Bis Mitte August war der Weltrekord der größten Quadrille seit 2019 nicht geschlagen worden. Damals hatten sich 132 Reiter mit ihren Friesen in Mannheim zusammengefunden. Davor hielten für elf Jahre schon einmal die Haflinger diesen Rekord. Zeit für die Liebhaber der robusten Blonden, einen neuen Versuch zu starten.
Seit eineinhalb Jahren bereiteten Jutta und Holger Ludwig den Rekordversuch vor. Ihnen ging es dabei vor allem um die Begeisterung für die Rasse. Jutta Ludwig besitzt selbst einen Haflinger. „Das ist ein Pferd, mit dem man alles machen kann. Er läuft vor der Kutsche, springt, geht ausreiten, mit oder ohne Sattel – er macht einfach alles mit“, berichtet sie begeistert. Die Vielseitigkeit dieser Rasse werde immer noch zu wenig wahrgenommen. So entstand die Idee, den Weltrekord zurück zu den Haflingern und Edelbluthaflingern zu holen.
Über Facebook startete das Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen einen Aufruf, und dieser wurde innerhalb kurzer Zeit weiterverbreitet. So kamen auch einige Haflingerfreunde aus dem Norden auf die Idee, mit ihren vierbeinigen Freunden nach Aachen zu reisen.
Eine von ihnen war Iris Treppner. Die 61-jährige Hamburgerin hat sich vor ein paar Jahren vorgenommen, jedes Jahr eine Challenge zu bestehen. Im vergangenen Jahr machte sie ihren Trainer C. Als sie dann von dem Rekordversuch hörte, war für sie gleich klar: „Das ist meine Aktion für 2026.“
Treppner hat selbst zwei Haflinger und sprach noch Dagmar Ramm an. Die Stallkollegin musste nicht groß überredet werden, mit nach Aachen zu reisen. „Wir haben schon viel zusammen gemacht, zum Beispiel Abteilungswettkämpfe und Jump and Run. Ich war gleich von der Idee begeistert“, erinnert sich Ramm.
Bewerbung per Video
Inzwischen hatten die Ludwigs weiter an ihrer Idee gefeilt. Trotz einiger Ernüchterung waren mehr Mitstreiter dazugekommen und hatten gemeinsam mit dem Ehepaar eine Kür entwickelt. Knapp 20 min lang musste die Quadrille sein. Gefordert waren mindestens zwei Gangarten und mehrere erkennbare Bahnfiguren.
Alle potenziellen Teilnehmer mussten ein Video senden, bevor sie die Teilnahmebestätigung bekamen. Iris Treppner und Dagmar Ramm ritten einen Pas de deux als „Bewerbung“ und bekamen eine Zusage, genau wie Ann-Christin Funda aus Lübeck und Natalie Haars von der Nordseeinsel Pellworm. Die beiden hatten ebenfalls den Aufruf gesehen und sich gleich entschieden mitzumachen. Auch sie bewarben sich mit einem Video, bekamen die Zusage und übten ab dem Frühjahr zu Hause die Kür.
„Es war anstrengend“, resümiert Treppner einen Tag nach dem Rekord und fügt dann schnell hinzu: „Aber im Nachhinein vor allem toll.“ Sie hatte sich in einem separaten Stall eingemietet. Ramm hingegen nutzte wie auch Haars und Funda das Camp vor Ort.
Mit dem Hof Meyer hatten die Organisatoren nur wenige Kilometer entfernt von Aachen einen Austragungsort gefunden. Auf 4 ha wurde ein Camp mit Paddocks, Fahrwegen und einem großen Übungsplatz geschaffen. Das Camp war mit Duschen, Toiletten, Wasseranschlüssen und Licht ausgestattet.
Super Organisation
„Die Organisatoren hatten wirklich an alles gedacht“, schwärmt Ramm, und Haars fügt hinzu: „Unfassbar, was da geleistet wurde und wie viele Helfer dabei waren. Ohne die wäre das alles nicht möglich gewesen.“
Während des Camps lebten dort 125 Pferde und ihre Menschen, teilweise von Freitag bis Dienstag. „Es war eine unfassbar entspannte Sache“, sagt Ramm. Obwohl sich die Teilnehmer nicht gekannt hätten, sei es wie ein Treffen mit guten Freunden gewesen. Alle seien hilfsbereit und freundlich gewesen. Die Pferde hätten sich trotz all dieses Trubels sogar zum Schlafen hingelegt.
Am Freitag fand ein freiwilliges Training statt, bei dem etwa 70 Reiter mitmachten. Erst am Sonnabend, einen Tag vor dem Rekord, gab es die erste Probe mit allen Teilnehmern. „Ich war mir die ganze Zeit bewusst, dass ich Teil einer großen und einmaligen Sache bin“, schwärmt Ramm. Auch Natalie Haars erzählt: „Es war sehr aufregend, hat aber richtig gut funktioniert.“ Alle waren begeistert, wie gut jeder auf jeden geachtet habe und wie für jedes Pferd eine Position in der Quadrille gefunden worden sei.
So zum Beispiel für Haars‘ Haflinger. Der erst fünfjährige Wallach kannte noch keine großen Veranstaltungen. Schon im Camp fand seine Besitzerin zwei Reiterinnen von älteren Haflingern, die sie in die Mitte nahmen. Ihr Westwing blieb dann aber ganz cool. Auch der Haflingerwallach von Ann-Christin Funda sah die ganze Geschichte sehr entspannt. Der 16-Jährige ist schon vieles gewöhnt. „Ich bin immer für solche Sachen zu haben“, erzählt seine Reiterin, die auch regelmäßig nach Bad Seberg zum Landesbreitensportturnier fährt. Das erfahrene Paar durfte ganz vorn mitreiten, und Funda war begeistert: „Die Stimmung war wirklich toll.“
Treffen unter Freunden
Weil die Organisatoren der Weltreiterspiele kurz vor der Veranstaltung die Platzmaße eingekürzt hatten und so die Kür nicht mehr passte, entschied sich das Team um die Ludwigs, den eigentlichen Rekord auf dem Hof Meyer durchzuführen. Die Reiter bildeten Vierergruppen und marschierten ein. Zu einer vom Bundesfanfarenkorps Neuss-Furth gemeinsam mit The Fantastic Company eigens komponierten und eingespielten Kürmusik ritten sie mit 152 Haflingern und Edelbluthaflingern aus Deutschland, Österreich, Belgien, den Niederlanden, Tschechien und Luxemburg unter den kritischen Augen der Richterin Laura Kuchenbecker vom Rekordinstitut für Deutschland die Quadrille. Kein Pferd durfte die Formation deutlich verlassen. Wie viele Pferde am Ende mitgezählt hatten, verriet Kuchenbecker noch nicht. Auf dem Gelände der Weltreiterspiele in Aachen gab es am Montag noch eine weitere Quadrille. Dort wurde das Ergebnis offiziell verkündet: 147 Pferde waren gewertet worden. Damit hatten die Reiterinnen und Reiter gemeinsam mit ihren Haflingern den Rekord gebrochen. „Die eineinhalb Jahre haben sich gelohnt. Der Rekord ist geschafft, und ich denke, es wird ihn auch keiner mehr packen“, resümiert Holger Ludwig.
Dass sie es wirklich geschafft hatten, konnten viele der Teilnehmer erst später richtig glauben. So auch Natalie Haars: „Während des Rittes war ich konzentriert und habe meine Emotionen zusammengehalten, aber als wir auf dem Rückweg dann die Musik noch einmal angemacht haben, flossen die Tränen.“



