Steinzeitcamp, Wikingerstadt oder Mittelaltermarkt – lebendige und weitgehend historisch korrekte Darstellungen früherer Zeiten üben eine große Anziehungskraft auf viele Menschen unserer Gegenwart aus, besonders wenn Aktionen zum Mitmachen angeboten werden: Töpfern, Feuermachen, Bogenschießen. Was macht diese Faszination aus? Entspringt sie vielleicht einer romantischen Sehnsucht nach vermeintlich guten alten Zeiten?
„Ob Steinzeit, Eisenzeit oder Mittelalter ist mir nicht wichtig. Ich möchte langwierige handwerkliche Prozesse mit meinen Händen vollziehen und dabei runterkommen – slow down“, sagt Yaniv aus Israel. Er nahm an dem Camp „lebendige Steinzeit“ teil, das im Archäologisch-Ökologischen Zentrum in Albersdorf stattfand. Eine Woche lang machten sich dort 40 bis 50 Menschen mit damaligen Handwerkstechniken, Materialien und Nahrungsmitteln vertraut – was allerdings nur annähernd möglich ist (siehe Bericht).
Szenenwechsel ins Bergland im Schweizer Tessin. Auf der Cooperativa Pianta Monda, 100 Höhenmeter Fußmarsch über dem letzten Dorf, werden „Rustici“ – im frühen 20. Jahrhundert verlassene Hütten – und Pflanzterrassen rekultiviert. Man imitiert dort zwar nicht die Steinzeit, hat sich aber ebenfalls „einfach leben“ zum Ziel gesetzt. Moderne Technik wie Solarkocher und Kettensäge werden genutzt, aber man ist bestrebt, Ressourcen zu schonen, und experimentiert auch hier mit alten Handwerkstechniken. „Es ist erstaunlich, wie viel Arbeit das tägliche Leben auf diese Weise macht“, sagt eine Frau, die eine Woche als Helferin dort war. Unter anderem habe ihr der viele Rauch der Holzöfen zu schaffen gemacht.
Ein solches Streben nach Mühsamkeit erscheint manchen unverständlich oder gar unsinnig. Gerade das bäuerliche Leben war in früheren Zeiten unglaublich hart, und wer das noch kennt, ist froh über unsere „Segnungen der Zivilisation“.
Doch es ist wohl falsch verstanden, Steinzeitdörfer und Berg-Kooperativen als Modell für eine nachhaltigere Gesellschaft zu sehen. Vieles, ja das meiste ist nicht im großen Maßstab übertragbar. Allein dass auf Pianta Monda große Mengen Holz zum Heizen und Kochen für die zehn wiederhergestellten Rustici gebraucht werden (große Lager sind angelegt und werden beständig aufgefüllt) ist vor Ort nicht schlimm, da genug im Bergwald herumliegt – zur Versorgung größerer Siedlungen wäre es ein eklatanter Raubbau.
Und doch liegt ein tiefer Sinn und für manchen gar eine Erfüllung in solchen Tätigkeiten. „Ich tauche daraus hervor wie aus einem wohltuenden Bad“, hat ein älterer Teilnehmer an solchen Aktionen gesagt. Vielleicht ist es das Erleben grundlegender Tätigkeiten, die Erdung im Einfachen, der wenn auch zeitweise Verzicht auf Überflüssiges – das „Slow down“, von dem Yaniv spricht. Es stärkt das Gefühl und das Bewusstsein seiner selbst. Man sollte nur kein praktisches Zukunftsmodell daraus machen.




