Unter dem Motto „Bleib in Bewegung“ trafen sich 80 Klauenpfleger, Tierärzte, Landwirte und Interessierte zur jährlich stattfindenden Sommertagung Klaue des Landwirtschaftlichen Bildungszentrums (LBZ) Echem. Dies bildete zugleich den Rahmen für die Abschlussveranstaltung des EIP-Projektes „Claw Condition Score – natürlich fett gepolstert“.
Das Fettpolster in der Klaue dient der Federung beim Gehen – ähnlich einer guten Dämpfung in einem Laufschuh. Ziel des EIP-Projektes ist es, einen Managementansatz zur Früherkennung von Lahmheit zu entwickeln. Die Projektgruppe setzte sich zusammen aus den drei Lehrinstitutionen Tierärztliche Hochschule Hannover, Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und Landwirtschaftliches Bildungszentrum Echem, einer Tierarztpraxis und drei Praxisbetrieben. Luise Köpke, Fachreferentin Klaue der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Projektkoordination, sowie Dr. Andrea Fiedler, Praxisgemeinschaft für Klauengesundheit, stellten das Projekt vor und präsentierten die bis dato gewonnenen Ergebnisse.
Blutproben ausgewertet
Während der gut dreijährigen Projektlaufzeit wurden 700 Untersuchungen an 80 Tieren durchgeführt. Dabei wurden ab der ersten Besamung bis zum Ende der zweiten Laktation Blutproben entnommen, Klauenbefunde dokumentiert, die Rückenfettdicke ermittelt, das Gewicht festgestellt sowie die Größe des Fettpolsters in der Klaue bestimmt. Anhand der erhobenen Daten konnte bisher festgestellt werden, dass mithilfe eines „normalen“ Ultraschallgerätes für Fruchtbarkeitsuntersuchungen keine zuverlässigen Aussagen über die Größe des Fettpolsters getroffen werden können. Ein auffälliges Nebenergebnis hat ergeben, dass viele der Versuchstiere einen erhöhten Hämatokritwert aufwiesen, welcher auf Hitzestress beziehungsweise auf eine suboptimale Wasserversorgung hindeutet.
Die Ergebnisse zeigten: Das Fettpolster verändert sich im Laufe der Laktation, sodass der Federmechanismus unterschiedlich stark wirken kann. Nachdem das Fettpolster zu Beginn der Laktation schrumpft, erholt es sich im Anschluss wieder. Die Auswertung der erhobenen Daten ist noch nicht abgeschlossen, sodass weitere Ergebnisse zu erwarten sind.
Wer rastet, der rostet
Das Motto der Tagung zog sich als roter Faden durch alle Vorträge und Workshops. Auch die Teilnehmenden blieben stets in Bewegung, ob im eigenen Denken oder physisch zwischen Begleitmesse, Workshops und den Vorträgen. „Wer rastet, der rostet“ heißt es im Volksmund.
Auf dieser Weisheit baute Prof. Jenny Stracke, Institut für Tierwissenschaften an der Universität in Bonn, ihren Vortrag „Arteigenes Bewegungsverhalten im Haltungssystem erhalten?“ auf. Sie erklärte, dass durch den Menschen angeregte Bewegung bei Rindern, zum Beispiel in Form einer Führanlage, einen positiven Einfluss auf den Organismus habe. Dabei nehme die Zahl der roten Blutkörperchen zu, und die Herzfrequenz sinke. Außerdem verbessere sich der Herz-Kreislauf. Neben einem angestiegenem Fortpflanzungserfolg verringerten sich abkalbungsassoziierte Erkrankungen, was durch positive Einflüsse von Bewegung auf den Fettstoffwechsel in der Leber beeinflusst werde. So sei der Anteil freier Fettsäuren bei Kühen mit höherem Body Condition Score in den ersten Wochen nach der Abkalbung deutlich reduziert. Stracke veranschaulichte, wie Bewegungsreize in der Pferdehaltung platziert werden und was davon in die Rinderhaltung übertragen werden könne.
Lahmheit erkennen
„Wie bleiben unsere Tiere auch zukünftig in Bewegung?“ Dieser Frage widmete sich Prof. Kerstin Müller, Klinik für Klauentiere der Freien Universität Berlin, in ihrem Vortrag „Automatisierte Lahmheitserkennung – Wohin läuft die Zukunft?“. Für eine automatisierte Lahmheitserkennung müssen Kriterien zur Bestimmung von Lahmheit festgelegt werden. Hierzu lässt sich der Locomotion Score heranziehen: Anhand Schrittlänge, Rückenlinie, Kopfbewegungen beim Gehen und Belastung der Gliedmaßen lasse sich unterscheiden, ob ein Tier nicht lahm oder über vier weitere Abstufungen hochgradig lahm sei. Auf Basis dieser Kriterien können automatisierte Systeme anhand von Sensoren am Bein, Druckplatten, akustischer Sensorik oder visueller Erfassung bestimmen, ob Tiere einen unnormalen Gang haben. Es wurde das neue visuelle System Cattle Eye vorgestellt, das zuverlässig behandlungswürdige Tiere erkenne.
Durch die Augen einer Kuh
Am Nachmittag konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen fünf Workshops auswählen: Bei Prof. Johann Maierl, LMU München, und Dr. Andrea Fiedler wurden die Ergebnisse des EIP-Projektes mithilfe von Totklauen sowie Ultraschalluntersuchungen am lebenden Tier demonstriert. Bei Lara Auer, Firma Noone, hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, den Chairless Chair zur Entlastung des Rückens am Klauenpflegestand auszuprobieren. Im Workshop von Prof. Kerstin Müller wurde der Locomotion Score anhand von verschiedenen Tieren in der Bewegung beurteilt. Franziska Biebe, veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig, demonstrierte mithilfe der Klauenpresse die Wirkung unterschiedlicher Bodenbeläge auf die Klaue. Während des Workshops bei Dorothea Hagemann, Lehrwerkstatt Rind am LBZ Echem, hatten die Teilnehmenden dank der Kuhbrille die Möglichkeit, den Zutrieb und Klauenpflegestand durch die Augen einer Kuh zu sehen.




