„Ein siebenjähriger Junge wusste nicht, dass es Kühe gibt: ,Die Milch kommt bei Rewe aus der Kühltruhe‘, sagte er.“ Das Erlebnis machte die Bäuerin und Lehrerin Janina Schöttler sehr traurig. Die Kluft zwischen Landwirten und Nichtlandwirten zu überwinden und Wissen über die Nahrungsproduktion an den Schulen zu vermitteln, dazu haben Landwirtschafts- und Bildungsministerium eine Bildungsoffensive gestartet. Auf der Lehrerveranstaltung im Rahmen der Norla wurde sie vorgestellt.
„Auch meine Nachbarin im Dorf weiß nicht, wie ich meine Kühe halte“, gestand Klaus-Peter Lucht, Bauernverbandspräsident und Milchviehhalter in Mörel im Kreis Rendsburg-Eckernförde, in seinem Grußwort. Wie die Diskrepanz zwischen Landwirten und Nichtlandwirten überwunden werden kann, darüber diskutierten in der Deula-Halle in Rendsburg die beiden Staatssekretärinnen Anne Benett-Sturies vom Landwirtschaftsministerium (MLLEV) und Dr. Dorit Stenke vom Bildungsministerium (MBWK), die Lehrstuhlinhaberin für Ernährung und Hauswirtschaft und ihre berufliche Didaktik an der Europa-Universität Flensburg, Prof. Birgit Peuker, und die erwähnte Landwirtin und Grundschullehrerin Janina Schöttler aus Neversdorf im Kreis Segeberg. Die Moderation hatte der Bauernblatt-Redakteur Dr. Robert Quakernack, über das Konzept der Bildungsinitiative führte er ein Interview mit Anne Benett-Sturies.
Nun gibt es seit Langem die Initiative „Schulklassen auf dem Bauernhof“. Was sind die Unterschiede zur neuen Bildungsoffensive? Die Referentinnen wollen die Konzepte keinesfalls in Konkurrenz zueinander verstehen: „,Schulklassen auf dem Bauernhof‘ richtet sich vor allem an Grundschüler“, erklärt Benett-Sturies. „Wir wollen Lehrkräften der Sekundarstufen I und II Wissen an die Hand geben, wie sie Landwirtschaft mit Themenfeldern aufbereiten, vor- und nachbereiten können.“ Rund 25 thematische Konzepte liegen bereits vor, weitere 33 sind in Vorbereitung, vier Fortbildungstermine für Lehrkräfte schon ausgebucht.
Landwirtschaftliche Betriebe können sich in diesem Konzept als außerschulische Lernorte qualifizieren. „Wir haben keinen Mangel an interessierten Betrieben, wir führen schon Wartelisten“, freut sich Peuker. Ein Trumpf ist, dass Landwirtschaft Bezug zu fast allen Schulfächern hat und wunderbar fachübergreifend behandelt werden kann. Zugleich betonen die Referentinnen, dass es eine Fokussierung auf ein bestimmtes Thema brauche, und hierin unterscheide sich das Konzept vom bisher üblichen Verfahren: „Der Bauer soll nicht seinen ganzen Hof zeigen, sondern auf eine bestimmte thematische Lerneinheit beispielhaft eingehen, die die Lehrkraft vor- und nachbehandelt“, erklärt Stenke. „Bisher hat die Lehrkraft oft wenig Steuerungsmöglichkeit gehabt. Man ging mit den Schülern auf den Hof und war gespannt, was dort passiert. Doch es geht nicht nur um leuchtende Kinderaugen und Kälberstreicheln, sondern darum, Dinge zu verstehen.“
Als Beispiel brachte Peuker das Konzept „Wunderbare Milchverwandlung“, das das Netzwerk Feinheimisch entwickelt hat. Leitfragen sind hier zum Beispiel: Wie entsteht aus Gras die Milch? Was nimmt Einfluss auf den Milchgeschmack? Wie werden die verschiedenen Milchprodukte erzeugt? Welche Berufe gibt es auf einem Milchviehbetrieb?
Auf dem Betrieb werden dazu Etappen der Milchverarbeitung gezeigt, etwa die Herstellung von Käse, es wird Tierwohl von Milchkühen veranschaulicht oder die Berufsfelder entlang der „Milchkette“ vorgeführt. Dazu gibt es Vor- und Nachbereitung im Unterricht. „Das ganze Konzept passt auf eine Din-A4-Seite“, so Stenke. – „Es ist toll, dass Schulen und Betriebe so etwas an die Hand bekommen“, findet Lehrerin Schöttler: „An Beispielen versteht man etwas und lernt nicht nur etwas auswendig.“
Als bedauerlich wurde allseits die geringe Beteiligung an dieser Veranstaltung empfunden – nur rund 100 Teilnehmer, davon etwa 30 Lehrende! Vom Landjugendvorsitzenden Tajo Lass nach den Gründen gefragt, wurde mehrfach geäußert, man habe nur zufällig oder durch Mundpropaganda davon erfahren. Die Referentinnen versprachen, künftig zur besseren Verbreitung beizutragen. Janina Schöttler: „Schule muss sich öffnen!“




