Die Wiedervernässung von Niederungen soll einen erheblichen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele in Schleswig-Holstein leisten. Dafür ist die Entwicklung alternativer Nutzungskonzepte entscheidend. Um diesen Prozess zu unterstützen, startete das Kieler Landwirtschaftsministerium (MLLEV) mit Unterstützung des Bildungszentrums für Natur, Umwelt und ländliche Räume (BNUR) vergangene Woche Donnerstag (4. Mai) eine Veranstaltungsreihe auf der Klimafarm in Erfde, Kreis Schleswig-Flensburg.
Landwirtschaftsminister Werner Schwarz (CDU) erklärte: „Als Ministerium wollen wir mitreden, wenn es darum geht, die Niederungen zu entwickeln.“ Die Veranstaltungsreihe solle eine Plattform bieten zu diskutieren, was möglich ist. Sicher sei, dass sich die Landwirtschaft auf Veränderungen einstellen müsse. Dabei gelte es noch viele Fragen zu beantworten: „Sollen alle Flächen in den Naturschutz? Bauen wir nur noch Paludikulturen an? Was passiert mit den Werten, den Gebäuden und der Infrastruktur im ländlichen Raum?“ Ganz wichtig ist aus Sicht von Schwarz, Absatzmöglichkeiten für das Erntegut von vernässten Flächen zu finden.
Anpassungen notwendig
Dr. Thorsten Reinsch aus dem MLLEV betonte: „Bei der Entwicklung der Niederungen muss es auch um den Erhalt der Landwirtschaft gehen.“ Wertschöpfung durch Bewirtschaftung müsse möglich bleiben. Die Landwirte in der Region hätten große Erfahrung mit der Moorbewirtschaftung.
Es gebe aber neue Herausforderungen. Der Meeresspiegel steige, was die Entwässerung erschwere. Dazu kämen mehr Niederschläge im Winter und weniger Niederschläge im Sommer. Reinsch unterstrich: „Das Wassermanagement wird noch wichtiger, sowohl beim Thema Abtransport als auch bei der Haltefähigkeit.“ Er berichtete, dass in Schleswig-Holstein rund 20 % der Fläche 2,5 m unter Normalnull lägen, also als Niederungen zu bezeichnen seien. Nach Berechnungen des Ministeriums seien landesweit 85.000 ha – verteilt auf 4.000 Betriebe – besonders von den neuen Herausforderungen betroffen. Bei zirka 500 Betriebe machten Niederungsflächen mehr als 80 % der Gesamtfläche aus. Diese Betriebe seien vielfältig, was individuelle Anpassungsstrategien erfordere. Helfen soll hierbei das derzeit entstehende Kompetenzzentrum klimaangepasste Landwirtschaft des MLLEV.
Mehr Wertschöpfung in den Niederungen könne neben der Produktvermarktung durch Förderung im Rahmen der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik entstehen, so Reinsch. Eine andere Möglichkeit sei Agri-PV, zumindest in Bereichen, die nicht naturschutz- und wasserrechtlich geschützt seien. Er stellte klar: „Die Landesregierung zielt auf kooperative, freiwillige Maßnahmen.“ Es gehe nicht darum, die Milchviehhaltung zu verdrängen.
Flächentausch möglich?
Daniel Viain von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein berichtete von einer Befragung von 72 Landwirten aus dem Sorgekoog. Die überwiegend Rinder haltenden Betriebe hätten angegeben, dass nur 8 % ihrer Flächen schwer zu bewirtschaften seien, nur 2 % seien unwirtschaftlich. Zwei Drittel der Betriebe zeigten Bereitschaft zum Flächentausch. „Das ist ein Hebel, der angesetzt werden kann“, betonte Viain. Landwirte zeigten sich grundsätzlich offen, an der Entwicklung der Niederungen mitzuwirken.
Die Stiftung Naturschutz halte Flächen, die zwar theoretisch für einen Flächentausch infrage kämen. Problem ist hier allerdings laut Stiftung, dass der Flächenkauf mit einem Schutzzweck verbunden ist, der sich nicht auf andere Flächen übertragen lasse. Schwarz erklärte, dass das Ministerium, die Stiftung und die Landgesellschaft ins Gespräch kommen wollten, um Möglichkeiten des Flächentausches zu erörtern.
Fokus auf Nasswiesen
Die Projektleiterin der Klimafarm, Dr. Elena Zydek, stellte klar: „Dieses Projekt ist ein Landwirtschafts- und kein Naturschutzprojekt.“ Es gehe darum, durch Vernässung und extensive Grünlandnutzung Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Parallel würden Wertschöpfungsketten aufgebaut. Zusätzliche Arbeitsfelder seien die Entwicklung von Erntetechnik und der Wissenstransfer. Zydek erklärte: „Paludikultur funktioniert.“ Der Knackpunkt sei, was mit dem Ernteprodukt geschehe. Der Schwerpunkt in Erfde liege auf der Bewirtschaftung von Nasswiesen. Das passe nach Schleswig-Holstein und zum Landesprogramm biologischer Klimaschutz. Andere Paludikulturen wie Torfmoose, Röhrichte oder auch Erlen würden an anderen Standorten in Deutschland untersucht. Besonders wichtig ist aus Sicht von Zydek die Begleitforschug durch die Universität zu Kiel. „Wir produzieren hier Moorbiomasse“, so die Projektleiterin. In Wert gesetzt werden müssten aber auch andere positive Effekte der Moorbewirtschaftung wie intakte Kohlenstoffspeicher beziehungsweise der Erhalt des Torfkörpers, Verbesserungen beim Wasserhaushalt und des Lokalklimas sowie die Nährstofffilterfunktion. „Landwirte auf vernässten Moorböden sind biologische Klimaschützer“, untermauerte Zydek. Für eine Etablierung in der Praxis müssten Paludikulturen aus ihrer Sicht zudem in der Berufsausbildung eine größere Rolle spielen.
Weitere Termine der MLLEV-Veranstaltungsreihe:
12. Juni: Nasse, extensive Weidewirtschaft – Rentabilität, Management und Herausforderungen
5. Juli: Photovoltaik auf Moor – geht das?
5. September: Anbau und Ernte von Paludikulturen – Ertragserwartungen und Ansprüche




