Amelie von Bülow-Sartory bot mehr als 30 Jahre lang auf dem Gut Wittmoldt therapeutisches Reiten an, seit zehn Jahren in Kombination mit der Eagala-Methode. Inzwischen konzentriert sie sich auf diese Therapieform, eine wissenschaftlich fundierte Methode zur Arbeit mit Pferden.
„Thomas Kleinheinrich sprach mich an, ob wir nicht zusammen die Eagala-Ausbildung machen wollten“, erinnert sich Amelie von Bülow-Sartory. „Wir sind schon lange befreundet. Er ist früher auch geritten und hat einen guten Zugang zu Pferden.“ Die beiden reisten nach Österreich zum damaligen Ausbildungsstandort der Equine Assisted Growth and Learning Association (Eagala), einer seit 30 Jahren bestehenden internationalen Gesellschaft für durch Pferde unterstütztes Wachstum und Lernen. Dort absolvierten sie in zweimal fünf Tagen die Fortbildung.
„Es hat mich gleich fasziniert“, berichtet die gelernte Physiotherapeutin, die schon früh auf die pferdegestützte Pferdephysiotherapie (Hippotherapie) umgeschwenkt ist. Schon vorher habe sie oft das Gefühl gehabt, dass Pferde die Menschen nicht nur motorisch bewegen, sondern auch emotional. Oft habe sie neurologische Fälle bei sich gehabt, die im Umgang mit den Pferden ins Reden gekommen seien. „Ich dachte dann schon öfter, ich hätte hier gern einen Psychologen mitzulaufen, der die Gespräche halten kann“, erinnert sie sich.
Immer zu zweit
„Was wir machen, ist schwer zu beschreiben. Eigentlich muss man es erleben“, sagt von Bülow-Sartory. Die Klienten werden immer von zwei Eagala-Therapeuten begleitet: ein Pferdemensch und ein Psychologe, Coach oder Pädagoge. „Ich bin für die Sicherheit von Menschen und Pferden zuständig. Niemand darf überfordert werden. Der Teampartner ist für die Persönlichkeitsentwicklung dabei“, erklärt sie.
Es wird immer frei und immer vom Boden gearbeitet. Erfahrung mit Pferden müssen die Klienten nicht haben. Auf Gut Wittmoldt können sie erst einmal selbst entscheiden, ob sie in der Halle oder auf der Koppel arbeiten wollen. Sie wählen auch die Anzahl der Pferde aus und ob sie nur beobachten oder auch interagieren wollen. „Manche sehen die Pferdeherde als eine Familienaufstellung, andere nur als Spiegel für Emotionen“, erklärt sie. Manche hätten erst Angst und stünden am Ende mitten zwischen den Pferden. Wichtig ist, dass die Therapeuten das Verhalten der Pferde nicht erklären. Also nicht: „Guck mal, das Pferd hat mit dem Schweif eine Fliege weggeschlagen.“ Sondern: „Das Pferd hat seinen Schweif von links nach rechts bewegt.“
Die Fachfrau ist vor allem beeindruckt davon, was über die Pferde zum Ausdruck kommt. Jeder Patient spreche aus, was in ihm stecke. „Einer sieht den Pferden beim Grasen zu und findet es langweilig. Der Nächste sagt: ‚Wie meine Tochter, die isst auch den ganzen Tag.‘“
Über Beobachtungen und geäußerte Emotionen komme der Psychologe mit den Menschen besser ins Gespräch. So könne die Interaktion den Klienten dabei helfen, sich selbst zu erfahren und zu neuen Sichtweisen zu gelangen. „Im Kontakt mit den Pferden können wir unsere Empfindungen und Bedürfnisse besser wahrnehmen, Stärken und Schwächen entdecken und Rückmeldungen auf unser Verhalten bekommen“, erklärt sie.
Spiegel für Emotionen
So werde die Therapie beschleunigt, weil Themen schneller ans Licht kämen. Auch als Paar, Familie oder Team könne die Interaktion mit den Pferden darin unterstützen, Wege zu einer besseren, gesünderen Kommunikation zu finden. Kinder und Jugendliche würden sich zum Teil mit ihren Eltern und in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Therapeuten melden.
Die bald 70-Jährige hat die pferdegestützte Physiotherapie inzwischen aufgegeben. „Ich habe das unter Tränen verabschiedet, aber es war so weit. Die Arbeit ist sehr anstrengend, und ich möchte jetzt das andere intensivieren“, sagt sie.
Die Eagala-Methode sei nicht nur für sie eine geeignete Arbeit im Alter, auch für die Tiere sei sie sehr schonend. Bei von Bülow-Sartory wohnen vier Therapiepferde: zwei Welsh Cobs, ein Haflinger und ein brasilianisches Großpferd, ein Mangalarga Marchador. „Ich muss die Pferde aber nicht kennen“, macht sie klar. Es müsse lediglich sichergestellt werden, dass die Tiere in einem geregelten Herdenverband leben.
Die Arbeit mit den Tieren hat sich inzwischen auch in der Militärseelsorge seelisch geschädigter Soldaten etabliert. Das ist auch ein Schwerpunkt bei Thomas Kleinheinrich und Amelie von Bülow-Sartory. Eine Studie habe belegt, dass die Methode den Soldaten helfe. Von Bülow-Sartory hofft, dass die Therapie nun bald in den Leistungskatalog aufgenommen wird. Das würde bedeuten, dass Eagala bezahlt werden muss, wenn Bedarf besteht.
In Schleswig-Holstein gibt es aber nur einen weiteren Ort für die Methode, in Albersdorf, Kreis Dithmarschen. „Wir brauchen jetzt dringend neue Kollegen“, so von Bülow-Sartory. Im August werde auch in Deutschland eine Eagala-Ausbildung angeboten. Danach muss alle zwei Jahre nachgewiesen werden, dass man sich weiter mit dem Thema beschäftigt hat. Das geht heute auch über Onlinefortbildungen.
Für Menschen, die nicht bei der Bundeswehr angestellt sind, ist die Therapie nach wie vor eine private Leistung. Es gibt aber einige private Zusatzversicherungen, die sie bezahlen. Bei vielen Stiftungen kann man Zuschüsse beantragen, beispielsweise bei der Christof-Husen-Stiftung in Kiel.




