Wer auf der Honkenswarf (auf Langeneß lässt man das „t“ von „Warft“ weg, um die plattdeutsche Ausdrucksweise zu pflegen) wirtschaftet, betreibt keine Landwirtschaft im klassischen Sinne. Es ist ein Kampf mit den Elementen, ein Ringen um Futtergrundlagen und ein Spagat zwischen Landschaftspflege und Naturschutzvorgaben. Auf der Hallig Langeneß führen Vater Honke, Mutter Britta und ihre Söhne Nils und Tade Johannsen einen Familienbetrieb unter Außendeichbedingungen.
Die extremen Standortbedingungen ernähren keine Hochleistungsrasse. In den 1970er Jahren hielt der Betrieb noch Schwarzbunte, schwenkte in den 1980ern auf Rotbunte um und begann 1996 mit der Kreuzung hin zum Fleckvieh. Johannsens verzichten bis auf den Zuchtbullen auf Zukäufe.
Der Grund liegt in der Futterakzeptanz: Zugekaufte Rinder fressen das salzhaltige Gras nur mit spitzen Zähnen. Die Honkenswarf remontiert daher aus der eigenen Nachzucht. Selektiert wird auf genetische Hornlosigkeit. Dies dient sowohl dem Arbeitsschutz als auch der Sicherheit der Feriengäste.
Gemolken wird nur ein halbes Jahr lang – von Ostern bis Oktober. Im Winter stellt der Betrieb die Milchproduktion komplett ein, da in den tourismusfreien Monaten kein Absatzmarkt für Frischprodukte existiert.
Die Leistung der sieben Milchkühe liegt bei 2.500 bis 3.000 l pro Kuh. Es handelt sich um klassische Doppelnutzung. Die Wertschöpfung erfolgt über eine handwerkliche Veredelung auf dem Hof. Jeden Abend und Morgen fallen 60 l Rohmilch an. Diese wird umgehend separiert. Die Magermilch wird noch kuhwarm an die Kälber verfüttert.
Internationale Anerkennung
Der Sahneertrag wird gekühlt, angesäuert und nach zwei bis drei Tagen Reifezeit in Handarbeit zur „weltweit einzigen“ Halligbutter verarbeitet, wie Britta Johannsen mit einem Augenzwinkern betont. 2025 wurde der Betrieb vom Restaurantführer „Gault & Millau“ für die aromatische, sattgelbe Butter zum Produzenten des Jahres gekürt, eine Anerkennung auf hohem Niveau – und ein Geheimtipp.
Der Verkauf erfolgt überwiegend über die eigene Ladentheke an Feriengäste und Tagesausflügler. Ein Versand findet nur in den kühlen Monaten ab September statt, um Qualitätsverluste auszuschließen.
Die Versorgung mit Trinkwasser war historisch das Nadelöhr der Halliglandwirtschaft. Das Grundwasser ist auf Langeneß seit jeher unbrauchbar, da versalzen. Frühere Generationen mussten Regenwasser in Fethingen – künstlich angelegten Süßwasserteichen – und Zisternen auffangen. Der Durchbruch gelang 1964 mit dem Bau einer Wasserleitung, die vom Festland über die Nachbarhallig Oland bis nach Langeneß verlegt wurde.
Auslöser war die schwere Sturmflut von 1962, als die Süßwasservorräte der Halligen komplett versalzten und Trinkwasser mühsam per Schiff überbracht werden musste. Heute wird die Honkenswarf über eine Stichleitung aus einem unterirdischen Speicherbehälter auf der Nachbarwarft versorgt. Dieser füllt sich in den Nachtstunden auf und sichert die Versorgung von Mensch und Vieh auf der Hallig.
Da die Landwirtschaft unter diesen Bedingungen kein existenzsicherndes Einkommen mehr bieten kann, arbeitet Honke zwei Tage die Woche beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), „damit irgendjemand meine Sozialversicherung übernimmt“. Er hat auch zwei Bagger zu laufen und fährt die Halligkutsche. Seit Langem hat der Betrieb den Tourismus als Standbein etabliert. Die Familie vermietet Ferienwohnungen an Selbstversorger.
Da es auf Langeneß keinen Lebensmittelhändler gibt, organisiert Britta die Versorgung: Sie nimmt die zweimal wöchentlich eintreffenden Online-Bestellungen vom Edeka-Festlandsdienst entgegen, lagert sie in hofeigenen Kühlräumen, damit ihre Urlauber auch bei einer autofreien Anreise eine voll bestückte Küche vorfinden. Über die Förderung eines Markttreffs auf der Warf Treuberg durch das Land freuen Johannsens sich deshalb sehr. Die alte Warf wurde durch eine größere und vor allem höhere ersetzt. Neben dem Laden sollen ein Gesundheitszentrum, Wohnungen und ein Bauhof entstehen.
Tägliche Gezeitenplanung
Ist das Beschaffen von Betriebsmitteln, Ersatzteilen oder Baumaterial auf dem Festland eine Sache von Minuten, erfordert auf der Honkenswarf all dies eine strategische Planung. Der Arbeitsrhythmus wird von Gezeitenkalender, Fahrplan der Fähre und den Arbeitszeiten des LKN diktiert. Denn die Lorenbahn des LKN bringt über den Schienenstrang durch das Watt eine Unabhängigkeit vom Fährschiff, doch die private Nutzung richtet sich streng nach den Dienstzeiten des Landesbetriebs.
Unter optimalen Bedingungen dauert die Fahrt zum Festland und weiter zum Baumarkt nach Niebüll etwa eine Stunde. Doch der logistische Aufwand ist immens. Auf dem Festland steht ein betriebseigenes Fahrzeug bereit; jede Schraube, jeder Sack Zement muss vom Auto in die Lore und wieder ins Auto gewuchtet werden. „Auch jede Fährfahrt beginnt mit einer langen Erledigungsliste“, erklärt Honke. Erhöht die Fährgesellschaft die Frachtpreise, steigen die Kosten für Güter und Futtermittel.
15 Mal im Jahr Land unter
Auch das Phänomen „Land unter“ ist für Familie Johannsen Alltag. Zwischen 12 und 15 Mal pro Jahr bricht die Nordsee über das Grünland herein. Die Bewältigung dieser Überflutungen teilt das Wirtschaftsjahr in zwei Phasen: Ab Anfang November herrscht eine gewisse Routine. Die Maschinen stehen winterfest im Schuppen oder auf dem Festland, die Tiere im schützenden Stall. In dieser Zeit kann das Hochwasser die Familie kaum überraschen.
Arbeitswirtschaftlich schwierig sind Überflutungen im Sommer. Dann befinden sich die Erntemaschinen im Einsatz, die Rinder grasen auf den Salzwiesen. „Ein schwerer Sturm im Sommer bedeutet drei Tage harte Arbeit unter extremen Bedingungen“, berichtet der Landwirt. Die Tiere müssen auf die Warft getrieben, Traktoren und Geräte in Sicherheit gebracht werden. Das Heu kann wegtreiben, und die Flächen sind für zwei Wochen nicht befahrbar.
Die Flächen der Honkenswarf liegen mitten im Naturschutzgebiet und grenzen an den Nationalpark Wattenmeer. Damit unterliegt der Betrieb strengen Umweltauflagen. Seit 1986 regelt das Halligprogramm die Bewirtschaftung und die Ausgleichszahlungen.
Doch was bis in die 1990er Jahre hinein noch im partnerschaftlichen Dialog entwickelt wurde, hat sich laut Honke zu einem vordiktierten Verordnungsgerüst entwickelt. Seit Mitte der 1980er Jahre ist der Einsatz von Mineraldünger verboten.
Zudem verbietet das Regelwerk jegliche Bodenverbesserung durch Nachkalken. Weil die Nährstoffabfuhr nicht ausgeglichen wird, degeneriert die Grasnarbe. Minderwertige, vom Vieh verschmähte Pflanzenarten wie Zahntrost und Melde breiten sich aus und verdrängen die robusten Salzwiesengräser.
Verheerende Gänseschäden
Gleichzeitig explodierten die Populationzahlen der Nonnen-, Ringel- und Graugänse. Zwischen 25.000 und 40.000 Vögel rasten alljährlich auf Langeneß und fressen das junge Grünland im Frühjahr kahl. Die Folgen sind verheerend: Johannsens ernten einen Grasschnitt pro Jahr. Ein zweiter Schnitt oder eine nennenswerte Weidenutzung sind unmöglich.
Konnte Honkes Vater den Futterbedarf seiner Tiere früher mit 30 bis 50 ha Eigenland decken, müssen Nils, Tade und ihr Vater heute 60 bis 70 ha Fläche abernten, um ausreichend Grundfutter für die 50 im Winter verbleibenden Rinder zu bergen. Der Ertrag ist auf ein historisches Tief von drei Rundballen pro Hektar geschrumpft.
Die vom Land gezahlte Gänseprämie deckt diesen Verlust bei Weitem nicht ab. Ohne die solidarische Hilfe von Nachbarn und Berufskollegen, die den Johannsens pachtfrei Flächen zur Nutzung überlassen, wäre eine Betriebsaufgabe unausweichlich. Der Landwirt stellt klar: „Wären auf Langeneß noch mehr Landwirte aktiv, müsste man aus purem Futtermangel darum losen, wer seine Tiere behalten darf.“
Der Meeresspiegelanstieg ist für die Familie kein Fremdwort. Zwar registriert Honke keine höhere Anzahl an „Land unter“-Ereignissen, wohl aber einen Anstieg des Normalhochwassers. Einen deutlichen Beleg liefert der Lorendamm. Britta berichtet: „Lagen die Schienen früher bei einer Bauhöhe von 50 cm tideunabhängig trocken, wird dies heute erst durch die bauliche Erhöhung auf 1,50 m garantiert.“
Die letzte Verstärkung auf der Honkenswarf wurde 1996 durchgeführt. Nils und Tade wollen den Betrieb fortführen, fordern dafür aber bauliche Sicherheit. Die Familie hat einen Antrag auf eine erneute Warfverstärkung beim Land eingereicht. „Wird der Ringwall nicht verstärkt, drückt uns das Wasser in den kommenden Jahrzehnten in die Wohnräume“, warnt Honke. In den Flutjahren 1962 und 1976 und 1980 stand das Wasser 60 cm hoch im alten Friesenhaus von1875. „Ein Leben und Wirtschaften ist ab dem Moment unerträglich, wo man im Winter im Haus nicht mehr sicher ist und im Sommer um seine Futterflächen bangen muss.“
Küstenschutz-Dienstleister
Die Familie auf der Honkenswarf versteht sich nicht als Subventionsempfänger, sondern als Dienstleister für den Küstenschutz. Die Trittverdichtung durch die Rinderklauen sorgt dafür, dass die unbedeichten Flächen bei Sturmfluten nicht vom Meer weggespült werden. Die Landwirtschaft hält die Hallig buchstäblich zusammen.
Aus diesem Grund haben Johannsens klare Forderungen: Starre Stichtage wie beim Halligprogramm müssten durch eine praxisnahe Flexibilität ersetzt werden. Mache ein extrem nasser März das Befahren der Flächen vor dem 1. April unmöglich, müsse die Gülleausbringung unbürokratisch um 14 Tage verlängert werden können. Um dem Ertragsverfall des Grundfutters entgegenzuwirken, fordern sie die Möglichkeit der Aufkalkung. Anträge auf Warfverstärkungen sind die Lebensversicherung für Nils und Tade.
Der Idealismus der Familie ist groß, der Zusammenhalt eng, und die Junglandwirte steht bereit, das Erbe im Wattenmeer fortzuführen. Doch die Politik muss die Rahmenbedingungen so gestalten, dass die Bewirtschaftung nicht in einer Betriebsaufgabe endet.



