird ein Teil davon in Holzprodukte überführt, zum Beispiel in Möbel und Häuser. Das bedeutet, dass neben dem Waldspeicher ein zweiter Speicher in Form von Holzprodukten aufgebaut wird. Auch der darin enthaltene Kohlenstoff kann die Atmosphäre nicht belasten, allerdings nur bis zum Ende der Lebensdauer der Produkte. Diese ist der des Tot­holzes im Wald sehr ähnlich, Holzhäuser zum Beispiel haben eine mittlere Lebensdauer von etwa 75 Jahren.

Stammholz ausreichender Qualität sollte vorwiegend stofflich, das heißt zur Herstellung hochwertiger Holzprodukte verwendet werden. Die Erziehung von Wertholz bei der Waldpflege ist deshalb ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Die Verwendung des Holzes für Holzprodukte hat neben der Speicherung von Kohlenstoff noch einen weiteren Klimaschutzeffekt. Werden Häuser aus Holz statt aus mineralischen Baustoffen errichtet und Gegenstände des Alltags aus Holz statt aus Stahl, Aluminium oder Glas hergestellt, ist dazu meist weniger Energie erforderlich. Da diese Energie größtenteils aus fossilen Quellen stammt, leisten Holzprodukte einen Beitrag zum Klimaschutz. Wir sollten das nicht unterschätzen, denn die durch stoffliche Nutzung des in Deutschland geernteten Holzes vermiedenen Emissionen sind beispielsweise weit größer als die gesamten energiebedingten Emissionen in Deutschland aus dem Verkehr.

Schließlich wird Holz aus unseren Wäldern auch energetisch genutzt. Äste, schwache und krumme Stämme und faules Holz werden zeitnah verbrannt. Bei der Herstellung der Holzprodukte entstehen zum Beispiel Sägespäne, die zu Pellets gepresst und zur Wärmegewinnung verwendet werden.

Schließlich wandern auch ausgediente Holzprodukte ins Heizkraftwerk, am besten erst am Ende einer möglichst langen Nutzungskaskade, bei der Holz mehrfach hintereinander in Form immer neuer Produkte genutzt wird. So kann Altholz zunächst zu Schnitt­holz und danach noch weitere Male zu Spanplatten verarbeitet werden. Im Zuge der Verbrennung wird der Kreislauf des Kohlenstoffs, der mit der Photosynthese begann, wieder geschlossen und wegen der CO2-Neutralität des Holzes fossile CO2-Emissionen vermieden.

Bypass der natürlichen Zersetzung

Die geringe Energiedichte des Holzes ist in diesem Kontext irrelevant, weil das bei der Verbrennung freigesetzte CO2 bereits Teil des biosphärisch-atmosphärischen Kohlenstoffkreislaufes ist, der in fossilen Energieträgern gelagerte Kohlenstoff dagegen nicht. Würde man diese Produkte verrotten lassen, zum Beispiel einen Zaunpfahl im Garten, würde CO2 ohne den genannten Vermeidungseffekt in die Atmosphäre zurückkehren. Insofern kann die energetische Holznutzung als ein Bypass der natürlichen Zersetzung angesehen werden, weil CO2 statt im Wald oder im Garten bei der Energiegewinnung freigesetzt wird.

In der aktuellen Praxis der Kohlenstoffbilanzierung nach den IPCC-­Richtlinien erkennen die Autoren eine ungerechtfertigte Benachteiligung der Waldbesitzenden. So kann die Forstwirtschaft in den nationalen ­IPCC-Berichten nur Kohlenstoff berücksichtigen, der in Biomasse der Wälder und Holzprodukten enthalten ist. Wird ein Baum gefällt, gilt dies als unmittelbare CO2-Emission. Damit keine Doppelzählung des CO2 erfolgt, wird Holz im Zuge der energetischen Verwertung als CO2-neutral gewertet, wovon ausschließlich der Energiesektor profitiert. Die Vermeidung fossiler Emissionen durch stoffliche und energetische Substitution ist aber eine Leistung der Forstwirtschaft. Dies sollte geändert und das bei der Holz­ernte dem Wald entzogene CO2 direkt der Waldeigentümerin gutgeschrieben werden.

Auf die Kulturen kommt es an

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Die Dürresommer der vergangenen Jahre haben bundesweit erhebliche Schäden in den Wäldern verursacht. Neueste Satellitenbildauswertungen der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtforschung (DLR) haben ergeben, dass durch Sturmwürfe, Dürre und Borkenkäferkalamitäten seit 2018 bundesweit etwa 500.000 ha Kahlfläche entstanden sind.

Bei einem durchschnittlichen Bedarf von 5.000 Pflanzen je Hekt­ar zur Aufforstung ergäbe das eine Summe von 2,5 Milliarden Pflanzen. Manche Flächen bewalden sich durch natürliche Sukzession, andere wiederum werden durch Saat oder durch nur auf Teilflächen stattfindende Initialpflanzungen wiederbewaldet, sodass der tatsächliche Bedarf sicher niedriger ausfallen wird. Tatsache ist jedoch, dass die Wiederbewaldung noch viele Jahre in Anspruch nehmen und erhebliche finanzielle Mittel verschlingen wird.

Viele Waldbesitzende und deren forstliche Beraterinnen und Berater stehen vor der Frage, wie ihr Wald der Zukunft aussehen soll oder darf. Dazu fordert das Landeswaldgesetz, dass bei der Baum­artenwahl ein „hinreichender Anteil standortheimischer Baumarten“ vertreten sein soll. Baumarten sind dann standortheimisch, wenn sie zum einen am Ort der Pflanzung standortgerecht sind, das heißt mit den gegebenen Bodenbedingungen stabil aufwachsen können. Ein Beispiel für nicht standortgerechte Baumartenwahl wäre die Pflanzung der flach wurzelnden Fichte auf einem Niedermoorstandort mit hoch anstehendem Bodenwasserspiegel.

Zum anderen werden heimische Baumarten gefordert. Hierunter sind Baumarten zu verstehen, die natürlicherweise hier wachsen würden beziehungsweise in der Vergangenheit hier natürlicherweise vorkamen. Der Anteil dieser Baumarten muss „hinreichend“ sein. Je nach Naturraum der geplanten Kultur bedeutet dieses einen Anteil zwischen 30 und 50 %.

Welche Bäume trotzen Klimawandel?

Eine weitere wichtige Fragestellung im Zusammenhang mit der Baumartenwahl betrifft den Klimawandel und die Frage, welche Baumarten zukünftig hier bei uns noch ertragreich wachsen werden.

Hierzu wird derzeit ein Forschungsprojekt der Nordwestdeutschen forstlichen Versuchsanstalt (NWFVA) erstellt, das noch in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Auf Grundlage der hiesigen Klimadaten und der Ergebnisse der landesweit vorliegenden forstlichen Bodenkartierungen werden die durch den Weltklimarat erstellten Wetterprognosen (in Form von modellierten Klimaläufen vorliegend) auf Schleswig-Holstein heruntergebrochen und kartografisch dargestellt. Es wird berechnet, wie viel pflanzenverfügbares Wasser zukünftig noch zur Verfügung steht, und darauf aufbauend werden Baumartenvorschläge unterbreitet.

Die zweite zentrale Bedingung für das langfristige und nachhaltige Gelingen einer Kulturmaßnahme betrifft die Pflanzung. Hierzu wurde im März 2022 eine Fortbildung der NWFVA bei der Landwirtschaftskammer in Bad Segeberg veranstaltet. Eine zentrale Fragestellung betraf die Erfahrungen mit neuerdings vermehrt angebotenen Containerpflanzen. Entsprechende Untersuchungsergebnisse ergaben, dass die Containerpflanzen gegenüber einer sorgfältig gepflanzten wurzelnackten Pflanze keine Wuchsvorteile aufweisen.

Vor allem die Douglasie wird mittlerweile als Containerpflanze angeboten. Aufgrund der sehr hohen Sensibilität dieser Baumart in Bezug auf Wurzeldeformationen bei unsauberer Pflanzung hat die Containerpflanze Vorteile in Bezug auf die Wurzelentwicklung. Da andere Baumarten als Container derzeit nur bedingt zur Verfügung stehen, konzentriert sich dieses Verfahren auf die Baumart Douglasie. Hier zeigen sich gute und kostengünstige Erfahrungen. Bei einem konkreten Bedarf an Douglasienpflanzen sollte daher die Möglichkeit der Con­tainerpflanzung geprüft werden.

So gelingt die Kultur sicher

Douglasienminicontainer zur Pflanzung unter Schirm ohne hohe Begleitvegetation Foto: Hans Jacobs

Grundsätzlich sind für das Gelingen einer Kultur folgende Aspekte von zentraler Bedeutung:

Das Pflanzenmaterial braucht ein ausgewogenes Verhältnis aus Höhe und Wurzelhalsdurchmesser, die Pflanzen sollten nicht zu schnell gewachsen sein, weil sie dann zu instabil werden.

Grundanforderung an das Pflanzgut, das bei der Anlieferung kontrolliert werden muss, sind unbeschädigte, frische Pflanzen mit geradem, kräftigem Trieb ohne Zwiesel.

Entsprechend der Pflanzengröße sollten die Pflanzen ausreichend Wurzelmasse mit möglichst vielen Feinwurzeln aufweisen. Die Wurzeln müssen permanent feucht gehalten werden – über den Transport, den Einschlag der Pflanzen an der Fläche bis zur Pflanzung an sich. Trocknis an den Wurzeln reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit der Pflanze erheblich.

Früher wurden Wurzeln vor der Pflanzung gerne zurückgeschnitten, um diese zu erleichtern. Mittlerweile ist bekannt, dass jegliche Beschädigung der Wurzeln den Anwuchserfolg und die Stabilität der jungen Bäume negativ beeinflusst. Das Entfernen einzelner überlanger Wurzeln sollte die absolute Ausnahme darstellen und auf die Fälle beschränkt werden, wo es nicht gelingt, die Wurzeln ungestaucht im Pflanzloch zu platzieren.

Das Pflanzverfahren orientiert sich an der Pflanzengröße. Bei kleinen Sortimenten können einige Pflanzverfahren mit Hauen oder Spezialspaten genutzt werden, die aber technisch anspruchsvoll sind und gelernt werden müssen. Bei deutlich größeren Pflanzen kommt der Minibagger infrage.

Besonders wichtig ist es, die Wurzeln möglichst ungestaucht und locker im Pflanzloch zu positionieren. Das Pflanzloch muss mit rein mineralischer Erde wieder verfüllt werden, Laub, Zweige oder Ähnliches sollten nicht dazwischen sein. Das Pflanzloch muss nach dem Verfüllen mit einem festen Antreten verschlossen werden.

Die Pflanze muss so weit im Erdreich verschwinden, dass sämtliche Wurzeln übererdet sind, aber auch der Wurzelhals oberhalb der Erdoberfläche verbleiben kann, ansonsten kann es zu Fäulnis am Stämmchen kommen.

Wuchshülle oder Wildzaun

Ein weiterer Erfolgsgarant einer Pflanzkultur liegt in dem Ausschluss potenzieller Wildschäden. In Schleswig-Holstein ist es noch immer in den allermeisten Gegenden erforderlich, einen Wildschutzzaun zu errichten. Alternativ werden vor allem in Süddeutschland Wuchshüllen verwendet, um auf den Zaunbau verzichten zu können. Hierzu gibt es auch Untersuchungen der NWFVA. Im Ergebnis zeigt sich, dass Wuchshüllen eine Lösung für sehr kleinflächige Pflanzungen bilden können. Bei mehr als 650 Pflanzen sind die Kosten der Wuchshüllen (zirka 4,50 € bis 5 € je Stück) so hoch, dass der Zaunbau deutlich günstiger wird.

Hinzu kommt die Tatsache, dass je nach Hüllenfabrikat und Baum­art zu wenig Licht einfällt. Die Pflanzen versuchen, möglichst schnell den Hüllen zu entwachsen, was dazu führt, dass sie sehr schnell sehr hoch wachsen, ohne die entsprechende Stammstabilität zu entwickeln. Auch das Wurzelwachstum bleibt hinter dem Triebwachstum zurück, was eine zusätzliche Destabilisierung zur Folge hat. Die Wuchshüllen bewirken ein besonders schlechtes Verhältnis aus Sprosslänge und Wurzelhalsdurchmesser.

Zusätzlich muss darauf hingewiesen werden, dass neuerdings die Verwendung von Wuchshüllen aus Plastik in Schleswig-Holstein nicht mehr gestattet ist.

Die Verwendung qualitativ hochwertiger Pflanzen mit sorgfältiger Pflanzung und ausreichendem Schutz lässt zukunftsfähige Kulturen entstehen. Dennoch sind witterungsbedingt Ausfälle möglich, die durch Nachpflanzungen ersetzt werden sollten, wenn die Gefahr besteht, dass der Dickungsschluss der aufwachsenden Kultur aufgrund der Lücken deutlich später erfolgen wird. Manchmal findet sich Naturverjüngung (Birke, Nadelholz, Buche) ein, die die Lücken schließt und daher eine Nachpflanzung entbehrlich macht.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Behandlung der Kulturen nach acht bis zwölf Jahren, wenn der Dickungsschluss eingetreten ist. Der Zaun hat seine Funktion erfüllt und muss abgebaut werden, weil er rechtlich betrachtet nicht mehr erlaubt ist. Damit hat das vorkommende Schalenwild, wenn der Zaun bis zuletzt seine Schutzfunktion erfüllt hat, nun wieder Zutritt zur Fläche. In vielen Gegenden des Landes sind noch immer recht hohe Bestandsdichten an Dam- und teilweise auch Rotwild festzustellen. Damit besteht die akute Gefahr, dass die Jungbestände durch Schälschäden beeinträchtigt oder sogar ruiniert werden. Zwar lassen sich solche Schäden gegenüber den Jagdpächtern und Jagdpächterinnen geltend machen, aber damit lässt sich der finanzielle Schaden eines Bestandes nur teilweise ausgleichen.

Daher sollte in diesen Gefahrenbereichen ein vorbeugender Schälschutz angebracht werden. Hierfür stehen unterschiedliche Mittel und Verfahren zur Verfügung. Da es den Kostenrahmen sprengen würde, jeden Baum zu schützen, sollte zunächst eine Plusbaumauslese erfolgen, gefolgt von einer ersten Läuterungsmaßnahme, um den Kronenraum dieser Plusbäume etwas zu erweitern. Je nach Baumart sollte diese Maßnahme mehr oder weniger vorsichtig erfolgen. Die Plusbäume sollten dann geschützt werden. Eine Kostenbeteiligung der Jagdpächterinnen und Jagdpächter an einer solchen Maßnahme lässt sich zwar nicht erzwingen, da es sich aber um schadensminimierende Maßnahmen handelt, sollte es in deren Interesse sein, solche Maßnahmen umzusetzen.

Vorbereitung der Fläche

Ein abschließendes Wort zum Thema „Kulturvorbereitung“. Die Pflanzung ist umso einfacher und letztendlich auch kostengünstiger, je sauberer die Fläche ist. Daher werden viele Flächen vorbereitend ganzflächig gemulcht. Diese Maßnahme ist sehr teuer und bedeutet ein flächiges Befahren der gesamten Kulturfläche. Sie hat allerdings den Vorteil, dass die Begleitvegetation in den ersten Jahren nicht ganz so vehement aufwächst und daher die Aufwendungen für die Kulturpflege geringer ausfallen.

Andererseits bildet der Waldboden das Produktionskapital, auf dem der neue Wald wachsen soll. Seine Strukturen werden über Jahrzehnte hinweg geschaffen und sind entsprechend empfindlich gegenüber einer Befahrung. Befahrungsbedingte Bodenverdichtungen sind noch nach Jahrzehnten sichtbar und beeinträchtigen das Wurzelwachstum. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Waldboden von einer Vielzahl von Lebewesen bevölkert wird, deren ökologische Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Das Mulchen zerstört die bestehenden Habitatstrukturen einschließlich der sie bewohnenden Organismen.

Ein übermäßiger Anfall von Hiebsresten und Kronenmaterial (zum Beispiel nach Sturmwurf) kann das Mulchen erforderlich machen. Ob streifenweise oder wirklich ganzflächig, ist abhängig von den Verhältnissen vor Ort. In vielen Fällen lassen sich aber genauso gut über streifenweise Pflanzlochvorbereitung günstige Pflanzverhältnisse schaffen, die kostengünstiger und ökologisch weniger negativ sind.

Frauen in der Landwirtschaft werden immer sichtbarer

Die LandFrauen feiern aktuell ihr 75-jähriges Bestehen. Seitdem haben sich die Landwirtschaft, die Technik und auch das Frauenbild in der Landwirtschaft enorm verändert. Doch es gibt noch immer einiges bezüglich der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu tun, wenn man zum Beispiel an die Einkommensungleichheit von Frauen und Männern denkt oder an die fehlende Chancengleichheit von Frauen und Männern auf der Welt, aber auch hier in Deutschland.

… Eierproduktion und Direktvermarktung sowie
… Windenergie. Ute Volquardsen mit einem Teil des Familienbetriebes (Sohn Momme, Enkel Theo und Schwiegertochter Kathrin, v. li.)

Auf der Internetseite des Thünen-Institutes in Braunschweig heißt es etwa: „Landwirtschaft scheint nach wie vor Männersache zu sein. 36 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft sind laut Landwirtschaftszählung weiblich. Aber nur jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt. Der tatsächlichen Rolle von Frauen in der Landwirtschaft werden die Zahlen der Agrarstatistik jedoch nicht gerecht.“ Die Forschenden arbeiten gerade gemeinsam mit der Universität Göttingen an einer landesweiten Studie. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedeutung der Frauen für die Landwirtschaft und den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Räumen vielfach unterschätzt wird.

Martina Johannes ist seit 2008 die Leiterin des Fachbereichs Bildung in Rendsburg. Vorher führte sie lange den sozioökonomischen Beratungsdienst der Kammer. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehören die Organisation der landwirtschaftlichen Berufsausbildung, der Meister/-innenkurse und der Arbeitnehmer/-innenberatung sowie die Koordination des Weiterbildungsangebotes der Kammer. Fotos (3): Isa-Maria Kuhn

Ständig einsatzbereit

„Frauen haben vielfältige Aufgaben, und je nach Betrieb und Region ist die Rolle der Frauen sehr unterschiedlich. Frauen leiten Betriebe oder teilen sich diese Verantwortung mit einem Partner und tragen in großem Maß zum Betriebserfolg bei. Sie sind oft Initiatoren für Betriebsdiversifikationen (Direktvermarktung, Urlaub auf dem Bauernhof, soziale Dienste et cetera). Diese betrieblichen Aufgaben oder auch außerbetrieblichen Tätigkeiten verbinden sie mit Haushalt und Kindern, Pflege der (Schwieger-)Eltern und Engagement im Ehrenamt. Viele Frauen müssen ständig einsatzbereit sein und springen für viele verschiedene Arbeiten ein“, so die erste Analyse des Institutes.

In der Wissenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. „Zwar studieren viele Frauen Agrarwissenschaften, der Anteil liegt ungefähr bei der Hälfte der Studierenden. Aber je höher die Position wird, desto weniger Frauen sind noch sichtbar. Auch in landwirtschaftlichen Gremien dominieren die Männer, in Diskussionsveranstaltungen oder Meetings sind ganz wenige Frauen“, sagt Hiltrud Nieberg, Leiterin des Thünen-Institutes.

Dr. Sophie Diers leitet seit 2020 den Fachbereich Schweinehaltung. In Göttingen hat sie Agrarwissenschaften studiert und im Bereich Reproduktion und Biotechnologie promoviert, bevor es sie von der Wissenschaft in die Praxis zog. Im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ansässig, verantwortet sie das Versuchswesen, die Beratung und Ausbildung im Schweinebereich. Gerade in angespannten Zeiten setzen sie und ihr Team sich für die Schweinehaltung ein. Foto: Janna Fritz 

Ändert sich was?

Jüngst hat der Deutsche Bauernverband (DBV) einen neuen Ausschuss „Unternehmerinnen in der Landwirtschaft“ gegründet, und auf dem deutschen Bauerntag in Lübeck soll eine Satzungsänderung den Weg der Frauen ins Präsidium frei machen. In der „Agrarzeitung” vom 11. Mai heißt es: „Damit ist der erste Schritt getan, um dem selbst gesteckten Ziel, ‚jünger und weiblicher‘ zu werden, näherzukommen. Denn die Vorsitzende des Unternehmerinnen-Fachausschusses könnte laut Joachim Rukwieds (Präsident des DBV) Ankündigung zu Jahresbeginn mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Stellvertreterin werden. Doch etwas Bürokratie und demokratische Abstimmungsprozesse sind noch zu bewältigen. Denn die erforderliche Satzungsänderung für eine Stellvertreterin im höchsten Amt werde der nächsten Mitgliederversammlung im Rahmen des deutschen Bauerntags in Lübeck zur Abstimmung vorgelegt.“

Dr. Elke Horndasch-Petersen arbeitet seit 1989 bei der Kammer. Zunächst war die Tierärztin mit Faible für Schweine beim Schweinegesundheitsdienst tätig. Später wechselte sie in die Qualitätssicherungsprogramme Fleisch bei der LC. 2006 übernahm sie schließlich die Leitung des heutigen Fachbereichs Fischerei, zuständig für die Berufsausbildung im Fischereibereich (Küstenfischerei, Kleine Hochseefischerei) sowie Fortbildungen. Sie tauscht regelmäßig Büroschuhe gegen Gummistiefel, wenn sie Gesundheitskontrollen in den fischhaltenden Betrieben durchführt. Neben den oben genannten Tätigkeiten ist sie auch Geschäftsführerin des Landesfischereiverbandes und der Wildhalter.

Daniela Rixen, Leiterin der Pressestelle der Landwirtschaftskammer, sprach für das Bäuerinnenblatt mit der Präsidentin der Landwirtschaftskammer, Ute Volquardsen, über Frauen in Führung im Agrarbereich.

Auf jeden Fall! Die Mitwirkung in der ZKL war sehr arbeitsintensiv, und ich habe wahnsinnig viel in dieser Zeit gelernt. Es ist uns gelungen, mit den vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Institutionen ein gemeinsames Grundlagenpapier für die weitere Umsetzung zu erarbeiten. Das ist eine echte Leistung, und das dort entstandene Netzwerk ist wirklich wertvoll.

Eine erste Vizepräsidentin bei einem Verband wie dem Bauernverband dürfte sicher noch stärkere Beachtung finden, als ich sie erleben durfte, und noch andere Türen aufstoßen.

Zum einen war das mediale Interesse riesengroß. Ich habe so viele Glückwünsche aus allen Richtungen bekommen, was mich damals wirklich überwältigte. Durch diese große Aufmerksamkeit konnte ich mein gutes Netzwerk weiter ausbauen. Meine Arbeit in dem Amt als Präsidentin der Landwirtschaftskammer hat dies gestärkt und indirekt damit auch die Beachtung der weiblichen Sichtweise.

Inga Lafrenz leitet seit dem 1. Juli 2014 den Fachbereich Personal. Sie ist mit ihrem Team für sämtliche Personalangelegenheiten zuständig und Ansprechpartnerin für die Mitarbeitenden und Führungskräfte. Darüber hinaus ist sie für den Personalhaushalt und den Stellenplan verantwortlich. Foto: privat

Frauen führen anders, zumindest setzen sie sehr auf den Dia­log. Ich bin stolz auf das, was wir mit dem Vorstand, mit Repräsentantinnen, Repräsentanten und Deputierten sowie der Geschäftsführung und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeinsam bisher erreicht haben. Gemischte Teams arbeiten meiner Meinung nach erfolgreich, da sie sehr unterschiedliche Sichtweisen einbeziehen. Dabei stelle ich fest, dass es Lernprozesse gibt und die gemischte Arbeitsweise in den Gremien auch gelebt werden muss.

Die Geschäftsführung und ich ergänzen uns sehr gut. Aus der Historie heraus gibt es bei der Landwirtschaftskammer aktuell keine Abteilungsleiterinnen, aber auch hier wäre die Zeit reif dafür. Besonders wichtig ist mir zu betonen, dass es ja immer um die Qualifikation gehen muss und es natürlich hoch qualifizierte Frauen gibt. Ich wollte auch nicht um des Frauseins willen in das Amt der Kammerpräsidentin gewählt werden, sondern aufgrund meiner Fähigkeiten und Eigenschaften.

Dass das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, weiß Katja Wagner bereits seit Kindestagen. Bevor sie laufen konnte, lernte sie schon reiten. Daher wundert es nicht, dass die Leiterin des Fachbereichs Pferdehaltung seit über vier Jahren die Pferdehaltenden in Schleswig-Holstein zu Themen wie Produktionstechnik, Fütterung, Baurecht, Stallkonzepten und vielem mehr berät und unterstützt. Darüber hinaus führt sie ein umfangreiches Seminarprogramm für Reitende, Fahrende, Betriebsleitende und Pferdeinteressierte durch. So begleitet sie über das Jahr hinweg viele Pferde und Menschen in ihrer Ausbildung, wobei ihr ganz besonders der Fahrsport ans Herz gewachsen ist. Das war kürzlich sogar dem Fernsehen eine Reportage wert.

Auch bei der Landwirtschaftskammer gibt es Frauen in Führungspositionen. Ich denke da an verschiedene Fachbereiche, zum Beispiel an Martina Johannes, die so wichtige Bereiche der Ausbildung und Beratung seit vielen Jahren leitet. Dr. Sophie Diers leitet den Fachbereich Schweinehaltung, Katja Wagner den Bereich Pferdehaltung und Dr. Elke Horndasch-Petersen den Bereich Fischerei. Der Bereich des Gütezeichens Schleswig-Holstein ist in weiblicher Hand bei Sandra van Hoorn. Den Fachbereich Personal hat Inga Lafrenz und den Bereich Finanzen Heike Semrau inne. Heike Semrau (nicht auf dem Bild) sorgt für die Erstellung des Jahresabschlusses und die reibungslose laufende Buchführung. Auch den drei Stabsstellen stehen Frauen vor. Die interne Revision leitet Simone Weimann, das Innovationsbüro EIP-Agrar Carola Ketelhodt und die Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit führt Daniela Rixen. Mir ist es wichtig, diese Frauen hier vorzustellen.

Sandra van Hoorn leitet den Fachbereich Gütezeichen. Sie verantwortet seit 2005 die Maßnahmen in der Qualitätsarbeit und dem Gemeinschaftsmarketing rund um „Geprüfte Qualität Schleswig-Holstein”. Auch die Bündelung von bundesweiten Qualitätssicherungssystemen wie QS und ITW werden koordiniert. Mit „Gutes vom Hof.SH“ und „Wir fischen.SH“ sowie Erzeugerinnenzusammenschlüssen wie der KäseStraße Schleswig-Holstein hat sich der Fachbereich die Öffentlichkeitsarbeit für regionale Produkte zur Herzensangelegenheit gemacht.Fotos (4): Pepe Lange

Den Ausschuss Frauen im Agrarbereich leitete ich vor meiner Amtszeit als Präsidentin und er liegt mir immer noch sehr am Herzen. Er kümmert sich um die alternativen Einkommensquellen auf unseren Höfen, die vielfach von Frauen geführt werden wie zum Beispiel Bauernhofgastronomie, Urlaub auf dem Bauernhof, Bauernhofpädagogik, Schulklassen auf dem Bauernhof und neu auch den Bereich Green Care. Hier geht es um Betreuungsangebote für Menschen mit Behinderung oder Pflegegrad auf Bauernhöfen.
Diese unterschiedlichen Bereiche ergänzen die Einkommen auf den Höfen und sind häufig wichtige Einkommensalternativen.

Im Agrarbereich spielen Frauen auf den Höfen sehr oft eine Schlüsselrolle, auch wenn es häufig nicht nach außen dringt. Diesen Frauen möchte ich mit auf den Weg geben, bei allem, was sie tun, keine Angst zu haben. Etwas Respekt vor neuen Aufgaben schadet sicher nicht.

Daniela Rixen leitet seit 2010 die Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und ist damit für die Außendarstellung der Landwirtschaftskammer zuständig. Sie verantwortet den Fachteil des Bäuerinnenblattes bei der Kammer, ist Ansprechpartnerin für Journalistinnen und Journalisten und begleitet den strategischen Ausbau der Onlinepräsenz, die Internetseite und die Sozialen Netzwerke. Foto: Ulrike Baer

Jede Frau kann sich so ihren eigenen Platz erarbeiten. Das bringt Anerkennung, Wertschätzung und Zufriedenheit, stärkt das Selbstbewusstsein und tut somit der ganzen Familie gut. Wünschenswert wäre es, wenn alle Betriebsabläufe und -zweige Hand in Hand gehen, die Entscheidungen gegenseitig unterstützt werden. Alle lernen ihr Leben lang und wachsen so an ihren Aufgaben.
Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass meine Rolle bei der Landwirtschaftskammer mit so vielen Kontakten zur Politik und dem öffentlichen Leben verbunden ist. Ich lerne in dieser Rolle stetig dazu und wachse daran.

Im Übrigen finde ich es toll, dass die Chefredakteurin des Bäuerinenblattes mit diesem Blatttitel der aktuellen Ausgabe ein Zeichen setzt. Es hebt die Bedeutung der Frauen in der Landwirtschaft hervor. Diese einmalige Bäuerinnenblattausgabe wird ganz sicher in vielen Haushalten gesammelt werden!

Weiterbildung empfinde ich als enorm wichtig, um flexibel zu bleiben, Veränderungen anzunehmen und offen zu sein. Außerdem fördert Weiterbildung betriebliche Verbindungen und die Entscheidungsfähigkeit. Mit der Erfahrung von heute würde ich rückblickend vielleicht noch mutiger und klarer sein.

Ich denke, dass ich gut zuhören und vermitteln kann. Das ist wichtig, um Kompromisse zu finden. Klar ist auch, dass man es nie allen recht machen kann – dieses muss einem bewusst sein. Ich habe mir klare Ziele gesetzt. Auf dem Weg dahin lohnt es sich, öfter mal die Perspektive zu wechseln, andere Meinungen einzubeziehen, und auch der Teamgeist ist wichtig.
Ich weiß, dass Landwirtschaft immer in Bewegung ist. Es lohnt sich, die Veränderungsprozesse für sich zu nutzen und sich das Positive herauszusuchen.

Diesen Aspekt möchte ich auch den LandFrauen zu ihrem Jubiläum mit auf den Weg geben. Sie können stolz sein auf das Erreichte. Die Vergangenheit und Gegenwart hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind – der bedeutendste Frauenverband –, und ich bin sicher, dass der Verband auch den Wandel in die Zukunft schafft. Die Rechte von Frauen im ländlichen Raum weiter zu stärken, Frauen weiterzubilden – gerne gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer – und auch Plattformen zu bieten, sich auszutauschen, bleibt für alle Generationen wichtig.
Alles Gute zum 75. Geburtstag: Geschick, Gespür, Glück und Gesundheit!

Ja, diese spannende Entwicklung beim Deutschen Bauernverband werde ich interessiert beobachten. Ich bin gespannt und würde mich freuen, wenn eine Frau in das Präsidium gewählt wird. Dem Deutschen Bauernverband wünsche ich eine kluge Entscheidung und gute Intuition.

Das Ehrenamt als Kammerpräsidentin setzt viel Engagement und Zeit für öffentliche Termine voraus.

Was geben Sie Frauen in der Land­wirtschaft mit auf den Weg?

Seien Sie wissbegierig und neugierig. Ich bestärke Sie darin, Ihre eigene Rolle auf dem Hof zu suchen, je nach Interesse Ihren eigenen Verantwortungsbereich zu finden. Richten Sie sich nach Ihren Begabungen, denn richtig gut können wir nur dann sein, wenn wir etwas tun, das uns wirklich liegt, uns Spaß macht und uns positiv fordert. Sonst ist es nur halbherzig, was für eine lange Selbstständigkeit meist nicht ausreicht.

Carola Ketelhodt ist Leiterin des Innovationsbüros EIP Agrar an der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Seit Juli 2014 verantwortet sie den Bereich Innovationsberatung. Zu ihren Aufgaben gehören insbesondere der Informationsaustausch, Wissenstransfer und aktive Öffentlichkeitsarbeit im EIP-Netzwerk in Europa. Fotos (3): Daniela Rixen
Simone Weimann leitet seit 2014 die Stabsstelle der internen Revision. Die interne Revision ist das kritische Gewissen der Landwirtschaftskammer: Ihre Aufgabe besteht darin, als unabhängige Prüfungsinstanz die gesamte Organisation auf unerwünschte Risiken zu durchleuchten und Prozesse effizient zu gestalten.

Marktkommentar, Marktlage und Markttendenz 2322

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Seit mehr als 100 Tagen wird in der Ukraine Krieg geführt. Eine Zeitspanne, die schnell und langsam zugleich vergangen ist und vieles verändert hat. Der einstige Plan eines russischen Blitzkrieges, um die Ukraine innerhalb von wenigen Tagen einzunehmen, ist gescheitert. Einen konkreten Plan B scheint es nicht zu geben. Der Konflikt ist in einen hässlichen Abnutzungskrieg übergegangen. Der Stratege Helmuth von Moltke (19. Jahrhundert) sagte, es gebe im Krieg nur einen Plan bis zum ersten Angriff, nicht aber darüber hinaus . Wie lange wird es jetzt dauern, bis dieser Krieg so etwas wie ein Ende findet? In der Ukraine hält man eine Befriedung noch in diesem Kalenderjahr für möglich, vielleicht möchte man damit auch den ukrainischen Widerstand füttern. Ebenso könnte sich eine Lösung noch Jahre hinauszögern. Das Risiko einer internationalen Eskalation ist genauso da wie zu Beginn des Krieges. In 100 Tagen ist auch die wirtschaftliche Stabilität der westlichen Welt immer weiter aus den Fugen geraten.

Schwierige Lage der globalen Wirtschaft

Die grundsätzliche Unkenntnis über das zeitliche Ausmaß des Krieges steuert die Aktien- und Terminmärkte. Der Rohölkurs ist wieder auf Rekordniveau gestiegen, es ist der zweithöchste Stand seit Beginn des Krieges und seit jeher. Auch deshalb ist von den Tankrabatten an deutschen Zapfsäulen kaum etwas zu merken. Für Getreide werden bis ins Jahr 2023 hinein Höchstpreise aufgerufen, welche zudem von einigen rückläufigen Ernteprognosen rund um den Globus gestützt werden. Die Inflation in Deutschland wie auch anderswo steigt unaufhörlich und schnell. In vielen Ländern werden die Zinsen bereits angehoben, zum Beispiel in den USA. Das lässt den Dollar steigen und zieht Investorinnen an. So ist in den letzten Wochen zu beobachten, dass systematisch Gelder aus Anleihen in Schwellenländern abgezogen werden und in Richtung sicherer Alternativen fließen. Dadurch verschlechtert sich die Kaufkraft solcher Länder weiter, die oftmals als Importierende am globalen Getreidemarkt agieren. Die Wahrscheinlichkeit von Hungernöten steigt, die des Staatsbankrotts gleich mit, zu sehen am Beispiel Sri Lanka. Als weiteres Hindernis für die Weltwirtschaft kommt hinzu, dass die internationale Logistik im Krisenzustand verweilt – nicht zuletzt wegen der erneuten Corona-Lockdowns in China, das sich als Nadelöhr der Handelslogistik erweist. Der immense Stau an Schiffen, Containern und Waren löst sich so nicht auf, Satellitenbilder im Netz zeigen das Ausmaß. Tatsächlich ziehen sich Investorinnen auch aus China systematisch zurück, das Land nimmt für seine Null-Covid-Politik schwere wirtschaftliche Einbußen hin. Für globale Warenströme, unter anderem im Agrarbereich, ergeben sich aus den Staus in chinesischen Häfen und den Spitzenkursen für Rohöl weiter erhöhte bis steigende Frachtkosten. Auch deshalb zeigen die Terminmärkte, dass in diesem Jahr wohl kaum Entspannung bei den Rohstoffpreisen zu erwarten ist.

Gefahr der Stagflation

Rohstoffe und der Energiebereich sind die Zugpferde der Inflation. Die Inflationsrate europäischer Länder übersteigt das derzeitige Wirtschaftswachstum bei Weitem, eine Stagflation im Euro-Raum ist die Gefahr. Der Begriff bezeichnet eine Spirale, in der ein verringertes Wirtschaftswachstum und eine steigende Geldentwertung zu vermehrter Arbeitslosigkeit und also verringerter wirtschaftlicher Erholungsfähigkeit führen (Stagnation und Inflation). Die Europäische Zentralbank scheint seit Monaten nicht wahrhaben zu wollen, dass der Geld­regen zur Hilfe für die Ukraine und zur kurzfristigen Verbesserung der europäischen Kon­sumfähigkeit nicht von alleine aus dem Finanzmarkt verschwindet. Die für Juli geplante Anhebung der Zinsen ist eher ein Tropfen auf den heißen Stein und wird die Geldentwertung nicht aufhalten. Die Probleme werden sich nicht mit Geld zukleistern lassen, die sich auf der Weltbühne zusammenbrauen.

Marktlage für die Woche vom 6. bis 12.6.2022

Getreide: Durch höhere Ernteschätzungen und die Diskussion über die Öffnung ukrainischer Häfen gaben die Weizenpreise in der Vorwoche nach.

Raps: Die Terminmarktkurse gaben zuletzt leicht nach, lagen jedoch noch über der Marke von 800 €/t. In Australien wird die Aussaatfläche deutlich erhöht.

Futtermittel: Die US-Sojakurse bewegen sich knapp unter dem jüngsten Preishoch. In China wurde viele Corona-Auflagen aufgehoben.

Kartoffeln: Das geringe Angebot aus dem Vorjahr steht einer ruhigen Nachfrage gegenüber. Die Kurse können sich weiter behaupten.

Schlachtrinder: Die Kurse sind weiter gesunken. Das Lebendangebot überstieg erneut den Bedarf der Schlachtereien.

Schlachtschweine/-sauen: Die Nachfrage bleibt weiter sehr ruhig. Die Kurse konnten sich jedoch behaupten.

Ferkel: Die Ferkelnachfrage bleibt ruhig, da die Futterkosten sehr hoch bleiben. Die Notierungen blieben unverändert.

Milch: Die Anlieferung liegt auf dem Saisonhoch. Die Erzeugerinnenpreise für Mai bleiben auf dem zuletzt erreichten Niveau.

Schlachtlämmer/-schafe: Der Handel mit frischen Lämmern entspricht nicht den Erwartungen der Schäferinnen.

Markttendenz für die Woche vom 13. bis 19.6.2022

Getreide: Da Schiffslieferungen aus der Ukraine vorerst wohl ausbleiben, und durch die Unwetter in Frankreich und Süddeutschland ziehen die Preise wieder an.

Raps: Die stabilen Sojakurse und der erhöhte Rohölpreis stützen die Rapsnotierungen.

Futtermittel: Obwohl Futtergetreide günstiger geworden und der Euro etwas gestiegen ist, bleibt Mischfutter weiter sehr teuer.

Kartoffeln: Das Angebot an Frühware nimmt zu. Noch ist die Ware losschalig. Erste festschalige Ware wird Ende Juni erwartet.

Schlachtrinder: Sollte das Angebot an Jungbullen zurückgehen, könnte sich der Markt stabilisieren.

Schlachtschweine/-sauen: Die Grillsaison enttäuscht. Bis zum Beginn der Ferien bleibt nur noch wenig Zeit für eine Nachfragebelebung.

Ferkel: Viele Mästerinnen und Mäster warten auf weiter rückläufige Ferkelkurse oder haben die Schweinemast eingestellt.

Milch: Im Produkthandel lassen sich für die späteren Termine nur die bisherigen Kurse erzielen. Die Verwertung bleibt hoch.

Schlachtlämmer/-schafe: Höherpreisige Lammspezialitäten sind weniger gefragt. Die Lämmerkurse geben nach.

Knappe Versorgungslage bei Getreide ist Fakt

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Der Versorgungsengpass bei Getreide könnte sich in der Saison 2022/23 noch verschärfen. Davor hat Ludwig Striewe, Geschäftsführer der der BAT Agrar, am 31. Mai beim Saatguthandelstag in Magdeburg gewarnt. Die aktuellen globalen Knappheiten hätte es auch ohne den Ukraine-Krieg gegeben, aber die Blockade der Schwarzmeerhäfen verschärfe die Situation. Staatliche Eingriffe in den Marktmechanismus sieht er äußerst kritisch, stattdessen müssten in der EU alle Register zur Steigerung der Agrarproduktion gezogen werden.

Für eine annähernd normale Getreideernte dürfe der Juni in Europa nicht zu heiß werden, und auch die Maisblüte in den USA dürfe nicht durch zu hohe Temperaturen im Juli in Mitleidenschaft gezogen werden. „Wir können uns keine Missernte erlauben“, sagte das Mitglied der BAT-Geschäftsführung vor den gut 200 Teilnehmern. Am 12. Mai habe das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) erstmals seit vielen Jahren in einer Erstschätzung für das neue Vermarktungsjahr einen Rückgang der weltweiten Getreideproduktion vorhersagt, und das in einem Umfeld, in dem die Nachfrage Jahr für Jahr um 1,8 % bis 2,2 % steige.

Schwache USDA-Zahlen

„Das ist die bullischste Schätzung, die das USDA je in einem Mai-Bericht abgegeben hat“, stellte Striewe fest. Die aktuellen globalen Knappheiten hätte es auch ohne den Ukraine-Krieg gegeben, aber bestehende Engpässe seien durch die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen noch verschärft worden, erläuterte der Agrarhändler. Die Ukraine werde 2022 kriegsbedingt wohl nur die Hälfte einer normalen Getreideernte einfahren und diese vermutlich auch nicht auf den Weltmarkt bringen können. Ein Bestandsaufbau in der Ukraine, wie vom US-Agrarressort prognostiziert, sei deshalb keine gute Nachricht, sondern eine schlechte.

Die angespannte Situation darf Striewe zufolge nicht ohne Folgen für die deutsche und europäische Agrar- und Handelspolitik bleiben. Keinesfalls dürften funktionierende Marktmechanismen aufgrund der explodierten Getreidenotierungen durch staatliche Eingriffe ausgehebelt werden. „Es gilt unverändert der alte Handelsspruch: Das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise“, so das Mitglied der BAT-Geschäftsführung. Auf der anderen Seite müssen laut Striewe die Industriestaaten die von Getreideeinfuhren abhängigen Importländer gezielt unterstützen. Die Afrikareise von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sei in diesem Zusammenhang ein erstes gutes Zeichen. Gleichzeitig sei die Ukraine mit Hochdruck bei der Transportlogistik über westliche Häfen zu unterstützen. Hier sei von der Politik außer Ankündigungen bisher wenig gekommen, beklagte der Fachmann.

Striewe mahnte, in der EU müssten alle Register zur Steigerung der Agrarproduktion gezogen werden, beispielsweise durch eine zeitweise Aussetzung der Flächenstilllegungspflicht. Für eine Entlastung auf der Verbrauchsseite der Getreidebilanz würde eine Einschränkung der Verfütterung durch die hohen Futtergetreidepreise sorgen, in Deutschland, ganz Europa, aber auch in China.

Mehr Flexibilität für Biosprit

Skeptisch zeigte sich der BAT-Geschäftsführer indes, was das hierzulande geplante Aus für Biokraftstoffe vom Acker angeht. Er plädiert stattdessen für eine Flexibilisierung der Einsatzraten in Abhängigkeit vom Agrarpreisniveau. „Ein flexibles Biokraftstoffmandat wäre eine gute Maßnahme, um Getreidemärkte perspektivisch sogar zu stabilisieren“, so Striewe. Man schaffe auf diese Weise nämlich eine Reservenachfrage bei niedrigen Getreidepreisen und umgekehrt ein zusätzliches Angebot bei hohen. age

Preise drücken auf das Kaufverhalten

Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland passen ihr Einkaufsverhalten an die steigenden Preise im Lebensmittelbereich an. Das zeigt der jetzt veröffentlichte „Konsummonitor Preise“ des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Kundinnen und Kunden achteten mehr auf Sonderangebote und verzichteten bei bestimmten Produktgruppen eher einmal auf den Kauf, berichtete HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth kürzlich in Berlin. Zudem bleibe weniger Budget für Bekleidungseinkäufe. „Die durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des russischen Kriegs in der Ukraine steigenden Lebenshaltungskosten haben schwerwiegende Folgen für das Verbraucherverhalten“, so Genth. Der HDE-Konsummonitor zeige, dass Preissteigerungen von mindestens 94 % der Konsumierenden wahrgenommen würden. Dabei liege die persönlich gefühlte Steigerung deutlich über der tatsächlichen. In der Folge achteten 80 % der Befragten beim Lebensmittelkauf stark auf den Preis. Über 90 % schauen laut Genth verstärkt auf Sonderangebote. Im HDE-Konsummonitor werde zudem deutlich, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher etwa bei Spezialitäten und Delikatessen sowie Spirituosen und Wein derzeit aus finanziellen Gründen eher zurückhaltend zugriffen. age

„Frauen gehören dorthin, wo entschieden wird“

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Dagmar Friedrichsen-Jahnke aus Bergfeld im Kreis Ostholstein packt an. Ehrenamtlich und beruflich engagiert sich die LandFrau aus dem OV Lensahn mit Herzblut für Dinge, die ihr wichtig sind – ob Bauernhofpädagogik, Kommunal- und Verbandspolitik oder die Sache der Frauen. Bei einem Kaffee erzählt sie, was sie antreibt.

Ein Freitagnachmittag im Mai. Gerade ist Dagmar Friedrichsen-Jahnke vom Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp zurückgekommen. Hier arbeitet die 49-Jährige auf Honorarbasis als Bauernhofpädagogin. In der zurückliegenden Woche betreute sie eine agrarpädagogische Klassenfahrt. 25 Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse erlebten fünf Tage Landwirtschaft pur, lernten etwas über Bodenbearbeitung, erkundeten den Kälber- und Kuhstall und entdeckten Interessantes rund ums Getreide. „Die Kinder waren toll und mit Feuereifer dabei“, freut sich Friedrichsen-Jahnke.

Mit Ehemann Jens, dem Nachwuchs Christian (19), Clas (22) und Carolin (24) sowie Schwiegervater Fritz lebt sie auf einem Ackerbau- und Milchviehbetrieb, der seit drei Generationen in Familienhand ist. Auf dem Hof macht sie die Buchhaltung und übernimmt die Vermietung einer Ferienwohnung. „Auch sind wir am von der Landwirtschaftskammer koordinierten Projekt Schulklassen auf dem Bauernhof beteiligt, das ich in Futterkamp umsetze. Kinder und Jugendliche erfahren dort mit allen Sinnen, woher die Milch kommt“, erzählt die LandFrau begeistert.

Wenn man die LandFrau so fröhlich und in sich ruhend auf dem Hof werkeln sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass sie früher als Bankfachwirtin mit trockenen Zahlen jonglierte. „Nach der Geburt meiner Kinder war ich in diesem Bereich noch eine Zeit lang tätig, musste aber feststellen, dass es im Bankgeschäft nicht möglich war, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen“, schaut sie zurück. Also traf sie die Entscheidung für eine berufliche Neuorientierung. Da kam das Fortbildungsangebot des LandFrauenverbandes zur Büroagrarfachfrau gerade recht. Später absolvierte sie eine Fortbildung zur Bauernhofpädagogin. Weitere Fortbildungen folgten. „Ich hatte großes Glück, dass Jens und meine Familie mich nach Kräften unterstützten. Eltern und Schwiegereltern hüteten ein, wenn ich unterwegs war. Mit meiner Schwiegermutter wechselte ich mich beim Kochen ab, das entlastete.“ Zusätzlich baute sie in ihrem 60-Seelendorf, das ein Ortsteil von Kasseedorf ist, ein Frauennetzwerk auf. „Zum Beispiel brachte eine Nachbarsmutter unsere Kinder morgens in den Kindergarten, ich holte sie mittags wieder ab. Die Fahrgemeinschaft war eine super Zeit­ersparnis.“

Dagmar Friedrichsen-Jahnke_Fotos Silke Bromm-Krieger
Dagmar Friedrichsen-Jahnke_Fotos Silke Bromm-Krieger

Anfang im Kindergarten

Im Kindergarten fiel auch der Startschuss für ihr ehrenamtliches Engagement. Sie wurde als Vorstandsmitglied in dessen Trägerverein gewählt, später in den Schulverein. Irgendwann sprach sie ein Bekannter an, ob sie auf dem Ticket der CDU für die Gemeindevertretung Kasseedorf kandidieren wolle. Mit dem Ansatz, sich sachlich mit den Aufgaben und Standpunkten auseinanderzusetzen, um konstruktive Lösungen zu finden, ergriff sie die Chance. „Heute bin ich Mitglied in der Gemeindevertretung und im Schulverband, ohne in der Partei zu sein“, stellt sie heraus. Auch wenn der Handlungsspielraum für Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker begrenzt sei, finde sie es wichtig, mitzureden und mitzugestalten. „Frauen gehören dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden. Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sich für das Gemeinwesen einzusetzen, ist spannend und bereichernd, auch für die eigene Persönlichkeit.“ Negative Erfahrungen, nur weil sie eine Frau sei, habe sie bisher nicht gemacht. Deshalb möchte sie andere Frauen ausdrücklich ermutigen, in der Gemeinde aktiv zu werden. „Wir brauchen dort unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen. Wir brauchen die Expertise von Frauen und Männern, um verschiedene Lebenswirklichkeiten abzubilden“, ist sie überzeugt.

Gremien weiblicher machen

Ebenso bringt sie sich im Fachausschuss „Öffentlichkeitsarbeit“ des schleswig-holsteinischen Bauernverbands ein. „Ein offener und respektvoller Dialog zwischen der Landwirtschaft und den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt mir am Herzen“, betont sie. Leider seien Frauen in den bestehenden zwölf Fachausschüssen in der Minderheit. Von insgesamt rund 150 Ausschussmitgliedern seien nur drei weiblich, lediglich ein Fachausschuss habe eine Frau zur Vorsitzenden. Eine weitere Unternehmerin gehöre dem Landeshauptausschuss an. „Da ist noch Luft nach oben“, resümiert Friedrichsen-Jahnke. Frauen brächten sich auf den Höfen mit großem Sachverstand ein, da sollte es selbstverständlich sein, dass sich das in der Besetzung von Gremien widerspiegle.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Bauerninnenblatt.