In einer Krise greifen bewährte Lösungsmuster nicht mehr. Der landwirtschaftliche Abend der Freien evangelischen Gemeinde in Hohenlockstedt brachte hierzu zwei Perspektiven zusammen: die seelische Seite des Menschen durch Diplom-Psychologin Marita Schneider und die betriebswirtschaftliche Praxis von Enno Karstens von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH).
„Irgendwann sind wir alle einmal platt, und es ist gut zu wissen, dass die Krise nicht das letzte Wort hat“, begrüßte Landwirt Eckard Hedt die Gäste des Abends. „Doch wie gehen wir mit Krisen um?“, gab er mit einer Frage an Marita Schneider weiter.
Die Psychologin eröffnete ihren Vortrag mit einer Prise Selbstironie: Landwirte fänden selten den Weg auf die Couch, oft getrieben von dem Vorurteil, man sei „doch nicht bekloppt“, oder der Überzeugung, dass harte Arbeit die beste Ablenkung sei.
Doch ihre zentrale Frage laute: Warum zerbricht der eine an einer schweren Erfahrung, während der andere gestärkt daraus hervorgeht? Die Antwort liege in der Resilienz – der psychischen Widerstandsfähigkeit, die Schneider mit der Fähigkeit einer Sprungfeder verglich. Die verforme sich unter Druck, springe aber danach in die Ursprungsform zurück. Resilienz sei wie ein Muskel trainierbar.
Optimismus lernen
Die Psychologin aus Hohenlockstedt stellte acht Faktoren der Resilienz vor. Optimismus sei kein naives positives Denken, sondern die Zuversicht und Offenheit für eine positive Entwicklung, selbst wenn es gerade schwer sei. Akzeptanz nehme Dinge an, wie sie sind. Schneider zitiert das bekannte Gelassenheitsgebet: die Kraft, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, und den Mut, das Veränderbare anzugehen. Gegen Unabänderliches anzukämpfen, raube wertvolle Energie. Schneider warb um Lösungsorientierung statt Schockstarre oder der Schuldsuche. Die entscheidende Frage sei: „Und was machen wir jetzt?“ Es gehe darum, die Antwort darauf in konkrete Schritte umzusetzen.
Selbstwirksamkeit beschreibe das Vertrauen in die Fähigkeit, selbst etwas bewirken zu können. Wer sich in eine Opferrolle begebe und nur äußere Mächte wie die EU, die Bürokratie oder gar das Schicksal verantwortlich mache, verliere seine Handlungsenergie.
Wichtig sei ein soziales Netzwerk vor Ort. „Menschen sind Beziehungswesen, wahre Freunde zeigen sich in der Krise“, so die Diplom-Psychologin. Dazu gehöre es auch, Unterstützung anzunehmen, statt immer nur stark sein zu wollen.
Zukunftsorientierung bedeute, den Blick nach vorn zu richten. Schneider riet dazu, eine Liste mit Wünschen und Träumen zu führen und diese nicht aufzuschieben. Dazu gehöre die mit dem Wort Selbstregulation umschriebene Fähigkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu steuern, ohne von Wut oder Angst überrollt zu werden. Als achten Punkt führte Schneider die Spiritualität an. Das Vertrauen in eine höhere Macht könne ein „sicherer Hafen“ sein. Wissenschaftliche Studien belegten, dass Glaube und Vertrauen die Genesung bei Krankheiten signifikant beschleunigen könnten, da sie Hoffnung gäben und Stress reduzierten.
Der Ziegelstein
Enno Karstens, selbst aus einer Bauernfamilie stammend, schlug die Brücke zur harten Realität der Betriebswirtschaft. Der Leiter der LKSH-Abteilung Bildung, Betriebswirtschaft, Beratung verdeutlichte, dass wirtschaftliche Probleme oft schleichend begännen und in Krisen mündeten, wenn die eigene Verantwortung nicht aktiv wahrgenommen werde. Landwirte seien „Mengenanpasser“ und hingen extrem von Marktschwankungen ab. Er skizzierte ein Modell verschiedener Krisenstufen, die ein Unternehmen durchlaufen könne.
Es beginnt mit einer Sinn- und Strategiekrise: Hier werden zukünftige Potenziale nicht erkannt, oft gepaart mit der Weigerung, das eigene Geschäftsmodell zu hinterfragen („Das war schon immer so.“). Es endet im schlechten Fall mit einer Rentabilitäts- und Liquiditätskrise: Umsatz- und Gewinneinbrüche führen zu Zahlungsschwierigkeiten und schließlich zur Insolvenz. Der entscheidende Moment in Karstens‘ Ausführungen war aber der Wendepunkt im Krisenverlauf. Funktionierten bisherige Lösungen nicht mehr – sei es, weil Arbeitskräfte zu teuer seien oder die familiäre Unterstützung wegbreche –, stehe der Unternehmer am Scheideweg.
Karstens warnte eindringlich vor der Abwärtsspirale aus Jammern, Anklagen und dem Verharren in alten Mustern, symbolisiert durch den sprichwörtlichen „Ziegelstein auf der Brust“. Der Weg nach oben führe über die emotionale Einsicht, alte Muster loszulassen, um neue Wege zu finden, etwa eine Automatisierung von Arbeiten oder die Delegation von Aufgaben.
Der Berater machte deutlich, dass Betrieb und Mensch in der Landwirtschaft untrennbar miteinander verwoben sind. Er habe Landwirte leise weinen sehen, wenn Kühe den Hof verließen oder Generationenprojekte scheiterten. In solchen Momenten reiche eine rein betriebswirtschaftliche Beratung nicht mehr aus; es bedürfe einer Prozessberatung, die den Menschen begleite.
Karstens hob hervor, dass es oft Mut koste, sich zu öffnen. Die Kooperation mit der landwirtschaftlichen Sozialversicherung „Mit uns im Gleichgewicht“ unterstütze die körperliche und seelische Gesundheit schon im Vorfeld einer Erkrankung. Auch Krisen-Hotlines für Landwirte setzten hier an.
Klar wurde in beiden Vorträgen: Wer handelt, statt nur zu reagieren, bleibt psychisch stabiler. Beide Referenten gaben zu , dass echte Veränderung schwer sei. Manch einer müsse erst im Dreck liegen, bevor er bereit sei, neue Pfade zu beschreiten.
Abkürzungen erwiesen sich oft als Sackgassen; der Weg aus der Krise erfordere Zeit, Übung und das Aushalten in Lernprozessen. Zum Abschluss betonte Karstens, dass Stolz auf die eigene Herkunft und klare Perspektiven für die nächste Generation die Basis für eine zukunftsorientierte Landwirtschaft seien.




