„Klimaschutz, Moorschutz, Biodiversität: Ansprüche und Angebote“ lautete das Thema der traditionellen Begegnung Landwirtschaft und Kirche, die dieses Jahr in Rendsburg stattfand. Im Gespräch versuchte man, dem komplexen Thema gerecht zu werden und Gemeinsamkeiten zu finden.
Die Veranstaltung begann mit einer Andacht in der Rendsburger Christkirche. Bischof Gothard Magaard nahm den Psalm 104 zum Anlass, der die Schönheit der Schöpfung preist. „Die über 2.000 Jahre alten Verse drücken Dankbarkeit für die Früchte der Erde aus, und dies in einem kargen Wüstenland mit nur wenigen Oasen. Gute Bedingungen für das Wachsen und Gedeihen sind keine Selbstverständlichkeit“, betonte er und schlug die Brücke zu Herausforderungen des Klimawandels mit zunehmenden Wetterkatastrophen.
Christliche Werte
Eine theologische Brücke schlug bei dem anschließenden Austausch im Detlef-Struve-Haus auch Dr. Lennart Schmitt, Leiter der Umweltabteilung des Bauernverbandes Schleswig-Holstein (BVSH) und engagiert im Kirchengemeinderat Segeberg. „Wachstum und Gedeihen liegen in des Herren Hand. Viele Landwirte orientieren sich an christlichen Werten. Sie erleben die Angewiesenheit auf das, was die Bibel einen Segen nennt.“ Dort seien Wertschätzung, Wertschöpfung und Werterhaltung verankert. Ein Landwirt befinde sich heute in einem Spannungsfeld zwischen Ressourcenknappheit, Klimatauglichkeit und Ernährungssicherheit. Er sei dabei zugleich Verursacher, Betroffener und Problemlöser.
Gegensätzliche Haltungen
Dies übertrug der Koreferent Dr. Jan Menkhaus vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA), zudem studierter Agrarwissenschaftler, ins Konkrete. Die Belastbarkeit der Erde sei insbesondere bei Stickstoffkreislauf, Artensterben und Klimabelastung überschritten. Er trug Kernforderungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in ihrer Agenda 2030 vor, darunter die nach einer nachhaltigen Landwirtschaft mit kleinbäuerlichen Familienbetrieben, deren Produktivität und Einkommen vergrößert werden sollen, ohne den Druck auf die Ökosysteme zu erhöhen.
Bei der Frage nach dem Weg dorthin stünden sich gegensätzliche Haltungen diametral gegenüber: Die einen geben der „industriellen Landwirtschaft“ Schuld an den Missständen, die anderen verweisen auf bessere Nachhaltigkeit und effizientere Technik in der Landwirtschaft sowie auf Ernährungssicherheit. „Wenn ich sagen würde: ,Feuer frei!‘, hätten alle eine Meinung dazu. Diese Gegensätze haben wir auch innerhalb der Kirche“, sagte Menkhaus
Plastisch drückt dies das Ergebnis einer Befragung aus: Landwirte sehen in der Gesellschaft den ökologischen Aspekt stark über- und den ökonomischen stark unterbewertet. Für Verbraucher hingegen ist es umgekehrt. Den sozialen Aspekt sehen beide als leicht unterbewertet. Menkhaus: „Da nähert man sich an, das könnte ein Ansatz der Kirche sein.“
Zu wenig oder zu viel Zeit?
Dietrich Pritschau, Vizepräsident des BVSH, der zusammen mit Generalsekretär Stephan Gersteuer die Veranstaltung moderierte, mahnte zu Demut vor der Komplexität der Aufgabe. „Manchmal ist mir zu viel Hauruck. Wir brauchen Fakten, und die brauchen Zeit. Auch die Menschen brauchen Zeit, um sich umzustellen.“ – „Mir geht es manchmal zu langsam“, konterte Menkhaus, und Kirsten Wosnitza, Milchbäuerin aus Nordfriesland, bekräftigte: „Wir haben schon sehr viele Fakten, mit denen sollten wir ins Handeln kommen.“
Dass Menkhaus den „Schönewalder Weg“ in Ostholstein als beispielhaft für die Verständigung zwischen Landwirten und Kirche als Verpächterin pries, weckte den Widerspruch von Holger Schädlich, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands (KBV) Ostholstein: „Dieser Prozess war ganz schön schwierig, als Ergebnis wurden nur kleine Flächen an Bionebenerwerbslandwirte verpachtet.“ Aufmerken im Saal war zu spüren, als Menkhaus erklärte, die Kirche sei bereit, für die Wiedervernässung von Mooren auch Flächen zu tauschen – die Stiftung Naturschutz verweigert dies bisher.
BVSH-Generalsekretär Gersteuer betonte, dass der Umbau der Tierhaltung immense Mittel erfordere, die gegenwärtig die Politik nicht aufbringen wolle – Stichwort Auflösung der Borchert-Kommission. Dennoch müsse man unabhängig vom Verbrauer eine Finanzierung ermöglichen. „An der Theke kauft man ein Produkt und nicht Klimaschutz. Und in Zeiten knapper Kassen greifen manche erst recht zu Billigprodukten.“ – „Es kann nicht das Ziel sein, auf Förderungen zu schauen, wir müssen auf dem Markt bestehen“, entgegnete Peter Boysen vom Bioland-Verband.
Große oder kleine Betriebe?
Viel Raum in der Diskussion nahm die Frage ein, inwieweit große Betriebe nachteilig für Tierwohl seien. Mehrere Redner bestritten eine solche Zuordnung. In mancher Hinsicht seien eher kleine Betriebe überfordert, etwa hinsichtlich behördlicher Auflagen, mit denen große Betriebe leichter umzugehen verstünden, aber auch dazu gebe es keine Allgemeingültigkeit. „Gibt es überhaupt noch kleinbäuerliche Familienbetriebe?“, fragte Matthias Krüger, Propst im Kirchenkreis Rendsburg-Eckerförde (RD). – „Mir geht es nicht um die Größe, sondern um die familiengeführte Verantwortung“, präzisierte Gersteuer.
Eine bildliche Veranschaulichung brachte Julia Hermann vom Kirchenkreis RD. Als sie für ein Kind das Puzzle eines allzu idyllischen Bauernhofs gekauft hatte, stellte sie fest: „Für einen solchen Bauernhof müsste ich wohl bis nach Rumänien fahren!“




