Landwirtschaftliche Betriebe stehen vor der Aufgabe, verschiedene Herausforderungen zu bewältigen, seien es der Einsatz digitaler Technologien, der Wunsch der Gesellschaft nach mehr Nachhaltigkeit, der Druck durch politische Regularien, die Inflation und die Erhöhung der Zinsen, der Ukraine-Krieg und die Erhöhung der Preise für Betriebsmittel oder die Auswirkungen des Klimawandels. Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, vor welchen Schwierigkeiten landwirtschaftliche Betriebe stehen.
Herausforderungen betreffen nicht nur den Betrieb als Organisation, sondern auch Landwirtinnen und Landwirte als Individuum. Daher gilt es umso mehr, für landwirtschaftliche Betriebe die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen, um zukünftig am Markt wettbewerbsfähig bestehen zu können. In diesem Zusammenhang stellen sich einige Fragen:
Wie können sich Betriebe strategisch aufstellen?
Aus einer strategischen Perspektive ist es von Bedeutung, den Betrieb als Ganzes in den Blick zu nehmen. In diesem Zusammenhang lassen sich drei Bereiche unterscheiden: der landwirtschaftliche Betrieb als Organisation, die Technik und der Landwirt als Individuum.
Aspekte der Organisation beziehen sich auf die organisationalen Rahmenbedingungen. Dies können unter anderem interne Faktoren, zum Beispiel die Führung von Mitarbeitenden oder infrastrukturelle Aspekte, sein, aber auch externe Faktoren wie Vorgaben, Richtlinien oder die Gesellschaft. Mit diesen Faktoren gehen bestimmte Anforderungen an landwirtschaftliche Betriebe einher.
Dabei spielt auch der Einsatz von Technologie eine besondere Rolle. Zu den technologiebezogenen Aspekten gehört unter anderem die Frage, wie (digitale) Technologien dazu genutzt werden können, um die Produktion und die Prozesse des Betriebes zu verbessern. Ein digitaler Hofladen kann zum Beispiel einen besseren Bezug zu Verbrauchern beziehungsweise Kunden regional wie auch überregional herstellen.
Um diese Potenziale erschließen zu können, müssen auch die entsprechenden (digitalen) Kompetenzen bei Landwirten vorhanden sein. Menschbezogene Aspekte fokussieren sich zum Beispiel auf die vorhandenen Fähigkeiten und Kompetenzen der Individuen oder auch darauf, wie Entscheidungsprozesse gestaltet werden.
Einen Betrieb aus diesen drei Perspektiven in den Blick zu nehmen, geht mit einer großen Bandbreite an Ansatzpunkten für landwirtschaftliche Betriebe einher, die als strategische Weichenstellungen bezeichnet werden können.
An welchen strategischen Weichenstellungen ansetzen?
Weichenstellung 1: Kompetenzen entwickeln (Individuum)
Wie bereits anklang, wirken sich aktuelle Herausforderungen auch auf die Rolle des Landwirts aus. Es lässt sich eine Verschiebung der Tätigkeiten von vorwiegenden Feld- und Stallarbeiten hin zu zunehmender Büroarbeit beobachten. Damit Landwirte diese an sie gestellten Anforderungen bewältigen können, braucht es ein passendes Handwerkszeug in Form von situationsübergreifender Handlungsfähigkeit. Es gilt insbesondere, die Kompetenzen der Landwirte unmittelbar im Arbeitskontext zu entwickeln, um ihnen das Handwerkszeug zu geben, diese Herausforderungen zu bewältigen.
Weichenstellung 2: Prozesse evaluieren (Individuum/Technik)
Landwirte haben zwei verschiedene Perspektiven auf die digitale Transformation. Die einen schauen aktiv bei den digitalen Veränderungen zu und halten in ihren Betrieben an bewährten Prozessabläufen weiterhin fest. Die anderen sehen die Möglichkeiten der digitalen Transformation und passen Prozessabläufe an beziehungsweise gestalten sie neu. Eine strategische Weichenstellung liegt darin, einen Mittelweg zwischen diesen beiden Perspektiven zu finden und in diesem Zuge Arbeitsprozesse regelmäßig zu evaluieren. Ansatzpunkte dafür können Überlegungen mit Blick auf die Effizienz und Effektivität von Prozessabläufen durch die Nutzung digitaler Technologien sein.
Weichenstellung 3: Technologiepotenziale nutzen (Technik)
Im Rahmen der digitalen Transformation nimmt die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Potenziale mit digitalen Veränderungen einhergehen, eine besondere Rolle ein. Auf der einen Seite geht mit digitalen Technologien das Hemmnis einer hohen Investitionssumme einher, auf der anderen Seite zeigt sich, dass eine Verdeutlichung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses und die Einsatzmöglichkeiten im Betrieb überzeugende Argumente für eine Investition sein können. Die Überwindung dieser Anfangshürde durch zum Beispiel einen Gemeinschaftskauf mit anderen Betrieben ermöglicht es, ungenutzte Potenziale in Betrieben zu erschließen.
Weichenstellung 4: Resilienz fördern (Organisation)
Die aufgezeigten Herausforderungen wirken sich in besonderer Form auf den landwirtschaftlichen Betrieb als Organisation, aber vor allem auf die Arbeitsprozesse im Betrieb aus. Um als landwirtschaftlicher Betrieb unabhängig von Ereignissen am Markt wettbewerbsfähig zu sein, müssen sich Betriebe intern widerstandsfähig aufstellen. Widerstandsfähig bedeutet zum Beispiel, die Preise für Betriebsmittel zu beobachten und bei einem Preisabfall eine größere Menge einzukaufen oder einen Generator anzuschaffen, um energieautark zu sein. Mit Blick auf die Betriebsleitung lassen sich weitere Ansatzpunkte identifizieren. Demnach zeigt sich, dass es eine Offenheit für Veränderungen den Betrieben ermöglicht, auf vielfältige Weisen auf Veränderungen zu reagieren. Der Fokus liegt hierbei darauf, dass Betriebe sich von innen heraus widerstandsfähig aufstellen, um auf Veränderungen entlang der Wertschöpfungskette schnell und ohne große Verluste reagieren zu können.
Weichenstellung 5: Aktive Positionierung am Markt (Organisation)
Überlegungen zur Marktpositionierung setzen entgegen der Resilienzförderung an externen Faktoren im Umfeld des Betriebes an. In Abhängigkeit davon, wie sich ein Betrieb im Marktumfeld positionieren möchte, werden Strategien abgeleitet, zum Beispiel Kunden auch überregional mit Produkten zu erreichen und somit den lokalen/regionalen Verkauf und Vertrieb überregional zu erweitern. Durch digitale Technologien kann diese Strategie über einen digitalen Hofladen verfolgt werden. Dadurch kann eine Kundenstammerweiterung erzielt werden, wenngleich mit dieser überregionalen Strategie auch neue Wettbewerber einhergehen können. Es bedarf daher der Analyse des Marktes mit Blick auf die Wettbewerbssituation, um eine betriebsspezifische Positionierungsstrategie zu entwickeln, die sich an den Möglichkeiten und der strategischen Ausrichtung des Betriebes orientiert.
Ein Schritt-für-Schritt-Plan
Letztlich können verschiedene Weichenstellungen zur (langfristigen) Wettbewerbsfähigkeit eines landwirtschaftlichen Betriebs beitragen. Dabei sollte jedoch der Grundsatz nicht „Viel hilft viel“ sein. Es geht vielmehr darum, eine betriebsspezifische Auswahl von Weichenstellungen nach den eigenen Bedarfen des Betriebs vorzunehmen. Dabei sollte im Sinne einer ganzheitlichen Betriebsführung auf Aspekte des Menschen, der Technik und der Organisation zurückgegriffen werden.
In einem ersten Schritt kann eine Status-quo-Analyse Aufschlüsse über die Bedarfe eines Betriebes geben. Eine kritische Auseinandersetzung mit den drei Perspektiven hilft dabei, einen Überblick darüber zu bekommen, welche Aspekte bereits in besonderer Form berücksichtigt werden und an welchen Stellen zusätzliche Potenziale bestehen. Die strategischen Weichenstellungen sind erste Ansatzpunkte, die landwirtschaftliche Betriebe nutzen können, um die drei aufgeführten Bereiche gezielt zu adressieren. An vielen Stellen kann es außerdem hilfreich sein, in den Austausch mit anderen Betrieben zu gehen und von Best Practices zu lernen. Hierbei sei darauf hingewiesen, dass die Betriebsgröße und
-struktur eindeutige Unterscheidungsmerkmale sind und mit diesen Faktoren unterschiedliche betriebsspezifische Ansätze einhergehen. Kleinere Betriebe sollten demnach größere Betriebe nicht zwingend als Vorbild betrachten, sondern vielmehr überlegen, an welchen Stellen sie von größeren Betrieben lernen können und wie sie sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen bestmöglich aufstellen können. Auf diesem Weg lassen sich bereits heute die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen.