„Junge komm bald wieder, bald wieder nach Haus …“ – in diesem emotionalen Schlager von Freddy Quinn sorgt sich eine Mutter um ihren Sohn, der heimlich zur See gefahren ist. Mit dem Singen dieser Textzeilen enden die aktuellen Aufführungen der Storm-Novelle „Hans und Heinz Kirch“ auf Gut Hanerau in Hanerau-Hademarschen, gespielt von Laiendarstellern aus dem Ort und der Umgebung. Auch in dieser Novelle sorgt sich die Mutter um ihren Sohn, der nicht wie geplant nach einem Jahr von der großen Seefahrt zurückkehrt, sondern erst nach 17 Jahren. Am Donnerstag vergangener Woche feierte das Stück Premiere.
Es ist bereits die siebte Storm-Aufführung seit 2013, als der Ort seinen „Schimmelreiter“ mit viel Hingabe und Engagement in drei aufeinanderfolgenden Jahren spielte und lebte. Und auch die aktuelle Inszenierung der Novelle „Hans und Heinz Kirch“, die der Heimatdichter Theodor Storm an seinem Altersruhesitz in Hanerau-Hademarschen 1882 verfasste, wird mit so einer großen Hingabe und einem Engagement dargeboten, dass man vergisst, dass es sich nicht um professionelle Schauspieler handelt.
Foto: Iris Jaeger
Erneut hat es der Hamburger Theaterregisseur Frank Düwel geschafft, die komplexe und thematisch eher schwere Geschichte um die konfliktträchtige Vater-Sohn-Beziehung des Schiffseigners und Kaufmanns Hans Kirch und seines Sohnes und angehenden Schiffers Heinz in eine Theaterfassung zu übertragen, die mit wenigen Worten die Geschichte für jeden nachvollziehbar und lebendig wiedergibt, der Schwere etwas Leichtes verleiht.
Jedem Darstellenden schreibt er dabei die Rolle auf den Leib geschneidert zu. Und auch bei dieser Darbietung in der Hanerauer Gutsscheune sind Bühnenbild und Requisiten minimalistisch gehalten. Zusammen mit dem bis ins letzte Detail ausgeklügelten Lichtdesign und den exakt gesetzten Soundeffekten sorgen sie für eine einzigartige, atmosphärisch dichte Stimmung, die die Tragik der Geschichte intensiv und aufs Wesentliche reduziert in die Seele der Zuschauer trägt. Die sitzen direkt an der Spielfläche und dem Ort des Geschehens. Intensiver kann Theater kaum sein. Unterstützt und begleitet werden die Darstellenden vom Produktionsteam, das für das Gelingen drum herum, strukturierte Abläufe und die Organisation sorgt und ebenfalls aus Bewohnern des Ortes und der Umgebung besteht. Mit professioneller Anleitung wurden ehrenamtlich die Kostüme genäht, für Technik, Bühnenbild, Maske, Verpflegung, Rückzugsräume, Pressearbeit, Regieassistenz, Shuttleservice, Sicherheit und sämtlichen Support gesorgt. Ein Jahr intensiver Vorbereitung, die mit großem Erfolg der Aufführungen und reichlich anerkenndem Applaus des Publikums belohnt wird.
Bewegende Geschichte
In der Geschichte „Hans und Heinz Kirch“ geht es dieses Mal nicht an die Nordsee, sondern nach Heiligenhafen an die Ostsee. „Hans Kirch, Schiffseigner und aufstrebender Kaufmann, hat den Weg bürgerlicher Ehren für seinen Sohn Heinz vorgezeichnet. Schiffer soll er werden, eines Tages das väterliche Geschäft leiten und bis zum Senator aufsteigen – eine Ehre, die der Vater nie erlangte. Heinz ist klug, doch ebenso wild und eigensinnig. Nur widerwillig folgt er dem vom Vater vorgezeichneten Weg, und ein kühles Schweigen bestimmt ihr Verhältnis. Zuneigung findet Heinz nur bei Wieb, der Tochter eines Matrosen. Eine heimliche Freundschaft entspinnt sich zwischen ihnen, die nicht mehr zur Liebe wächst, denn als junger Erwachsener tritt Heinz seine erste große Fahrt zur See an. Ein Jahr lang soll es auf Handelsfahrt nach China gehen. Doch es wird eine ewige Schifffahrt ohne ein Lebenszeichen von Heinz. Erst 17 Jahre später kehrt er zurück, seiner Heimat entfremdet und den Menschen rätselhaft. Schon bald gehen Gerüchte um, und sowohl die Familie als auch die Gesellschaft der Stadt am Meer sind sich nicht einig darüber, ob es der echte Heinz ist, der zurückkehrte. Eine geisterhafte Stimmung breitet sich über der Stadt aus, die in ein hochdramatisches Ende führt“, lautet es in einer Zusammenfassung der Novelle, die zum Teil auf reale Begebenheiten in Storms Leben zurückgeht.
Foto: Iris Jaeger
Sie besticht durch die vielen Naturbilder, das Meer wird zum Spiegel der Gefühle, die Weite der See ein Bild für Sehnsucht, Entfremdung, Hoffnung und Ängste. Storm zeigt auf, wie in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft alles auf materiellen Wohlstand und ein hohes Ansehen ausgerichtet ist. Hans Kirch vermag es nicht, ein liebender, verständnisvoller Vater zu sein. Stattdessen fordert er von seinem Sohn Fleiß, Disziplin und die bedingungslose Umsetzung der Zukunftspläne des Vaters. Im Streit gehen die beiden auseinander, als Heinz zu seiner ersten großen Seereise nach China aufbricht und nicht wie geplant nach einem Jahr zurückkehrt. Am Ende der Geschichte muss Hans Kirch schmerzlich feststellen, dass er seinen geliebten Sohn, den er zwei Mal verstieß, für immer verloren hat, doch da ist es zu spät, Heinz wird nicht wieder zurückkehren. „Er ist tot […], ich weiß es jetzt gewiß; aber – in der Ewigkeit, da will ich meinen Heinz schon wiedererkennen“, lässt Storm Vater Hans in der Novelle sagen.
Das Stück ist in fünf Akte gegliedert, neben drei Heinz- und Hans-Darstellern für Heinz‘ Kindheit, Jugend und Erwachsenenzeit, drei Darstellerinnen für Frau Kirch und für Wieb baute Düwel mit Fritz, Heinrich und Jule drei Storm-Geister – über alle Zeiten – in das Stück mit ein, die die Szenerien beobachten, kommentieren und geisterhaft begleiten.
Storm erlebbar machen
„Es ist eine bewegende Geschichte, und beim Lesen musste ich die Novelle das eine oder andere Mal beiseitelegen und durchatmen“, erzählt Frank Düwel. Sie enthalte zwei für die heutige Zeit wichtige Themen: zum einen den Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn, „bei dem man immerzu in die Novelle hineinrufen möchte: Tut euch das nicht an, verzeiht euch, geht nicht im Bösen auseinander, es kann nicht gut enden, denkt an das, was euch verbindet. Zum anderen das Gefühl des Fremdseins in der Heimat nach der Rückkehr des Sohnes von der 17-jährigen Fahrt, verbunden mit der Frage: Wer bin ich?“, so Düwel. Aus der Novelle Theater zu gestalten sei anregend, aber auch mühevoll, die für das Verständnis wichtigen Sätze herauszuarbeiten eine Quälerei. „Und doch können wir die Storm-Dichtungen nie in allen ihren Aspekten auf die Bühne bringen. Aber was wir machen können, ist, Erlebnisse zu kreieren, damit die Zuschauer ihm nahekommen. Und das schaffen wir hier, sowohl für die, die hier spielen, als auch für die, die zuschauen. So kommen alle auf ihre Art im Storm wieder zusammen.“
Foto: Henrik Matzen



