Bundestrainer Julian Nagelsmann steht in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ohnehin unter Druck. Jetzt aber sorgt das Bundeskabinett mit einem Fußballfeld-Naturflächenbedarfsgesetz (FfNatG) beim DFB-Coach für schlaflose Nächte. Dem FfNatG-Entwurf zufolge sind 10 % der Rasenfläche bei Spielen mit deutscher Beteiligung für urbane Biodiversität zu reservieren. Nagelsmann reagiert entsetzt: Stadien seien keine Spielwiese für grüne Fantasten, denen die Bindung zum Fußball fehle. Umweltschutz sei wichtig, aber bitte am Spielfeldrand.
Unbeeindruckt äußert Umweltminister Carsten Schneider (SPD) gegenüber Journalisten, nach der WM auch den Waldanteil auf verödeten deutschen Fußballflächen anheben zu wollen. Im ersten Schritt auf 10 %, weitere Anhebungen könnten mit freiwilligen Verpflichtungen zur Anlage von Knicks an der Westkurve verrechnet werden. Jährlich sei die Entwicklung zu dokumentieren und staatlich zu kontrollieren. Die Kontrollkosten habe der Stadionbetreiber zu tragen. Auf der verbleibenden Fläche gelte das Grätschen ab sofort als Grünlandumbruch und werde verboten.
Schneider bekommt Beistand vom Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) aus Schleswig-Holstein: Es sei unverantwortlich, wie der DFB den Naturschutz vernachlässige. Die Rasenfläche werde seit Jahrzehnten massiv überdüngt. Der leichtfertige Einsatz von Pestiziden ermögliche eine Grasmonokultur mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität. Deutsche Stadien seien das Paradebeispiel für eine rückwärtsgewandte, einseitig von ökonomischen Interessen geleitete Wirtschaft.
„Es gibt keinen heiligen Rasen. Wir machen Schluss mit ausgeräumten Stadionlandschaften. Naturschutz muss im Sinne der Sozialpflichtigkeit des Eigentors, äh, Eigentums gerade von der Wirtschaft gelebt werden“, fordert Minister Goldschmidt im Interview auf dem gepflasterten Parkplatz seines Ministeriums.
Schneider wirbt dafür, die Chancen des Biofußballs zu sehen und Fördermittel für eine ökologische Inwertsetzung der monotonen Rasenflächen in Anspruch zu nehmen. Auch ethisch sei der konventionelle Rasenfußball infrage zu stellen. „Wir haben heute Alternativen, deshalb brauchen wir eine neue Begründung für reine Rasenflächen.“ Der Umweltkollege aus dem Norden wird deutlich: Wer die Sportförderung nutze, der müsse auch etwas dafür tun. Geld für ein Weiter-so werde es mit ihm nicht geben. Der Bürger wolle für seine Steuermittel eine Gegenleistung. Das Fußballspiel allein reiche da nicht.
Nagelsmann droht: „Dann machen wir die Tore zu!“ Immerhin, über die Medien reagiert Schneider mit Verständnis: „Ich bin dafür, die Eintrittspreise zu erhöhen. Die Zuschauer sind längst bereit, für Umwelt- und Klimaschutz mehr zu zahlen.“ Goldschmidt erteilt Nagelsmann sogar Nachhilfe in Sachen Unternehmenserfolg: „Statt weiter auf Wachstum zu setzen, schießen Sie endlich weniger Tore, dafür mit höherer Qualität.“ Die Gesellschaft sage immer häufiger Nein zu konventionellen Pestizid-Kunstdünger-Massentorschüssen. Fußball dürfe im Stadion nicht alles bestimmen. Es gehe auch um eine Heimat für den Wolf …
… so weit der Blick in die Zukunft. Unrealistisch? Heute schon Wirklichkeit – in der deutschen Landwirtschaft.




