Neben seiner normalen Arbeit als Sattler hat sich Tobias Wedemeyer aus Kirchbarkau, Kreis Plön, eingehend der Optimierung von Sätteln gewidmet. Angetrieben durch den Wunsch, jedem Pferd einen passenden Sattel bieten zu können, experimentierte er, entwickelte Prototypen, baute Sättel und beschäftigte sich eingehend mit Armeesätteln.
„Ich bin einfach zu der Ansicht gekommen, dass es nötig ist“, sagt Tobias Wedemeyer auf die Frage, warum er ein Buch zum Thema Sattel geschrieben hat. „In den vergangenen Jahren habe ich sehr viel mit Sätteln experimentiert.“ Er habe umgebaut, Tragflächen verändert, die Auswirkungen auf das Pferd überprüft und wieder nachjustiert. Ähnlich sei er mit Pauschenformen und deren Einfluss auf den Sitz des Reiters verfahren. Dabei habe er viel gelernt.
In den 16 Jahren seiner Tätigkeit als Sattler wurden ihm viele Pferde mit hartnäckigen Problemen vorgestellt. „Es gibt Dinge, die man am Sattel verändern kann, sodass diese Probleme komplett verschwinden“, weiß er heute. Dabei habe er die Erfahrung gemacht, dass man bei Pferden mit „schwieriger“ Sattellage mit dem englischen Sattel schnell an Grenzen stoße, ebenso mit Westernsätteln, baumlosen Sätteln und den meisten anderen Sattelkonzepten. Inzwischen zweifelt er grundsätzlich am englischen Sattel.
Dabei hat er selbst sein Handwerk im Bau englischer Sättel gelernt und über viele Jahre diese Sättel bearbeitet, ohne ihre Bauweise grundsätzlich infrage zu stellen. „Man neigt dazu, das Bekannte und allgemein Gebräuchliche als richtig zu akzeptieren. Außerdem geht man davon aus, dass ein Produkt, das von allen großen Herstellern mit nur geringen Abweichungen produziert wird, wohl sehr ausgereift sei“, sagt er.
Während seiner Forschung stieß Wedemeyer auf alte Armeesättel und stellte fest, dass bei diesen damals schon alles vorhanden war, was er heute vermisst: „Die waren viel weiter entwickelt als die heutigen Sättel. Das wusste ich nicht und es wissen anscheinend auch wenige Reiter.“ Armeesättel wurden bis 1945 gebaut und verschwanden danach langsam aus der Reiterszene, ebenso das Wissen darum. Der englische Sattel setzte sich durch. „Dafür gibt es keine sachliche Erklärung“, so Wedemeyer. Einige Armeesättel der Kavallerie seien noch übrig geblieben, viele auf Bauernhöfen. In den 1970er Jahren habe es noch einige in Schulbetrieben gegeben. Heute hätten nur noch einige Distanz- und Wanderreiter solche Exemplare.
Pferden das Leben erleichtern
Wedemeyer fing an, die alten Sättel wieder aufzuarbeiten und sie an Kunden weiterzugeben. Als Nächstes baute er nach dem gleichen Prinzip eigene Sättel und begeisterte sich immer mehr für das Thema. „Es war deutlich mehr Luft nach oben, als ich gedacht hatte“, sagt der 43-Jährige und fügt hinzu: „Da steckt so viel Potenzial drin, aber keiner weiß es.“ Denn alle durch Umbauten am englischen Sattel erzielbaren Verbesserungen seien tatsächlich im Armeesattel bereits vorhanden oder ließen sich leicht nachrüsten. Darüber hinaus habe der Armeesattel Vorzüge, die sich an englischen Sätteln leider nicht nachträglich erreichen ließen.
Seine Entdeckungen wollte er unbedingt bekannt machen. Dabei gehe es ihm nicht darum, Sättel zu bewerben und zu verkaufen, vielmehr wolle er über die Thematik aufklären, um Pferden das Leben leichter zu machen. Daher schrieb Wedemeyer eine Analyse darüber, welche technischen Mängel bei englischen Sätteln bestünden. „Es geht schon beim Konzept los. Das Problem liegt nicht beim einzelnen Fabrikat, sondern die Sättel haben grundsätzliche Mängel“, meint er. Die Auswirkungen zeigten sich überwiegend bei Pferden mit höherem Widerrist, wozu viele der modernen Pferde gehörten. „Das kann kurzfristig zu Unwohlsein, langfristig sogar zu gesundheitlichen Problemen beim Pferd führen.“
Belastung großflächig verteilen
In seinem Buch sind auch Fachbeiträge von Tierärzten und osteopathisch arbeitenden Tierärzten enthalten, zum Beispiel von Simone Lafrenz aus Hummelfeld, Kreis Rendsburg-Eckernförde. Sie schreibt gleich zu Anfang: „Natürlich gibt es schon eine ganze Reihe guter Literatur zum Pferdesattel, jedoch kaum Abhandlungen über die fehlende Widerristfreiheit und die drastischen Auswirkungen auf die Halswirbelsäule.“ Genau das ist Wedemeyers Thema.
„Grundsätzlich sollte jeder Sattel die auftreffende Last dort verteilen, wo sie das Pferd nicht stört“, erklärt er. Denn das frei bewegliche Pferd verfüge über natürliche Bewegungsabläufe, die sich aus seiner Anatomie und Biomechanik ergäben. Werde das Pferd durch das Aufbringen eines Reitergewichts belastet, so müsse es dieses Gewicht zusätzlich zu seinem eigenen tragen und balancieren. Dadurch werde es in seiner Beweglichkeit zwangsläufig eingeschränkt.
„Ziel von Gestaltung und Anpassung des Sattels sollte daher sein, das Ausmaß der Bewegungseinschränkung so gering wie möglich zu halten, damit das Pferd auch unter dem Gewicht des Reiters seine natürlichen Bewegungen ausführen kann, sein Körper weiterhin seiner Anatomie entsprechend korrekt belastet wird und es keinen gesundheitlichen Schaden erleidet“, erklärt Wedemeyer. Dazu habe der Sattel zunächst die Aufgabe, die einwirkende Belastung aufzunehmen und möglichst großflächig zu verteilen, um den Druck auf die Muskulatur des Pferdes gering zu halten und dadurch die Beeinträchtigung der Muskeltätigkeit zu minimieren.
Zu diesem Zweck hat der Sattel einen Baum. Er nimmt das Reitergewicht und den Gurtzug auf und gibt diese über das Kissen verteilt an das Pferd ab. „Wo Sattelbaum und Kissen sich überdecken, funktioniert das“, schränkt Wedemeyer ein.
Bei englischen Sätteln werde der Sattelbaum aber in der vorderen Hälfte relativ schmal gehalten. Diese Taillierung erfolge mit der Begründung, dass der Reiter so einen besseren Sitz am Pferd habe. Im Ergebnis aber liege der größte Teil der Auflagefläche des Kissens neben dem Baum und trage so kein Gewicht. „Das eher schmale und kurze Kopfeisen kann mit seiner nur kleinen Tragfläche diesen Mangel nicht ausgleichen, folglich kommt es zu einer erhöhten Druckbelastung“, erklärt Wedemeyer.
Die Tendenz in der Entwicklung des Sattelbaus gehe immer weiter in diese Richtung, angeblich zur Verbesserung der Schulterfreiheit. Aber auch wenn ein englischer Sattel grundsätzlich korrekt liege, also Schwerpunktlage, Kammerweite und Länge stimmten, das Kissen gleichmäßig aufliege und kein Kippen oder Rutschen auftrete, komme es durch diese Taillierung dennoch zu Problemen in der Vorhandmuskulatur hinter der Schulter des Pferdes.
Unterlage ist nicht tragfähig
Dann entstehe leicht der Eindruck, die Ursache für den entstehenden Druck liege in einer zu geringen Kammerweite. „Das dann oft in Ermangelung besseren Wissens empfohlene Weiten einer scheinbar zu engen Kammer ist jedoch schädlich“, kritisiert Wedemeyer und erklärt: „Der dann zu weite Sattel sackt vorn ab, verlegt damit das Reitergewicht zu weit nach vorn und erhöht so die Belastung in der Vorhandmuskulatur, anstatt sie zu senken.“ Man erreiche also das genaue Gegenteil des Beabsichtigten.
Es sei auch ein Irrglaube, dass eine zusätzliche dicke Unterlage die Gewichtsverteilung verbessern könne. „Die Unterlage stellt keine tragfähige Struktur dar, die sich über die Tragfläche des Sattels hinaus erstreckt. Daher kann sie auch kein Gewicht aufnehmen und in einer größeren Fläche verteilen als der Sattel selbst“, so Wedemeyer. Bilde der unpassende Sattel einen Druckpunkt am Pferd, könne die Unterlage lediglich die Schärfe der Druckwirkung in der unmittelbaren Umgebung des Druckpunktes etwas mildern, sodass das Pferd zunächst entspannter laufe.
Viele Sattelhersteller werben mit „extra breiten Kissen“ und meinen, damit das Problem zu umgehen. „Aber wenn ich ein breites Kissen unter einen schmalen Baum baue, hilft es nicht“, sagt Wedemeyer. Ihn interessiert vor allem die Tragfläche, also der Bereich, in dem das Gewicht wirklich verteilt wird. Daher begeistert er sich so für den Armeesattel, denn hier sei der Baum wesentlich breiter und das Kopfeisen länger. Dabei sei der optische Unterschied gar nicht so groß.
Bei Turnieren nach der Leistungsprüfungsordnung (LPO) seien nur englische Sättel zugelassen. „Leider ohne sachliche Begründung“, kritisiert Wedemeyer. Eine Einschränkung sei sicherlich sinnvoll, um Sättel auszuschließen, die Sicherheitsanforderungen nicht erfüllten. So sei bei den alten Armeesätteln beispielsweise keine Sturzfeder am Steigbügelriemen verbaut. Dies könne aber einfach nachgerüstet werden.
Der Einsatz von anderen Sätteln auf Turnieren liege im Ermessen des Richters. Aber Tobias Wedemeyer fragt sich, warum das so ist. Für ihn ist ein passender Sattel tierschutzrelevant. Daher ist das Buch für ihn ein hochemotionales Anliegen und beginnt mit dem Satz: „Gewidmet all den armen Pferden, die täglich unterm Sattel leiden; es kann für sie nur besser werden, wenn Reiter Wissen nicht mehr meiden.“



