Vergilbte Blätter, Wuchsdepressionen, Pflanzenverluste – die Symptome und Auswirkungen durch tierische Vektoren übertragener Getreideviren sind vielfältig. Bestenfalls ist der Befall auf wenige Einzelpflanzen beschränkt und hat keine ertraglichen Konsequenzen. Schlimmstenfalls kann ein Umbruch stark betroffener Flächen folgen. In den vergangenen Jahren waren größere wirtschaftliche Schäden eher die Ausnahme und glücklicherweise nur auf wenige Jahre beziehungsweise Einzelflächen beschränkt.
Zu den ökonomisch wichtigsten Getreideviren gehören das Gelbverzwergungsvirus der Gerste (Barley yellow dwarf virus – BYDV) und das Weizenverzwergungsvirus (Wheat dwarf virus – WDV). Zur Ausbreitung und Übertragung sind diese Viren auf tierische Vektoren angewiesen. Bei der Übertragung von Gelbverzwergungsviren nehmen die Getreideblattläuse (zum Beispiel Große Getreideblattlaus) eine herausragende Stellung ein. Überträger des Weizenverzwergungsvirus ist die Zwergzikadenart Psammatettix alienus. Das jährliche Auftreten und die Virusbeladung der Vektoren sind nur schwer vorhersehbar, sie werden von wechselnden Umweltverhältnissen und vielen weiteren Faktoren beeinflusst. Eine Übersicht der Risikofaktoren ist in der Abbildung dargestellt.
Bewertung diesjähriger Risikofaktoren
In diesem Jahr sind die Getreideblattläuse im Sommer- und Wintergetreide etwas auffälliger in Erscheinung getreten. Mit dem abreifenden Getreide zog es geflügelte Exemplare auf andere Wirte. Die Blattlausvermehrung auf den Zwischenwirten, welche vorrangig durch das Auftreten natürlicher Gegenspieler (zum Beispiel Marienkäfer, Schlupfwespen) und die Witterung beeinflusst wird, hat auch einen wesentlichen Einfluss auf die Intensität des Zuflugs in die auflaufenden Wintergetreide im Herbst. Die diesjährige nasskühle Witterungsphase ab der zweiten Julihälfte war zweifelsohne ungünstig für die Blattlausvermehrung. Die hochsommerlichen Temperaturen in der ersten Septemberhälfte können die Blattlausvermehrung wiederum ankurbeln und einen intensiveren Blattlauszuflug in den Herbstmonaten ermöglichen.
Grüne Brücke dient Getreideblattläusen
Vorwiegend Ausfallgetreide, aber auch Zwischenfrüchte (vor allem Rauhafer), Mais und andere Gräser (auch Wildgräser) dienen Getreideblattläusen als wichtige grüne Brücke in den Sommermonaten. Getreidebestände in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Sommerwirten haben daher auch ein deutlich höheres Gefährdungspotenzial. Durch die diesjährigen widrigen Witterungsbedingungen zur Erntezeit haben es verhältnismäßig viele Körner nicht in den Korntank geschafft und sind auf dem Feld verblieben.
Die anhaltende Nässe hat eine zügige Keimung und Entwicklung des Ausfallgetreides ermöglicht mit der Folge, dass in diesem Jahr auffällig viel üppig entwickeltes Ausfallgetreide auf den Flächen steht. Durch neue politische Rahmenbedingungen (zum Beispiel Glöz 6 – „Anforderungen an die Mindestbodenbedeckung“ beziehungsweise deren Abweichungen auf schweren Böden und Glöz 8 – „Mindestanteil von nichtproduktiven Flächen und Landschaftselementen an Ackerland“) verbleibt das Ausfallgetreide auch oftmals länger auf dem Acker und bietet den Blattläusen eine ideale grüne Brücke.
Herbstwitterung entscheidend
Eine lang anhaltende warme Herbstwitterung beziehungsweise spätsommerliche Tage mit möglichst viel Zeit bei Temperaturen von über 12 bis 15 °C sind sehr förderlich für die Blattlausvermehrung. Die Nachkommenschaft verbreitet das Virus auf unmittelbar benachbarten Getreidepflanzen (Sekundärinfektionen), und es kommt zu den typischen Virusnestern als Schadsymptom.
Jedes Virusnest ist auf eine im Herbst eingeflogene infizierte Blattlaus zurückzuführen. Je wärmer und länger die Herbstwitterung, desto intensiver ist auch die Vermehrung und damit die Größe der Virusnester. Frühsaaten im September haben daher ein deutlich höheres Gefährdungspotenzial. Je früher der Bestand aufgelaufen ist, desto wahrscheinlicher sind auch eine frühe Besiedlung durch Blattläuse und die Gefahr einer stärkeren Blattlausvermehrung. Des Weiteren kommt es an Waldrändern, Baumreihen, Knicks und in windgeschützten Bereichen häufig zu einer stärkeren Blattlausvermehrung und damit einhergehenden größeren Befallsnestern.
Resistente Sorten in Landessortenversuchen
In den Landessortenversuchen der Wintergerste stehen auch Sorten mit einer Resistenz gegenüber dem Gelbverzwergungsvirus, welche auf die Einkreuzung des Resistenzgens yd2 zurückzuführen ist. Im mehrjährigen Vergleich erzielten die geprüften Sorten ,Sensation‘, ,KWS Exquis‘, ,SU Virtuosa‘ und ,Integral‘ allesamt leicht unterdurchschnittliche Erträge. In deutschlandweiten Versuchen mit stärkerem Befall durch Gelbverzwergungsviren stechen die Sorten wiederum positiv hervor und sind daher in Problemregionen mit regelmäßigem Auftreten von Viruskalamitäten eine ernst zu nehmende Anbauoption.
Bestandeskontrollen wichtig
Wichtig ist, die Bestände nach dem Auflaufen, spätestens ab dem Zweiblattstadium, regelmäßig an mehreren Stellen zu kontrollieren. Besonders effektiv ist eine Bestandskontrolle an einem sonnigen Tag. Blattläuse sind dann besonders gut auf den Blättern zu erkennen. Sie schimmern durch die Blattfläche hindurch. Zur Ermittlung des Blattlausbesatzes sind an fünf zufällig ausgewählten Stellen im Schlag jeweils zehn Getreidepflanzen auf das Vorhandensein von Blattläusen zu überprüfen.
Es empfiehlt sich, alle Flächen (auch die später aufgelaufenen Saaten) in regelmäßigen Abständen bis zum Vegetationsende zu kontrollieren. Eine Behandlung mit einem zugelassenen Insektizid sollte daher nur erfolgen, wenn ohne große Mühe Blattläuse zu finden sind (Bekämpfungsschwelle Frühsaaten: 10 % mit Blattläusen befallene Pflanzen; Normalsaaten: 20 % befallene Pflanzen), um eine mögliche sekundäre Ausbreitung der Getreideviren im Bestand zu verhindern.
Der Einsatz von Insektiziden
Kommt es bei günstiger Herbstwitterung zu einer Überschreitung der Bekämpfungsschwelle, so stehen für die Vektorenbekämpfung im Herbst weiterhin Insektizide aus der Wirkstoffgruppe der Pyrethroide zur Verfügung. Die Dauerwirkung der Pyrethroide ist, abhängig von der Witterung, auf sechs bis zehn Tage begrenzt. Bei günstigen Zuflugbedingungen für Blattläuse sollte die Behandlung daher keinesfalls zu früh erfolgen.
Des Weiteren steht in der Wintergerste das Präparat Teppeki (Wirkstoff: Flonicamid) zur Verfügung. Die Wirkungsdauer von Teppeki ist länger als die der Pyrethroide. So können auch bei länger anhaltendem Flug der Blattläuse ausreichende Wirkungsgrade erreicht werden. Zur Behandlung sollten die Pflanzen möglichst zwei bis drei Blätter haben.
Bei der Insektizidauswahl sollte auf die entsprechende Indikationszulassung („Blattläuse als Virusvektoren im Herbst“), die Anwendungshäufigkeit und die unterschiedlichen Bienenschutzauflagen geachtet werden. Eine Übersicht der im Herbst im Wintergetreide zugelassenen Insektizide, einschließlich der Auflagen und sonstigen Anwendungsbestimmungen, ist auf der Homepage der Landwirtschaftskammer (www.lksh.de – Ackerbaukulturen – jeweilige Getreidekultur) verfügbar.
Fazit
Eine Prognose der jährlichen Gefährdung der Getreidekulturen durch Virusinfektionen ist nur schwer möglich. Durch einige Besonderheiten im bisherigen Jahresverlauf könnte ein etwas größeres Risiko im Vergleich zu den Vorjahren bestehen. Keinesfalls sollte ein voreiliger prophylaktischer Insektizideinsatz aus Sorge vor möglichen Herbstinfektionen erfolgen. Durch Berücksichtigung vorbeugender Maßnahmen (Beseitigung wichtiger Virusquellen, Anbau toleranter Sorten und Vermeidung zu früher Saattermine) sowie die Durchführung regelmäßiger Bestandeskontrollen können Risiken für wirtschaftliche Schädigungen durch Getreideviren größtenteils ausgeschlossen werden.



