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Auf die Kulturen kommt es an

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Die Dürresommer der vergangenen Jahre haben bundesweit erhebliche Schäden in den Wäldern verursacht. Neueste Satellitenbildauswertungen der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtforschung (DLR) haben ergeben, dass durch Sturmwürfe, Dürre und Borkenkäferkalamitäten seit 2018 bundesweit etwa 500.000 ha Kahlfläche entstanden sind.

Bei einem durchschnittlichen Bedarf von 5.000 Pflanzen je Hekt­ar zur Aufforstung ergäbe das eine Summe von 2,5 Milliarden Pflanzen. Manche Flächen bewalden sich durch natürliche Sukzession, andere wiederum werden durch Saat oder durch nur auf Teilflächen stattfindende Initialpflanzungen wiederbewaldet, sodass der tatsächliche Bedarf sicher niedriger ausfallen wird. Tatsache ist jedoch, dass die Wiederbewaldung noch viele Jahre in Anspruch nehmen und erhebliche finanzielle Mittel verschlingen wird.

Viele Waldbesitzende und deren forstliche Beraterinnen und Berater stehen vor der Frage, wie ihr Wald der Zukunft aussehen soll oder darf. Dazu fordert das Landeswaldgesetz, dass bei der Baum­artenwahl ein „hinreichender Anteil standortheimischer Baumarten“ vertreten sein soll. Baumarten sind dann standortheimisch, wenn sie zum einen am Ort der Pflanzung standortgerecht sind, das heißt mit den gegebenen Bodenbedingungen stabil aufwachsen können. Ein Beispiel für nicht standortgerechte Baumartenwahl wäre die Pflanzung der flach wurzelnden Fichte auf einem Niedermoorstandort mit hoch anstehendem Bodenwasserspiegel.

Zum anderen werden heimische Baumarten gefordert. Hierunter sind Baumarten zu verstehen, die natürlicherweise hier wachsen würden beziehungsweise in der Vergangenheit hier natürlicherweise vorkamen. Der Anteil dieser Baumarten muss „hinreichend“ sein. Je nach Naturraum der geplanten Kultur bedeutet dieses einen Anteil zwischen 30 und 50 %.

Welche Bäume trotzen Klimawandel?

Eine weitere wichtige Fragestellung im Zusammenhang mit der Baumartenwahl betrifft den Klimawandel und die Frage, welche Baumarten zukünftig hier bei uns noch ertragreich wachsen werden.

Hierzu wird derzeit ein Forschungsprojekt der Nordwestdeutschen forstlichen Versuchsanstalt (NWFVA) erstellt, das noch in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Auf Grundlage der hiesigen Klimadaten und der Ergebnisse der landesweit vorliegenden forstlichen Bodenkartierungen werden die durch den Weltklimarat erstellten Wetterprognosen (in Form von modellierten Klimaläufen vorliegend) auf Schleswig-Holstein heruntergebrochen und kartografisch dargestellt. Es wird berechnet, wie viel pflanzenverfügbares Wasser zukünftig noch zur Verfügung steht, und darauf aufbauend werden Baumartenvorschläge unterbreitet.

Die zweite zentrale Bedingung für das langfristige und nachhaltige Gelingen einer Kulturmaßnahme betrifft die Pflanzung. Hierzu wurde im März 2022 eine Fortbildung der NWFVA bei der Landwirtschaftskammer in Bad Segeberg veranstaltet. Eine zentrale Fragestellung betraf die Erfahrungen mit neuerdings vermehrt angebotenen Containerpflanzen. Entsprechende Untersuchungsergebnisse ergaben, dass die Containerpflanzen gegenüber einer sorgfältig gepflanzten wurzelnackten Pflanze keine Wuchsvorteile aufweisen.

Vor allem die Douglasie wird mittlerweile als Containerpflanze angeboten. Aufgrund der sehr hohen Sensibilität dieser Baumart in Bezug auf Wurzeldeformationen bei unsauberer Pflanzung hat die Containerpflanze Vorteile in Bezug auf die Wurzelentwicklung. Da andere Baumarten als Container derzeit nur bedingt zur Verfügung stehen, konzentriert sich dieses Verfahren auf die Baumart Douglasie. Hier zeigen sich gute und kostengünstige Erfahrungen. Bei einem konkreten Bedarf an Douglasienpflanzen sollte daher die Möglichkeit der Con­tainerpflanzung geprüft werden.

So gelingt die Kultur sicher

Douglasienminicontainer zur Pflanzung unter Schirm ohne hohe Begleitvegetation Foto: Hans Jacobs

Grundsätzlich sind für das Gelingen einer Kultur folgende Aspekte von zentraler Bedeutung:

Das Pflanzenmaterial braucht ein ausgewogenes Verhältnis aus Höhe und Wurzelhalsdurchmesser, die Pflanzen sollten nicht zu schnell gewachsen sein, weil sie dann zu instabil werden.

Grundanforderung an das Pflanzgut, das bei der Anlieferung kontrolliert werden muss, sind unbeschädigte, frische Pflanzen mit geradem, kräftigem Trieb ohne Zwiesel.

Entsprechend der Pflanzengröße sollten die Pflanzen ausreichend Wurzelmasse mit möglichst vielen Feinwurzeln aufweisen. Die Wurzeln müssen permanent feucht gehalten werden – über den Transport, den Einschlag der Pflanzen an der Fläche bis zur Pflanzung an sich. Trocknis an den Wurzeln reduziert die Überlebenswahrscheinlichkeit der Pflanze erheblich.

Früher wurden Wurzeln vor der Pflanzung gerne zurückgeschnitten, um diese zu erleichtern. Mittlerweile ist bekannt, dass jegliche Beschädigung der Wurzeln den Anwuchserfolg und die Stabilität der jungen Bäume negativ beeinflusst. Das Entfernen einzelner überlanger Wurzeln sollte die absolute Ausnahme darstellen und auf die Fälle beschränkt werden, wo es nicht gelingt, die Wurzeln ungestaucht im Pflanzloch zu platzieren.

Das Pflanzverfahren orientiert sich an der Pflanzengröße. Bei kleinen Sortimenten können einige Pflanzverfahren mit Hauen oder Spezialspaten genutzt werden, die aber technisch anspruchsvoll sind und gelernt werden müssen. Bei deutlich größeren Pflanzen kommt der Minibagger infrage.

Besonders wichtig ist es, die Wurzeln möglichst ungestaucht und locker im Pflanzloch zu positionieren. Das Pflanzloch muss mit rein mineralischer Erde wieder verfüllt werden, Laub, Zweige oder Ähnliches sollten nicht dazwischen sein. Das Pflanzloch muss nach dem Verfüllen mit einem festen Antreten verschlossen werden.

Die Pflanze muss so weit im Erdreich verschwinden, dass sämtliche Wurzeln übererdet sind, aber auch der Wurzelhals oberhalb der Erdoberfläche verbleiben kann, ansonsten kann es zu Fäulnis am Stämmchen kommen.

Wuchshülle oder Wildzaun

Ein weiterer Erfolgsgarant einer Pflanzkultur liegt in dem Ausschluss potenzieller Wildschäden. In Schleswig-Holstein ist es noch immer in den allermeisten Gegenden erforderlich, einen Wildschutzzaun zu errichten. Alternativ werden vor allem in Süddeutschland Wuchshüllen verwendet, um auf den Zaunbau verzichten zu können. Hierzu gibt es auch Untersuchungen der NWFVA. Im Ergebnis zeigt sich, dass Wuchshüllen eine Lösung für sehr kleinflächige Pflanzungen bilden können. Bei mehr als 650 Pflanzen sind die Kosten der Wuchshüllen (zirka 4,50 € bis 5 € je Stück) so hoch, dass der Zaunbau deutlich günstiger wird.

Hinzu kommt die Tatsache, dass je nach Hüllenfabrikat und Baum­art zu wenig Licht einfällt. Die Pflanzen versuchen, möglichst schnell den Hüllen zu entwachsen, was dazu führt, dass sie sehr schnell sehr hoch wachsen, ohne die entsprechende Stammstabilität zu entwickeln. Auch das Wurzelwachstum bleibt hinter dem Triebwachstum zurück, was eine zusätzliche Destabilisierung zur Folge hat. Die Wuchshüllen bewirken ein besonders schlechtes Verhältnis aus Sprosslänge und Wurzelhalsdurchmesser.

Zusätzlich muss darauf hingewiesen werden, dass neuerdings die Verwendung von Wuchshüllen aus Plastik in Schleswig-Holstein nicht mehr gestattet ist.

Die Verwendung qualitativ hochwertiger Pflanzen mit sorgfältiger Pflanzung und ausreichendem Schutz lässt zukunftsfähige Kulturen entstehen. Dennoch sind witterungsbedingt Ausfälle möglich, die durch Nachpflanzungen ersetzt werden sollten, wenn die Gefahr besteht, dass der Dickungsschluss der aufwachsenden Kultur aufgrund der Lücken deutlich später erfolgen wird. Manchmal findet sich Naturverjüngung (Birke, Nadelholz, Buche) ein, die die Lücken schließt und daher eine Nachpflanzung entbehrlich macht.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Behandlung der Kulturen nach acht bis zwölf Jahren, wenn der Dickungsschluss eingetreten ist. Der Zaun hat seine Funktion erfüllt und muss abgebaut werden, weil er rechtlich betrachtet nicht mehr erlaubt ist. Damit hat das vorkommende Schalenwild, wenn der Zaun bis zuletzt seine Schutzfunktion erfüllt hat, nun wieder Zutritt zur Fläche. In vielen Gegenden des Landes sind noch immer recht hohe Bestandsdichten an Dam- und teilweise auch Rotwild festzustellen. Damit besteht die akute Gefahr, dass die Jungbestände durch Schälschäden beeinträchtigt oder sogar ruiniert werden. Zwar lassen sich solche Schäden gegenüber den Jagdpächtern und Jagdpächterinnen geltend machen, aber damit lässt sich der finanzielle Schaden eines Bestandes nur teilweise ausgleichen.

Daher sollte in diesen Gefahrenbereichen ein vorbeugender Schälschutz angebracht werden. Hierfür stehen unterschiedliche Mittel und Verfahren zur Verfügung. Da es den Kostenrahmen sprengen würde, jeden Baum zu schützen, sollte zunächst eine Plusbaumauslese erfolgen, gefolgt von einer ersten Läuterungsmaßnahme, um den Kronenraum dieser Plusbäume etwas zu erweitern. Je nach Baumart sollte diese Maßnahme mehr oder weniger vorsichtig erfolgen. Die Plusbäume sollten dann geschützt werden. Eine Kostenbeteiligung der Jagdpächterinnen und Jagdpächter an einer solchen Maßnahme lässt sich zwar nicht erzwingen, da es sich aber um schadensminimierende Maßnahmen handelt, sollte es in deren Interesse sein, solche Maßnahmen umzusetzen.

Vorbereitung der Fläche

Ein abschließendes Wort zum Thema „Kulturvorbereitung“. Die Pflanzung ist umso einfacher und letztendlich auch kostengünstiger, je sauberer die Fläche ist. Daher werden viele Flächen vorbereitend ganzflächig gemulcht. Diese Maßnahme ist sehr teuer und bedeutet ein flächiges Befahren der gesamten Kulturfläche. Sie hat allerdings den Vorteil, dass die Begleitvegetation in den ersten Jahren nicht ganz so vehement aufwächst und daher die Aufwendungen für die Kulturpflege geringer ausfallen.

Andererseits bildet der Waldboden das Produktionskapital, auf dem der neue Wald wachsen soll. Seine Strukturen werden über Jahrzehnte hinweg geschaffen und sind entsprechend empfindlich gegenüber einer Befahrung. Befahrungsbedingte Bodenverdichtungen sind noch nach Jahrzehnten sichtbar und beeinträchtigen das Wurzelwachstum. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Waldboden von einer Vielzahl von Lebewesen bevölkert wird, deren ökologische Bedeutung nicht zu unterschätzen ist. Das Mulchen zerstört die bestehenden Habitatstrukturen einschließlich der sie bewohnenden Organismen.

Ein übermäßiger Anfall von Hiebsresten und Kronenmaterial (zum Beispiel nach Sturmwurf) kann das Mulchen erforderlich machen. Ob streifenweise oder wirklich ganzflächig, ist abhängig von den Verhältnissen vor Ort. In vielen Fällen lassen sich aber genauso gut über streifenweise Pflanzlochvorbereitung günstige Pflanzverhältnisse schaffen, die kostengünstiger und ökologisch weniger negativ sind.

Frauen in der Landwirtschaft werden immer sichtbarer

Die LandFrauen feiern aktuell ihr 75-jähriges Bestehen. Seitdem haben sich die Landwirtschaft, die Technik und auch das Frauenbild in der Landwirtschaft enorm verändert. Doch es gibt noch immer einiges bezüglich der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu tun, wenn man zum Beispiel an die Einkommensungleichheit von Frauen und Männern denkt oder an die fehlende Chancengleichheit von Frauen und Männern auf der Welt, aber auch hier in Deutschland.

… Eierproduktion und Direktvermarktung sowie
… Windenergie. Ute Volquardsen mit einem Teil des Familienbetriebes (Sohn Momme, Enkel Theo und Schwiegertochter Kathrin, v. li.)

Auf der Internetseite des Thünen-Institutes in Braunschweig heißt es etwa: „Landwirtschaft scheint nach wie vor Männersache zu sein. 36 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft sind laut Landwirtschaftszählung weiblich. Aber nur jeder neunte Betrieb wird von einer Frau geführt. Der tatsächlichen Rolle von Frauen in der Landwirtschaft werden die Zahlen der Agrarstatistik jedoch nicht gerecht.“ Die Forschenden arbeiten gerade gemeinsam mit der Universität Göttingen an einer landesweiten Studie. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedeutung der Frauen für die Landwirtschaft und den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Räumen vielfach unterschätzt wird.

Martina Johannes ist seit 2008 die Leiterin des Fachbereichs Bildung in Rendsburg. Vorher führte sie lange den sozioökonomischen Beratungsdienst der Kammer. Zu ihrem Verantwortungsbereich gehören die Organisation der landwirtschaftlichen Berufsausbildung, der Meister/-innenkurse und der Arbeitnehmer/-innenberatung sowie die Koordination des Weiterbildungsangebotes der Kammer. Fotos (3): Isa-Maria Kuhn

Ständig einsatzbereit

„Frauen haben vielfältige Aufgaben, und je nach Betrieb und Region ist die Rolle der Frauen sehr unterschiedlich. Frauen leiten Betriebe oder teilen sich diese Verantwortung mit einem Partner und tragen in großem Maß zum Betriebserfolg bei. Sie sind oft Initiatoren für Betriebsdiversifikationen (Direktvermarktung, Urlaub auf dem Bauernhof, soziale Dienste et cetera). Diese betrieblichen Aufgaben oder auch außerbetrieblichen Tätigkeiten verbinden sie mit Haushalt und Kindern, Pflege der (Schwieger-)Eltern und Engagement im Ehrenamt. Viele Frauen müssen ständig einsatzbereit sein und springen für viele verschiedene Arbeiten ein“, so die erste Analyse des Institutes.

In der Wissenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. „Zwar studieren viele Frauen Agrarwissenschaften, der Anteil liegt ungefähr bei der Hälfte der Studierenden. Aber je höher die Position wird, desto weniger Frauen sind noch sichtbar. Auch in landwirtschaftlichen Gremien dominieren die Männer, in Diskussionsveranstaltungen oder Meetings sind ganz wenige Frauen“, sagt Hiltrud Nieberg, Leiterin des Thünen-Institutes.

Dr. Sophie Diers leitet seit 2020 den Fachbereich Schweinehaltung. In Göttingen hat sie Agrarwissenschaften studiert und im Bereich Reproduktion und Biotechnologie promoviert, bevor es sie von der Wissenschaft in die Praxis zog. Im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp ansässig, verantwortet sie das Versuchswesen, die Beratung und Ausbildung im Schweinebereich. Gerade in angespannten Zeiten setzen sie und ihr Team sich für die Schweinehaltung ein. Foto: Janna Fritz 

Ändert sich was?

Jüngst hat der Deutsche Bauernverband (DBV) einen neuen Ausschuss „Unternehmerinnen in der Landwirtschaft“ gegründet, und auf dem deutschen Bauerntag in Lübeck soll eine Satzungsänderung den Weg der Frauen ins Präsidium frei machen. In der „Agrarzeitung” vom 11. Mai heißt es: „Damit ist der erste Schritt getan, um dem selbst gesteckten Ziel, ‚jünger und weiblicher‘ zu werden, näherzukommen. Denn die Vorsitzende des Unternehmerinnen-Fachausschusses könnte laut Joachim Rukwieds (Präsident des DBV) Ankündigung zu Jahresbeginn mit großer Wahrscheinlichkeit auch seine Stellvertreterin werden. Doch etwas Bürokratie und demokratische Abstimmungsprozesse sind noch zu bewältigen. Denn die erforderliche Satzungsänderung für eine Stellvertreterin im höchsten Amt werde der nächsten Mitgliederversammlung im Rahmen des deutschen Bauerntags in Lübeck zur Abstimmung vorgelegt.“

Dr. Elke Horndasch-Petersen arbeitet seit 1989 bei der Kammer. Zunächst war die Tierärztin mit Faible für Schweine beim Schweinegesundheitsdienst tätig. Später wechselte sie in die Qualitätssicherungsprogramme Fleisch bei der LC. 2006 übernahm sie schließlich die Leitung des heutigen Fachbereichs Fischerei, zuständig für die Berufsausbildung im Fischereibereich (Küstenfischerei, Kleine Hochseefischerei) sowie Fortbildungen. Sie tauscht regelmäßig Büroschuhe gegen Gummistiefel, wenn sie Gesundheitskontrollen in den fischhaltenden Betrieben durchführt. Neben den oben genannten Tätigkeiten ist sie auch Geschäftsführerin des Landesfischereiverbandes und der Wildhalter.

Daniela Rixen, Leiterin der Pressestelle der Landwirtschaftskammer, sprach für das Bäuerinnenblatt mit der Präsidentin der Landwirtschaftskammer, Ute Volquardsen, über Frauen in Führung im Agrarbereich.

Auf jeden Fall! Die Mitwirkung in der ZKL war sehr arbeitsintensiv, und ich habe wahnsinnig viel in dieser Zeit gelernt. Es ist uns gelungen, mit den vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Institutionen ein gemeinsames Grundlagenpapier für die weitere Umsetzung zu erarbeiten. Das ist eine echte Leistung, und das dort entstandene Netzwerk ist wirklich wertvoll.

Eine erste Vizepräsidentin bei einem Verband wie dem Bauernverband dürfte sicher noch stärkere Beachtung finden, als ich sie erleben durfte, und noch andere Türen aufstoßen.

Zum einen war das mediale Interesse riesengroß. Ich habe so viele Glückwünsche aus allen Richtungen bekommen, was mich damals wirklich überwältigte. Durch diese große Aufmerksamkeit konnte ich mein gutes Netzwerk weiter ausbauen. Meine Arbeit in dem Amt als Präsidentin der Landwirtschaftskammer hat dies gestärkt und indirekt damit auch die Beachtung der weiblichen Sichtweise.

Inga Lafrenz leitet seit dem 1. Juli 2014 den Fachbereich Personal. Sie ist mit ihrem Team für sämtliche Personalangelegenheiten zuständig und Ansprechpartnerin für die Mitarbeitenden und Führungskräfte. Darüber hinaus ist sie für den Personalhaushalt und den Stellenplan verantwortlich. Foto: privat

Frauen führen anders, zumindest setzen sie sehr auf den Dia­log. Ich bin stolz auf das, was wir mit dem Vorstand, mit Repräsentantinnen, Repräsentanten und Deputierten sowie der Geschäftsführung und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gemeinsam bisher erreicht haben. Gemischte Teams arbeiten meiner Meinung nach erfolgreich, da sie sehr unterschiedliche Sichtweisen einbeziehen. Dabei stelle ich fest, dass es Lernprozesse gibt und die gemischte Arbeitsweise in den Gremien auch gelebt werden muss.

Die Geschäftsführung und ich ergänzen uns sehr gut. Aus der Historie heraus gibt es bei der Landwirtschaftskammer aktuell keine Abteilungsleiterinnen, aber auch hier wäre die Zeit reif dafür. Besonders wichtig ist mir zu betonen, dass es ja immer um die Qualifikation gehen muss und es natürlich hoch qualifizierte Frauen gibt. Ich wollte auch nicht um des Frauseins willen in das Amt der Kammerpräsidentin gewählt werden, sondern aufgrund meiner Fähigkeiten und Eigenschaften.

Dass das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, weiß Katja Wagner bereits seit Kindestagen. Bevor sie laufen konnte, lernte sie schon reiten. Daher wundert es nicht, dass die Leiterin des Fachbereichs Pferdehaltung seit über vier Jahren die Pferdehaltenden in Schleswig-Holstein zu Themen wie Produktionstechnik, Fütterung, Baurecht, Stallkonzepten und vielem mehr berät und unterstützt. Darüber hinaus führt sie ein umfangreiches Seminarprogramm für Reitende, Fahrende, Betriebsleitende und Pferdeinteressierte durch. So begleitet sie über das Jahr hinweg viele Pferde und Menschen in ihrer Ausbildung, wobei ihr ganz besonders der Fahrsport ans Herz gewachsen ist. Das war kürzlich sogar dem Fernsehen eine Reportage wert.

Auch bei der Landwirtschaftskammer gibt es Frauen in Führungspositionen. Ich denke da an verschiedene Fachbereiche, zum Beispiel an Martina Johannes, die so wichtige Bereiche der Ausbildung und Beratung seit vielen Jahren leitet. Dr. Sophie Diers leitet den Fachbereich Schweinehaltung, Katja Wagner den Bereich Pferdehaltung und Dr. Elke Horndasch-Petersen den Bereich Fischerei. Der Bereich des Gütezeichens Schleswig-Holstein ist in weiblicher Hand bei Sandra van Hoorn. Den Fachbereich Personal hat Inga Lafrenz und den Bereich Finanzen Heike Semrau inne. Heike Semrau (nicht auf dem Bild) sorgt für die Erstellung des Jahresabschlusses und die reibungslose laufende Buchführung. Auch den drei Stabsstellen stehen Frauen vor. Die interne Revision leitet Simone Weimann, das Innovationsbüro EIP-Agrar Carola Ketelhodt und die Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit führt Daniela Rixen. Mir ist es wichtig, diese Frauen hier vorzustellen.

Sandra van Hoorn leitet den Fachbereich Gütezeichen. Sie verantwortet seit 2005 die Maßnahmen in der Qualitätsarbeit und dem Gemeinschaftsmarketing rund um „Geprüfte Qualität Schleswig-Holstein”. Auch die Bündelung von bundesweiten Qualitätssicherungssystemen wie QS und ITW werden koordiniert. Mit „Gutes vom Hof.SH“ und „Wir fischen.SH“ sowie Erzeugerinnenzusammenschlüssen wie der KäseStraße Schleswig-Holstein hat sich der Fachbereich die Öffentlichkeitsarbeit für regionale Produkte zur Herzensangelegenheit gemacht.Fotos (4): Pepe Lange

Den Ausschuss Frauen im Agrarbereich leitete ich vor meiner Amtszeit als Präsidentin und er liegt mir immer noch sehr am Herzen. Er kümmert sich um die alternativen Einkommensquellen auf unseren Höfen, die vielfach von Frauen geführt werden wie zum Beispiel Bauernhofgastronomie, Urlaub auf dem Bauernhof, Bauernhofpädagogik, Schulklassen auf dem Bauernhof und neu auch den Bereich Green Care. Hier geht es um Betreuungsangebote für Menschen mit Behinderung oder Pflegegrad auf Bauernhöfen.
Diese unterschiedlichen Bereiche ergänzen die Einkommen auf den Höfen und sind häufig wichtige Einkommensalternativen.

Im Agrarbereich spielen Frauen auf den Höfen sehr oft eine Schlüsselrolle, auch wenn es häufig nicht nach außen dringt. Diesen Frauen möchte ich mit auf den Weg geben, bei allem, was sie tun, keine Angst zu haben. Etwas Respekt vor neuen Aufgaben schadet sicher nicht.

Daniela Rixen leitet seit 2010 die Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und ist damit für die Außendarstellung der Landwirtschaftskammer zuständig. Sie verantwortet den Fachteil des Bäuerinnenblattes bei der Kammer, ist Ansprechpartnerin für Journalistinnen und Journalisten und begleitet den strategischen Ausbau der Onlinepräsenz, die Internetseite und die Sozialen Netzwerke. Foto: Ulrike Baer

Jede Frau kann sich so ihren eigenen Platz erarbeiten. Das bringt Anerkennung, Wertschätzung und Zufriedenheit, stärkt das Selbstbewusstsein und tut somit der ganzen Familie gut. Wünschenswert wäre es, wenn alle Betriebsabläufe und -zweige Hand in Hand gehen, die Entscheidungen gegenseitig unterstützt werden. Alle lernen ihr Leben lang und wachsen so an ihren Aufgaben.
Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass meine Rolle bei der Landwirtschaftskammer mit so vielen Kontakten zur Politik und dem öffentlichen Leben verbunden ist. Ich lerne in dieser Rolle stetig dazu und wachse daran.

Im Übrigen finde ich es toll, dass die Chefredakteurin des Bäuerinenblattes mit diesem Blatttitel der aktuellen Ausgabe ein Zeichen setzt. Es hebt die Bedeutung der Frauen in der Landwirtschaft hervor. Diese einmalige Bäuerinnenblattausgabe wird ganz sicher in vielen Haushalten gesammelt werden!

Weiterbildung empfinde ich als enorm wichtig, um flexibel zu bleiben, Veränderungen anzunehmen und offen zu sein. Außerdem fördert Weiterbildung betriebliche Verbindungen und die Entscheidungsfähigkeit. Mit der Erfahrung von heute würde ich rückblickend vielleicht noch mutiger und klarer sein.

Ich denke, dass ich gut zuhören und vermitteln kann. Das ist wichtig, um Kompromisse zu finden. Klar ist auch, dass man es nie allen recht machen kann – dieses muss einem bewusst sein. Ich habe mir klare Ziele gesetzt. Auf dem Weg dahin lohnt es sich, öfter mal die Perspektive zu wechseln, andere Meinungen einzubeziehen, und auch der Teamgeist ist wichtig.
Ich weiß, dass Landwirtschaft immer in Bewegung ist. Es lohnt sich, die Veränderungsprozesse für sich zu nutzen und sich das Positive herauszusuchen.

Diesen Aspekt möchte ich auch den LandFrauen zu ihrem Jubiläum mit auf den Weg geben. Sie können stolz sein auf das Erreichte. Die Vergangenheit und Gegenwart hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind – der bedeutendste Frauenverband –, und ich bin sicher, dass der Verband auch den Wandel in die Zukunft schafft. Die Rechte von Frauen im ländlichen Raum weiter zu stärken, Frauen weiterzubilden – gerne gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer – und auch Plattformen zu bieten, sich auszutauschen, bleibt für alle Generationen wichtig.
Alles Gute zum 75. Geburtstag: Geschick, Gespür, Glück und Gesundheit!

Ja, diese spannende Entwicklung beim Deutschen Bauernverband werde ich interessiert beobachten. Ich bin gespannt und würde mich freuen, wenn eine Frau in das Präsidium gewählt wird. Dem Deutschen Bauernverband wünsche ich eine kluge Entscheidung und gute Intuition.

Das Ehrenamt als Kammerpräsidentin setzt viel Engagement und Zeit für öffentliche Termine voraus.

Was geben Sie Frauen in der Land­wirtschaft mit auf den Weg?

Seien Sie wissbegierig und neugierig. Ich bestärke Sie darin, Ihre eigene Rolle auf dem Hof zu suchen, je nach Interesse Ihren eigenen Verantwortungsbereich zu finden. Richten Sie sich nach Ihren Begabungen, denn richtig gut können wir nur dann sein, wenn wir etwas tun, das uns wirklich liegt, uns Spaß macht und uns positiv fordert. Sonst ist es nur halbherzig, was für eine lange Selbstständigkeit meist nicht ausreicht.

Carola Ketelhodt ist Leiterin des Innovationsbüros EIP Agrar an der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Seit Juli 2014 verantwortet sie den Bereich Innovationsberatung. Zu ihren Aufgaben gehören insbesondere der Informationsaustausch, Wissenstransfer und aktive Öffentlichkeitsarbeit im EIP-Netzwerk in Europa. Fotos (3): Daniela Rixen
Simone Weimann leitet seit 2014 die Stabsstelle der internen Revision. Die interne Revision ist das kritische Gewissen der Landwirtschaftskammer: Ihre Aufgabe besteht darin, als unabhängige Prüfungsinstanz die gesamte Organisation auf unerwünschte Risiken zu durchleuchten und Prozesse effizient zu gestalten.

Marktkommentar, Marktlage und Markttendenz 2322

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Seit mehr als 100 Tagen wird in der Ukraine Krieg geführt. Eine Zeitspanne, die schnell und langsam zugleich vergangen ist und vieles verändert hat. Der einstige Plan eines russischen Blitzkrieges, um die Ukraine innerhalb von wenigen Tagen einzunehmen, ist gescheitert. Einen konkreten Plan B scheint es nicht zu geben. Der Konflikt ist in einen hässlichen Abnutzungskrieg übergegangen. Der Stratege Helmuth von Moltke (19. Jahrhundert) sagte, es gebe im Krieg nur einen Plan bis zum ersten Angriff, nicht aber darüber hinaus . Wie lange wird es jetzt dauern, bis dieser Krieg so etwas wie ein Ende findet? In der Ukraine hält man eine Befriedung noch in diesem Kalenderjahr für möglich, vielleicht möchte man damit auch den ukrainischen Widerstand füttern. Ebenso könnte sich eine Lösung noch Jahre hinauszögern. Das Risiko einer internationalen Eskalation ist genauso da wie zu Beginn des Krieges. In 100 Tagen ist auch die wirtschaftliche Stabilität der westlichen Welt immer weiter aus den Fugen geraten.

Schwierige Lage der globalen Wirtschaft

Die grundsätzliche Unkenntnis über das zeitliche Ausmaß des Krieges steuert die Aktien- und Terminmärkte. Der Rohölkurs ist wieder auf Rekordniveau gestiegen, es ist der zweithöchste Stand seit Beginn des Krieges und seit jeher. Auch deshalb ist von den Tankrabatten an deutschen Zapfsäulen kaum etwas zu merken. Für Getreide werden bis ins Jahr 2023 hinein Höchstpreise aufgerufen, welche zudem von einigen rückläufigen Ernteprognosen rund um den Globus gestützt werden. Die Inflation in Deutschland wie auch anderswo steigt unaufhörlich und schnell. In vielen Ländern werden die Zinsen bereits angehoben, zum Beispiel in den USA. Das lässt den Dollar steigen und zieht Investorinnen an. So ist in den letzten Wochen zu beobachten, dass systematisch Gelder aus Anleihen in Schwellenländern abgezogen werden und in Richtung sicherer Alternativen fließen. Dadurch verschlechtert sich die Kaufkraft solcher Länder weiter, die oftmals als Importierende am globalen Getreidemarkt agieren. Die Wahrscheinlichkeit von Hungernöten steigt, die des Staatsbankrotts gleich mit, zu sehen am Beispiel Sri Lanka. Als weiteres Hindernis für die Weltwirtschaft kommt hinzu, dass die internationale Logistik im Krisenzustand verweilt – nicht zuletzt wegen der erneuten Corona-Lockdowns in China, das sich als Nadelöhr der Handelslogistik erweist. Der immense Stau an Schiffen, Containern und Waren löst sich so nicht auf, Satellitenbilder im Netz zeigen das Ausmaß. Tatsächlich ziehen sich Investorinnen auch aus China systematisch zurück, das Land nimmt für seine Null-Covid-Politik schwere wirtschaftliche Einbußen hin. Für globale Warenströme, unter anderem im Agrarbereich, ergeben sich aus den Staus in chinesischen Häfen und den Spitzenkursen für Rohöl weiter erhöhte bis steigende Frachtkosten. Auch deshalb zeigen die Terminmärkte, dass in diesem Jahr wohl kaum Entspannung bei den Rohstoffpreisen zu erwarten ist.

Gefahr der Stagflation

Rohstoffe und der Energiebereich sind die Zugpferde der Inflation. Die Inflationsrate europäischer Länder übersteigt das derzeitige Wirtschaftswachstum bei Weitem, eine Stagflation im Euro-Raum ist die Gefahr. Der Begriff bezeichnet eine Spirale, in der ein verringertes Wirtschaftswachstum und eine steigende Geldentwertung zu vermehrter Arbeitslosigkeit und also verringerter wirtschaftlicher Erholungsfähigkeit führen (Stagnation und Inflation). Die Europäische Zentralbank scheint seit Monaten nicht wahrhaben zu wollen, dass der Geld­regen zur Hilfe für die Ukraine und zur kurzfristigen Verbesserung der europäischen Kon­sumfähigkeit nicht von alleine aus dem Finanzmarkt verschwindet. Die für Juli geplante Anhebung der Zinsen ist eher ein Tropfen auf den heißen Stein und wird die Geldentwertung nicht aufhalten. Die Probleme werden sich nicht mit Geld zukleistern lassen, die sich auf der Weltbühne zusammenbrauen.

Marktlage für die Woche vom 6. bis 12.6.2022

Getreide: Durch höhere Ernteschätzungen und die Diskussion über die Öffnung ukrainischer Häfen gaben die Weizenpreise in der Vorwoche nach.

Raps: Die Terminmarktkurse gaben zuletzt leicht nach, lagen jedoch noch über der Marke von 800 €/t. In Australien wird die Aussaatfläche deutlich erhöht.

Futtermittel: Die US-Sojakurse bewegen sich knapp unter dem jüngsten Preishoch. In China wurde viele Corona-Auflagen aufgehoben.

Kartoffeln: Das geringe Angebot aus dem Vorjahr steht einer ruhigen Nachfrage gegenüber. Die Kurse können sich weiter behaupten.

Schlachtrinder: Die Kurse sind weiter gesunken. Das Lebendangebot überstieg erneut den Bedarf der Schlachtereien.

Schlachtschweine/-sauen: Die Nachfrage bleibt weiter sehr ruhig. Die Kurse konnten sich jedoch behaupten.

Ferkel: Die Ferkelnachfrage bleibt ruhig, da die Futterkosten sehr hoch bleiben. Die Notierungen blieben unverändert.

Milch: Die Anlieferung liegt auf dem Saisonhoch. Die Erzeugerinnenpreise für Mai bleiben auf dem zuletzt erreichten Niveau.

Schlachtlämmer/-schafe: Der Handel mit frischen Lämmern entspricht nicht den Erwartungen der Schäferinnen.

Markttendenz für die Woche vom 13. bis 19.6.2022

Getreide: Da Schiffslieferungen aus der Ukraine vorerst wohl ausbleiben, und durch die Unwetter in Frankreich und Süddeutschland ziehen die Preise wieder an.

Raps: Die stabilen Sojakurse und der erhöhte Rohölpreis stützen die Rapsnotierungen.

Futtermittel: Obwohl Futtergetreide günstiger geworden und der Euro etwas gestiegen ist, bleibt Mischfutter weiter sehr teuer.

Kartoffeln: Das Angebot an Frühware nimmt zu. Noch ist die Ware losschalig. Erste festschalige Ware wird Ende Juni erwartet.

Schlachtrinder: Sollte das Angebot an Jungbullen zurückgehen, könnte sich der Markt stabilisieren.

Schlachtschweine/-sauen: Die Grillsaison enttäuscht. Bis zum Beginn der Ferien bleibt nur noch wenig Zeit für eine Nachfragebelebung.

Ferkel: Viele Mästerinnen und Mäster warten auf weiter rückläufige Ferkelkurse oder haben die Schweinemast eingestellt.

Milch: Im Produkthandel lassen sich für die späteren Termine nur die bisherigen Kurse erzielen. Die Verwertung bleibt hoch.

Schlachtlämmer/-schafe: Höherpreisige Lammspezialitäten sind weniger gefragt. Die Lämmerkurse geben nach.

Knappe Versorgungslage bei Getreide ist Fakt

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Der Versorgungsengpass bei Getreide könnte sich in der Saison 2022/23 noch verschärfen. Davor hat Ludwig Striewe, Geschäftsführer der der BAT Agrar, am 31. Mai beim Saatguthandelstag in Magdeburg gewarnt. Die aktuellen globalen Knappheiten hätte es auch ohne den Ukraine-Krieg gegeben, aber die Blockade der Schwarzmeerhäfen verschärfe die Situation. Staatliche Eingriffe in den Marktmechanismus sieht er äußerst kritisch, stattdessen müssten in der EU alle Register zur Steigerung der Agrarproduktion gezogen werden.

Für eine annähernd normale Getreideernte dürfe der Juni in Europa nicht zu heiß werden, und auch die Maisblüte in den USA dürfe nicht durch zu hohe Temperaturen im Juli in Mitleidenschaft gezogen werden. „Wir können uns keine Missernte erlauben“, sagte das Mitglied der BAT-Geschäftsführung vor den gut 200 Teilnehmern. Am 12. Mai habe das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) erstmals seit vielen Jahren in einer Erstschätzung für das neue Vermarktungsjahr einen Rückgang der weltweiten Getreideproduktion vorhersagt, und das in einem Umfeld, in dem die Nachfrage Jahr für Jahr um 1,8 % bis 2,2 % steige.

Schwache USDA-Zahlen

„Das ist die bullischste Schätzung, die das USDA je in einem Mai-Bericht abgegeben hat“, stellte Striewe fest. Die aktuellen globalen Knappheiten hätte es auch ohne den Ukraine-Krieg gegeben, aber bestehende Engpässe seien durch die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen noch verschärft worden, erläuterte der Agrarhändler. Die Ukraine werde 2022 kriegsbedingt wohl nur die Hälfte einer normalen Getreideernte einfahren und diese vermutlich auch nicht auf den Weltmarkt bringen können. Ein Bestandsaufbau in der Ukraine, wie vom US-Agrarressort prognostiziert, sei deshalb keine gute Nachricht, sondern eine schlechte.

Die angespannte Situation darf Striewe zufolge nicht ohne Folgen für die deutsche und europäische Agrar- und Handelspolitik bleiben. Keinesfalls dürften funktionierende Marktmechanismen aufgrund der explodierten Getreidenotierungen durch staatliche Eingriffe ausgehebelt werden. „Es gilt unverändert der alte Handelsspruch: Das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise“, so das Mitglied der BAT-Geschäftsführung. Auf der anderen Seite müssen laut Striewe die Industriestaaten die von Getreideeinfuhren abhängigen Importländer gezielt unterstützen. Die Afrikareise von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sei in diesem Zusammenhang ein erstes gutes Zeichen. Gleichzeitig sei die Ukraine mit Hochdruck bei der Transportlogistik über westliche Häfen zu unterstützen. Hier sei von der Politik außer Ankündigungen bisher wenig gekommen, beklagte der Fachmann.

Striewe mahnte, in der EU müssten alle Register zur Steigerung der Agrarproduktion gezogen werden, beispielsweise durch eine zeitweise Aussetzung der Flächenstilllegungspflicht. Für eine Entlastung auf der Verbrauchsseite der Getreidebilanz würde eine Einschränkung der Verfütterung durch die hohen Futtergetreidepreise sorgen, in Deutschland, ganz Europa, aber auch in China.

Mehr Flexibilität für Biosprit

Skeptisch zeigte sich der BAT-Geschäftsführer indes, was das hierzulande geplante Aus für Biokraftstoffe vom Acker angeht. Er plädiert stattdessen für eine Flexibilisierung der Einsatzraten in Abhängigkeit vom Agrarpreisniveau. „Ein flexibles Biokraftstoffmandat wäre eine gute Maßnahme, um Getreidemärkte perspektivisch sogar zu stabilisieren“, so Striewe. Man schaffe auf diese Weise nämlich eine Reservenachfrage bei niedrigen Getreidepreisen und umgekehrt ein zusätzliches Angebot bei hohen. age

Preise drücken auf das Kaufverhalten

Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland passen ihr Einkaufsverhalten an die steigenden Preise im Lebensmittelbereich an. Das zeigt der jetzt veröffentlichte „Konsummonitor Preise“ des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Kundinnen und Kunden achteten mehr auf Sonderangebote und verzichteten bei bestimmten Produktgruppen eher einmal auf den Kauf, berichtete HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth kürzlich in Berlin. Zudem bleibe weniger Budget für Bekleidungseinkäufe. „Die durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des russischen Kriegs in der Ukraine steigenden Lebenshaltungskosten haben schwerwiegende Folgen für das Verbraucherverhalten“, so Genth. Der HDE-Konsummonitor zeige, dass Preissteigerungen von mindestens 94 % der Konsumierenden wahrgenommen würden. Dabei liege die persönlich gefühlte Steigerung deutlich über der tatsächlichen. In der Folge achteten 80 % der Befragten beim Lebensmittelkauf stark auf den Preis. Über 90 % schauen laut Genth verstärkt auf Sonderangebote. Im HDE-Konsummonitor werde zudem deutlich, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher etwa bei Spezialitäten und Delikatessen sowie Spirituosen und Wein derzeit aus finanziellen Gründen eher zurückhaltend zugriffen. age

„Frauen gehören dorthin, wo entschieden wird“

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Dagmar Friedrichsen-Jahnke aus Bergfeld im Kreis Ostholstein packt an. Ehrenamtlich und beruflich engagiert sich die LandFrau aus dem OV Lensahn mit Herzblut für Dinge, die ihr wichtig sind – ob Bauernhofpädagogik, Kommunal- und Verbandspolitik oder die Sache der Frauen. Bei einem Kaffee erzählt sie, was sie antreibt.

Ein Freitagnachmittag im Mai. Gerade ist Dagmar Friedrichsen-Jahnke vom Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp zurückgekommen. Hier arbeitet die 49-Jährige auf Honorarbasis als Bauernhofpädagogin. In der zurückliegenden Woche betreute sie eine agrarpädagogische Klassenfahrt. 25 Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse erlebten fünf Tage Landwirtschaft pur, lernten etwas über Bodenbearbeitung, erkundeten den Kälber- und Kuhstall und entdeckten Interessantes rund ums Getreide. „Die Kinder waren toll und mit Feuereifer dabei“, freut sich Friedrichsen-Jahnke.

Mit Ehemann Jens, dem Nachwuchs Christian (19), Clas (22) und Carolin (24) sowie Schwiegervater Fritz lebt sie auf einem Ackerbau- und Milchviehbetrieb, der seit drei Generationen in Familienhand ist. Auf dem Hof macht sie die Buchhaltung und übernimmt die Vermietung einer Ferienwohnung. „Auch sind wir am von der Landwirtschaftskammer koordinierten Projekt Schulklassen auf dem Bauernhof beteiligt, das ich in Futterkamp umsetze. Kinder und Jugendliche erfahren dort mit allen Sinnen, woher die Milch kommt“, erzählt die LandFrau begeistert.

Wenn man die LandFrau so fröhlich und in sich ruhend auf dem Hof werkeln sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass sie früher als Bankfachwirtin mit trockenen Zahlen jonglierte. „Nach der Geburt meiner Kinder war ich in diesem Bereich noch eine Zeit lang tätig, musste aber feststellen, dass es im Bankgeschäft nicht möglich war, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen“, schaut sie zurück. Also traf sie die Entscheidung für eine berufliche Neuorientierung. Da kam das Fortbildungsangebot des LandFrauenverbandes zur Büroagrarfachfrau gerade recht. Später absolvierte sie eine Fortbildung zur Bauernhofpädagogin. Weitere Fortbildungen folgten. „Ich hatte großes Glück, dass Jens und meine Familie mich nach Kräften unterstützten. Eltern und Schwiegereltern hüteten ein, wenn ich unterwegs war. Mit meiner Schwiegermutter wechselte ich mich beim Kochen ab, das entlastete.“ Zusätzlich baute sie in ihrem 60-Seelendorf, das ein Ortsteil von Kasseedorf ist, ein Frauennetzwerk auf. „Zum Beispiel brachte eine Nachbarsmutter unsere Kinder morgens in den Kindergarten, ich holte sie mittags wieder ab. Die Fahrgemeinschaft war eine super Zeit­ersparnis.“

Dagmar Friedrichsen-Jahnke_Fotos Silke Bromm-Krieger
Dagmar Friedrichsen-Jahnke_Fotos Silke Bromm-Krieger

Anfang im Kindergarten

Im Kindergarten fiel auch der Startschuss für ihr ehrenamtliches Engagement. Sie wurde als Vorstandsmitglied in dessen Trägerverein gewählt, später in den Schulverein. Irgendwann sprach sie ein Bekannter an, ob sie auf dem Ticket der CDU für die Gemeindevertretung Kasseedorf kandidieren wolle. Mit dem Ansatz, sich sachlich mit den Aufgaben und Standpunkten auseinanderzusetzen, um konstruktive Lösungen zu finden, ergriff sie die Chance. „Heute bin ich Mitglied in der Gemeindevertretung und im Schulverband, ohne in der Partei zu sein“, stellt sie heraus. Auch wenn der Handlungsspielraum für Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker begrenzt sei, finde sie es wichtig, mitzureden und mitzugestalten. „Frauen gehören dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden. Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sich für das Gemeinwesen einzusetzen, ist spannend und bereichernd, auch für die eigene Persönlichkeit.“ Negative Erfahrungen, nur weil sie eine Frau sei, habe sie bisher nicht gemacht. Deshalb möchte sie andere Frauen ausdrücklich ermutigen, in der Gemeinde aktiv zu werden. „Wir brauchen dort unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen. Wir brauchen die Expertise von Frauen und Männern, um verschiedene Lebenswirklichkeiten abzubilden“, ist sie überzeugt.

Gremien weiblicher machen

Ebenso bringt sie sich im Fachausschuss „Öffentlichkeitsarbeit“ des schleswig-holsteinischen Bauernverbands ein. „Ein offener und respektvoller Dialog zwischen der Landwirtschaft und den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt mir am Herzen“, betont sie. Leider seien Frauen in den bestehenden zwölf Fachausschüssen in der Minderheit. Von insgesamt rund 150 Ausschussmitgliedern seien nur drei weiblich, lediglich ein Fachausschuss habe eine Frau zur Vorsitzenden. Eine weitere Unternehmerin gehöre dem Landeshauptausschuss an. „Da ist noch Luft nach oben“, resümiert Friedrichsen-Jahnke. Frauen brächten sich auf den Höfen mit großem Sachverstand ein, da sollte es selbstverständlich sein, dass sich das in der Besetzung von Gremien widerspiegle.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Bauerninnenblatt.

Damit frau nicht mit leeren Händen dasteht

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Frauen auf den Höfen sollten sich rechtzeitig um eine eigene finanzielle Absicherung ­kümmern. Schnell kann ihre ­Lebensgrundlage durch eine Trennung, Scheidung oder den Tod des Partners gefährdet sein, weiß Angelika Sigel. Die Diplom-­Agraringenieurin und systemische Familientherapeutin arbeitet seit über 30 Jahren bei einer landwirtschaftlichen Familien­beratungsstelle.

Immer wieder erlebt die Beraterin, dass Frauen in einer Trennungssituation fachlichen Beistand bei ihr suchen. Die Geschichten, die sie erzählen, ähneln sich. So hatten sich etliche auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihres Mannes mit Herzblut und Know-how eingebracht. Oft gaben sie dafür ihre eigene Erwerbstätigkeit auf oder reduzierten diese. Schließlich wollten sie tatkräftig mit anpacken, sich gemeinsam mit dem Partner etwas aufbauen. Manche butterten dafür sogar eigene Ersparnisse oder elterliche Erbteile zu. Teilweise arbeiteten sie unentgeltlich mit, versorgten Haus, Hof, Garten und Kinder und pflegten die Altenteiler und Altenteilerinnen.

Bevor eine Krise kommt

Erst als es in der Beziehung nach Jahren irgendwann zu kriseln begann, wurde ihnen schmerzlich bewusst, dass sie sich vorher nicht genügend Gedanken um ihre Risikoabsicherung gemacht hatten. Häufig mussten sie deshalb nach der Trennung mit leeren Händen vom Hof gehen und in eine finanziell ungewisse Zukunft starten. „Damit das nicht passiert, ist es wichtig, dass ein Paar früh und in konfliktfreien Zeiten offen über das Thema der finanziellen Absicherung der Frau spricht. Es darf kein Tabu sein. Auch wenn dies auf den ersten Blick unangenehm sein mag, beugt es doch späteren Enttäuschungen und Streitigkeiten vor“, ist Angelika Sigel überzeugt. Sich über die Rechtslage gründlich zu informieren und mit einer Anwältin oder einem Anwalt oder einer Notarin oder einem Notar einen entsprechenden Ehevertrag aufzusetzen, hält sie keineswegs für unromantisch oder übertrieben, sondern für selbstverständlich und dringend geboten.

Klare Regelungen

„Dabei muss es Ziel sein, zu unmissverständlichen, einvernehmlichen und tragbaren Regelungen zu kommen, die auf die jeweiligen Gegebenheiten, die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Betriebs und die individuellen Bedürfnisse abgestimmt sind“, stellt die Beraterin heraus. Es lauerten bei diesem komplexen Thema einige Fallstricke, die es zu vermeiden gelte. „So hörte ich von einer Landwirtsfrau, die nach langer Ehe, in der sie auf dem Hof fleißig mitgeschafft hatte, beim Vermögensausgleich im Rahmen ihrer Scheidung keinen Cent bekam, weil eben ein Ehevertrag fehlte. Mit einem solchen hätte sie beispielsweise die Chance gehabt, für ihre Mitarbeit einen festen Ausgleichsbetrag pro Ehejahr zu vereinbaren.“

Meist sei es so, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb im Scheidungsfall nicht nach dem Verkehrswert, sondern dem erheblich niedrigeren Ertragswert bewertet werde. Dies diene zwar dem Erhalt des Betriebs, habe aber zur Folge, dass Eingeheiratete ohne eine zusätzliche vertragliche Regelung finanziell kaum etwas zu erwarten hätten.

Angezeigt sei ebenfalls, zu Beginn der Ehe eine Bestandsaufnahme des eingebrachten Hausrats, des anderweitigen Besitzes und des Geldvermögens zu machen. „Das schriftlich erstellte Verzeichnis sollte man sich gegenseitig quittieren. Denn alles, was die Partnerin oder der Partner in die Ehe eingebracht hat, kann sie oder er nach der Scheidung behalten“, erklärt die Expertin.

Falls die Frau während der Ehe aus ihrem Vermögen einen Kredit für den Betrieb zur Verfügung stellt, rät Sigel, dies gleichfalls in einem Darlehensvertrag samt Rückzahlungsvereinbarung festzuhalten. Zudem könne eine Absicherung der Darlehen von Eheleuten im Grundbuch erwogen werden.

Unterschrift bei Krediten

Auch folgende Situation schilderten Ratsuchende mehrmals: Sie unterzeichneten bei der Bank den Darlehensvertrag für einen neuen Stallbau mit und bedachten nicht, dass sie dadurch langfristig mit ihrem eigenen Vermögen und Einkommen haften müssen. Bei einer Bäuerin kam es einige Zeit nach Leistung der Unterschrift zu einer wirtschaftlich schwierigen Situation im Betrieb und zu einer Trennung der Eheleute. Da der Mann den Darlehensvertrag nicht mehr bedienten konnte, forderte die Bank nun von seiner Frau, die Raten zu begleichen. Doch diese war damit finanziell hoffnungslos überfordert.

„Manchmal unterschreiben Frauen Verträge im guten Glauben mit, obwohl sie selbst gar nicht über ausreichende eigene Mittel verfügen, die sie im Haftungsfall einsetzen könnten“, meint Sigel und betont: „Eine Verpflichtung zur Mitunterzeichnung von Darlehensverträgen durch die Ehepartnerin besteht nicht. Wägen Sie solch einen Schritt sorgfältig ab!“ Das Gleiche gelte für Bürgschaften. Sie stellten ebenfalls ein hohes Risiko dar, trotz Scheidung bei aufgelaufenen Schulden des Expartners noch zahlen zu müssen.

Bei einer Beratung mit Angelika Sigel können Paare klären, wie sie die Absicherung der Frau auf dem Betrieb gewährleisten wollen. Foto: privat

Mitarbeit der Ehefrau

Ein weiterer Punkt, der besprochen gehört, ist die Ausgestaltung der Mitarbeit der Frau auf dem Betrieb. Hier kommen unterschiedliche Varianten für das Binnenverhältnis infrage. „Möglich sind ein Minijob der Ehefrau bis 450 € (520 € ab 1. Oktober 2022), ein reguläres Arbeitsverhältnis mit voller Sozialversicherungspflicht als Teilzeit- oder Vollzeitbeschäftigung, die unternehmerische Teilhaberschaft durch Gründung einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) oder das Führen eines eigenständigen Erwerbzweiges“, zählt Sigel auf. Hier heiße es, individuelle Lösungen zu finden. „Für die richtige Wahl muss man die sozialversicherungsrechtlichen, steuerlichen und haftungsrechtlichen Konsequenzen detailliert prüfen. Patentrezepte gibt es nicht, kein Fall ist wie der andere.“

Öfters höre sie in Beratungsgesprächen, dass Partner, um die Beiträge für die Alterskasse zu sparen, pro forma auf den Minijob für die Ehefrau zurückgreifen. Das bedeute jedoch, dass diese keine oder nur sehr geringe Anwartschaften in der Rentenversicherung aufbauen könne und damit keine eigene Altersvorsorge habe. „Wenn keine Beiträge eingezahlt werden, sollte deshalb eine private Altersvorsorge erfolgen“, empfiehlt Sigel.

Vorsorge im Todesfall

Vorsorge sollte man zudem für den Fall treffen, dass der Ehepartner plötzlich einen Unfall erleidet, im Koma liegt, schwer erkrankt oder stirbt. Hier ist es hilfreich, wenn bereits ein Testament, gegenseitige Vorsorgevollmachten und eine Bankvollmacht in der Schublade liegen. Ergänzend macht eine Risikolebensversicherung Sinn, bei der sowohl der Partner als auch die Partnerin das Leben der oder des anderen absichert. Einen Notfallordner zusammenzustellen, in dem alle wichtigen Infos zum Betrieb und zur Familie gesammelt sind, ist auch ratsam. Hinweise hierzu gibt es bei der Landwirtschaftskammer oder bei den Kreisbauernverbänden.

Ohne Trauschein

Doch nicht nur für Eheleute, ebenso für Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, ist die Absicherung der Frau relevant. In jüngster Zeit nahmen bei Angelika Sigel diesbezügliche Beratungsanfragen von Lebenspartnerinnen stark zu. „Es gibt in solchen Fällen durchaus gute Lösungen wie einen Partnerschaftsvertrag, die hier greifen können“, unterstreicht sie.

Ein Fall aus ihrer Sprechstunde zeigt auf, was geschehen kann, wenn eine Regelung unterbleibt: Eine Frau, 50 Jahre alt, lebte mit ihrem Partner über 20 Jahre auf seinem Hof. Unter der Woche ging sie einer Beschäftigung außerhalb des Betriebs nach, in ihrer Freizeit und am Wochenende arbeitete sie dort mit. Dann starb unerwartet ihr Lebensgefährte, und weil kein Partnerschaftsvertrag vorlag, fiel der Betrieb erbrechtlich an seine Eltern. Altenteilerin und Altenteiler bezogen die Partnerin bei den nun anstehenden Entscheidungen nicht ein. „Sie hatte kein Mitspracherecht, wurde wie eine Fremde behandelt. Letztendlich verlor sie ihren langjährigen Lebensmittelpunkt, musste die Wohnung auf dem Hof verlassen und ihre Mitarbeit beenden“, so Angelika Sigel.

Nicht warten, handeln

Manchmal erlebt die Beraterin, dass Frauen zunächst mit ihrem Anliegen allein in die Beratung kommen. Diese berichten mehrheitlich, dass ihre Männer zwar Verständnis dafür hätten, dass sie sich zu ihrer Absicherung informieren wollten, aber sie sähen teilweise nicht dieselbe Dringlichkeit, zeitnah tatsächlich aktiv zu werden. „Bei einem zweiten Gespräch, wenn der Partner mit dabei ist, mache ich darauf aufmerksam, dass es ja nicht darum geht, ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich stelle sein eigenes Interesse in den Vordergrund, bei einem Beziehungsende durch eine kluge Vorsorge den Erhalt des Betriebs, die eigene Lebensgrundlage und die Versorgung von Frau und Kind oder Kindern abzusichern.“

Übrigens: Alle hier erwähnten Regelungen und privatrechtlichen Verträge können jederzeit nachgeholt werden, ob nach vielen Ehejahren oder kurz vor einer Scheidung. „Es ist nie zu spät, sich mit der rechtlichen Absicherung zu befassen und zu handeln“, betont Angelika Sigel. Als Einstieg empfiehlt sie die 56-seitige Broschüre „Ehe- und Erb­recht in der Landwirtschaft“, die beim Bundesinformationsdienst für Landwirtschaft unter praxis-agrar.de zum freien Download bereitsteht.

Externe Expertise einholen

Die Beraterin möchte ermutigen, sich im Bedarfsfall nicht zu scheuen, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen, selbst wenn diese kostenpflichtig sei. Unterstützung bieten die landwirtschaftlichen Familienberatungen und Sorgentelefone, die landwirtschaftliche Sozialversicherung, sozioökonomische Beraterinnen und Berater, Steuerberaterinnen und -berater, Anwältinnen und Anwälte, Notarinnen und Notare. Über die LandFrauenvereine oder andere Einrichtungen finden Seminare, Vorträge und Bildungsangebote rund ums Thema Absicherung statt. Die Termine werden in den Medien, auf den Webseiten der Träger und in deren Veranstaltungskalendern bekannt gegeben.

Ansprechpartner

Bauernverband Schleswig-Holstein

Hans Friedrichsen, Tel.: 0 48 46-387

Klaus Dahmke, Tel.: 0171-972 72 23

Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA)

Dr. Jan Menkhaus

Tel.: 0 4 31-55 77 94 50

sorgentelefon-online@web.de

kda-nordkirche.de/sorgentelefon

Literatur

Madame Moneypenny/Natascha Wegelin: „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können“, Rowohlt TB Verlag, 10,99 €, ISBN: 978-3-49 96 33-74-4

Herbert Grziwotz: „Eheverträge in der Landwirtschaft – Vermögens- und Vertragsrecht für Ehepaare“, HLBS-Verlag, 38 €

ISBN: 978-3-89 18 72-45-1

Steffi Bunzol und Autorinnen- und Autorenteam: „Ehescheidung in der Landwirtschaft – Rechts-, Gestaltungs- und Kalkulationshandbuch“, HLBS-Verlag, 54 €, ISBN: 978-3-89 18 72-41-3

Selbstverständlichkeit als Überraschungseffekt

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Es gibt viel zu diskutieren auf der 90. Mitgliederversammlung des Deutschen Bauernverbandes (DBV), die am Dienstag, 14. Juni, und Mittwoch, 15. Juni, in Lübeck stattfindet. Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen und ist seit dem 24. Februar auf einmal Teil der Außen- und Sicherheitspolitik. Trotzdem gibt es auch interne Themen. Ein bemerkenswerter Punkt auf der Tagesordnung könnte TOP 5 werden, der ganz schlicht „Satzungsänderung“ heißt. Der DBV-Verbandsrat hat eine Satzungsänderung auf den Weg gebracht, mit der Unternehmerinnen in der Verbandsarbeit gestärkt und in die Entscheidungsgremien des Verbandes eingebunden werden sollen. Das fünfköpfige Vorstandsgremium des DBV soll um eine Person erweitert werden. Bei Annahme der Satzungsänderung durch die Mitgliederversammlung wird der Weg frei zur Wahl einer Bauernpräsidentin.

Seit seiner Gründung am 17. August 1948 als Dachverband und berufsständische Vertretung der Land- und Forstwirtschaft wird der DBV von Männern geführt und verwaltet. Das ist weder demokratisch noch zeitgemäß. So kann jetzt ein kleiner Punkt auf der Tagesordnung zu einem großen Schritt für den Bäuerinnen- und Bauernverband werden. Denn die Bäuerinnen sind unterrepräsentiert und bislang nicht sichtbar im öffentlichen Verbandsleben. Das bestätigen die wenigen gewählten Vertreterinnen und treten dafür an, dass der Verband weiblicher wird. Ein erster Schritt war am 10. Mai die Einsetzung des Fachausschusses „Unternehmerinnen in der Landwirtschaft” als Beschleuniger auf dem Weg dazu, jünger und weiblicher zu werden. Ein erstes Zeichen, denn 11 % der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geleitet, in Schleswig-Holstein sind es 12 % und der Kreis Plön liegt hier mit 15 % an der Spitze. Das Interesse am Beruf unter den weiblichen Auszubildenden ist groß und ihre Zahl steigt. Mit 22 % war ihr Anteil in Schleswig-Holstein im Jahr 2020 mehr als doppelt so hoch wie 2001 und lag sogar 4 % über dem Bundesdurchschnitt.

Bei unserer Arbeit als Agrarjournalistinnen und -journalisten begegnen wir den Frauen in der Landwirtschaft und in der Agrarbranche auf Augenhöhe und lassen sie in diesem Bäuerinnenblatt besonders zu Wort kommen. Wir haben Interviews mit starken Bäuerinnen und Branchenfrauen geführt, sie gebeten, selbst über ihre Erfahrungen und Erwartungen zu schreiben, und wir berichten über ihre Wege in den Verband. Das klingt diesmal auch etwas anders. Denn wir verzichten beim Schreiben auf das generische Maskulinum, die grammatisch männliche Form, die sagt, dass ein Wort als allgemeingültiger Oberbegriff dient und Frauen unsichtbar „mitgemeint” sind. Manches an dieser Ausgabe des Bäuerinnenblattes wird für die Leserinnen und Leser eine Überraschung sein. Dass Frauen in der Landwirtschaft gut sichtbar sind, muss aber selbstverständlich werden.

Mechthilde Becker-Weigel Foto: Archiv

Vollgas mit Erdgas

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Auf dem Acker- und Gemüsebaubetrieb der Kooperationspartner Leve Thießen und Björn Göser in Kronprinzenkoog, Kreis Dithmarschen, kommt neben einem mit Erdgas betriebenen Lkw seit September auch ein mit Erdgas betriebener Schlepper testweise zum Einsatz: der New Holland T6.180 Methan Power. Für die beiden Agrarbetriebswirte passt der Traktor bestens in das Energiekonzept des Betriebes, auf dem die Bausteine Landwirtschaft, Regenerative Energie und Transport gekoppelt werden und das auf Nachhaltigkeit und ein positiveres Image der Landwirtschaft setzt.

Auf mehr als 600 ha Marschböden bauen Thießen und Göser vor allem Kohlkulturen, Möhren, Speisekartoffeln, Winterweizen und Zuckerrüben auf zumeist arrondierten Flächen an. Der Betrieb mit 15 festen sowie bis zu 30 Saison- und zehn Aushilfskräften ist dabei von der Aussaat bis zur Ernte komplett eigenmechanisiert. Neben Schlagkraft und Arbeitsqualität legen beide Betriebsleiter besonderen Wert auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit: „Wir wollen zeigen, dass sich die Landwirtschaft Gedanken um diese Themen macht und zukunftsorientiert denkt“, erläutert Leve Thießen. „Wir versuchen, überall Energie einzusparen oder Sektoren zu koppeln.“ So stammt etwa der Strom des Betriebes, dessen energieintensive Kühlung einen hohen Bedarf aufweist, zu 95 % aus den eigenen Windkraftanlagen.

Im Vergleich zu einem dieselbetriebenen Schlepper gleicher Größe konnten laut New Holland die Schadstoffemissionen beim Methanschlepper signifikant gesenkt werden.

Bereits Laster mit Gas in Betrieb

Um das geerntete Gemüse täglich nach Hamburg zu fahren, schaffte der Betrieb einen mit Compressed Natural Gas (CNG) betriebenen Iveco-Lkw mit einer Reichweite von rund 450 km an. Genug, um nach Hamburg und zurück fahren zu können. Betankt wird der Lkw auf der hofeigenen Erdgastankstelle. So sei letztlich auch der Kontakt zu New Holland – wie Iveco zum Konzern CNH gehörig – entstanden. „Das Gas ist günstiger als der Diesel und zudem ist der Lkw mautbefreit. Da hat sich die Anschaffung schnell gerechnet“, schildert Thießen. Bezogen werde das Erdgas bilanziell, ähnlich wie beim Kauf von Ökostrom, über die Wind2Gas Energy in Bruns­büttel. Aktuell sei dies nicht anders möglich, so Thießen, aber andererseits fördere man damit das Projekt in Brunsbüttel und investiere in die Zukunft. „Wind2Gas produziert mit 100 Prozent Windstrom über eine Elektrolyse Grünen Wasserstoff und speist diesen in das Erdgasnetz ein“, erklärt der 32-Jährige. Über eine Leitung landet das Erdgas direkt in der Hoftankstelle, von dort im Lkw und seit September auch im Methangasschlepper.

Der Methangasschlepper wird unter anderem auf dem Dithmarscher Acker- und Gemüsebaubetrieb getestet und dort universell eingesetzt, etwa zur Saatbettbereitung für den Spitzkohl.

Vorserienmodell in der Erprobung

Der Gemüsebaubetrieb von Leve Thießen und Björn Göser mit vorhandener Erdgastankstelle bot sich für New Holland zur praktischen Erprobung des T6.180-Vorserienmodells bestens an. Der Schlepper verfügt über eine Leistung von 159 PS (geboostet 175 PS), ein Drehmoment von 740 Nm und wird auf dem Dithmarscher Betrieb universell eingesetzt. Verbaut ist ein NEF-6,7-l-Gasmotor mit sechs Zylindern. Die Leistung entspricht laut New Holland der eines Standard-T6.180. Der Tankinhalt sind, aufgeteilt auf sieben Einzeltanks, 185 l – optional kommen 270 l in einem Front-Extender-Tank hinzu.

Alles wie gehabt: Auch die Tank­anzeige gestaltet sich genau wie beim Diesel.

Eine Rechnung, die mehrfach aufgeht

„Wir haben ausschließlich Erdgas im Tank und können somit günstiger fahren“, erklärt Thießen. Der Preis pro Liter Erdgas betrage aktuell rund 80 ct gegenüber 1,60 € oder 1,70 € für den Liter Diesel. Besonders interessant sei die Rechnung für Betriebe mit eigener Biogasanlage, die nach Schätzungen Thießens bei etwa 40 ct/kg Gas liegen dürften. Um Biogas als Bioerdgas (auch Biomethan) nutzen zu können, muss zunächst die erforderliche Qualität hergestellt werden. Bei dem Verfahren der Biogas­aufbereitung wird der Methangehalt im Biogas erhöht und gleichzeitig werden Kohlendioxid und weitere Bestandteile entfernt. Bei der eigentlichen Aufbereitung werde der Methangehalt von 50 bis 55 % auf bis zu 98 % erhöht, teilt New Holland mit. Der Energiegehalt von 1 kg CNG entspreche jenem von 1,33 l Diesel. Entsprechend weniger Kraftstoff in Kilogramm benötigen die mit CNG betriebenen Motoren: „Wenn der Diesel-Lkw bei uns 30 Liter verbraucht, verbraucht der CNG-Lkw 26 Liter“, erläutert Björn Göser.

Der Tankvorgang ist unkompliziert, sicher und dauert nur wenige Minuten.

Motorcharakteristik steht Diesel in nichts nach

Für Thießen und Göser ist der Betrieb des CNG-Lkw und des Me­thanschleppers eine Rechnung, die in vielerlei Hinsicht aufgeht – auch mit Blick auf die Motorcharakteristik: „Das Ansprechverhalten des Methantraktors steht einem dieselbetriebenen Schlepper in nichts nach“, schildert Göser. Der Motor laufe sogar etwas leiser. Im alltäglichen Betrieb sei praktisch kein Unterschied feststellbar und eine Umgewöhnung nicht notwendig. Einziges Manko: das Tankvolumen. „Unter Volllast, etwa vor einer Kreiselegge, ist der Tank nach fünf bis sechs Stunden leer“, schildert Thießen. Dies sei aber nicht das Hauptarbeitsgebiet. In der Gemüseproduktion könne der Schlepper beispielsweise tagelang im Standgas vor einem Erntewagen herfahren oder längere Zeit einfache Arbeiten verrichten. Das Auftanken dauere bei leerem Tank etwa 10 min, sei kinderleicht und sicher. Eine Tankinfrastruktur sollte für einen wirtschaftlichen Betrieb allerdings vorhanden beziehungsweise in der Nähe sein. Bei angebautem Front-Extender-Tank könne zudem kein Frontlader verbaut werden. Für Thießen sind „das eben die Kompromisse, die man eingeht“.

Die Erdgastankstelle auf dem Hof ist mit einem Anfahrschutz gegen Beschädigung gesichert. Auf dem Gemüsebaubetrieb sind viele Fremd-Lkw unterwegs.

Laut New Holland verringere sich beim Me­than­gasschlepper der Ausstoß gegenüber den Grenz­werten der Abgasnorm Stufe V bei CO um 75 %, bei NMHC (NonMethane Hydrocarbon) um 90 %, PM (Particulate Matter, besser bekannt als Feinstaub) um 98 %, NOx (Stick­oxide) um 62 % und zudem bei CO2 um 10 bis 15 %. Vorteile ergäben sich auch in Bezug auf Abgasnachbehandlung und Wartung: So seien etwa keine Abgasrückführung, kein Dieselpartikelfilter und keine aktive Regeneration notwendig. Ein einfacher Dreiwegekatalysator reiche aus, um die Abgasnorm der Stufe 5 zu erfüllen.

Ole Nagel, Verkäufer für Neu- und Gebrauchtmaschinen bei der Firma Wüstenberg Landtechnik in Börm, verweist zudem darauf, dass diese Werte ohne den Zusatz von industriell hergestelltem AdBlue erzielt würden. Gerade mit Blick auf steigende Preise oder eine stockende Versorgung sei dies ein interessanter Aspekt. Derzeit werde im T6.180 Methan Power das ElectroCommand-Getriebe verbaut. Hersteller New Holland arbeite daran, dem Methanschlepper auch ein stufenloses Getriebe zu verpassen und in Zukunft andere Motorengrößen auf den Markt zu bringen.

Der Front-Extender-Tank beherbergt drei je 90 l fassende Gastanks quer zur Fahrtrichtung. Zusammen mit den sieben direkt am Schlepper verbauten, 185 l fassenden Tanks ergibt sich ein Gesamtvolumen von 455 l.

Förderung wünschenswert

Um einen Motivationsschub zu geben, in derartige Technik zu investieren, halten Björn Göser und Leve Thießen eine zukünftige Förderung der gesamten Anschaffungssumme für wünschenswert. Zuletzt hätten Förderprogramme lediglich 40 % auf die Differenz zur Anschaffungssumme eines dieselbetriebenen Schleppers beigesteuert. „Der CNG-Schlepper würde sich im Investitionsprogramm Landwirtschaft als nachhaltige und innovative Technik gut wiederfinden“, ist Thießen überzeugt. Den jüngst eingeschlagenen Weg, praktikable Alternativen zum Diesel zukünftig auf noch breiterer Basis zu nutzen, wollen die jungen Betriebsleiter in jedem Fall weiterverfolgen.

SHMF-Empfang in Berlin

Mit knapp 1.000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur war der Empfang des Ministerpräsidenten zum Schleswig-Holstein-Musikfestival (SHMF) in der Landesvertretung in Berlin so gut besucht wie selten zuvor. Kein Wunder, musste doch in den vergangenen beiden Jahren coronabedingt auf das beliebte kulturelle Gartenfest im Herzen der Hauptstadt verzichtet werden. Die Freude über das lang ersehnte persönliche Wiedersehen prägte zusammen mit dem ausdrucksvollen Auftaktkonzert und dem vorsommerlichen Ambiente den Abend. Im Garten präsentierten Gütezeichen-Erzeuger und -Erzeugerinnen heimische Produkte wie Lammspezialitäten aus Viöl, Holsteiner Katenschinken, Glückstädter Matjes, Fördegarnelen und Räucherkarpfen sowie zahlreiche Spezialitäten der KäseStraße.

„Ich verlasse mich auf Fleiß statt Glück“

Es war eine der schönsten Überraschungen des diesjährigen Hamburger Spring-Derbys: Nach 47 Jahren siegte erstmals wieder eine Frau – und dann noch eine gebürtige Hamburgerin, die in Schleswig-Holstein lebt. Cassandra Orschel konnte es kaum fassen, als sie das blaue Band umgelegt bekam. Doch wer ist eigentlich diese Reiterin, die das schwerste Springen der Welt für sich entscheiden konnte?

Cassandra Orschel ist gebürtige Hamburgerin, reitet aber seit fünf Jahren für Polen, die Heimat ihrer Mutter, und lebt in Schleswig-Holstein. Ihre Turnierkarriere als erfolgreiche Ponyreiterin startete sie 2001 und wurde bereits fünf Jahre später Deutsche Meisterin der Pony-Springreiter.

Als sie auf Großpferde umstieg, ging die Erfolgsserie weiter. Zu ihren jüngsten Erfolgen gehört unter anderem der Titel der Landesmeisterin 2020. Auch in diesem Jahr hat sie schon ihr Können unter Beweis gestellt: „Besonders stolz bin ich auch auf meinen zweiten Platz in der Qualifikation zum Großen Preis von Herning in Dänemark. Das fühlte sich nach der langen Corona-Pause wie ein echtes Comeback an“, erzählt sie und fügt hinzu: „Toll war auch das Turnier in Leipzig. Zwei Nullrunden bei so starker Konkurrenz abzuliefern und Dritte zu werden, das war schon ein besonderer Tag für mich.“

Der Weg zum Erfolg ist in ihrem Fall ein eher ungewöhnlicher. Oft steht hinter den jungen Topreiterinnen eine pferdebegeisterte Familie mit eigenem Stall oder eigener Zucht. Doch Cassandra Orschel kann sich nicht auf eine reiterliche Rückendeckung ihrer Eltern stützen: „Meine Mutter und mein Vater haben gar nichts mit Pferden zu tun“, sagt sie. „Aber natürlich stehen sie mir in meiner sportlichen Karriere bei, wo sie nur können.“

Alles allein geschafft

Mittlerweile hat sie eine Sponsorin: die Firma Fundis Reitsport. Die Ausstatterin unterstützt neben Orschel nicht nur hochkarätige Turnierreiter und -reiterinnen wie Julia Krajewski oder Ludger Beerbaum, sondern auch die Showreiterin Kenzie Joana Dysli, die in diesem Jahr die Hauptrolle bei Cavalluna spielt.

Cassandra Orschel ist gebürtige Hamburgerin und lebt in Schleswig-Holstein. Auf ihrem Weg zum Erfolg verlässt sie sich lieber auf ihren Fleiß als auf das Glück. Foto: Jendrik Rehpenning

Was an der sympathischen Blondine auch noch außergewöhnlich ist: Eine echte Ausbilderin oder Förderin, die sie über Jahre begleitet, hatte sie nie. „Ich habe mir eigentlich immer alles selbst beigebracht und erarbeitet“, erklärt sie ihren Erfolg. „Das ist auch etwas, worauf ich wirklich stolz bin: dass ich so viel allein geschafft und erreicht habe. Früher habe ich noch als Glücksbringer immer 13 Zöpfe in die Mähnen meiner Pferde geflochten. Heute muss ich mich nicht mehr auf Glück allein verlassen, sondern sehe, dass mein Motto ‚Ohne Fleiß kein Preis‘ mich wirklich weiterbringt.“

Seit 2016 sitzt Cassandra Orschel quasi Vollzeit im Sattel. Zurzeit hat sie ihre Pferde in Sehestedt, Kreis Rendsburg-Eckernförde, auf dem Hof der Familie Ahlmann, mit deren Sohn Paul sie liiert ist. Wenn sie mal den Stall verlässt, geht sie gern shoppen, ins Fitnessstudio oder genießt die Zeit mit ihrer Familie, ihrem Freund und ihren zwei Hunden. „Die alle sind mit den Pferden das Wichtigste in meinem Leben“, sagt die 29-Jährige.

Trotz Steigens gekauft

Ihre Pferde bilde sie übrigens alle selbst aus, auch ihr Derby-Siegerpferd Dacara E. Die Stute besitzt sie schon seit sechs Jahren und hat sie nach einem schwierigen Start langsam und vorsichtig aufgebaut. „Beim Probereiten ist Dacara sogar ein paar Mal gestiegen“, erinnert sich Orschel. „Das war vor sechs Jahren auf der Holsteiner Frühjahrs­auktion. Aber ehrlich gesagt war ich von Anfang an in sie verliebt – ich habe eine große Schwäche für Fuchsstuten.“

Die Cancara-Caretino-Tochter aus der Zucht von Gerd Eggers aus Stadum, Kreis Nordfriesland, war eigentlich nicht für den Derby-Ritt geplant. „Aber sie hat mir im Training so viel Sicherheit gegeben, dass ich es einfach probieren wollte“, so die Reiterin.

Als Siebte ging Orschel an den Start und blieb lange Zeit mit nur einem Abwurf auf Rang eins. „Das freut mich natürlich, aber es kommen ja noch sehr starke Reiter“, sagte sie in der Pause ganz gelassen dem NDR. Doch auch die Konkurrenz, Sandra Auffarth und Frederic Tillmann, kassierte je vier Strafpunkte, genau wie der dreifache Derby-Sieger André Thieme. Im Stechen ritt Cassandra Orschel die einzige Nullrunde und gewann so vor 20.000 Zuschauenden das 91. Deutsche Spring-Derby. „Am meisten war ich gerührt, als mir Fränzchen Bockholt gratulierte“, gibt die Siegerin zu. „Wir beide hatten Tränen in den Augen.“ Nun steht der Name Cassandra Orschel auf der Liste der Derby-Sieger und -Siegerinnen, gemeinsam mit Legenden wie Ludger Beerbaum, Achaz von Buchwald und Fritz Thiedemann. Deutsche Meisterin war man mal, Derby-Siegerin bleibt man für immer.