Trotz eines leichten Zubaus bei den Biogasanlagen in Deutschland blickt der Fachverband Biogas (FvB) ernüchtert auf das Jahr 2022 zurück. „Wir erleben Stagnation statt Wachstum“, erklärte Verbandspräsident Horst Seide vorige Woche bei der Vorstellung der Branchenzahlen in Berlin. Angesichts der aktuellen Gaskrise sei es unverständlich, weshalb die Politik nicht verstärkt auf die heimische Regenerative Bioenergie setze.
„Wir haben in Deutschland ein enormes ungenutztes Potenzial“, hob Seide hervor. Eine Verdoppelung der Biogasproduktion ist nach Ansicht des Verbandes möglich, ohne dass dafür mehr Energiepflanzen angebaut werden müssen. Dass die Biogas- und Biomethanerzeugung bislang nicht im „Deutschland-Tempo“ hochgefahren wird, liegt nach Ansicht von Seide an politischen Unsicherheiten und der Bürokratie. Er beklagte, dass „zu viele rechtliche Hemmnisse und schleppende Genehmigungsverfahren den dringend notwendigen Ausbau der Biogasnutzung in Deutschland behindern“. Eine stärkere Einbindung der heute zur Verfügung stehenden Bioenergieträger in die energiepolitische Diskussion sei daher vonnöten.
Anlagenzubau schwächelte im Vorjahr
Nach Angaben des Fachverbandes ist die Zahl der Biogasanlagen im Jahr 2022 bundesweit um 77 auf 9.876 gestiegen. Die installierte Netto-Leistung erhöhte sich dabei insgesamt um 49 MW auf 5.895 MW, wovon 3.833 MW arbeitsrelevant sind; das entspricht gegenüber 2021 einem Zubau von 7 MW.
Die Bruttostromproduktion belief sich auf etwa 33,54 TWh. Der nach Ansicht des Fachverbandes ohnehin hinter den Möglichkeiten zurückbleibende Ausbau werde sich im laufenden Jahr noch weiter abschwächen.
Die Prognose beim Netto-Anlagenzubau für das laufende Jahr 2023 liegt nur noch bei 33 Anlagen mit einer zusätzlichen Leistung von insgesamt 10 MW. Erstmals sinken dürfte die installierte arbeitsrelevante Leistung, und zwar auf 3.829 MW. Durch den temporären Wegfall der Höchstbemessungsleistung wird dieser negative Effekt aber wohl kompensiert, sodass die Brutto-Stromproduktion dennoch auf 33,89 TWh ansteigt. Die bei der Biogasnutzung anfallende Wärme könne der Prognose zufolge 1,97 Millionen Haushalte in Deutschland versorgen. Im Jahr 2023 können durch die Bioenergieträger 21,4 Mio. t CO2 eingespart werden.
Nach Einschätzung des Verbandspräsidenten ist die rechtliche Situation für investierende Unternehmen derzeit schwierig. Genehmigungen seien bereits für kleinere Investitionssummen kompliziert und würden oft nur unter kostensteigernden Auflagen erteilt.
Strompreisbremse schreckt Investoren ab
Hinzu komme, dass die Diskussion rund um die Strompreisbremse im vergangenen Jahr Investoren verunsichert habe, so der Verbandschef. Zwar habe die Strompreisbremse letztlich nur wenige, besonders große Anlagen betroffen. Die Aussicht auf regulativ geschmälerte Gewinne habe dennoch zu Stornierungen von Investitionen in die Bioenergie in Höhe von 550 Mio. € geführt. Als Lichtblick bezeichnete Seide erneut die Biomethanerzeugung für den heimischen Gasmarkt. Biomethan habe massives Potenzial, das genutzt werden könnte. Jedoch müsse auch hier die Politik die Rahmenbedingungen verbessern. Dass bei der Ausschreibungsrunde der Bundesnetzagentur in diesem Jahr kein einziges Gebot für Biomethananlagen eingereicht worden sei, zeige, dass die Ausschreibungsbedingungen zu unattraktiv seien, so Seide.
Kaum Wachstum in Schleswig-Holstein
Laut dem Landesverband Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein (LEE SH) sind im nördlichsten Bundesland elf Güllekleinanlagen zugebaut und drei Anlagen stillgelegt worden, sodass es Ende 2022 insgesamt 887 Biogasanlagen (Vorjahr 879) mit einer installierten Leistung von 511 MW (wie im Vorjahr) gab. Ein noch immer zu wenig beachteter Aspekt der Biogasnutzung ist 2022 in den Fokus gerückt: Die bei der Stromerzeugung im Blockheizkraftwerk anfallende extern genutzte Wärmemenge stieg deutschlandweit von gut 15 auf 22,9 TWh an. Damit ließen sich fast zwei Millionen Haushalte versorgen. Gerade in Schleswig-Holstein profitierten vor allem ländliche Regionen von der klimafreundlichen, verlässlichen und preiswerten Wärme aus Biogas, so der LEE SH.
Der Großteil des jährlichen Umsatzvolumens der Biogasbranche von zirka 1 Mrd. € in Schleswig-Holstein bleibe im ländlichen Raum. Um die daran gekoppelten Arbeitsplätze zu erhalten, bedürfe es politischer Perspektiven. „Neben regionaler Wertschöpfung erzeugt Biogas bedarfsgerechten Strom und Wärme, klimafreundliches Gas, hochwertigen Dünger und Artenvielfalt. Und es ist noch viel Luft nach oben. Alles, was wir brauchen, um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, sind verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen“, fasst Marcus Hrach, Geschäftsführer des LEE SH, zusammen.




